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Karl Marx wurde vor 200 Jahren geboren. Viele Aspekte seiner Kapitalismusanalyse haben einen Kern, der auch heute noch aktuell sein könnte: Globalisierung und „Ausbeutung“, Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, ungleiche Einkommensverteilung, Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und tendenzieller Fall der Profitrate. Marx war Philosoph und Gesellschaftskritiker, aber auch ein Vertreter der politischen Ökonomie. Seine ökonomischen Thesen werden aber von den Autoren des Zeitgesprächs in weiten Teilen für überholt gehalten. Sie entsprachen dem Zeitgeist und den Lebensverhältnissen des 19. Jahrhunderts, die sich durch Sozialreformen, Produktivitätsfortschritte und die wachsende Bedeutung des Staates zumindest in den Industrienationen bis heute fundamental verbessert haben.

Karl Marx als Klassiker: Freiheitsphilosoph, Systemdenker, ökonomischer Autodidakt, politischer Demagoge

Das Wichtigste vorab: Ein nüchterner Blick auf die schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts (und auf das zeitgenössische Venezuela) macht den Schluss unausweichlich, dass die sozialrevolutionären Hoffnungen des Marxismus wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch katastrophal gescheitert sind. Allenfalls Unbelehrbare halten an dem Irrglauben fest, aktuelle Probleme der modernen Weltgesellschaft ließen sich durch eine staatlich organisierte Vergesellschaftung von Produktionsmitteln zum Besseren wenden. Um es in einer medizinischen Metapher auszudrücken: Die von Karl Marx propagierte Enteignung der Kapitalisten ist Gift für eine produktive gesellschaftliche Zusammenarbeit und hat sich in keinerlei Dosierung als Medizin erwiesen. Dieses Rezept heilt nicht, sondern macht todkrank – es kostet Menschenleben und zersetzt die Wurzeln moderner Zivilisation.

Marx als politischer Revolutionär ist out. Aber das heißt nicht, dass er auch als Klassiker der Theoriebildung erledigt wäre. Ganz im Gegenteil! Wir wollen versuchen, Karl Marx in seiner Ambivalenz gerecht zu werden. Wir kennzeichnen ihn (1) als Freiheitsphilosophen, (2) als Pionier des Systemdenkens, (3) als ökonomischen Autodidakten sowie schließlich (4) als politischen Demagogen.

Karl Marx als Freiheitsphilosoph

Vielen Menschen gilt Marx als Kollektivist. Sie glauben, er habe die Auffassung vertreten, die Gemeinschaft – also eine Kollektivkategorie wie etwa die Klasse – habe normativ Vorrang vor dem Individuum, sie sei ihm wichtiger als die individuelle Freiheit und das Wohl des Einzelnen. Hält man sich an seine Texte, so ist dies schlicht falsch. In Wirklichkeit steht Marx ganz in der – von ihm intensiv studierten – Tradition der klassischen Philosophie, wie sie in der Aufklärung und von Kant sowie Hegel entfaltet worden war.

Der falsche Eindruck ist wohl dadurch entstanden, dass Marx vehement gegen den Liberalismus zu Felde gezogen ist. Wenn man nicht genau hinschaut, lässt sich deshalb leicht übersehen, dass er den Anspruch erhob, das Erbe des Liberalismus anzutreten. Er zielte darauf ab, den Liberalismus im Hinblick auf die Emanzipation des Menschen – aller Menschen – zu überbieten! Zu diesem Zweck spießte Marx ein Missverständnis auf, das schon Hegel kritisiert hatte, das Missverständnis nämlich, die Emanzipation des Individuums bestehe darin, frei von der Gesellschaft zu sein. Diese besondere Variante eines libertären, vor allem naturrechtlichen, sich speziell auf John Locke berufenden Freiheitsverständnisses interpretiert kollektive Arrangements – wie etwa die staatliche Rechtspflege oder Steuererhebung – als Zwang und damit als Bedrohung individueller Freiheit. Das schlagende Gegenargument von Marx (und vor ihm: Hegel) lautet in moderner Formulierung: Der vor Freitags Ankunft allein auf seiner Insel lebende Robinson Crusoe ist nicht frei, sondern einsam. Die Institutionen von Staat und Gesellschaft sind nicht als Bedrohung und Einschränkung, sondern als Sicherung und Erweiterung individueller Freiheit zu denken. Emphatische Freiheit gibt es nicht von, sondern nur in der Gesellschaft mit anderen.

Man darf dieses Argument nicht als Kollektivismus missverstehen. Marx wollte nicht weniger Freiheit, sondern mehr Freiheit. Ihm ging es nicht darum, dass sich das Individuum dem Kollektiv unterordnet, sondern darum, dass jeder Mensch seiner Mitmenschen bedarf, um sich als Person voll entfalten zu können. Diese Position steht nicht außerhalb der liberalen Tradition abendländischer Philosophie, sondern innerhalb und ist dort fest verankert. Bereits Aristoteles bestimmt den Menschen nicht als Monade, sondern als zoon politikon, als Polisbürger, der der Gemeinschaft und ihrer Anerkennung bedarf, um sich und sein Potenzial als Person vollumfänglich ausbilden zu können. Individuelle Freiheit konstituiert sich in einem sozialen Prozess: Individuation vollzieht sich als Sozialisierung. Deshalb muss, um es mit Kants Rechtslehre zu sagen, die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden. Oder kontrakttheoretisch mit Hobbes ausgedrückt: Freiheit gibt es nicht im Naturzustand, sondern nur im Gesellschaftszustand. Individuelle Freiheit muss kollektiv produziert werden.

In dieser Hinsicht ist Marx auch heute noch aktuell, zumal er früher als andere darauf hinwies, wie sehr die individuelle Emanzipation von Kindern und Erwachsenen darauf angewiesen ist, dass nicht der gesamte Tag, nicht die gesamte Woche, nicht das gesamte Jahr mit Arbeit verbracht wird. Für Marx gehörten Freiheit und Freizeit eng zusammen. Und für die Entfaltung der Persönlichkeit war ihm Bildung sehr wichtig.

Karl Marx als Pionier des Systemdenkens

Marx wird gelegentlich eine Missachtung der Moralität vorgeworfen. In der Tat gibt es bei ihm viele Formulierungen, in denen er sich verächtlich über moralisierende Zeitgenossen äußert. Man lese nur seine Invektiven gegen die Ansichten, die er im Kommunistischen Manifest als christlichen, konservativen oder utopischen Sozialismus brandmarkt. Oder seine abfälligen Bemerkungen zum Gerechtigkeitsdenken.

Richtig betrachtet, ging es bei solchem Streit aber nicht um das moralische Ziel, sondern lediglich um die Mittel zu seiner Verwirklichung. Für Marx war klar, dass das Ziel darin bestand, auf einen gerechten Zustand hinzuarbeiten, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“1. Gerade weil ihm die Verwirklichung dieses Ziels so sehr am Herzen lag, entwickelte er eine Allergie gegen bloßes Appellieren und die spiegelbildlichen Schuldzuweisungen bei Nichtbefolgung. Marx wollte die Emanzipation des Menschen nicht nur fordern, sondern fördern. Hegels Kritik am abstrakten Sollen übernehmend, wollte er nicht bei moralisierender Besserwisserei stehenbleiben, sondern zur tatkräftigen Besserung gesellschaftlicher Missstände voranschreiten. Er wollte moralischen Fortschritt nicht nur möglichst intensiv herbeisehnen, sondern konkret verwirklichen.

Marx wandte sich gegen die – aus seiner Sicht falsche – Diagnose, die bedauernswerte Lage der Arbeiter im Kapitalismus sei auf individuelle moralische Defizite der Unternehmer zurückzuführen: auf ihren Egoismus, ihr Profitstreben, ihre Gier oder auf ihren Mangel an Empathie, Altruismus und Solidarität. Eine solche Zuschreibung auf individuelle Motive hielt Marx für naiv. Er selbst vertrat eine andere Ursachendiagnose. Aus seiner Sicht war das zu lösende Problem nicht im Bereich des unternehmerischen Wollens, sondern im Bereich des unternehmerischen Könnens zu verorten. Marx interpretierte den Wettbewerb als kapitalistischen Systemimperativ. Er hielt es für frommes Wunschdenken, hiergegen mit moralischen Appellen antreten zu wollen. Aus seiner Sicht lässt der Wettbewerb dem Unternehmer – mag dieser auch noch so moralisch gesinnt sein (wollen) – gar keine andere Wahl, als permanent nach möglichst hohen Gewinnen zu streben. Modern formuliert, ist dies die Systemfunktion des Unternehmers, zu der es innerhalb des wettbewerblich verfassten Marktsystems keine Alternative gibt. Marx sprach in diesem Zusammenhang im ersten Band seines „Kapitals“ von „ökonomischen Charaktermasken der Personen“2 und vom „Zwangsgesetz der Konkurrenz“3.

Marx stellt sich hier methodisch in die Tradition der klassischen Ökonomik, wenn er moralisch beklagenswerte Missstände – wie Armut und Elend der Proletarier – als nicht-intendiertes Ergebnis intentionalen Handelns interpretiert, also als eine Systemfolge, die kein einzelner Unternehmer jemals bewusst angestrebt hat und für die kein einzelner Unternehmer moralisch verantwortlich (zu machen) ist. Er hielt nichts davon, moralisierende Schuldzuweisungen an einzelne Personen zu adressieren, weil er die Lage der Arbeiter nicht durch böse Absichten der Kapitalisten verursacht sah. Aus seinen system(at)ischen Überlegungen heraus wandte sich Karl Marx dagegen, vom einzelnen Unternehmer zu erwarten oder gar zu verlangen, das Los der Arbeiter durch freiwillige Lohnerhöhungen (oder durch eine marginal großzügigere Behandlung) zu bessern. Er bestimmte das Problem nicht als eine individuell zu verantwortende persönliche Rücksichtslosigkeit, sondern als eine im System verankerte und folglich individuell nicht zu verantwortende strukturelle Rücksichtslosigkeit. Als Pionier des Systemdenkens war Karl Marx ein Aufklärer, der die Grenzen der individuellen Moral bei strukturellen Problemen aufgezeigt hat.

Karl Marx als ökonomischer Autodidakt

Aus politischen Gründen war Marx der Weg einer Universitätskarriere in Preußen versperrt. Von den Behörden verfolgt, floh er ins Exil und landete schließlich im Lesesaal des British Museums. Dort vertiefte er seine ökonomischen Kenntnisse. Doch unterlief ihm in seiner Analyse ein kapitaler Fehler, den wir hier in aller Kürze aufklären möchten.

Marx lehnte Reformen innerhalb des kapitalistischen Systems ab und votierte stattdessen mit aller Radikalität für einen (welt-)revolutionären Systemwechsel. Ausschlaggebend hierfür war, dass er es für unmöglich hielt, die Lage der Arbeiter systemimmanent zu verbessern. Aus seiner Sicht gab es aufgrund der Landflucht und des zunehmenden Einsatzes arbeitssparender Maschinen eine „industrielle Reservearmee“, die in den Städten zur Folge hatte, dass die Arbeitsnachfrage der Unternehmer mit dem Arbeitsangebot der Proletarier nicht Schritt halten konnte. Marx hing der Vermutung an, dass die Kapitalisten auf dem Arbeitsmarkt stets die kürzere Marktseite besetzen, sodass die Proletarier dazu verdammt sind, sich wechselseitig Konkurrenz zu machen – mit der unliebsamen, aber unausweichlichen Folge, dass der Lohn nicht über das Subsistenzniveau ansteigen kann. Für Marx waren die Proletarier die Systemopfer kapitalistischer Konkurrenz. Diese Diagnose machte ihn zum Revolutionär im Namen der Freiheit.

Der kapitale Fehler, der Marx bei seiner Analyse unterlaufen ist, lässt sich retrospektiv leicht identifizieren: Marx war, wie auch die anderen Klassiker der „Political Economy“, auf rein verbale Überlegungen angewiesen. Das Handwerkszeug der mit formalen Modellen arbeitenden Neoklassik ist ja erst sehr viel später entwickelt worden. Unsere Lesart ist, dass Marx seine eigene Arbeitsmarktanalyse in Analogie zur klassischen Gütermarktanalyse entwickelte und dass ihm hierbei ein ganz bestimmter Fehlschluss unterlaufen ist.

Neoklassisch formuliert, übersah Karl Marx, dass im Unterschied zum Gütermarkt die langfristige Angebotskurve auf dem Arbeitsmarkt nicht horizontal, sondern ab Vollbeschäftigung vertikal verläuft. Der Produktionsfaktor Arbeit ist im Unterschied zum Produktionsfaktor Kapital nicht beliebig mobil. Anders formuliert: Die industrielle Reservearmee ist erschöpfbar. Deshalb führen technologisch bedingte Ausdehnungen der unternehmerischen Arbeitsnachfrage nicht ad infinitum zu mehr Beschäftigung, sondern übersetzen sich aufgrund der ganz normalen Marktlogik in höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und immer generösere Sozialleistungen.

Die Diagnose von Marx war also eine Fehl-Diagnose. Sie war aufgrund eines verfehlten Analogieschlusses kategorial blind dafür, dass sich die kapitalistische Wettbewerbslogik in dem Moment umdreht, in dem Arbeitskräfte knapp werden und die Unternehmer beginnen, um Arbeiter zu konkurrieren, was deren Löhne und ihren Lebensstandard systematisch ansteigen lässt. Marx verkannte grundlegend, dass das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital keineswegs antagonistisch ist: Im Wettbewerb hängt die Lohnhöhe von der Produktivität ab. Die Produktivität wiederum wird von der Kapitalausstattung der Arbeitsplätze beeinflusst. Deshalb lautet das ökonomische ABC: Arbeiter brauchen Capital. So wird verständlich, warum jenseits aller Rhetorik der moderne Kapitalismus nicht durch Klassenkampf gekennzeichnet ist, sondern durch gelebte Sozialpartnerschaft.

Karl Marx als politischer Demagoge

Marx hat dem Kapitalismus nicht nur eine falsche Diagnose gestellt. Er hat mit seiner Wortgewalt auch eine neue Sprache entwickelt, die gezielt darauf abgestimmt war, das von ihm abgelehnte System zu diskreditieren und den Klassenkampf anzuheizen, um den Weg zur Weltrevolution – und mithin die „Geburtswehen“ einer besseren Welt – abzukürzen. Marx war ein außerordentlich wortgewaltiger Denker und als Sprachmagier insbesondere ein Meister der Empörungsrhetorik: Statt Sozialpartnerschaft propagierte er Klassenkampf. Marx (dis-)qualifizierte den marktlichen Zusammenhang privatrechtlicher Tauschverhältnisse als Ausbeutungssystem. Freiwillig eingegangene Beschäftigungsverhältnisse kennzeichnete er als Lohnsklaverei. Er verteufelte den Markt als System.

Das komplette Arsenal dieser wirkmächtigen System-Entstellung ist bis heute in unserem Sprachschatz aktiv und kulturell sowie politisch virulent. Damit verbindet sich eine Gefahr, auf die wir abschließend hinweisen wollen: In modernen Demokratien macht sich – gerade in Krisenzeiten – die Tendenz bemerkbar, im politischen Diskurs die falschen Fragen zu stellen. Die immer noch populären Begriffe und Denkkategorien der marxistischen Vorstellungswelt leiten instinktiv dazu an, zur Lösung drängender Probleme auf eine Außerkraftsetzung des Marktes zu setzen, anstatt darüber nachzudenken, ob eine überlegene Problemlösung vielleicht darin bestehen könnte, durch geeignete institutionelle Weichenstellungen Märkte per Ordnungspolitik besser in Kraft zu setzen. Der in unserer Sprachkultur latent verankerte Marxismus macht blind dafür, dass die kapitalistische Massenproduktion zu einem Massenwohlstand mit materiellen und immateriellen Emanzipationsleistungen führt, von dem – gerade auch im globalen Maßstab – die Ärmsten der Armen nachhaltig profitieren.

Wir müssen unser gesellschaftliches Rhetorikarsenal einer grundlegenden Revision unterziehen, um die Augen dafür zu öffnen, dass die vor uns stehenden sozialen und ökologischen Herausforderungen nicht durch systemumstürzende Revolutionen, sondern nur durch systemimmanente Reformen – also nicht durch eine maximalinvasive Abschaffung, sondern nur durch eine schrittweise Umprogrammierung des Kapitalismus: durch eine kluge Institutionalisierung des Leistungswettbewerbs und der von ihm ausgehenden Anreizwirkungen – mit Aussicht auf Erfolg angegangen werden können.

Mit einer geeigneten Rahmenordnung versehen, ermöglichen Märkte Solidarität unter Fremden. Sie lassen sich also für moralische Anliegen in Dienst nehmen. Märkte erlauben es, von intendierter Nächstenliebe auf praktizierte Fernstenliebe umzuschalten, mithin das, was eigentlich – per Motiv – nur in kleinen Gemeinschaftsgruppen möglich ist, per Systemfunktion im (welt-)gesellschaftlichen Maßstab zu verwirklichen. Die Marktwirtschaft als Ausbeutungssystem zu diskreditieren, mag zwar Bauchgefühle ansprechen, ist aber in der Sache irreführend. Hier muss Ethik vor einer emotionalisierenden Moralisierung warnen.

Wir wollen zwei weitere Warnungen hinzufügen:

  1. Das marxistische Revolutions-Narrativ verwechselt Armut mit Ausbeutung. Es ist unstrittig, dass die im Großbritannien des 19. Jahrhunderts vom Land in die Stadt strömenden Arbeiter arm waren und unter erbärmlichen Lebensbedingungen litten. Aber der Kapitalismus hat diese Armut nicht erzeugt, sondern vorgefunden – und abgeschafft!
  2. Wenn man den marxistischen Ausbeutungsbegriff konsequent zu Ende denkt, gelangt man zu einer überraschenden Erkenntnis: Der Kapitalismus ist nicht ein System zur Ausbeutung der Arbeiter, sondern ein System zur Ausbeutung der Unternehmen. Schließlich sind es nicht die Arbeiter, sondern die Unternehmen, die sich durch Wettbewerb gezwungen sehen, den allergrößten Teil der von ihnen produzierten Wertschöpfungszuwächse („Mehrwert“) an ihre Vertragspartner im Markt weiterzureichen: in Form höherer Löhne an ihre Mitarbeiter und in Form niedrigerer Preise an ihre Kunden. Der allgemein steigende Lebensstandard ist das Ergebnis einer durch Konkurrenzmärkte erzwungenen Diffusion (= „Vergesellschaftung“) unternehmerischer Innovationsrenten.

Fazit: Der Marxismus verkennt – und seine Rhetorik entstellt – die Grundlagen, die Errungenschaften und insbesondere den „Mehrwert“ der modernen Zivilisation.

  • 1 Marx-Engels-Werke, Bd. 4, S. 482.
  • 2 Ebenda, Bd. 23, S. 100.
  • 3 Ebenda, Bd. 23, S. 337.

Zur Aktualität von Karl Marx

Schumpeter 1 unterscheidet zwischen Marx dem Propheten, dem Soziologen, dem Lehrer und dem Nationalökonomen, während ich hier nur den Ökonomen betrachte. Meine Ausgangsüberlegung lautet: Lange verstorbene Nationalökonomen sind insbesondere dann aktuell – oder vorsichtiger formuliert: potenziell aktuell –, wenn sie Probleme behandelt haben, die in der heutigen Diskussion weitgehend vernachlässigt werden oder wenn sie für die Gewinnung ihrer Thesen Methoden verwendet haben, die heute noch fruchtbar sein könnten, aber kaum noch herangezogen werden.

Der Beitrag der dialektischen Methode

In der heutigen Makroökonomie2 dominieren Modelle, in denen entweder durch flexible Löhne und Preise rasch ein gesamtwirtschaftliches stabiles Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung erreicht wird oder Lohn- und Preisrigiditäten die Wirtschaft für längere Frist daran hindern, dieses Gleichgewicht eher als in der langen Frist zu realisieren. In beiden Varianten ist das Ergebnis ein stabiler Zustand, der nur durch dauerhaft wirkende exogene Schocks verändert wird.

Die dialektische Methode, die von Marx – in Abgrenzung von Hegel – verwendet wird, beruht auf einer anderen Perspektive. Ihre Grundidee besteht darin, die bestehende Ausprägung eines Systems nicht als dauerhaft zu betrachten. Vielmehr enthalte jedes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem Widersprüche und Interessenskonflikte, die auf Änderungen des Systems drängen und diese in einem dialektischen Prozess aus These, Antithese und Synthese durchsetzen. Diesen dynamischen, systemimmanenten Prozess und seine Antriebskräfte heißt es zu erkennen; denn das Objekt, das ein Forscher analysiert, erscheine zunächst als ein einheitliches, als eine Synthese. Aufgabe des dialektisch Arbeitenden sei es, die widersprechenden Bestandteile – Thesen und Antithesen – zu erkennen und daraus die Entwicklung in der Vergangenheit und in der Zukunft abzuleiten.

Die Einbeziehung dieser Sichtweise und die damit verbundene Methodenvielfalt könnten erkenntnisfördernd sein.

Das Problem der Einkommensverteilung

Aktuell relevanter aber ist die Rückbesinnung auf die Bedeutung der Einkommensverteilung. Diese ist in der modernen Ökonomie erstaunlich lange vernachlässigt worden und hat erst im Anschluss an die Arbeiten von Piketty3 wieder mehr Aufmerksamkeit gefunden.

Bei Piketty, der mit seinem Titel auf das Hauptwerk von Karl Marx anspielt, und vor allem bei der von ihm ausgelösten Diskussion steht allerdings die personelle Einkommensverteilung im Vordergrund und weniger die Verteilung der Einkommen auf die großen sozialen Gruppen. Zu dieser Gewichtung hat vermutlich das heute so auffällige Phänomen beigetragen, dass nicht die Kapitaleigentümer, sondern die angestellten Vorstände und Spitzenmanager von Großunternehmen miteinander überaus lukrative Konditionen vereinbaren können.

Die Rolle der Einkommensverteilung in der klassischen Ökonomie

Für Karl Marx spielte die Art und Weise, wie im kapitalistischen System das Volkseinkommen zwischen Arbeitern und Kapitalisten (um seine Terminologie zu verwenden) aufgeteilt wird, die entscheidende Rolle sowohl für seine Ablehnung dieses Systems als auch für seine theoretischen Überlegungen und seine Vorhersagen. Mit dieser Schwerpunktsetzung steht Marx in der Tradition der klassischen Ökonomie. So hat David Ricardo, der zu Beginn des 19. Jahrhundert schrieb und die ökonomische Diskussion bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dominierte, die Erklärung der Einkommensverteilung und der langfristigen Folgen ihrer Veränderung in seinen „Principles of Political Economy and Taxation“4 zur Hauptaufgabe der Nationalökonomie erklärt.

Zentral war für Ricardo die Verteilung des Volkseinkommens auf Löhne, Gewinne und Bodenrente und ihre langfristige Entwicklung. Bei seiner Analyse ging er (wie Adam Smith) davon aus, dass die Löhne der Arbeiter am Existenzminimum verharren werden. Dies kommt aber nicht den produzierenden Unternehmen zugute. Vielmehr müssen bei wachsender Bevölkerung, die im 19. Jahrhundert fast überall zu beobachten war, immer schlechtere Böden unter den Pflug genommen werden. Dies hat Folgen: Da die Eigentümer der besseren Böden eine höhere Bodenrente durchsetzen können (Differenzialrente), steigt insgesamt der Anteil der Bodenrente am Volkseinkommen. Dies geht – da die Arbeiter mindestens einen Lohn in Höhe des Existenzminimums erhalten müssen, zu Lasten der Profite. Diese tendieren langfristig gegen Null; die Kapitalakkumulation erlahmt und der Wachstumsprozess findet ein Ende.

Als Marx rund 30 Jahre später den Band 1 seines Hauptwerkes „Das Kapital“5 veröffentlichte, war die Annahme weiterhin plausibel, dass die Löhne der Arbeiter, die sich weder zu Gewerkschaften zusammenschließen noch streiken durften, auch in Zukunft weiterhin am (ökonomisch und sozial bestimmten) Existenzminimum verharren. Ricardos These wurde jedoch durch die Aufhebung der Getreidezölle im Jahre 1846 obsolet: Jetzt konnte – jedenfalls in Großbritannien – der Nahrungsmittelbedarf auch durch Importe gedeckt werden, insbesondere aus den mit ertragreichen Böden ausgestatteten USA. Die Bewirtschaftung schlechterer Böden in Großbritannien war damit überflüssig geworden.

Der zentrale Verteilungskonflikt bei Marx

Bei Marx besteht der zentrale Verteilungskonflikt zwischen den Arbeitern und den Eigentümern des besonders in der Industrie immer umfangreicher investierten Sachkapitals. Arbeiter und Sachkapital produzieren gemeinsam das Sozialprodukt. Die politisch und ökonomisch schwachen Arbeiter erhalten ihren Subsistenzlohn; das darüber hinausgehende Mehrprodukt fällt den Kapitalisten zu. Der begnadete Polemiker Marx spricht von Ausbeutung, weil den Arbeitern eigentlich das gesamte Produkt zustünde. Im Kapitalismus werde jedoch die Arbeitskraft als Ware behandelt und daher zu ihren „Reproduktionskosten“ entlohnt. Sie erhält den Lohn, bei dem sich die Arbeiterklasse reproduziert, wozu auch die Aufzucht des Nachwuchses gehört.

Im Rahmen seiner Arbeitswertlehre leitet Marx auf diese Weise die „Ausbeutung“ als systemimmanent ab, allerdings nur für den Fall unbeschränkter Konkurrenz zwischen den Arbeitern. Solange diese bestehen bleibt und die Reproduktionskosten sich nicht ändern, bleiben die Löhne konstant. Dafür sorgt der vor allem durch den technischen Fortschritt vorangetriebene Strukturwandel, der dem kapitalistischen System immanent ist (Schumpeters „schöpferische Zerstörung“) und der immer wieder Arbeitskräfte freisetzt, die dann einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen, da sie auf ihr Erwerbseinkommen zum Lebensunterhalt angewiesen sind und daher den herrschenden Lohnsatz akzeptieren müssen. Die ständige Wiederauffüllung dieser von Marx so bezeichneten „industriellen Reservearmee“ führt dazu, dass das Lohnniveau beim Existenzminimum verharrt, auch wenn einzelne Gruppen von Arbeitern höhere Löhne räumlich und zeitlich begrenzt durchgesetzt haben sollten. Auch die von Marx beobachtete und für die Zukunft erwartete Konzentration der Unternehmen zu immer größeren Einheiten erhöhte die Marktmacht der Unternehmen auf ihren Absatzmärkten und auf dem Arbeitsmarkt.

Die von Marx heftig kritisierte „Aneignung“ des Mehrprodukts durch die Kapitalisten hat auch gesamtwirtschaftlich gesehen fatale Folgen; denn wegen des Verharrens der Löhne auf dem Subsistenzniveau muss laut Marx „beständig ein Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis und einer Produktion, die beständig über diese immanente Schranke hinausstrebt“6. Dieser Interessenkonflikt und seine einseitige Lösung sei der „letzte Grund“ für die immer wiederkehrenden Krisen des kapitalistischen Systems, das damals wie heute von einem kontinuierlichen Wachstum weit entfernt ist.

Die Krisen des Kapitalismus und sein Zusammenbruch

Marx leitet die Folgen dieses Zwiespalts allerdings nicht im Einzelnen ab. Er konzentriert sich für die Krisenerklärung auf die Ursachen des von ihm behaupteten „tendenziellen Falls der Profitrate“ und dessen Wirkungen auf die Produktions- und Investitionstätigkeit der Unternehmer. Mit ihrer Hilfe erklärt Marx die im Kapitalismus regelmäßig wiederkehrenden Krisen.

Diese Krisen sorgen bei Marx dafür, dass der kapitalistische Wachstumsprozess nicht wie bei Ricardo allmählich ermattet. Vielmehr erwartet Marx, dass er in dem Moment ein Ende findet, in dem die kapitalistischen Produktionsverhältnisse „aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte umschlagen in Fesseln derselben“. Diese Prognose machte Marx bereits im 1867 erschienen 1. Band des „Kapitals“, wobei er dort einerseits auf den Konzentrationsprozess der Unternehmen und andererseits auf die von ihm erwartete Verelendung der Massen verweist. Diese Verelendung ließ ihn das Ende des Kapitalismus nicht nur passiv erwarten. Vielmehr engagierte er sich politisch dafür, angefangen mit dem „Kommunistischen Manifest“, das er 1848 zusammen mit Friedrich Engels verfasste.7 Der „tendenzielle Fall der Profitrate“ wird dagegen erst im posthum im Jahre 1894 erschienen 3. Band behandelt, zusammen mit entgegengesetzten Tendenzen. Seine Begründung hat die entscheidende Schwäche, dass sie die positive Wirkung steigender Arbeitsproduktivität auf die Profitrate vernachlässigt.8

Es blieb Keynes in seiner „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“9 vorbehalten, die Auswirkungen des „Zwiespalts“ zwischen Konsumgüterproduktion und Konsumgüternachfrage sowie der Entwicklung der Investitionen auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage genauer zu analysieren und damit eine neue Sichtweise auf die relative Bedeutung von Güterangebot und Güternachfrage in die Nationalökonomie einzubringen. Diese Sichtweise wurde vom Mainstream allerdings vielfach vehement abgelehnt, auch aus ideologischen Gründen, unter anderem, weil bei Keynes die private Tugend des Sparens zu einer gesamtwirtschaftlich nachteiligen Handlung wird. Marx hingegen hielt die Produktionssphäre in der Tradition von Adam Smith und Ricardo für die entscheidende Sphäre, während die Zirkulationssphäre von ihm als nachrangig eingestuft wurde, was für das von begrenzter Güterversorgung geprägte 19. Jahrhundert durchaus nachvollziehbar ist.

Gründe für Marx Fehlprognosen: institutionelle Veränderungen

Der Zusammenbruch des Kapitalismus, den Marx in absehbarer Zeit erwartete und vorhersagte, ist bis heute nicht eingetreten. Weshalb erwiesen sich seine Prognosen als falsch? Vier Gründe sind dafür ausschlaggebend:

  • Erstens setzte sich die von ihm behauptete Tendenz einer fallenden Profitrate nicht gegen die von ihm selbst ausführlich behandelten Gegentendenzen durch.
  • Zweitens erkämpften sich die Arbeiter in langen Kämpfen und politischen Auseinandersetzungen das Recht, sich zu Gewerkschaften zusammenzuschließen und für ihre Forderungen zu streiken. Dadurch konnten sie die Begrenzung ihrer Entlohnung auf das Existenzminimum überwinden und im großen und ganzen eine Orientierung ihrer Entlohnung an der Zunahme der Arbeitsproduktivität erreichen. Diese folgenreiche institutionelle Veränderung hatte Marx nicht vorhergesehen. Die Überwindung des „Zwiespalts“ wurde allerdings immer begleitet von den Klagen von Kapitalisten und von neoklassisch geprägten Nationalökonomen über zu hohe Löhne. Diese bezogen den „Doppelcharakter“ der Löhne, Kosten für das Unternehmen und Einkommen für den Arbeitnehmer zu sein, nicht in ihre Überlegungen ein und behaupteten mit Blick auf die fast immer bestehende Arbeitslosigkeit, die zu hohen Löhne seien deren Ursache und ihre weitere Erhöhung führe zu größerer Arbeitslosigkeit und zum Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit.
  • Drittens unterblieb die von Marx vermutlich erwartete zunehmende politische und wirtschaftliche Dominanz des Gegensatzes zwischen Arbeitern und Unternehmen, da die freien Berufe, die Handwerksbetriebe, die im öffentlichen Sektor Beschäftigten und die Bauern einen umfangreichen „Mittelstand“ außerhalb dieses Gegensatzes bilden und zumindest teilweise zu einer stabileren wirtschaftlichen Entwicklung beitragen.
  • Viertens trug zur Akzeptanz und zur Stabilisierung des kapitalistischen Systems bei, dass der Staat weitreichende Aufgaben übernahm; diese gingen weit über die von Marx ausführlich geschilderten Maßnahmen der britischen Fabrikgesetzgebung hinaus, mit der die Kinderarbeit und die Frauenarbeit im Bergbau eingeschränkt sowie generell die tägliche Arbeitszeit begrenzt wurde. Allerdings fehlte es – von Marx heftig kritisiert – an Kontrollen über deren Einhaltung, so wie heute die Einhaltung des Mindestlohns und der Schwarzarbeit sehr unzureichend kontrolliert wird. Einen großen Schritt zur Ausweitung des staatlich gesteuerten Sektors bedeuteten die Bismarckschen Sozialgesetze, mit denen für einen Teil der Arbeitnehmer eine obligatorische Krankenversicherung in Marx‘ Todesjahr 1883, eine Unfallversicherung im Jahr darauf sowie 1885 eine Alters- und Invalidenversicherung eingeführt wurde. Weitere Aufgaben übernahm der Staat im Bildungsbereich (vor allem durch die allgemeine Schulpflicht), die zu höheren Staatsausgaben führte, indem der Staat den Schulbesuch ganz oder teilweise selber finanzierte und von den Eltern weniger Schulgeld verlangte. Durch diese und viele andere Regelungen stieg das Verhältnis von Staatsausgaben zum Volkseinkommen in Deutschland in den 100 Jahren von 1872 bis 1971 von 18,5 % auf 41,0 %.10 Diese Ausweitung des öffentlichen Sektors dürfte nicht nur zur Akzeptanz des kapitalistischen Systems beigetragen haben, sondern auch zu einer größeren konjunkturellen Stabilität, vor allem dann, wenn die öffentliche Hand in Krisenzeiten bereit war, sich zu verschulden, statt zu versuchen, ihre sinkenden Einnahmen sogleich durch Kürzung ihrer Ausgaben oder Erhöhung ihrer Einnahmen auszugleichen.

Fortdauer der Krisenanfälligkeit

Vor Krisen ist das kapitalistische System dennoch nicht gefeit, wie die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 gezeigt hat. Diese wurde vom Finanzsektor ausgelöst, der sich – falsch, wenig oder gar nicht reguliert – etabliert und ungehemmt riesige Risiken aufgebaut hatte. Angelockt durch leichtfertige Gewinnversprechen suchten Unternehmen und private Haushalte nach rentierlichen Anlagen für ihre überschüssigen Finanzmittel; denn die Unternehmen waren und sind immer weniger bereit, ihre vor allem aufgrund eingeschränkten Wettbewerbs sehr hohen Gewinne vollständig zur Finanzierung von Sach­investitionen zu verwenden. Gleichzeitig ist es für die Bezieher hoher und höchster Einkommen praktisch unmöglich, ihre Einkommen vollständig für Konsumgüter auszugeben. Stattdessen legen sie ihre Ersparnisse in Wertpapieren an oder verfrachten sie in Steueroasen.

Dies verschärft das Problem, dass bei der herrschenden Verteilung der Einkommen auf die sozialen Gruppen und auf die einzelnen Personen immer häufiger weder der Konsum noch die Sachinvestitionen für eine genügend hohe Nachfrage nach Arbeit sorgen. Keynes hatte schon 1937 vor der drohenden Gefahr chronischer Unterbeschäftigung gewarnt und grundlegende Maßnahmen gefordert: „If capitalist society rejects a more equal distribution of incomes and the forces of banking and finance succeed in maintaining the rate of interest somewhere near the figure which ruled on the average during the nineteenth century …, then a chronic tendency towards the underemployment of resources must in the end sap and destroy that form of society.“11

1943 machte Keynes in einem Memorandum12 konkretere Vorschläge für die Zeit nach der Phase des Wiederaufbaus: „It will become necessary to encourage wise consumption and discourage saving, and to absorb some part of the unwarranted surplus by increased leisure, more holidays (which are a wonderfully good way of getting rid of money) and shorter hours.” Für die Verkürzung der Arbeitszeit setzte sich auch Marx ein, aber vor allem wegen der verheerenden Wirkung der damaligen Arbeitszeiten auf die Gesundheit und auf die Möglichkeiten der Lebensgestaltung.

Für Deutschland erscheinen diese Empfehlungen wenig aktuell, aber nur, weil wir das Problem unzureichender gesamtwirtschaftlicher Nachfrage auf Kosten anderer Staaten mittels unseres gewaltigen Überschusses in der Leistungsbilanz lösen.

Fazit

Die ungleiche Einkommensverteilung und ihre Wirkungen auf die Gesamtnachfrage nach Gütern schlagen eine Brücke von Marx zu Keynes. Marx‘ Prognose eines ständig zunehmenden „Zwiespalts“ hat sich zwar als falsch erwiesen, schärft aber den Blick für die Bedeutung gesellschaftlicher und politischer Prozesse, die institutionelle Regelungen grundlegend verändern können. Schon deshalb ist Marx aktuell.

  • 1 J. Schumpeter: Capitalism, Socialism and Democracy, New York 1942. Auf Deutsch: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 2. Aufl., München (Leo Lehner) 1950; sowie (generell zu Schumpeter) H. D. Kurz, R. Sturn: Schumpeter für Jederman. Von der Rastlosigkeit des Kapitalismus, FAZ-Buch, Frankfurt 2015.
  • 2 Für eine kenntnisreiche Darstellung der komplizierten und verwickelten Geschichte der Makroökonomie vgl. P. Spahn: Streit um die Makroökonomie. Theoriegeschichtliche Debatten von Wicksell bis Woodford, Marburg 2016.
  • 3 T. Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.
  • 4 D. Ricardo: On the Principles of Political Economy and Taxation, 1. Aufl., London 1817. Neuausgabe von P. Sraffa (Hrsg.): The Works and Correspondence of David Ricardo, Bd. I, Cambridge 1951. Auf Deutsch: H. D. Kurz, C. Gehrke (Hrsg.): Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, Marburg 1994.
  • 5 K. Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, 1. Aufl., Hamburg 1867. 4. Aufl. 1890. Wiederabgedruckt in Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23.
  • 6 K. Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, 3. Bd. herausgegeben von F. Engels, Hamburg 1894, S. 267. Wiederabgedruckt in Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 25.
  • 7 K. Marx, F. Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848. Wiederabgedruckt in Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 4.
  • 8 J. Kromphardt: Analysen und Leitbilder des Kapitalismus von Adam Smith bis zum Finanzkapitalismus, Marburg 2015.
  • 9 J. M. Keynes: The General Theory of Employment, Interest and Money, London 1936.
  • 10 Aus: E. Novotny: Der öffentliche Sektor. Einführung in die Finanzwissenschaft, 3. Aufl., Berlin 1996. Zitiert nach J. Kromphardt, a. a. O., S. 181.
  • 11 J. M. Keynes: Some Economic Consequences of a Declining Population, „Eugenics Review“, 1937. Wiederabgedruckt in: Collected Writings (CW), Vol. XIV: The General Theory and After, S. 132.
  • 12 J. M. Keynes: Memorandum: The Long-Term Problem of Full Employment, 1943, Collected Writings (CW), Vol. 27, S. 343.

Die Bedeutung von Karl Marx für das Verständnis der heutigen Wirtschaft

Hat Karl Marx der gegenwärtigen Welt noch etwas zu sagen? Ist er ökonomisch aktuell, ja angesichts der Krise von 2007 aktueller denn je, wie viele zumeist politische Beobachter sagen? Oder ist er eine Figur des 19. Jahrhunderts, geistes- und ideengeschichtlich durchaus von Interesse, auch als Individuum weiterhin von vielleicht nicht repräsentativer, aber doch kennzeichnender Bedeutung für sein Zeitalter, aber für unsere Gegenwart, die er nicht kennen konnte, letztlich belanglos?

Die in der letzten Zeit zwischen dem 150. Jubiläum des Erscheinens des ersten Bandes des „Kapitals“ und dem nun bevorstehenden 200. Geburtstag von Karl Marx veröffentlichten einschlägigen Beiträge sind da geteilter Auffassung; während die neueren Biographien Karl Marx doch recht konsequent historisieren,1 findet sich anderswo das wiederholte Bekenntnis zu Marx‘ Aktualität bzw. zur gegenwärtigen Bedeutung seiner großen Arbeiten,2 oder, zurückhaltender, ein Nachspüren von Marx‘ Gedankenwelt und ihrer heutigen Relevanz.3 Gedanken freilich, die, auch das wird man nüchtern konstatieren müssen, weder im 19. Jahrhundert intensiv gelesen wurden, weil sie entweder noch gar nicht vorlagen oder kaum verständlich waren, noch in der Gegenwart wirklich populär sind. Bezugspunkt sind zumeist jene Schriften, die Marx populär machten, die Bearbeitungen durch Friedrich Engels,4 die Zusammenfassungen von Karl Kautsky5 oder die Lehrschriften, die im 20. Jahrhundert aus der Sowjetunion und der DDR kommend leicht verfügbar geblieben sind.6

Kein konsistentes Werk

Über Marx wird daher weiterhin viel gemutmaßt, obwohl der Fortschritt der Arbeiten an der Marx-Engels-Gesamtausgabe mittlerweile einen guten Zugriff auf das Marx‘sche Oeuvre zulässt.7 Aber wie die hierauf fußende jüngste Marx-Biographie von Gareth Stedman Jones im Detail zeigt, offenbaren die jetzt erschlossenen Quellen weder ein konsistentes Werk noch einen konsistenten Denker, sondern zeigen eine sprunghafte, nicht immer originelle geistige Entwicklung und ein in jeder Hinsicht bruchstückhaft und unabgeschlossen gebliebenes Werk.8

Gerade die Reaktualisierungsversuche von Marx verdanken sich so mehr auch der Kritik der gegenwärtigen ökonomischen Verhältnisse und ihrer theoretischen Rationalisierung denn einer intensiven Auseinandersetzung mit seiner ökonomischen Analyse, die vielmehr überaus differenziert mit den vorliegenden Texten umgeht und klare, zumal klare politische Urteile gar nicht zulässt.9 Letztlich geht es den meisten Reaktualisierungen auch gar nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Karl Marx, sondern um die Aufrechterhaltung des kritischen Anspruchs gegenüber der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung und den Nachweis zumindest der grundsätzlichen Möglichkeit alternativer Ordnungsentwürfe, die die wirklichen oder vermeintlichen Probleme des Kapitalismus hinter sich lassen, wobei gerade der Bezug auf Karl Marx den Vorteil besitzt, den Schwerpunkt auf die Gegenwartskritik legen zu können, ohne allzu sehr durch Spekulationen auf die Wahrscheinlichkeit und Funktionsfähigkeit möglicher Alternativen festgelegt zu sein.10

Vergangene Reaktualisierungen

Die gegenwärtige Reaktualisierung von Marx ist denn auch historisch gesehen keineswegs die erste. Bereits in den 1970er Jahren gab es in der alten Bundesrepublik eine bemerkenswerte, umfängliche und vor allem facettenreiche Marx-Renaissance, die ihrerseits wiederum in vielerlei Hinsicht in der Tradition der frühen Frankfurter Schule aus den späten 1920er und den 1930er Jahren stand. Und auch die intensiven Debatten um die Frage der richtigen Strategiebildung der Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, in Deutschland zumeist als Revisionismusstreit bekannt,11 waren ja weniger Fragen des richtigen politischen Standpunkts, wie es vor allem die Kritiker des Renegaten Eduard Bernstein nicht müde wurden zu behaupten, sondern Auseinandersetzungen um eine angemessene Fortschreibung marxistischer Positionen unter den Bedingungen des frühen 20. Jahrhunderts, nachdem sich einige der Erwartungen und Prognosen, die Marx zugeschrieben wurden, gerade nicht erfüllt hatten.12

Überhaupt scheint es einen bemerkenswerten Rhythmus in den Reaktualisierungen zu geben, die einerseits auf die wiederkehrenden Krisen im Kapitalismus reagieren, andererseits die Tatsache verarbeiten müssen, dass bisher zumindest noch jede Krise nicht in den Abgrund, sondern in einen erneuten Aufschwung geführt hat.13 Entweder hatte Marx Recht und es kam darauf an, ihn trotz aller vermeintlichen Fehler und falschen Prognosen wieder zur Geltung zu bringen, oder er musste angesichts des Ausbleibens seiner Prognosen neu interpretiert werden. Der Gedanke, er könnte in vielen Dingen einfach unzutreffende Behauptungen aufgestellt haben oder seine Epigonen hätten ihn unzutreffend simplifiziert, war jedenfalls in der Welt seiner Anhänger tabuisiert. Und diese Welt war (und ist) angesichts der mit dem Marx’schen Werk vermeintlich verbundenen Erlösungshoffnung aus den sozialen und moralischen Abgründen der modernen Ökonomie keineswegs auf den Kreis seiner engen Gefolgsleute beschränkt; seine Botschaft strahlt weit darüber hinaus aus.14

Problematische Arbeitswertlehre

So ist Marx bis heute das menschgewordene Synonym für die Überwindung und die Überwindbarkeit des Kapitalismus geblieben, und so wird er auch erinnert bzw. inszeniert. Dabei sind seine ökonomischen Analysen längst widerlegt bzw. als zeitgebunden dekonstruiert worden.15 Dies gilt namentlich für drei wesentliche Bausteine seiner Theorie, nämlich die These von der Verelendung der Arbeiterschaft, die These von der tendenziell sinkenden Profitrate sowie die Vorstellung von der Zentralisation und Konzentration des Kapitals als Bedingung der Entstehung eines vermeintlichen Monopol- oder Finanzkapitalismus.16

Zu manchen Themen, die heute überaus aktuell sind, hat sich Marx nicht geäußert; namentlich spielen Geld, Kredit und Finanzmärkte bei ihm eine nachgeordnete Rolle, sodass sich zur Analyse der gegenwärtigen Realität des globalen Kapitalismus bei Marx wenig finden lässt, etwa zur Preisbildung auf den Finanzmärkten. Aber das ist ihm, der die ökonomische Realität seit den 1880er Jahren nicht kennen konnte, kaum vorzuwerfen. Eher schon ist sein Festhalten an der Arbeitswertlehre zu kritisieren, doch handelt es sich hierbei um das Kernstück seiner Konzeption, mit dem er die Behauptung von der konstituierenden Bedeutung der Ausbeutung für den modernen Kapitalismus glaubte wissenschaftlich nachweisen zu können. Dass er hierauf nicht verzichten wollte, ist biographisch verständlich, unterschied ihn doch sein vermeintlicher Nachweis der notwendigen Ausbeutung über den Doppelcharakter der menschlichen Arbeitskraft und durch sie möglich werdende Mehrwertproduktion von den konkurrierenden Strömungen, des Bakunin, Proudhon und der übrigen Frühsozialisten, die die soziale Ungleichheit und das Elend der Arbeiter auf Kapitalistenwillkür, Bankenbetrug und unmoralische Handlungen zurückzuführen schienen. Marx‘ wissenschaftlicher Sozialismus hatte diese Achillesferse vermeintlich nicht; die Ausbeutung der Arbeiterschaft war kein vermeidbarer Fehler, sondern Grundmerkmal der kapitalistischen Warenproduktion, die insofern auch nicht reformfähig war, sondern abgeschafft werden musste.

Die Arbeitswertlehre stürzte Marx wohl auch in jene ungelösten, ja unlösbaren Fragen, die heute die Bezeichnung „Transformationsproblem“ haben und ihn an der Fertigstellung großer Teile der Manuskripte des „Kapitals“ hinderten, von allen anderen Problemen, die sich in der bald zwanzigjährigen Entstehungsphase des „Kapitals“ zeigten, noch ganz abgesehen.17 Wie sich die objektiven (Tausch-)Werte in die volatilen Preise verwandeln und wie wiederum sich die Preise zu den Werten verhalten, war keineswegs leicht zu zeigen, auch wenn mit dem Wertgesetz, nach dem die Summe aller Preise gleich der Summe aller Werte ist, zumindest eine Art Formelkompromiss gefunden schien, der aber in vielem, etwa der Preisbildung auf den Finanzmärkten, nicht nur aussagelos, sondern bei einer Reihe von Gütern überhaupt nicht vorstellbar ist und schließlich auch konzeptionell nicht wirklich gezeigt werden kann. Es spricht viel dafür, dass Marx dies bewusst war, und er deshalb seine Manuskripte nicht für den Druck freigab; jedenfalls ließ er daran, dass er seine Arbeiten nicht für abgeschlossen hielt, keinen Zweifel aufkommen.18

Nun ist die Arbeitswertlehre heute nichts, was außerhalb der ökonomischen Dogmengeschichte noch wirklich interessiert.19 Die Ausbeutungsvorwürfe der Gegenwart kommen in der Regel auch nicht arbeitswerttheoretisch begründet daher, sondern werden vielmehr auf ungleichen Tausch, Gewalt und Raub sowie Übervorteilung insbesondere im Kontext der sogenannten globalen Ungleichheit zurückgeführt.20 Ob diese Vorwürfe zutreffen, ist hier nicht zu diskutieren; mit Marx jedenfalls hat das wenig zu tun, der zum Ärger vieler derzeitiger postkolonialer Positionen den Kolonialismus als Fortschrittsbringer in eine im Kern erstarrte Welt ansah.21 Aber auch seine oben genannten drei Thesen sind ökonomisch nur schwer zu halten. Die These von der Verelendung der Arbeiterschaft hat ihren Kern weniger in malthusianischen oder ricardianischen Vorstellungen von der Begrenztheit der Lohnfonds oder der lohndrückenden Konkurrenz der Arbeiter untereinander, wenn Marx auch den Gedanken von der Aufrechterhaltung einer industriellen Reservearmee zur Niedrighaltung der Löhne durchaus attraktiv fand.

Für Marx war die Verelendung schlicht Ausdruck des konkurrenzbedingten Zwangs zur Optimierung der Produktion von absolutem Mehrwert als Voraussetzung, sich gegen die Wettbewerber behaupten zu können. Der Konkurrenzkampf zwinge zur Verbilligung der Produktion, zur Senkung des Produktionspreises als Voraussetzung, die eigene Produktion am Markt verkaufen und den Mehrwert realisieren zu können, also Profit zu machen. In der damit gegebenen Beschränktheit des Konsums, der ja wesentlich von den Lohneinkommen bestimmt war, sah Marx denn auch die eigentliche Achillesferse des Kapitalismus: „Der letztliche Grund aller Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“22

Die Geschichte des Kapitalismus hat diese Annahme von Marx entschieden widerlegt. Was in der Zeit des Pauperismus während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch evident erschien und selbst in den Jahren bis etwa 1880 noch einiges für sich hatte, entsprach danach bei steigenden Löhnen und sinkenden Arbeitszeiten keineswegs mehr der Realität, insbesondere nicht in den Zentren der kapitalistischen Entwicklung. Das Epizentrum der kapitalistischen Dynamik, die USA, zeichnete sich durch hohe Löhne und einen entsprechenden Lebensstandard aus, der auch in den europäischen Zentren punktuell erreicht wurde. Selbst im eher armen Deutschland aber besserte sich die Lage der Arbeiterschaft derart, dass der revolutionäre Marxismus an Zugkraft verlor und die Arbeiterbewegung sich auf das Erkämpfen von Reformen diesseits der Systemschwelle einstellte. Die aufgebrachte linke Kritik am Revisionismus suchte diese Besserstellung der Arbeiterschaft mit der Ausbeutung der Kolonien zu begründen; der Imperialismus lasse einige Krümel seiner Raubzüge zugunsten der Arbeiterschaft in den Zentren vom Tisch fallen, was aber an der Sache, nämlich der Verelendung der Arbeiterschaft, nichts ändere. Aber das waren alles bereits Anpassungsmanöver, jedenfalls nicht mehr Marx‘ originäres Denken, das die absolute Verelendung der Arbeiterschaft als zwingend annahm, ja voraussetzte. Was Marx, durch die sozialen Erfahrungen seiner Zeit geprägt, nicht sehen konnte und wollte, war die Tatsache, dass der Kapitalismus soziale Ungleichheit voraussetzt und laufend reproduziert, aber keineswegs Armut!23

Tendenzieller Fall der Profitrate

Die verelendungstheoretischen Annahmen haben sich als unzutreffend erwiesen. Ebenso erging es der These vom tendenziellen Fall der Profitrate, deren arbeitswerttheoretische Voraussetzungen (organische Zusammensetzung des Kapitals, Produktion von absolutem und relativem Mehrwert) ohnehin nicht zutreffen, die aber auch den technischen Wandel völlig unterschätzte bzw. ohne Beleg einfach unterstellte, der Kapitalismus selbst würde diesen technischen Wandel entscheidend behindern, die „Produktionsverhältnisse“ würden im Lauf der Zeit zu einer „Fessel“ der „Produktivkraftentfaltung“. Selbst unterstellt, bei eingeführten und erprobten Produktionen würde die Konkurrenz schließlich die Preise auf Produktionskostenniveau drücken und damit die realisierbaren Profite tendenziell verschwinden lassen, so muss dies für alle innovativen Bereiche der Wirtschaft nicht gelten. Solange eine Wirtschaftsordnung innovativ ist, droht ihr der prophezeite Untergang durch Selbsterstickung gerade nicht, sondern der Verwertungsprozess setzt stets neu ein. Die Ironie war dann ja auch, dass nicht die kapitalistische Wirtschaftsordnung technologisch stagnierte und schließlich daran regelrecht erstickte, sondern die sozialistische Alternative, die diese Probleme zumindest konzeptionell überhaupt nicht haben durfte.24

Die Unterschätzung des technischen und ökonomischen Strukturwandels hing auch mit der dritten problematischen Annahme zusammen, nämlich der unterstellten Konzentration und Zentralisation des Kapitals, die Marx‘ Anhängern später verschiedene theoretische Weiterentwicklungen (Monopolkapitalismus, Finanzkapital, staatsmonopolistischer Kapitalismus etc.) als plausibel erscheinen ließen. Doch war die Vorstellung der Dominanz weniger „Monopole“ selbst in dem begrenzten Rahmen der einzelnen Volkswirtschaften schon empirisch kaum zu begründen, wollte man nicht, wie es indes um 1900 herum Mode war, die Bildung einzelner Großkonzerne zu einer allgemeinen Gesetzlichkeit des Kapitalismus erklären; sie ignorierte überdies vollständig die Tatsache, dass der technische Wandel innerhalb relativ kurzer Zeit das gesamte Aussehen einer Volkswirtschaft dramatisch verändern kann. Erschienen die schwerindustriellen Konzerne der Jahre vor 1914 als die mächtigen Monopolbildungen schlechthin, so befanden sie sich in der Zwischenkriegszeit in einer Dauerkrise und räumten schließlich nach einer kurzen Blüte in Krieg und Wiederaufbau seit den 1960er Jahren weitgehend das Feld.

Konzernbildungen sind mithin im Strukturwandel keineswegs das letzte Wort; als dominantes Modell sind sie ökonomisch ohnehin ausgeschlossen, da Technik und Märkte häufig derartige Konzentrationen gar nicht zulassen, und wie Ronald H. Coase schon in den 1930er Jahren zeigte, Größenwachstum ökonomisch ja auch nur begrenzt eine sinnvolle Strategie sein kann. Sein Argument, dass ab einer bestimmten Organisationsgröße die internen Transaktionskosten rasch prohibitiv wachsen würden,25 hat sich jedenfalls in den umfassenden Restrukturierungskonzepten der 1970er und 1980er Jahre gezeigt, in denen ein Großteil der alten Konzerne bzw. der zu groß gewordenen Konglomerate aufgegeben werden musste. Damals begann der Untergang der alten Deutschland AG, aber auch das Abschmelzen bzw. Verschwinden von einstmals tragenden US-amerikanischen Großkonzernen. Das hieß und heißt nicht, dass keine neuen Großstrukturen entstehen können und auch entstanden sind; doch ist es unmöglich, hier eine allgemeine Gesetzmäßigkeit anzunehmen, wie das früher fast selbstverständlich war.

Fazit

Die moderne Ökonomie ist viel wandelbarer, flexibler und gestaltbarer als Karl Marx das annahm und als es seine Anhänger festschreiben wollten und festschrieben. Die Marx’sche Kapitalismusvorstellung und damit auch die seiner Epigonen war von Anfang an als „selbsterfüllende Prophezeiung“ angelegt, der Kapitalismus konnte gar nichts anderes sein als eine Art „Krankheit zum Tode“; seine Beschreibung war daher zugleich auch stets seine Pathologie. Das schien so evident, und das scheint auch der heute sich zumindest teilweise auf Marx berufenden Kapitalismuskritik so offenkundig, dass das gar nicht mehr hinterfragt wird, sondern als Ausgangspunkt dient.

Das führt zu empirisch unhaltbaren Aussagen und, vor allem, zu großen Illusionen über die Möglichkeit ökonomischer Alternativen, die zumindest bisher alle enttäuschten, ohne von geringerem sozialen Elend oder weniger ökologischer Verheerung als der verdammte Kapitalismus geprägt zu sein. Was Marx der Gegenwart daher zu sagen hat, ist doch sehr begrenzt. Er hat die innere Expansionsdynamik des Kapitalismus richtig gesehen und die mit ihr verbundene Krisendynamik zum Thema gemacht, das alles jedoch in einen analytischen und geschichtsphilosophischen Rahmen gestellt, der nicht nur unzutreffend war, sondern heute kaum mehr nachvollziehbar erscheint. So verführend Erlösungshoffnungen sein mögen, so gefährlich sind sie auch, wie die Geschichte des realen Sozialismus gezeigt hat. Harmlos jedenfalls ist das nicht.

  • 1 G. Stedman Jones: Karl Marx. Die Biographie, Frankfurt a. M. 2017; J. Sperber: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013. Für einen schnellen, informativen Überblick siehe jetzt W. Nippel: Karl Marx, München 2018.
  • 2 Etwa D. Dath: Hinschauen statt Glauben. Ein Erfahrungsbericht aus der Langstrecken-Marxlektüre; U. Herrmann: „Das Kapital“ und seine Bedeutung; H.-W. Sinn: Was Marx uns heute noch zu sagen hat, alle in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 67. Jg. (2017), H. 19-20, S. 17-22, S. 23-28, S. 29-33.
  • 3 T. Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx, München 2017.
  • 4 T. Hunt: Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand, Berlin 2012.
  • 5 K. Kautsky: Karl Marx‘ ökonomische Lehren, Stuttgart 1912.
  • 6 C. Morina: Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte, München 2017.
  • 7 Vgl. neben dem Prospekt der Marx-Engels-Gesamtausgabe die Beiträge im Marx-Engels-Jahrbuch 2012/13.
  • 8 G. Stedman Jones, a. a. O.
  • 9 Vgl. beispielhaft B. Schefold: Making Sense of Marxian Crisis Theory in the Light of the History of Economic Thought: Real and Monetary Factors, in: Marx-Engels-Jahrbuch 2015/16, Berlin 2016, S. 28-44.
  • 10 Bemerkenswert in diesem Zusammenhang allerdings P. Mason: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016, der die Marx zugeschriebenen Urteile über den Kapitalismus teilt, aber davon ausgeht, dass im digitalen Zeitalter die Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft so weit zurückgehen wird, dass Mehrwertproduktion gegenstandslos wird, eine recht kühne Hoffnung.
  • 11 H. Grebing: Der Revisionismus. Von Bernstein bis zum Prager Frühling, München 1977.
  • 12 C. Morina, a. a. O., S. 199 ff.; H. de Man: Zur Psychologie des Sozialismus, Jena 1927.
  • 13 W. Plumpe: Konjunkturen der Kapitalismuskritik, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 66. Jg. (2012), H. 757, S. 523-529.
  • 14 A. Künzli: Mein und Dein. Zur Ideengeschichte der Eigentumsfeindschaft, Köln 1986.
  • 15 Generell M. Berger: Karl Marx, Paderborn 2008, S. 22-33.
  • 16 Hierzu und zu den einzelnen Stellen im Kapital vgl. M. Berger: Karl Marx: „Das Kapital“, Paderborn 2013.
  • 17 G. Stedman Jones, a. a. O., Kapitel 10.
  • 18 Ebenda, S. 505-515; J. A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Bern 1946, S. 43-79.
  • 19 B. Schefold (Hrsg.): Ökonomische Klassik im Umbruch, Theoretische Aufsätze von David Ricardo, Alfred Marshall, Vladimir K. Dimitriev und Piero Sraffa, Frankfurt a. M. 1986.
  • 20 S. Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, München 2016.
  • 21 G. Stedman Jones, a. a. O., Kap. 10.
  • 22 Marx-Engels-Werke, Bd. 25, S. 501.
  • 23 Hierzu aktuell A. Deaton: Der große Ausbruch, Stuttgart 2015 (zuerst engl. 2013).
  • 24 Hierzu J. Kornai: Das sozialistische System. Die politische Ökonomie des Kommunismus, Baden-Baden 1995 (zuerst engl. 1992).
  • 25 R. H. Coase: The Nature of the Firm, in: R. H. Coase: The Firm, the Market, and the Law, Chicago 1992.

Marx aktuell?

Marx aktuell? Es scheint so. Die Tabelle 1 zeigt, wie Marx in der Wirtschaftskrise und darüber hinaus die Diskussion beherrschte. Der Corriere della Sera ist ein liberales Blatt, La Republicca eher links und die Frankfurter Allgemeine Zeitung hierzulande bekannt. Verglichen wurde die Häufigkeit der Nennungen von Marx während fünf Jahren mit den Nennungen von Keynes und mit den Nennungen des jeweils vielleicht bekanntesten liberalen Ökonomen, Ludwig Erhard in Deutschland und Luigi Einaudi in Italien. Wie man sieht, dominiert Marx das Feld weitaus, mit dem merkwürdigen Unterschied, dass in Italien die Nennungen mit dem zeitlichen Abstand zum Ausbruch der Wirtschaftskrise beim Corriere sehr deutlich, bei der Repubblica schwächer zurückgehen und dafür Keynes und Einaudi Boden gewinnen, während sich Marx in der Frankfurter Allgemeine Zeitung besser hält.

Kunststück, wird man vielleicht sagen, denn Marx war nicht nur Ökonom, sondern auch Philosoph, Historiker und eine Figur der Weltgeschichte. Aber auch Keynes war vielseitig: Politiker, Essayist, Kunstsammler, Theatergründer und Mitglied des Bloomsbury Kreises. Einaudi war italienischer Staatspräsident, Erhard Wirtschaftsminister. Und die Bekanntheit von Marx in seinen anderen Funktionen gründet doch wohl nicht zuletzt auf dem wissenschaftlichen Rang, den er als Verfasser von „Das Kapital, Erster Band“ erwarb.

Mit diesem Werk habe ich mich seit gut fünfzig Jahren immer wieder beschäftigt und Überraschungen damit erlebt. Seine künstlerische Gestaltung und die Konsistenz imponierten mir in jungen Jahren ungeheuer, so sehr der Totalitarismus erschreckte, dann kamen Jahre einer kritischen Auseinandersetzung. Die Keynesianer in Cambridge hatten von Marx gelernt, aber nur übernommen, was sich in ihre Sprache der Ökonomie oder Sozialgeschichte übersetzen ließ. Joan Robinson ließ einmal durchblicken, dass sie das Buch als „Work of Art“ bewundere, aber wehe, wenn man die logischen Fehler in der ökonomischen Analyse, die sie bei Marx entdeckt zu haben glaubte, wegzuerklären oder auch nur zu entschuldigen suchte. Derweil beschäftigten sich die Anhänger der Kritischen Theorie in Frankfurt mit der Marx‘schen Wertformenlehre. Als ich einen Abend lang mit Sraffa darüber sprach, beschied er mich, man müsse darüber nachdenken. Als ich sie Maurice Dobb, dem berühmtesten marxistischen Ökonomen Großbritanniens, zu erklären versuchte, gestand er mit der höflichen Offenheit, für die er berühmt war, diesen Denkzusammenhang bei Marx noch nie beobachtet zu haben.

Tabelle 1
Das Gewicht von Marx im Verhältnis zu anderen Ökonomen1
in %
Zitierter Ökonom 2008 2009 2010 2011 2012 2013
Corriere della Sera
Marx 52,0 56,7 53,9 46,4 42,3 38,7
Einaudi 18,5 11,2 17,2 30,8 33,1 35,7
Keynes 20,0 23,2 17,2 15,9 14,2 15,8
La Repubblica
Marx 64,2 60,6 68,6 58,6 51,9 53,7
Keynes 16,7 20,0 13,0 17,8 21,4 18,4
Einaudi 10,4 14,5 14,0 21,3 17,2 18,9
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Marx 58,4 48,0 57,1 60,3 60,2 52,5
Erhard 23,9 23,3 19,1 16,2 13,5 20,0
Keynes 10,6 17,0 15,8 16,8 17,3 18,3

1 Häufigkeit der Nennung in den genannten Zeitungen.

Quelle: M. Poettinger: Introduction, in: A. Varsori, M. Poettinger (Hrsg.): Economic Crisis and New Nationalisms. German Political Economy as Perceived by European Partners, in: Euroclio, Nr. 84, Brüssel 2014, S. 22.

Sogar bei Paul Samuelson am Massachusetts Institute of Technology habe ich einmal einen Vortrag darüber gehalten. Eine Woche später meinte er recht freundlich, es sei ja interessant gewesen, aber man habe nichts davon behalten können. Als ich aber nach Frankfurt kam, konnte ich mich vor den Studenten, die sich dafür interessierten, kaum retten, nur wurde der Status dieser Theorie zwischen ihrer Verurteilung als Verletzung der modernen Logik und der Einschätzung Adornos, der, einer mündlichen Tradition zufolge, gesagt haben soll, sie sei der „geheime Schatz der Kritischen Theorie“, nie geklärt. Ich meine, dass eine mittlere Position einzunehmen möglich ist. Determiniert erscheint der Mensch bei Marx selbst im Tausch und solcher Illusion wie dem Warenfetischismus ausgeliefert, obwohl wir doch gerade den Markt als einen Ort freien Handelns erleben, das wir zu durchschauen glauben, und zwar nicht nur als Intellektuelle, nicht nur als Leser dieser Zeitschrift, sondern alle. An der materialistischen Bestimmtheit ist etwas dran, aber sie reicht nicht überall hin.

Das Transformationsproblem

Die berühmteste Kontroverse kreist um das Transformationsproblem. Nach der Arbeitswertlehre entspringt der Gewinn dem Mehrwert, den der Arbeiter schafft, weil er mehr arbeitet, als der Arbeit entspricht, die man zur Herstellung der Lohngüter benötigt. Es ist also das Besondere an der Ware Arbeitskraft, dass sie mehr Wert produziert, als sie, in Arbeit gerechnet, kostet. Die Differenz, der Mehrwert, ist nach Marx der Ausbeutung der „Ware Arbeitskraft“ geschuldet. Der Arbeiter, der sich vom Kapitalisten einstellen lässt, verkauft diesem seine Arbeitskraft für einen bestimmten Zeitraum, während der Kapitalist sie ausbeuten kann.

Nun folgt das berühmte Transformationsproblem. Der der Ausbeutung der Arbeitskraft entspringende Mehrwert ist proportional zu der in einem Unternehmen geleisteten Arbeit, aber der Gewinn muss nicht nur proportional zum Kapital sein, das im Vorschuss für die Löhne steckt, sondern zum Gesamtkapital. Dieses schließt auch Rohmaterial, Abnutzung der Maschinen etc. ein. Die Waren werden nicht entsprechend den in ihnen enthaltenen Arbeitszeiten verkauft, sondern zu Preisen, die einer allgemeinen Profitrate entsprechen. Was bleibt von der so eindrücklichen Vorstellung des Ausbeutungsprozesses übrig, wenn alles in Preisen berechnet wird? Marx stellte die Frage schon im Ersten Band und ließ die Leser perplex zurück. Würde eine Berechnung in Preisen nicht alle Ergebnisse umwerfen, die er vorher unter der Annahme, dass sich die Waren zu ihren Werten (Arbeitswerten) tauschen, erzielt hatte?

Da es ihm nicht mehr gelang, seine Entwürfe zum Zweiten und Dritten Band herauszubringen, musste Engels nach seinem Tod die Aufgabe übernehmen; er hat sie mit Bravour gelöst. Als er den Zweiten Band veröffentlichte, forderte er das Publikum heraus, die Lösung des Rätsels zu erraten, bevor der Dritte Band herauskäme. Als dieser dann erschien, hatte niemand die Marx‘sche Lösung ganz erfasst, die im Versuch eines Beweises bestand, die Gewinne, die von den Kapitalisten insgesamt gemacht wurden, als Umverteilung allen Mehrwerts zu interpretieren. Marx sprach triumphierend vom „Kommunismus des Kapitals“. Alle zusammen beuteten die Arbeiter aus und teilten sich die Beute. So sollte der Klassenkampf belegt werden: Jede Klasse hält gegen die andere aufgrund eines nur halb gewussten, aber objektiv gegebenen Interesses zusammen. Zu dieser besonderen Form der Transformation von Werten in Preise gehörte auch, dass die Profitrate, wenn man in Werten maß, mit der in Preisen gemessenen Profitrate übereinstimmte. Nun hatte Marx in den ersten beiden Bänden die kapitalistische Akkumulation aufgrund der Hypothese einer Übereinstimmung von Arbeitswerten und Preisen beschrieben und dabei Argumente zusammengetragen, die beweisen sollten, dass die Profitrate langfristig trotz Gegentendenzen fallen müsste. Diese Argumentation ließ sich also dank der Übereinstimmung der Profitraten auf das System der Preise übertragen.

Aber nun stellte sich schon bald nach dem Erscheinen des Dritten Bandes heraus, dass die Transformation im allgemeinen nicht so durchgeführt werden konnte, dass Mehrwertsumme und Profitsumme übereinstimmten, und über Form und Bedeutung dieses Einwands gab es einen anhaltenden akademischen Streit. Als für die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) der Dritte Band in der Form, wie ihn Engels publiziert hatte, mit modernen kritischen Kommentaren neu herausgegeben werden sollte, wurde ich beauftragt, eine nicht editorische, sondern, ausnahmsweise, eine wissenschaftlich-kritische Einleitung dazu zu schreiben.1 Damit war mir von den Herausgebern die Aufgabe gestellt, vor allem die westliche Marxdiskussion zu berücksichtigen, die nun allerdings auf den Mangel in der Marx’schen Behandlung des Transformationsproblems immer wieder hingewiesen hatte. Das bereitete den Marxologen, die dieses analytische Problem gern verdrängen, Kummer, und es erschienen Rezensionen, die mich mehr mit moralischen und politischen als mit analytischen Argumenten, also unsachlich, angriffen.

Seit das geschah, ist wieder eine Wende eingetreten. Von einer anderen Fragestellung herkommend, gelang es mir zu zeigen, dass die Marx’sche Transformation doch richtig ist, wenn die Struktur der Wirtschaft einen zufälligen Charakter aufweist, den man mathematisch durch sogenannte Zufallsmatrizen beschreiben kann.2 Tatsächlich hat Marx, wie mir scheint, noch ohne dieses erst im 21. Jahrhundert entwickelte mathematische Instrument zu kennen, das Ergebnis ein Stück weit vorweggenommen, indem er nämlich meinte, dass sich die Abweichungen der Preise von den Werten „im Durchschnitt“ aufheben müssten. Wieder ist also die Wahrheit in der Mitte. Marx hat in großartiger Weise ökonomisch-analytische Intuition bewiesen, sodass sein Buch auch heute noch theoretische Überraschungen birgt. Allerdings ist seine Theorie im Fall des Transformationsproblems nur streng richtig, soweit die reale Ökonomie die geforderten Zufallseigenschaften aufweist, und das ist nur in mäßig guter Näherung der Fall.

Die Entlohnung des Kapitals

Wo steckt die Aktualität hinter diesem scheinbar akademischen Diskurs? Das zeigt sich im Vergleich mit anderen Theorien. Böhm-Bawerk hat sehr klar auf die Herausforderung durch Marx geantwortet. Wie schon Ricardo vor ihm, setzt Marx voraus, dass mit einer bestimmten modernen, also für die Analyse gegebenen Technik produziert wird. Vom erwirtschafteten Gesamtprodukt werden die Mittel zur Reproduktion, also Rohmaterialien und Maschinenersatz abgezogen, und wenn von diesem Nettoprodukt auch der Reallohn weggenommen wird, bleibt ein Mehrprodukt übrig, das sich in Mehrwert und dann in Profit verwandelt. Als bloße Restgröße scheint der Mehrwert einer ungerechten Ausbeutung geschuldet zu sein. Aber hat nicht auch das Kapital das Recht auf eine angemessene Entlohnung? Ist nicht das Mehrprodukt nur deshalb zustande gekommen, weil Kapitalbesitzer in der Hoffnung auf ein künftiges Einkommen bereit waren, vorübergehend auf ihr Kapital zu verzichten, um es Unternehmern bis zum Konsum aus der Rückzahlung zur Verfügung zu stellen? Wenn außer dem Anspruch der Arbeiter auch noch der Anspruch der Kapitalisten erfüllt werden soll, ist die Restgröße, der Überschuss, vielleicht zu viel oder zu wenig. Es muss ein weiterer Freiheitsgrad gefunden werden, damit auch die gerechten Ansprüche des Kapitals auf eine angemessene Verzinsung befriedigt werden können, und das geschieht, indem Produktionsprozesse zur Wahl stehen und die Technik sich anpasst, sodass das Mehrprodukt selbst zur Variablen wird. Mit steigendem Zins wird mehr Kapital angeboten und weniger nachgefragt und je nach Kapitaleinsatz mit einer mehr oder weniger kapitalintensiven Technik produziert, sodass es einen Gleichgewichtszins gibt, der beide Seiten zufriedenstellt.

Aber dieses Kapitalmarktgleichgewicht stellt sich als ein schwieriges Konzept heraus, vor allem auf der Nachfrageseite. Ob eine vernünftige Kapitalnachfragefunktion definiert werden kann, ist ein notorisches Problem der modernen Kapitaltheorie. Viel einfacher ist die Infragestellung, die von Keynes herkam. Nach ihm ist zwar richtig, dass die Investitionsbereitschaft zurückgeht, wenn die Zinsen steigen, aber sie hängt doch vor allem und im Wesentlichen von Erwartungen ab, die mit der allgemeinen wirtschaftlichen Lage stark schwanken können.

Marx schreibt über Kapitalakkumulation, als hätte er diese modernen Debatten gekannt und sei von der radikalen keynesianischen Position beeinflusst: Investition und Kapitalakkumulation erscheinen bei ihm als „Jagd“ nach dem Mehrwert. Sie wird nicht nach allgemeinen Formeln als regelmäßiger, von einem „natürlichen“ Zinssatz gesteuerter Prozess beschrieben, sondern als historischer Vorgang verfolgt, unter dem Gesichtspunkt der Ausbeutung. Bei bestehenden Produktionsmethoden wird erst einmal gestritten, wie lange überhaupt gearbeitet werden soll. Das war der Kampf um die Länge des Arbeitstags oder, heute, um seine Verkürzung, um Urlaub, Teilarbeit usf. Den technischen Fortschritt, die Veränderung der Produktionsmethoden, behandelte Marx nicht als regelmäßige Steigerung der Produktivität, sondern in der Hauptsache als bedingt durch den Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Das Kapital versucht, Arbeit einzusparen, nicht nur der Kosten wegen, sondern um die Arbeit besser zu disziplinieren. So wird die Arbeit organisiert und geteilt und zunehmend durch Maschinen ersetzt, an deren Rhythmus sich Fabrikarbeiter anpassen müssen, wo früher einmal selbständige Handwerker tätig waren. Wie Marx die Akkumulation darstellt, ist das Wachstum meist zu schwach, um die ganze Arbeitskraft eines Landes zu absorbieren, wenn die Arbeitsproduktivität durch Arbeitsteilung und Mechanisierung zunimmt. Immer wieder bildet sich neu eine „Reservearmee“ von Arbeitslosen, deren Elend er eindrücklich schildert. Es kommt zu Krisen, weil die Profitrate fällt oder weil im Aufschwung mehr in neue Maschinen investiert wird, als später bei langsamer wachsendem Konsum gebraucht werden kann.

Das Finanzkapital

Sobald die Akkumulation erlahmt, kann sie in eine katastrophale Krise umschlagen, weil die Unternehmer und die Firmen im Aufschwung Kredite aufgenommen haben, die sie nun nicht mehr so leicht zurückzahlen können, und mit den ersten Zahlungsausfällen entwickelt sich eine „Kreditpanik“, weil alle ihre Schuldner zur Rückzahlung in gutem Gelde drängen und selbst als Borger zunehmend in Verlegenheit sind, die eigenen Schulden zu begleichen. Im Aufschwung schwillt also die Summe der Geldsubstitute – zur Zeit von Marx hauptsächlich Handelswechsel –, aber ihre Massierung erreicht einen Höhepunkt erst, wenn die Akkumulation des realen Kapitals sich schon abgeschwächt hat. Am Ende sind diese Papiere – Marx spricht von „fiktivem Kapital“ – großenteils nur mehr wenig wert. Vorräte und ganze Betriebe werden den Banken verpfändet. Der Prozess führt zu einer Besitzkonzentration nicht nur, weil schwächere industrielle Betriebe von stärkeren aufgekauft werden, wie Marx das im Ersten Band schildert, sondern auch, weil nun das Finanzkapital eine wachsende Macht über das Industrielle erlangt, und das ist ein Thema des Dritten Bandes. Marx bezweifelt, dass das Finanzkapital genug von der Produktion versteht, und er hält es für unmöglich, dass die Zentralbank – bei ihm die Bank von England – durch Stützungsmaßnahmen den Absturz in eine tiefe Krise verhindern kann. Schließlich war Marx überzeugt, dass die umlaufenden Geldmittel letzten Endes in Gold als das eigentliche Geld einlösbar sein müssten, was aber nicht möglich war – dazu war die Goldreserve viel zu klein. Vom Gold würde sich der Kapitalismus nie lösen können.

Hier mussten Korrekturen einsetzen. Ganz unabhängig von der Marx’schen Herausforderung beschrieb Bagehot, wie die Bank von England die Krise dämpfen konnte: durch Stützung noch solventer Banken in Liquiditätsschwierigkeiten vermittels Darlehen gegen gute Sicherheiten und zu hohen Zinsen. An eine Bekämpfung der Krisenursache, nämlich der Überakkumulation, wurde noch nicht gedacht. Andererseits gab es aber auch noch nicht die Vorstellung einer reinen Finanzkrise, die, wie bei Minsky, darauf beruht, dass das Finanzsystem aus sich heraus unsicherer wird, weil im Aufschwung immer gewagtere Kreditverbindungen aufgebaut werden. Die revisionistische Sozialdemokratie (Hilferding) erkannte, dass es im Interesse des Finanzkapitals selbst lag, den Einfluss auf die Industrie rationell auszugestalten. Aber noch Hilferding konnte sich nicht vorstellen, dass man sich vom Golde würde lösen können.

Marx aktuell?

Marx wollte beweisen, dass der Kapitalismus unabwendbar auf einen Systemwechsel zutrieb und hat damit auf Systemveränderung gerichtete Strömungen der Arbeiterbewegung und aggressive Lohnpolitik ermutigt, die viel Schaden angerichtet haben. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten Italiens sind teilweise mit der Militanz einer marxistisch orientierten Arbeiterbewegung in Italien in den 1970er Jahren zu erklären. Aber die besseren von Marx beeinflussten Ökonomen haben immer gesehen, dass eine vernünftigere und zurückhaltendere Lohnpolitik im langfristigen Interesse gerade der Arbeiter selbst liegt. Unter den Bedingungen flüssiger Akkumulation haben hohe Löhne zwar den doppelten Vorteil, den Absatz der Produktion zu stützen und durch die gestiegenen Kosten die Unternehmen zur Rationalisierung zu zwingen und damit die Produktivität zu erhöhen. Aber Übertreibungen sind verhängnisvoll. Es ist schwierig, die richtige Grenze zwischen destruktiver und wachstumsfördernder Lohnpolitik anzugeben; Post-Keynesianer, wie früher Nicholas Kaldor oder heute Amit Bhaduri haben sich darum bemüht. So entstand ein Marx modifizierendes Bild des Wachstums gemäß der sogenannten stilisierten Fakten: Die Löhne steigen gleichmäßig mit der Produktivität, der Kapitalbestand steigt mit der Produktion, ohne dass die Profitrate fällt, und das Wachstum der Löhne folgt der Produktivität.

Heute besteht die Herausforderung Pikettys3 darin, dieses Bild der stilisierten Fakten weniger durch neue theoretische Einsichten als durch eine Masse empirischen Materials infrage zu stellen. Im Grunde hat er das Problem der fallenden Profitrate wieder zur Diskussion gestellt, auch wenn sein Instrumentarium mehr der Neoklassik als der Marx’schen Theorie entstammt. Was daraus wird, bleibt abzuwarten, und es kann jedenfalls hier nicht näher besprochen werden. Deutlich aber sehen wir, dass Marx nicht ohne Grund ein vielgenannter Ökonom geblieben ist.

  • 1 B. Schefold: Einführung. Der dritte Band: Herkunft und Wirkung, in: Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, 3. Bd., herausgegeben von F. Engels, Hamburg 1894, Berlin 2004; K. Marx, F. Engels: Gesamtausgabe. Zweite Abteilung: „Das Kapital“ und Vorarbeiten, Bd. 15. Apparat, S. 871-910.
  • 2 B. Schefold: Profits equal surplus value on average and the significance of this result for the Marxian theory of accumulation. Being a new contribution to Engels’ Prize Essay Competition, based on random matrices and on manuscripts recently published in the MEGA for the first time, in: Cambridge Journal of Economics, 40. Jg. (2016), H. 1, S. 165-199.
  • 3 T. Piketty: Le capital au XXIe siecle, Paris 2013.

Title: Karl Marx – Still Topical Today?

Abstract: On the occasion of his 200th birthday, Karl Marx is very popular again. He seems to be quoted in newspapers more often than even Keynes and great liberal economists. The authors agree that he should be taken seriously as a classic author. There are some fundamental pillars of his thinking: He fought for individual freedom and was a pioneer of systemic thinking. Marx was a self-taught economist and a powerfully eloquent demagogue. But all attempts to modernise his economic theory ultimately fail because of their mistakes and contradictions. He analysed an economy whose labour market was characterised by unrestricted competition. His prediction of a final collapse of the capitalist system failed due to far-reaching institutional changes, especially in the labour market. Today Karl Marx must be seen rather as an extremely interesting figure in the intellectual history of the 19th century. His ideas are only of limited use for the analysis of the economic present. Bertram Schefold judges him less stringently, arguing he is topical not only as a historical figure, but also as a theoretical economist and originator of still valuable analytical ideas. Jürgen Kromphardt points out that apart from his dialectical approach, the distribution of income between classes and its consequences are a research area where Marx’s explanations and failures are actually still worthy of consideration.

JEL Classification: B14, B24, B51


DOI: 10.1007/s10273-018-2281-z

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