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Niedrigzinsen – Ursachen und Wirkungen

Pressemitteilung

20.01.2020

Die Niedrigzinspolitik der EZB wird von vielen Seiten kritisiert: Kleinsparer und Banken würden leiden, Unternehmen könnten verfehlte Geschäftsmodelle langfristig aufrechterhalten (Zombifizierung), durch Ausweichreaktionen entstünden Blasen auf Immobilienmärkten und an der Börse. In der Europäischen Union werden häufig der Stabilitätspakt und die damit gebremste Kapitalnachfrage der Staaten für die Niedrigzinsen verantwortlich gemacht. Vieles spricht aber dafür, dass das Phänomen global ist. Clemens Fuest, Timo Wollmershäuser, Marcel Fratzscher, Alexander Kriwoluzky, Gerhard Illing, Ulrike Neyer und Carl-Christian von Weizsäcker analysieren die Ursachen und Wirkungen der Niedrigzinsen im aktuellen Zeitgespräch des Wirtschaftsdienst.

Clemens Fuest und Timo Wollmershäuser vom ifo Institut zeigen in ihrem Beitrag auf, dass die realen und nominalen Zinsen bereits seit Jahrzehnten einem Abwärtstrend folgen. Dabei handelt es sich um einen globalen Trend. Deshalb sei es nicht überzeugend, "nationale Politiken und nationale ökonomische Entwicklungen als wesentliche Bestimmungsfaktoren der Zinsentwicklung zu identifizieren".

Auch Marcel Fratzscher und Alexander Kriwoluzky vom DIW Berlin erläutern, dass die niedrigen Zinsen sich auf strukturelle Faktoren zurückführen lassen. Die Ursachen liegen in einem geringen Angebot an sicheren Wertpapieren, einer geringen realwirtschaftlichen Wachstumsrate und Produktivität sowie in der demografischen Entwicklung und der Erhöhung der Einkommensungleichheit. "Ein Ende der Niedrigzinsphase kann daher nicht durch einen Anstieg der Leitzinsen erreicht werden, sondern nur durch eine kluge Wirtschafts- und Finanzpolitik, vor allem in Deutschland", betonen die Autoren.

Gerhard Illing von der Ludwig-Maximilians-Universität München weist in seinem Beitrag darauf hin, dass trotz des massiven Einsatzes zahlreicher unkonventioneller Maßnahmen der Geldpolitik nicht nur die Inflationsraten, sondern auch die Inflationserwartungen in vielen Industriestaaten seit Jahren unter der angestrebten Zielgröße verharren. Nur wenn man den aktuellen Rückgang der Inflationserwartungen nicht als Problem ansieht, wäre es gerechtfertigt, die lockere Geldpolitik zu beenden. Deutet man den Rückgang der Inflationserwartungen dagegen als Indiz für die Gefahr, die effektive Zinsuntergrenze könnte im nächsten Konjunkturabschwung bald wieder bindend werden, wäre ein entschiedenes Gegensteuern angebracht.

Ulrike Neyer von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf argumentiert in ihrem Beitrag, dass die Geldpolitik über den Finanzzyklus Einfluss auf die Trendentwicklung des realen Zinses hat. Damit sei Geldpolitik auch in der langen Frist nicht neutral. Dies müsse bei geldpolitischen Entscheidungen berücksichtigt werden, um Niedrigzinsphasen mit erheblichen negativen Auswirkungen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung entgegenzusteuern. Das wäre nur möglich, wenn das Mandat der EZB um die Gewährleistung von Finanzstabilität und die Quantifizierung des Inflationsziels erweitert würde.

Carl-Christian von Weizsäcker vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern betont in seinem Beitrag, dass die Welt sich inzwischen in einem Zustand des Kapitalüberflusses, nicht mehr, wie früher, in einem Zustand der Kapitalknappheit befindet. Es komme aber nicht zu einem massiv negativen Realzins. Der Grund sei, dass die Netto-Staatsschuld auf fast die Hälfte des privaten Gesamtvermögens angewachsen sei. "Die Netto-Staatsschuld füllt die Lücke zwischen dem privaten Vermögenswunsch und dem bei einem Realzins von null vorhandenen privaten Vermögen in der Form von Realkapital und Boden aus", erläutert Carl-Christian von Weizsäcker.

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