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In der Juniausgabe 2015 veröffentlichte der Wirtschaftsdienst einen Aufsatz von Christian A. Conrad über „Die Auswirkungen der Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen“. Nach einer Replik von Ingo Pies hierzu eine Erwiderung von Christian A. Conrad.

Um die Wirkungen einer Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen wird schon seit einiger Zeit sehr heftig und emotional gestritten. Die Spekulationsgegner und die Befürworter stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber. Die von Ingo Pies zu meinem im Wirtschaftsdienst erschienenen Aufsatz vorgelegte Replik entspricht vom Inhalt und Stil seinen bisherigen zahlreichen Erwiderungen auf die Kritik, die ihm vor allem seit seinem Aufsatz in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 31.8.2012 als Spekulationsbefürworter entgegengehalten wird. Mein Aufsatz setzt sich mit beiden Positionen kritisch auseinander. Sicherlich wurden nicht alle Veröffentlichungen, die zu diesem Thema erschienen sind, einbezogen, aber die bedeutsamen Aufsätze und Studien, die für die beiden gegensätzlichen Positionen stehen, wurden ausgewertet. Im Übrigen verweise ich auf meinen zu diesem Thema in den USA im Double-blind-review-Verfahren erschienenen Aufsatz.1

Entscheidend für mich ist die Kritik an der wissenschaftlichen Methode der empirischen Studien und die daraus folgende grundsätzliche Aussage, dass sich mit den Studien weder ein Einfluss der Spekulation noch das Gegenteil nachweisen lässt. „Es offenbart sich ein grundsätzliches Problem der ökonometrischen Forschung. Korrelationen können viele Gründe haben. Es zeigt sich, dass sich mit Hilfe der Ökonometrie weder ein Einfluss der Spekulation auf die Preise noch das Gegenteil nachweisen lässt.“2

Der wissenschaftliche Aussagegehalt der überwiegend auf Granger basierenden ökonometrischen Studien ist zu hinterfragen. Dabei gibt es grundsätzliche Methodenprobleme. Wegen der Gefahr von fehlerhaften Ergebnissen wird vom Granger-Test abgeraten, wenn die zu untersuchenden Variablen extrem volatil sind, was bei Rohstoffpreisen der Fall ist.3 Für stark volatile Variablen wie Aktienkurse oder Rohstoffe wurde eine fehlende Kovarianzstationarität festgestellt, womit eine Bedingung für die Regression von Zeitreihen nicht erfüllt ist.4 Aufgrund unzähliger Einflussfaktoren auf Angebot und Nachfrage besteht eine starke Multikausalität, bei der die einzelnen Einflussfaktoren nicht präzise herausgefiltert werden können. Werden kausale Variablen nicht extrahiert, können in Granger-Tests Korrelationen angezeigt werden, die nicht vorhanden sind (spurious regression). Das Gleiche gilt für rein zufällige Korrelationen, die sich insbesondere bei kurzen Beobachtungszeiträumen oder falschen zeitlichen Erfassungsabständen ergeben können.5 Auch Wettereinflüsse wie sie bei Agrarprodukten vorkommen, sind problematisch, weil dann die notwendige Stationarität der Variablen fehlt.6

Darüber hinaus sind die Positionen der Indexfonds nicht transparent, weil die DCOT-Swap-Dealer-Daten auch viele Positionen von anderen Marktteilnehmern enthalten. So schätzt die Commodities Futures Trading Commission (CFTC), dass z.B. bei den Rohöl-Futures nur 41% der Positionen zu Indexfonds gehören.7 Also gibt es auch hier ein generelles Problem. Ebenso wird die Qualität der Daten in Frage gestellt, da sie in der Regel auf Befragungen beruhen oder nicht vollständig sind.8 So mussten Over-the-counter-Derivate (OTC-Derivate) in den untersuchten Zeiträumen noch nicht gemeldet werden. Erst nach der Finanzkrise wurde verfügt, dass sie registriert oder über Clearing-Stellen gehandelt werden.9

Gerade vor einem solchen Hintergrund erscheint es mir als nicht wissenschaftlich fundiert, extreme Positionen aus den vorhandenen ökonometrischen Studien abzuleiten. Vor allem erscheint es mir nicht angebracht, einer in historischer Perspektive ausufernden Spekulation Absolution zu erteilen.

Inwiefern die Spekulation mit Rohstoffen und Nahrungs-
mitteln die Preise auch unabhängig von der Lagerhaltung beeinflussen kann, habe ich in meinem Aufsatz ausführlich dargestellt. Falls ich Ingo Pies in einer seiner Positionen missverstanden haben sollte, bedauere ich es, weshalb ich seine Gegendarstellung begrüße. Ich zitiere hier erneut seinen Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Im Prinzip ist es zwar denkbar, dass die enormen Preissteigerungen des Jahres 2008 nicht auf veränderte Fundamentaldaten, sondern auf eine Blasenbildung zurückzuführen ist. Jedoch sprechen im konkreten Fall theoretische Überlegungen und empirische Befunde dagegen, … Zweitens arbeiten die Indexspekulanten mit einem nachvollziehbaren und leicht beobachtbaren Geschäftsmodell, das auf transparente Investitionsstrategien setzt und insofern die gut informierten Marktteilnehmer einlädt, unverzüglich gegenzusteuern (und mit diesem Gegensteuern Geld zu verdienen), sobald man sich von den Fundamentaldaten entfernt …“10

Meine Anmerkung hierzu zielte gerade auf ein nicht rational, sondern emotional bestimmtes Spekulationsverhalten ab: „Oft wird auch argumentiert, dass bei einer Blasenbildung andere Marktteilnehmer das Abweichen von den Fundamentaldaten als Gewinnpotenzial erkennen und spekulative Gegenpositionen bilden. Dies würde dann gegen eine Blasenbildung wirken. Dem widerspricht die New Behavioral Finance, die davon ausgeht, das Anlegerverhalten irrational sein kann. Die empirischen Untersuchungen dieser verhaltensorientierten Forschungsrichtung bestätigen die psychologisch orientierten, nicht deterministischen Erklärungsansätze.“11

Insbesondere wenn Pies eine Blasenbildung aufgrund von Spekulation für möglich hält, wird er mir zustimmen, dass eine Regulierung zumindest erforderlich ist, um extreme Marktverzerrungen zu verhindern und damit massiven
Schäden vorzubeugen. Schließlich haben die Deregulierung der Finanzmärkte sowie Regulierungslücken insbesondere bei Derivaten nicht nur die Exzesse bei der Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen, sondern auch die Finanzkrise möglich gemacht.12

Title: Speculation with Agricultural Commodities – Reply and Response

Abstract: The reply of Ingo Pies explains the background of the public quarrel over agricultural speculation and criticises three points which may hinder a productive debate. Christian Conrad responds that due to problems of methodology, investigations using econometrics can neither prove nor disprove any influence of speculation on prices, and he warns against drawing the wrong conclusions from the empirical studies.

JEL Classification: F55, G13, Q11, Q31

  • 1 Vgl. C. A. Conrad: Commodity and Food Speculation. Is There a Need for Regulation? A Discussion of the International Research, in: Applied Economics and Finance, 1. Jg. (2014), Nr. 2, November 2014, S. 58-64.
  • 2 C. A. Conrad: Die Auswirkungen der Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen, in: Wirtschaftsdienst, 95. Jg. (2015), H. 6, S. 432.
  • 3 Vgl. S. H. Irwin, D. R. Sanders: Testing the Masters Hypothesis in Commodity Futures Markets, in: Energy Economics, 34. Jg. (2012), S. 258.
  • 4 Vgl. A. Pagan, C. Schwert: Testing for Covariance Stationarity in Stock Market Data, in: Economics Letters, 33. Jg. (1990), H. 2, S. 165-170; P. Phillips, M. Loretan: Testing Covariance Stationarity Under Moment Condition Failure with an Application to Common Stock Returns, Cowles Foundation for Economic Research at Yale University, Discussion Paper, Nr. 947, New Haven Connecticut 1990; D. Frenk et al.: Review of Irwin and Sanders 2010 OECD Report, in: Institute for Agriculture and Trade Policy (Hrsg.): Excessive Speculation in Agriculture Commodities, Selected writings from 2008-2012, 2011, S. 45, http://www.iadb.org/intal/intalcdi/PE/2011/08247.pdf (26.3.2013); sowie http://www.matthias-schlecker.de/kointegrationsanalyse-stationaritaet-und-augmented-dickey-fuller-test (4.4.2014).
  • 5 Vgl. D. Frenk et al., a.a.O., S. 47.
  • 6 Vgl. P. M. Schulze: Granger-Kausalitätsprüfung – Eine anwendungsorientierte Darstellung, Institut für Statistik und Ökonometrie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Arbeitspapier, Nr. 28, August 2004, S. 17 f.; sowie U. Hassler: Zeitabhängige Volatilität und instationäre Zeitreihen, in: Wirtschaftsdienst, 83. Jg. (2003), H. 12, S. 813, http://www.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=916 (10.8.2015).
  • 7 Vgl. D. Frenk et al., a.a.O., S. 47; sowie M. W. Masters, A. K. White: The Accidental Hunt Brothers: How Institutional Investors are Driving up Food and Energy Prices, 2008, S. 33, http://www.loe.org/images/content/080919/Act1.pdf (10.8.2015).
  • 8 „There have been ongoing complaints that the legacy COT trader designations may be inaccurate … As one example, speculators may have an incentive to self-classify their activity as commercial hedging to circumvent speculative position limits in some markets. But, the CFTC implements a fairly rigorous process – including statements of cash positions in the underlying commodity – to ensure that commercial traders have an underlying risk associated with futures positions. However, in recent years industry participants began to suspect that these data were contaminated because the underlying risk for many reporting commercials was not a position in the physical commodity… Rather, the reporting commercials were banks and other swap dealers hedging risk associated with over-the-counter (OTC) derivative positions.“ S. H. Irwin, D. R. Sanders, a.a.O., S. 258. Siehe auch die Kritik von Frenk an der Studie von Irwin und Sanders von 2010, vgl.
    D. Frenk et al., a.a.O., S. 48.
  • 9 Vgl. C. A. Conrad: Auf dem Weg zu einer besseren Finanzmarktordnung, in: Bankarchiv (Journal of Banking and Finance), 61. Jg. (2013), April 2013, S. 233-241.
  • 10 I. Pies: Lebensmittelpreise: Die Moral der Agrar-Spekulation, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.8.2012, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/lebensmittelpreise-die-moral-der-agrar-spekulation-11873351.html (10.8.2015).
  • 11 C. A. Conrad: Die Auswirkungen der Spekulation …, a.a.O., S. 434.
  • 12 Vgl. C. A. Conrad: Auf dem Weg zu …, a.a.O.


DOI: 10.1007/s10273-015-1903-y