Ökonomische Trends
Gesundheitsausgaben: Kostenexplosion und Alterslasten?
Susanne Erbe, Dipl.-Volkswirtin, ist Redakteurin des Wirtschaftsdienst in Hamburg.

Schlagworte zu diesem Artikel: Gesundheitspolitik, Demografie, Gesetzliche Krankenversicherung, Gesundheitswesen, Krankenversicherung, Private Krankenversicherung
Susanne Erbe, Dipl.-Volkswirtin, ist Redakteurin des Wirtschaftsdienst in Hamburg.
In der Diskussion über die Gesundheitspolitik werden Deutschlands vermeintlich exorbitant hohe und stetig steigende Ausgaben als ein Problem angesehen, das mit immer neuen Reformen bewältigt werden muss. Nach den Daten der OECD liegt der Anteil des Bruttoinlandsproduktes (BIP), der in Deutschland für Gesundheitsausgaben verwandt wird, international tatsächlich nach wie vor an der Spitze (vgl. Tabelle 1) - allerdings innerhalb einer Gruppe von Ländern mit ähnlich hohen Ausgaben wie etwa Frankreich, die Schweiz, die Niederlande und Dänemark. Exorbitant und einzigartig hohe Ausgaben sind nur in den USA zu verzeichnen. Im langfristigen Vergleich zeigt sich nicht, dass Gesundheitssysteme, die vor allem auf private Versicherungsträger setzen, wie beispielsweise in den USA, der Schweiz und den Niederlanden, mit einem geringen Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP verbunden sind. Das trifft eher auf Luxemburg, Schweden und Großbritannien mit ihren staatlich geprägten Gesundheitssektoren zu.
Ob hohe Gesundheitsausgaben nun positiv oder negativ zu bewerten sind, darüber lässt sich trefflich streiten. Zum einen wird die These vertreten, dass mit einem höheren Einkommen eine überdurchschnittlich steigende Nachfrage nach Gesundheitsgütern verbunden ist,1 d.h. die Bürger haben eine steigende Präferenz für Gesundheitsgüter. Zum anderen können hohe Gesundheitsausgaben auch einfach darauf zurückzuführen sein, dass das Gesundheitssystem ineffizient und kostenintensiv arbeitet. Wie schwierig es ist, von der Höhe der Ausgaben auf die Effizienz des Systems zu schließen, haben Gero Müller und Carmen Klement gezeigt.2 Vor allem die Idee, ein hoher Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP würde zu einer hohen Lebenserwartung der Bevölkerung des betreffenden Landes führen, halten sie für zweifelhaft.
Insgesamt haben die Gesundheitsausgaben in Deutschland seit 1995 von 194 Mrd. Euro auf 278,3 Mrd. Euro und damit im Durchschnitt mit einer nominalen Rate von 2,6% p.a. zugenommen. Sie wuchsen etwas rascher als das BIP im gleichen Zeitraum. Hinter dem von der OECD gemessenen Anteil am BIP verbirgt sich eine Reihe von Ausgabenarten, die in dieser Form in der gesundheitspolitischen Diskussion nicht im Vordergrund stehen. Während die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) das fast ausschließliche Ziel des Interesses in der Öffentlichkeit ist, gibt es viele andere Ausgabenträger, die weniger Beachtung finden. Werden die Ausgaben nach Ausgabenträgern betrachtet, sind folgende Entwicklungen festzustellen (vgl. Tabelle 2):
Die Versichertenstruktur (vgl. Tabelle 3) spiegelt wider, was auch schon bei der Trägerstruktur deutlich wurde.
Die Daten zeigen, dass Deutschlands Gesundheitssystem im internationalen Vergleich nicht so schlecht dasteht, wie häufig behauptet. Zudem hat es in der Gesetzlichen Krankenversicherung zwar Kostensteigerungen, aber keine Kostenexplosion gegeben. Die Ausgabensteigerungen haben sich über eine sehr lange Zeit an der Entwicklung des BIP orientiert. Allerdings gibt es eine ständige Verschiebung der Ausgaben zwischen den einzelnen Zweigen des Sozialversicherungssystems und dem öffentlichen Haushalt. Die jüngste Diskussion über den mittlerweile hohen Anteil des Bundeszuschusses an den Einnahmen der GKV ist auch vor diesem Hintergrund zu beurteilen. Hier gibt es zwar inzwischen eine hohe Beteiligung der Steuerzahler, mit der Einführung der Pflegeversicherung und der Umstellung der Gesundheitsversorgung von Sozialhilfeempfängern hatte sich der Staat aber zuvor deutlich entlastet.
Vorsichtig ist auch die Bedeutung der demografischen Entwicklung zu beurteilen: Zwar nimmt der Rentneranteil zu, die Ausgaben pro Mitglied der einzelnen Mitgliedergruppen unterscheiden sich jedoch weniger, als es auf den ersten Blick erscheint. Der Rückgang der Zahl der mitversicherten Familienangehörigen mag kurzfristig den Gesetzlichen Krankenkassen höhere Beiträge einbringen, aber langfristig könnte der Wettbewerbsdruck auf die GKV steigen: Zwar flüchten sich freiwillig Versicherte nach wie vor in die GKV, wenn sie zu versichernde Angehörige haben. Wenn die Mitversicherung aber zunehmend als Argument für die GKV ausfällt, werden sich viele aus dieser Gruppe gleich für die Private Krankenversicherung entscheiden.
| 1970 | 1980 | 1990 | 2000 | 2009 | |
|---|---|---|---|---|---|
| USA | 7,1 | 9,0 | 12,4 | 13,7 | 17,4 |
| Niederlande | 7,4 | 8,0 | 8,0 | 12,0 | |
| Frankreich | 5,4 | 7,0 | 8,4 | 10,1 | 11,8 |
| Deutschland | 6,0 | 8,4 | 8,3 | 10,3 | 11,6 |
| Schweiz | 5,5 | 7,4 | 8,2 | 10,2 | 11,6a |
| Dänemark | 8,9 | 8,3 | 8,7 | 11,5 | |
| Österreich | 5,2 | 7,4 | 8,3 | 9,9 | 11,0 |
| Belgien | 3,9 | 6,3 | 7,2 | 8,1 | 10,9 |
| Portugal | 2,4 | 5,1 | 5,7 | 9,3 | 10,1 |
| Schweden | 6,8 | 8,9 | 8,2 | 8,2 | 10,0 |
| Großbritannien | 4,5 | 5,6 | 5,9 | 7,0 | 9,8 |
| Italien | 7,7 | 8,1 | 9,6a | ||
| Griechenland | 5,4 | 5,9 | 6,6 | 7,9 | 9,5 |
| Spanien | 3,5 | 5,3 | 6,5 | 7,2 | 9,5 |
| Finnland | 5,5 | 6,3 | 7,7 | 7,2 | 8,9a |
| Luxemburg | 3,1 | 5,2 | 5,4 | 7,5 | 7,8 |
| Irland | 5,1 | 8,2 | 6,1 | 6,1 |
a 2010.
Quellen: OECD: Health Data 2011 - Frequently Requested Data,
www.oecd.org; eigene Berechnungen.
| Ausgabenträger | 1995 | 2000 | 2009 | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| in Mrd. Euro | in % | in Mrd. Euro | in % | in Mrd. Euro | in % | |
| Öffentliche Haushalte | 23,56 | 12,1 | 17,38 | 7,9 | 13,66 | 4,9 |
| Gesetzliche Krankenversicherung | 112,89 | 58,2 | 124,39 | 56,9 | 160,85 | 57,8 |
| Soziale Pflegeversicherung | 4,92 | 2,5 | 15,64 | 7,2 | 20,31 | 7,3 |
| Gesetzliche Rentenversicherung | 4,72 | 2,4 | 3,94 | 1,8 | 4,01 | 1,4 |
| Unfallversicherung | 3,52 | 1,8 | 3,80 | 1,7 | 4,46 | 1,6 |
| Private Krankenversicherung | 14,52 | 7,5 | 17,87 | 8,2 | 25,96 | 9,3 |
| Arbeitgeber | 8,38 | 4,3 | 9,20 | 4,2 | 11,59 | 4,2 |
| Private | 21,48 | 11,1 | 26,57 | 12,1 | 37,50 | 13,5 |
| Insgesamt | 194,00 | 100,0 | 218,78 | 100,0 | 278,30 | 100,0 |
Quellen: Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung:
Jahresgutachten 2011/2012; eigene Berechnungen.
| Versicherte in % | |||
| Jahr | Pflichtversicherte | Freiwillig Versicherte | Rentner |
|---|---|---|---|
| 1970a | 58,2b | 15,7b | 26,1b |
| 1980a | 58,3b | 12,6b | 29,1b |
| 1991 | 63,7 | 14,2 | 22,2 |
| 2000 | 60,6 | 16,2 | 23,4 |
| 2005 | 61,5 | 12,4 | 25,9 |
| 2010 | 63,0 | 11,1 | 25,8 |
Versicherte in Mio. Personen | ||||
| Jahr | Pflichtversicherte | Freiwillig Versicherte | Rentner | Insgesamt |
|---|---|---|---|---|
| 1970a | 17,8b | 4,8b | 8,0b | 30,6b |
| 1980a | 20,6b | 4,5b | 10,3b | 35,4b |
| 1991 | 45,4 | 10,1 | 15,8 | 71,3 |
| 2000 | 43,5 | 11,6 | 16,8 | 71,8 |
| 2005 | 43,2 | 8,7 | 18,2 | 70,2 |
| 2010 | 43,8 | 7,7 | 17,9 | 69,5 |
Mitversicherte Familienangehörige pro Mitglied | ||||
| Jahr | Durchschnitt | Pflichtversicherte | Freiwillig Versicherte | Rentner |
|---|---|---|---|---|
| 1970a | ||||
| 1980a | ||||
| 1991 | 0,459 | 0,501 | 1,029 | 0,144 |
| 2000 | 0,403 | 0,483 | 0,761 | 0,095 |
| 2005 | 0,403 | 0,521 | 0,823 | 0,085 |
| 2010 | 0,362 | 0,470 | 0,733 | 0,070 |
a Früheres Bundesgebiet.
b Ohne mitversicherte Familienangehörige.
Quellen: Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2011/2012; eigene Berechnungen.
1 Ausführlich diskutiert in J. W. Henderson: Health Economics and Policy, 5. internationale Aufl., Mason 2012, S. 166 f.
2 G. Müller, C. Klement: Deutsches Gesundheitssystem teuer und ineffizient - eine Fehldiagnose?, in: Wirtschaftsdienst, 92. Jg. (2012), H. 3, S. 202-207.
3 S. Erbe: Entwicklung der Gesetzlichen Krankenversicherung und Reformansätze, in: Wirtschaftsdienst, 85. Jg. (2005), H. 10, S. 666.
4 M. Müller, K. Böhm: Ausgaben und Finanzierung des Gesundheitswesens, Gesundheitsberichterstattung des Bundes, H. 45, Robert Koch-Institut, Berlin 2009, S. 16.
5 Vgl. Verband der Privaten Krankenversicherung: Zahlenbericht der Privaten Krankenversicherung 2010/2011, Köln, November 2011, S. 27. Die Zunahme bei den Privaten wurde nicht durch die Einführung des Basistarifs 2009 verursacht. Den Basistarif nutzten 2011 nur 23 700 Personen, ebenda S. 23.
6 2010: Ausgaben pro Mitglied in der Allgemeinen Krankenversicherung 2473 Euro x 1,733 = 4286 Euro, verglichen mit den Ausgaben pro Mitglied in der Kankenversicherung der Rentner von 4792 Euro x 1,07 = 5127 Euro. Berechnet nach Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2011/2012, Tabelle 55.
am Mittwoch, 13.02.2013, 13:11 Uhr meinte Bernd Buhlke:
Danke, Frau Erbe, für den informativen Artikel.
Vielleicht lohnt es sich für Sie ( und dann für mich ),
wenn Sie die Beitragsveränderungen in der PKV
untersuchen. Nach Ihren Zahlen dürfte die Prämienhöhe von ca 1980 bis 2012 nicht um
etwa 5% p.a. gestiegen sein, wie es tatsächlich der Fall ist ( bei der "Vereinte Versicherugen=Allianz" und dies
trotz seit 1995 auf Selbstbeteiligung von etwa 2500 EUR bei mir und auf nur 30% bei meiner Ehefrau wg.Verbeamtung freiwilig geänderter
Bedingungen ).
Mit freundlichen Grüßen
Bernd Buhlke, Tel. 0211 71 90 91
13.02.13
am Freitag, 15.02.2013, 12:15 Uhr meinte Susanne erbe:
Vielen Dank für den netten Kommentar! Tatsächlich ist die Private Krankenversicherung ein interessantes Forschungsfeld, das sich zu beackern lohnen würde. Hinweise auf die Entwicklung der Beitragseinnahmen in der PKV kann man übrigens dem sehr aufschlussreichen Zahlenbericht der PKV entnehmen:http://www.gdv.de/2012/11/private-krankenversicherung/. Dort lässt sich beispielsweise ausrechnen, dass in den zehn Jahren von 2001-2011 die Zahl der vollversicherten Personen von 7,7102 Mio. auf 8,9764 Mio. gestiegen ist und gleichzeitig die Beitragseinnahmen für die Krankenvollversicherung von 14, 7 Mrd. Euro auf 25,15 Mrd. Euro zunahmen: mithin stiegen die Pro-Kopf-Beiträge jährlich um knapp 4%.
Grüße aus der Redaktion
Susanne Erbe
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