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Die Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe ist in Deutschland bereits seit Mitte 2018 rückläufig und seither um etwa 5 % gesunken. Damit hat die Schwäche im Verarbeitenden Gewerbe wesentlich zur konjunkturellen Abkühlung in Deutschland beigetragen. Im selben Zeitraum hat sich auch die Dynamik in den Dienstleistungsbranchen verringert. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit die Abschwächung im Verarbeitenden Gewerbe auf die Dienstleistungsbranchen ausgestrahlt hat und welche zusätzlichen gesamtwirtschaftlichen Effekte sich dadurch ergeben haben könnten.

Zu den Dienstleistungsbranchen, die besonders enge Lieferverflechtungen mit dem Verarbeitenden Gewerbe aufweisen, zählen die Unternehmensdienstleister (Wirtschaftszweige M bis N). Die weitere Definition von unternehmensnahen Dienstleistungen, wie sie beispielsweise von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verwandt wird, bezieht zusätzlich die Bereiche „Handel, Verkehr, Gastgewerbe“ (G bis I), „Information und Kommunikation“ (J), „Finanz- und Versicherungsdienstleistungen“ (K) und „Sonstige Dienstleister“ (R bis T) mit ein. Die unternehmensnahen Dienstleistungen haben eine recht hohe Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. Ihr Anteil an der gesamten Bruttowertschöpfung lag 2018 bei knapp 40 %, wobei auf die Unternehmensdienstleister 11,5 % entfielen. Zudem arbeiten dort knapp 50 % der Erwerbstätigen (Unternehmensdienstleister: 14 %).

Die Bedeutung des Verarbeitenden Gewerbes als Abnehmer für die Dienstleistungsbranchen ergibt sich vor allem aus dem Anteil der eigenen Bruttowertschöpfung, die die Dienstleister für die Produktion von (direkten und indirekten) Vorleistungen für das Verarbeitende Gewerbe einsetzen. Ausweislich der World-Input-Output-Tabellen im Jahr 2014 – jüngere Daten liegen nicht vor – machten diese Vorleistungen bei den Unternehmensdienstleistern knapp 18 % ihrer Bruttowertschöpfung aus; bei den unternehmensnahen Dienstleistern insgesamt waren es 13 %. Die Bedeutung des Verarbeitenden Gewerbes für die anderen (insbesondere öffentlichen) Dienstleister ist mit einem Anteil von lediglich 3 % ihrer Bruttowertschöpfung dagegen gering.

Ein Rückgang des weltweiten Absatzes von Endprodukten des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland um 1 % wäre entsprechend mit einer geringeren Bruttowertschöpfung der Unternehmensdienstleister von 0,18 % und der unternehmensnahen Dienstleister insgesamt von 0,13 % verbunden, während die Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe um rund 0,53 % sinken würde (vgl. Abbildung 1, Szenario A). Bei einem Rückgang des Absatzes von industriellen Fertigprodukten von rund 9 % (dies würde in etwa zu der beobachteten niedrigeren Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe von 5 % führen) ergäben sich entsprechend Rückgänge von 1,7 % (Unternehmensdienstleister) bzw. 1,2 % (unternehmensnahe Dienstleistungen). Dies verstärkt den konjunkturellen Impuls einer Schwäche im Verarbeitenden Gewerbe erheblich: Entsprechend dem Anteil der unternehmensnahen Dienstleistungen an der gesamten Bruttowertschöpfung würde das Bruttoinlandsprodukt um weitere etwa 0,5 % gesenkt, zusätzlich zu dem Effekt von 1,1 %, der sich durch die geringere Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe (Anteil 2018: 22,7 %) ergibt.

Abbildung 1
Auswirkungen eines Absatzrückgangs von Endprodukten des Verarbeitenden Gewerbes

Quelle: World Input-Output Database 2014; eigene Berechnungen.

Ein Rückgang des Absatzes von Endprodukten des Verarbeitenden Gewerbes weltweit (statt nur in Deutschland) würde zusätzlich die (direkten und indirekten) Exporte der Dienstleister beeinträchtigen. Sinkt der Absatz von Endprodukten des Verarbeitenden Gewerbes in allen Ländern um 1 %, würde sich die Bruttowertschöpfung der Unternehmensdienstleister in Deutschland um 0,26 % und die der weiteren unternehmensnahen Dienstleister um 0,2 % verringern (vgl. Abbildung 1, Szenario B). Zudem würde die Bruttowertschöpfung im inländischen Verarbeitenden Gewerbe um 0,7 % zurückgehen. Aufgrund geringerer ausländischer Nachfrage nach Vorleistungsgütern ist der Effekt hier größer als im vorangegangenen Szenario. Bei einem Rückgang des globalen Absatzes industrieller Fertigprodukte von rund 7 % (dies würde die Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland um 5 % verringern) ergäben sich aufseiten der Dienstleister etwas größere Einbußen von 1,9 % (Unternehmensdienstleister) bzw. 1,4 % (unternehmensnahe Dienstleistungen). Das Bruttoinlandsprodukt würde zusätzlich um etwa 0,6 % gesenkt.

Zum Vergleich: Eine weltweite Absatzschwäche des Verarbeitenden Gewerbes hinterließe auch im übrigen Euroraum deutliche Spuren, wenn auch geringere als in Deutschland. So wären die Auswirkungen sowohl im Verarbeitenden Gewerbe als auch bei den unternehmensnahen Dienstleistern etwas geringer als in Deutschland, weil der restliche Euroraum weniger exportorientiert ist: Bei einem weltweiten Absatzrückgang um 1 % würde die Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes um mehr als 0,6 % und bei den unternehmensnahen Dienstleistern um reichlich 0,1 % sinken (vgl. Abbildung 1). Gesamtwirtschaftlich wäre der Effekt zudem deshalb geringer als in Deutschland, weil das Verarbeitende Gewerbe einen geringeren Anteil an der gesamten Wertschöpfung ausmacht. Von einer rein auf das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland bezogenen Absatzschwäche (Szenario A) wäre der übrige Euroraum hingegen kaum betroffen.

Freilich stellen diese Schätzungen nur eine grobe Richtschnur dar und sagen wenig über die zeitliche Abfolge dieser Wirkungszusammenhänge aus. So können die Auswirkungen auf die Dienstleistungsbranchen durch Auftragsbestände abgefedert werden. Auch können sie durch andere Entwicklungen überlagert werden – beispielsweise war die Binnenkonjunktur in Deutschland noch lange Zeit robust, als die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe bereits deutlich zurückging, sodass sich in einigen Branchen alternative Absatzchancen ergeben haben können. Schließlich ist der unmittelbare Produktionszusammenhang zwischen unternehmensnahen Dienstleistern und dem Verarbeitenden Gewerbe innerhalb der Dienstleister unterschiedlich stark ausgeprägt. So hängen Transportleistungen unmittelbar mit der Produktion im Verarbeitenden Gewerbe zusammen, während andere Leistungen erst nach einiger Zeit beeinflusst werden dürften. Manche Dienstleistungen, etwa im Bereich Beratung oder Marketing, könnten sogar vermehrt nachgefragt werden, wenn der Absatz der Industrieunternehmen zurückgeht.

Abbildung 2
Nachfragemangel als produktionsbehindernder Faktor

Quelle: Europäische Kommission; eigene Berechnungen.

Heterogene Entwicklungen zeigen sich auch in Umfrageindikatoren zum Nachfragemangel als produktionsbehinderndem Faktor. Bei den unternehmensnahen Dienstleistern insgesamt hat der Anteil der Unternehmen, die angaben, dass ein Mangel an Nachfrage ihre Produktion einschränke, in den vergangenen Quartalen sukzessive zugenommen (vgl. Abbildung 2). In einigen Branchen, wie beim Transport, ist dieser Anteil aber deutlich stärker gestiegen als in anderen, wie bei den Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten.

Alles im allem dürfte die Industrierezession bereits sichtbare Spuren in der Dienstleistungsbranche hinterlassen haben. Selbst wenn sich die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe allmählich stabilisieren sollte, wird die zuletzt schwache Industriekonjunktur wohl vorerst weiterhin auf die unternehmensnahen Dienstleistungen ausstrahlen, die somit auch in den kommenden Quartalen keine große Dynamik entfalten dürften.

© Der/die Autor(en) 2020

Open Access: Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de) veröffentlicht.

Open Access wird durch die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft gefördert.


DOI: 10.1007/s10273-020-2565-y