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Buchvorstellung mit Thomas Fricke: Wie viel Bank braucht der Mensch?

Nachbericht

„Eine weitere Krise ist nicht durchzuhalten: Die Zentralbanken haben die Zinssätze so weit heruntergefahren – mehr geht nicht. Die Staaten leisten sich eine riesige Verschuldung – die kann nicht mehr steigen,“ stellt Buchautor Thomas Fricke zu Beginn seines Vortrags fest und fährt fort: „Deshalb entwickelt die Bundesregierung jetzt auch hektische Aktivitäten, um Regelungen gesetzesfest zu machen, die helfen sollen, eine weitere Finanzkrise zu verhindern.“

Thomas Fricke

Thomas Fricke

Sind die ergriffenen Maßnahmen aber richtig? Treffen sie den Kern des Problems? Fricke findet, zunächst müssen die Ursachen der letzten Krise identifiziert werden. Die Diskussion über Bankerboni hält er in diesem Zusammenhang für aufgesetzt. Hier seien nur Symptome für eine aus den Fugen geratene Finanzwirtschaft zu besichtigen. Moralische Fragen führen nicht zum Kern des Problems. Auch die Einführung des Euro hat die Krise nicht verursacht. Die Wurzeln liegen tiefer. Fricke ist überzeugt: „Die Liberalisierungswellen der 1980er und 1990er Jahre haben die Finanzglobalisierung befeuert und dafür gesorgt, dass eine Krise nach der nächsten ausbrach: vom Aktiencrash 1987 zur Asienkrise 1997, von der Dotcomblase 2000 zur Finanzkrise seit 2008.“

Vorbereitet wurde diese Liberalisierung von Ökonomen, die eine marktstabilisierende Funktion der Spekulation propagierten. Tatsächlich zu beobachten waren aber überschießende Reaktionen der Marktteilnehmer, die sich in Zusammenbrüchen und einer Destabilisierung der Märkte entluden – das Verhalten der Marktteilnehmer war vom Herdentrieb bestimmt. Es fehlte die für eine Rückkehr zum Gleichgewicht nötige Gegenbewegung. Symptom für eine „verrückte Finanzwelt“ sind nicht allein die hohen Bankergehälter, sondern vor allem die Entfernung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft. Das Volumen der Finanzprodukte hat gigantisch zugenommen, die Markteffizienz wurde demgegenüber aber nicht besser.

Welche Maßnahmen sind jetzt geboten? Von der Einführung des Trennbankensystems erwartet Fricke wenig: „Das ändert nichts an dem Grundproblem einer prozyklischen Entwicklung der Märkte. Auch eine bessere Bankenaufsicht hilft nur theoretisch.“ Fricke baut auf ein Fünf-Punkte-Programm: 1. die Einführung einer Finanztransaktionssteuer, 2. die Rückkehr zu einem Weltwährungssystem nach Art von Bretton Woods mit festen Wechselkursen, 3. eine bessere Kontrolle über die Staatsanleihen mit einer Garantieerklärung der Zentralbanken, 4. Bandbreiten für die Entwicklung von Rohstoffpreisen, bei deren Überschreitung die Anbieter intervenieren, 5. eine Erhöhung der Eigenkapitalquoten von Banken auf in der Realwirtschaft übliche 25% bis 30%. Fricke glaubt, dass sich so ein Programm vor dem Hintergrund der Krise durchaus politisch durchsetzen lässt. Er stellt fest: „Was noch vor fünf Jahren für undenkbar gehalten wurde, steht heute auf der Tagesordnung von Gipfeltreffen.“

Dr. Brigitte Preissl

Thomas Fricke

Publikum Fricke

Nach dem Vortrag eröffnete Brigitte Preissl die Fragerunde mit dem Publikum. In der Diskussion ging es um die Rolle der Geldpolitik bei der Krisenverursachung und darum, dass die ökonomische Wissenschaft Theorien entwickelt hat, die realistisches menschliches Verhalten mit einbeziehen. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Erfahrungen mit der Finanztransaktionsteuer bisher nicht nur positiv waren. Wie antizyklische Mechanismen genau ausgestaltet werden sollten und ob nicht auch die Mindestreservepolitik der Zentralbanken dabei eine Rolle spielen könnte, wurde ebenfalls erörtert. Anschließend diskutierten die Zuhörer bei Wasser, Wein und Häppchen noch lebhaft weiter.

Fricke signiert

Fricke im Gespräch mit von Lüde

Thomas Fricke im Gespräch mit Brigitte Preissl

Diskussion im ZBW-Foyer

Diskussion im ZBW-Foyer

Zum Buch

Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verrückten Finanzwelt

Vom großen Geld zum großen Alptraum: Abschied aus dem Geldparadies

Die Bilanz von drei Jahrzehnten Finanzmarktglobalisierung fällt ernüchternd aus. Von der großen Geldparty haben nur wenige profitiert, während die Mehrheit der Steuerzahler die Zeche bezahlen muss. Thomas Fricke fordert eine Rückkehr zur Finanzwelt früherer Zeiten, als Banken der Realwirtschaft dienten.

Dem Atomausstieg sollte nun auch der Bankenausstieg folgen. Denn die Luftnummern des Finanzmarktkapitalismus haben gezeigt, wie Unternehmen und ganze Staaten in den Ruin getrieben werden. Weniger Bank ist daher mehr, weshalb die modernen Finanzprodukte auf den Prüfstand zu stellen sind: Wie viel Kredit soll eine Bank vergeben können, so dass es zu keiner Überschuldung und keinem Crash kommt? Außerdem fordert Thomas Fricke: Ein Großteil der Gelder darf nicht mehr in Finanzspekulationen fließen, sondern muss für gesellschaftlich wichtigen Aufgaben zur Verfügung stehen. Hierzu gehört nicht zuletzt die derzeit größte globale Herausforderung, der Klimaschutz.

Thomas Fricke stellt sein Buch am 11. Juni 2013 in der ZBW Hamburg vor. Dr. Brigitte Preissl, Chefredakteurin des Wirtschaftsdienst, wird die Veranstaltung moderieren.

Das Buch „Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verrückten Finanzwelt“ ist im März 2013 beim Westend Verlag erschienen. Das Inhaltsverzeichnis des Buches finden Sie hier. Weitere Literatur von Thomas Fricke finden Sie bei ECONIS, dem Online-Katalog der ZBW.

 

Zu Thomas Fricke

Thomas Fricke war von 2002 bis 2012 Chefökonom der Financial Times Deutschland und betreibt den WirtschaftsWunder-­Blog. Gelernt hat er Volkswirtschaftslehre und Politische Wissenschaft in Aachen und Paris, wo er am Institut d’Etudes Politiques de Paris und an der Université Paris I Sorbonne Wirtschaftswissenschaften studierte. Anschließend arbeitete er als Deutschland- und Osteuropa-Experte am Pariser Konjunkturforschungsinstitut OFCE, bevor er nach Deutschland zurückging. Bevor er 2000 zur FTD kam, arbeitete er beim Berliner Tagesspiegel, der Wirtschaftswoche und dem Manager Magazin. Im Juni 1998 erhielt er den Deutsch-französischen Journalistenpreis. In dieser Zeit war er Mitinitiator des Pro-Euro-Aufrufs von 60 deutschen Wirtschaftsprofessoren.

Zur Veranstaltungsreihe des Wirtschaftsdienst

Zu der Veranstaltungsreihe lädt der Wirtschaftsdienst alle zwei Monate Autoren - vor allem aus dem Bereich Wirtschaftspolitik - ein. Die Verfasser stellen aktuelle Bücher zu wirtschaftswissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen vor. Ziel der Reihe ist es, den Autoren einen direkten Kontakt zu ihren Lesern zu vermitteln und ihre Bücher mit den Lesern des Wirtschaftsdienst, Besuchern der ZBW und anderen wirtschaftspolitisch Interessierten zu diskutieren. Die Buchvorstellungen sind öffentlich, der Eintritt ist frei.

Veranstaltungsreihe des Wirtschaftsdienst


Bisherige Gäste der Lesereihe des Wirtschaftsdienst

  • April 2013: Dr. Susanne Schmidt, Finanzexpertin und Wirtschaftsjournalistin, stellt ihr Buch "Das Gesetz der Krise: Wie die Banken die Politik regieren" vor.
  • Februar 2013: Prof. Dr. Joachim Weimann, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik an der Otto-­von­-Guericke­-Universität Magdeburg, stellt sein gemeinsam mit Andreas Knabe und Robbie Schöb verfasstes Buch "Geld macht doch glücklich - wo die ökonomische Glücksforschung irrt" vor.
  • Januar 2013: Prof. Dr. Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, stellt sein Buch "Zurück zur D-Mark? Deutschland braucht den Euro" vor.
  • Oktober 2012: Prof. Dr. Paul J. J. Welfens, Jean Monnet Professor für Europäische Wirtschaftsintegration und Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik an der Bergischen Universität in Wuppertal, stellt sein Buch "Die Zukunft des Euro: Die europäische Staatsschuldenkrise und ihre Überwingdung" vor.
  • Juli 2012: Prof. Dr. Helge Peukert, Hochschuldozent an der Universität Erfurt, stellt sein Buch „Die große Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise" vor.
  • Mai 2012: Dr. Jochen Bittner, politischer Redakteur bei der ZEIT, stellt sein Buch "So nicht, Europa! Die drei großen Fehler der EU" vor.
  • März 2012: Prof. Dr. Bert Rürup, Gründer und Vorstandsmitglied der MaschmeyerRürup AG, stellt das Buch "Fette Jahre - Warum Deutschland eine glänzende Zukunft hat" vor.
  • Januar 2012: Prof. Dr. Joseph Vogl, Humboldt-Universität zu Berlin, stellt im Gespräch mit Prof. Dr. Bertram Schefold, Universität Frankfurt a.M., das Buch "Das Gespenst des Kapitals" vor.
  • Dezember 2011: Prof. Dr. Werner Plumpe, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Goethe Universität in Frankfurt am Main, stellt "Wirtschaftskrisen - Geschichte und Gegenwart" vor.
  • Juni 2011: Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Wirtschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, stellt "Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus" vor.
  • Februar 2011: Prof. Dr. Arne Heise, Professor für Finanzwissenschaft am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg, und Prof. Dr. Jürgen Kromphardt, emeritierter Professor für Wirtschaftstheorie an der TU Berlin und Vorsitzender der Keynes-Gesellschaft, stellen den Sammelband "Methodenpluralismus in den Wirtschaftswissenschaften" vor.
  • Januar 2011: Prof. Dr. Udo Reifner, Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen e. V., stellt sein "Die Geldgesellschaft - Aus der Finanzkrise lernen" vor.
  • Dezember 2010: Prof. Dr. Kai A. Konrad, Direktor am Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht, präsentiert sein gemeinsamt mit Holger Zschäpitz verfasstes Buch "Schulden ohne Sühne - Warum der Absturz der Staatsfinanzen uns alle trifft".
  • Oktober 2010: Prof. Dr. Max Otte, Leiter des Instituts für Vermögensaufbaus in Köln, stellt "Der Informationscrash - Wie wir systematisch für dumm verkauft werden" vor.
  • September 2010: Prof. Dr. Martin Junkernheinrich, Inhaber des Lehrstuhls für Stadt-, Regional- und Umweltökonomie an der Technischen Universität Kaiserslautern, stellt seinen Beitrag "Kommunalfinanzen - Krisenreaktionen im Ländervergleich" aus dem Jahrbuch für Öffentliche Finanzen 2010 vor.
  • Juli 2010: Dr. Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies (CEPS), und Dr. Sonja Sagmeister, Mitarbeiterin der ORF-Wirtschaftsredaktion, lesen aus "Nachkrisenzeit - Wie die erfolgreichste Denkfabrik Europas unsere Welt für die nächste Generation sieht".
  • Mai 2010: Prof. Dr. Thomas Eger, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Recht und Ökonomik an der Universität Hamburg, liest aus "Europäische Integration - Wirtschaft und Recht, Geschichte und Politik".
  • März 2010: Prof. Dr. Wolfgang Michalski, Hamburg Ambassador, liest aus "Hamburg - Erfolge und Erfahrungen in der globalisierten Welt".
  • Januar 2010: Prof. Dr. Sebastian Dullien, Professor für International Economics an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, liest aus „Der gute Kapitalismus ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste".
  • Oktober 2009: Dr. Ulrich Thielemann, Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, liest aus „System Error - Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt".
  • Juni 2009: Ulrich Schäfer, Ressortleiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, liest aus „Der Crash des Kapitalismus".
  • April 2009: Prof. Dr. Claudia Kemfert, Energieexpertin des DIW, liest aus „Die andere Klimazukunft - Innovation statt Depression".
  • Februar 2009: Prof. Dr. Birger P. Priddat, Lehrstuhlinhaber für Politische Ökonomie der Privat-Universität Witten-Herdecke, liest aus „Karl Marx. Kommunismus als Kapitalismus 2ter Ordnung".
  • Dezember 2008: Prof. Dr. Heiner Flassbeck, zurzeit bei der UNCTAD, ehem. Staatssekretär unter Oskar Lafontaine, und Friederike Spiecker, freie Wirtschaftspublizistin, lesen aus „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit".
  • Oktober 2008: Uwe Jean Heuser, Leiter des Wirtschaftsressorts der Wochenzeitung Die Zeit, liest aus „Humanomics. Die Entdeckung des Menschen in der Wirtschaft".
  • Mai 2008: Olaf Storbeck, Wirtschaftsredakteur des Handelsblatt, liest aus „Ökonomie 2.0. 99 überraschende Erkenntnisse".

Weitere Informationen

Dienstag, 11. Juni 2013, 18.00 Uhr

ZBW
Raum 519
Neuer Jungfernstieg 21
Hamburg

Eintritt: Eintritt frei

Downloads zur Veranstaltung

Claudia Sittner hilft Ihnen gerne weiter!

Telefon: +49-40-42834-332
E-Mail



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