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Seit einem Jahrzehnt befindet sich das Gründungsgeschehen in Deutschland auf historisch niedrigem Niveau. Während es zwischen 1995 und 2004 im jährlichen Durchschnitt noch gut 240.000 Neugründungen gab, sind es in den darauffolgenden Jahren mit rund 165.000 Neugründungen deutlich weniger. Eine Erklärung ist der demografische Wandel, aber auch der Fach- und Arbeitskräftemangel, der für potenzielle Gründer:innen andere Beschäftigungsformen attraktiv macht. Der deutliche Einbruch im Jahr 2022 hat aber andere Ursachen. Nach den Turbulenzen der Coronapandemie führte der Krieg in der Ukraine zu Unsicherheit, was einen starken Rückgang an Unternehmens­neugründungen in vielen Branchen zur Folge hatte. Insbesondere der Rückgang im Hightechbereich ist deutlich zu beobachten. Der Energiesektor dagegen sticht durch eine zunehmende Dynamik hervor.

Neue Unternehmen sind ein wesentlicher Treiber von Innovation sowie regionaler und nationaler Wettbewerbsfähigkeit. In Zeiten der Transformation zu einer digitalen und nachhaltigeren Wirtschaft kommt Neugründungen eine besondere Bedeutung zu. Zum einen tragen sie zur Adoption und Verbreitung von neuen Technologien bei und zum anderen üben sie Innovationsdruck auf die etablierten Unternehmen aus. Allerdings ist die Gründungsneigung häufig anfällig für ökonomische Unsicherheit und die Entwicklung des Arbeitsmarktes. Makroökonomische Entwicklungen spiegeln sich daher häufig auch in der Gründungsdynamik wider. Die vergangenen Jahre waren in dieser Hinsicht eine besondere Heraus­forderung. Die Corona­pandemie und der Krieg in der Ukraine mit ihren Folgen für internationale Wirtschafts­­beziehungen und Lieferketten hatten eine Periode hoher Inflationsraten sowie steigender Energiekosten zur Folge. Von diesen weitreichenden Aus­wirkungen waren auch viele existierende Unternehmen betroffen. Einige so sehr, dass sie schließen mussten.

Die Zahlen des Mannheimer Unternehmenspanels (MUP) zeigen, dass das Gründungs­geschehen im Jahr 2022 stark durch den Ukrainekrieg geprägt war. Neugründungen gingen um 12 % zurück (vgl. Abbildung 1; vgl. auch Füner und Gottschalk, 2023) und liegen damit deutlich unter dem Wert aus dem Jahr 2021. Auch liegt die Zahl der Gründungen mit rund 150.000 Eintragungen erstmals deutlich unter dem Niveau der Vorjahre.

Abbildung 1
Gründungsgeschehen in Deutschland 1995 bis 2022
Gründungsgeschehen in Deutschland 1995 bis 2022

Quelle: Mannheimer Unternehmenspanel (MUP), 2023, Berechnungen des ZEW.

Das MUP ist eine umfassende Unternehmensdatenbank, die auf Unternehmens­infor­mationen der Kredit­auskunftei Creditreform basiert und die Grundgesamtheit der Unternehmen in Deutschland abbildet. Dabei werden auch Kleinstunternehmen und selbstständige Freiberufler:innen erfasst. Die statistische Einheit des MUP ist das rechtlich selbstständige Unternehmen. Creditreform registriert alle Unternehmen in Deutschland, die in einem „ausreichenden Maße“ wirtschaftsaktiv sind. Um die Unternehmens­daten für die Nutzung als analysefähiges Panel und insbesondere für die Bestimmung der jährlichen Gründungs- und Schließungszahlen nutzbar zu machen, durchlaufen die Daten am ZEW verschiedene Aufbereitungsprozesse. Die Datenbank enthält derzeit Informationen zu gut 9 Mio. Unternehmen, von denen aktuell rund 3 Mio. wirtschaftsaktiv sind.

Für den Standort Deutschland ist vor allem der Rückgang an Gründungen im verarbeitenden Gewerbe ein Warnsignal (vgl. Abbildung 2). Aber Not macht auch erfinderisch. Im Jahr 2022 ist ein starker Anstieg an Neugründungen vor allem im Energiesektor zu erkennen – ein Trend, der sich aber bereits seit 2018 abzeichnet. Hier muss sich aber noch zeigen, was sich hinter den Betrieben genau verbirgt. Tiefergehende Analysen müssen klären, ob es sich hauptsächlich um die Registrierung neuer Erzeugungsanlagen (beispielsweise Windräder, die einzeln als Gewerbe gemeldet werden) oder auch um innovative Geschäftsmodelle rund um das Thema Energie handelt. Für den Rückgang der Gründungen spielten unter anderem hohe Energiekosten und ein allgemeiner Kostendruck durch die hohe Inflation eine wesentliche Rolle. Unterbrochene oder verzögerte Lieferketten führten zudem zu Engpässen bei Materialen und Vorprodukten und es herrscht Unsicherheit, ob und wann eine anhaltende Verbesserung der wirtschaftlichen Situation eintreten wird. Auch in den Jahren zuvor, die noch durch die Coronapandemie geprägt waren, ging die Zahl der Neugründungen im Baugewerbe und in den konsumnahen Dienstleistungen zurück. Diese Branchen waren durch die Coronapandemie besonders stark betroffen.

Abbildung 2
Gründungsaktivität im Branchenvergleich als Indexreihe

2015 = 100

Gründungsaktivität im Branchenvergleich als Indexreihe

Quelle: Mannheimer Unternehmenspanel (MUP), 2023, Berechnungen des ZEW.

Die wirtschaftliche Entwicklung ging auch an bestehenden Unternehmen nicht spurlos vorüber. Auswertungen zu den Schließungszahlen ehemals wirtschaftsaktiver Unternehmen zeigen, dass diese zwar nur leicht um 0,3 % gegenüber dem Vorjahr angestiegen sind, doch überstiegen im Jahr 2022 zum ersten Mal seit 2019 die Schließungen (rund 154.000) die Gründungen. Damit ist der Unternehmensbestand in Deutschland im Jahr 2022 spürbar gesunken (Gottschalk, 2023).

Schließungen umfassen hierbei nicht nur Insolvenzen. In den Daten des MUP können darüber hinaus zwei weitere Arten von Unternehmens­schließungen identifiziert werden. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, die das Fortführen des Unternehmens langfristig unrentabel machen, gescheiterte Unternehmensnachfolge, Tod, Alter, Krankheit und andere private Gründe können auch zur Geschäftsaufgabe – ohne Insolvenzverfahren – führen. Abmeldungen aus dem Handelsregister sind dabei ein wesentlicher Indikator. Ergänzt durch Recherchen erfasst das MUP auch solche Unternehmensaustritte. Die dritte Art von Unternehmens­schließungen ist die Einstellung der wirtschaftlichen Aktivität, ohne dass dies meldepflichtig ist. Dies ist in der Regel bei sehr kleinen Unternehmen der Fall, für die Creditreform aus Mangel an Nachfragen kaum oder unregelmäßig Erkundigungen einholt. Auf Basis der langen Zeitreihe des MUP kann aber gemessen werden, ob weiterhin Einträge zu einem Unternehmen erfasst werden. Ist dies über einen Zeitraum von drei Jahren nicht der Fall, gilt ein Unternehmen als nicht mehr wirtschaftsaktiv (Gottschalk, 2023).

Der Anstieg der Schließungszahlen, die alle drei Schließungsarten umfassen, betrifft in den aktuellsten Jahren auch forschungs- und wissensintensive Wirtschaftszweige. So wurden im Jahr 2022 260 Chemie- bzw. Pharmaunternehmen und fast 980 Elektro- und Maschinenbau­unternehmen geschlossen. Die Schließungszahlen übersteigen daher in diesen Bereichen im Jahr 2022 die Gründungszahlen besonders deutlich. Insgesamt betrachtet ist die Zahl der Schließungen noch auf einem historisch niedrigen Niveau (Gottschalk, 2023). Allerdings deutet die Gründungs- und Schließungsdynamik auf einen Strukturwandel in der deutschen Wirtschaft hin. Das Herbstgutachten des Sachverständigen­rates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung stellte ebenfalls fest, dass Deutschland Aufholbedarf beim Innovations- und Digitalisierungsgrad von Unternehmen und der öffentlichen Infrastruktur hat, der hohe Bürokratisierungsgrad aber die Investitionsanreize bremst (SVR Wirtschaft, 2023).

Ein Vergleich mit der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008/2009, in der es ebenfalls einen starken Anstieg der Unternehmensinsolvenzen und anderen Schließungen gab, zeigt aber, dass die aktuelle Situation – bisher – vergleichsweise glimpflich ist. Im Jahr 2009 war die Zahl der Schließungen gegenüber 2008 um ganze 13 % gestiegen. Die aktuelle Dynamik zeichnet sich daher stärker durch eine Gründungsschwäche als durch eine Austrittswelle aus.

Diese Entwicklung ist aus Sicht der deutschen Innovationsleistung besorgniserregend, da es sich um potenziell besonders forschungsintensive Unternehmen handelt. Ihr Verschwinden kann daher die Innovationsleistung Deutschlands beeinträchtigen. Eine mangelnde Dynamik in solchen Branchen, die für die Transformationsprozesse hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft aber nötig wäre, wirft die Frage auf, wie Anreize für Gründungen gesetzt werden können. Die Gründungsförderung durch verschiedene Kanäle und Formen hat sich in der Vergangenheit gerade für Erstgründer:innen bewährt (Hottenrott und Richstein, 2020). Gründungsförderung kann ganz unterschiedliche Formen annehmen: vom Gründerstipendium bis hin zur Bereitstellung von Krediten. Auch die Bereitstellung von günstigen Büroflächen, IT-Infrastruktur und juristischer Beratung kann neu gegründeten Unternehmen über Anfangshürden hinweghelfen und sogar Wissensaustausch und Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen stärken (Roche et al., 2024). Die Forschung zur Teilnahme an verschiedenen Förder­pro­grammen zeigt auch, dass die Gründer:innen, die öffentliche Förderung nutzen, keineswegs weniger unternehmerisch-orientiert sind, sondern eher mehr Innovations- und Wachstumsorientierung aufweisen (Chapman und Hottenrott, 2023). Die aktuelle Forschung zeigt aber auch, dass Seriengründer:innen einen zunehmenden Anteil des Gründungsgeschehens ausmachen (Füner et al., 2023).Diese gelten als besonders innovationsstark (Gottschalk et al., 2017), was Hoffnung macht. Auch bei der Anwendung digitaler Technologien gibt es Fortschritte. Eine wachsende Zahl an neu gegründeten Unternehmen nutzt systematische Analysen großer Datenmengen zur Unterstützung von Management­entscheidungen (Rodepeter et al., 2023). Zudem konzentriert sich das Gründungs­geschehen innovativer Branchen zunehmend in Ballungsräumen sowie in Gegenden, die explizit auf Grün­dungs­för­derung durch Inkubatoren und andere Aktivitäten setzen (Füner et al., 2023). In einigen Regionen wie München, Berlin, Frankfurt oder Köln ist im Gegensatz zu vielen anderen Standorten von der Gründungsflaute wenig zu spüren. Trotz mobilem Arbeiten und digitaler Kommunikation sind die Agglo­merations­kräfte stark, die die Gründer:innen in die Metropolen ziehen.

Einige Branchen zeigen sich aber auch widerstandsfähig. In manchen Wirtschafts­zweigen gingen die Schließungszahlen sogar zurück. Hier stechen vor allem der Handel und die konsumnahen Dienstleistungen hervor. In diesen Wirtschaftszweigen wurden 2020 und 2021 deutlich weniger Schließungen registriert als in den Vor­jahren, was mutmaßlich auf die umfangreichen Wirtschaftshilfen zur Abmilderung der Folgen der Coronapandemie zurückzuführen ist. Auch der Fahrzeugbau zeigt sich robust. Es bleibt daher abzuwarten, ob das Jahr 2023 in einigen Branchen wieder eine Trendwende bringt und ob sich die positive Entwicklung im Energiesektor fortsetzt.

Literatur

Chapman, G. und H. Hottenrott (2023), Founder Personality and Start-up Subsidies, Industry and Innovation, DOI: 10.1080/13662716.2023.2243235.

Füner, L. und S. Gottschalk (2023), JUNGE UNTERNEHMEN, 23(11).

Füner, L., M. Berger, J. Bersch und H. Hottenrott (2023), Local Networks and New Business Formation, ZEW Discussion Paper, 23-067.

Gottschalk, S. (2023), Schließungsreport, Creditreform, ZEW, Dezember.

Gottschalk, S., F. J. Green und B. Müller (2017), The Impact of Habitual Entrepreneurial Experience on new Firm Closure Outcomes, Small Business Economics, 48, 303-321.

Hottenrott, H. und R. Richstein (2020), Start-up subsidies: Does the policy instrument matter?, Research Policy, 49(1).

Roche, M. P., A. Oettl und C. Catalini (2024), Proximate (Co-) Working: Knowledge Spillovers and Social Interactions, Management Science, (im Erscheinen).

Rodepeter, E., C. Gschnaidtner und H. Hottenrott (2023), Big Data and Start-up Performance, ZEW Discussion Paper, 23-061.

SVR Wirtschaft (2023), Wachstumsschwäche überwinden – in die Zukunft investieren, Jahresgutachten 2023/24.

Title:Start-up Activity in Germany

Abstract:The number of start-ups in Germany has been at a historically low level for a decade. While there was an annual average of 240,000 new start-ups between 1995 and 2004, the number has fallen significantly in the following years to around 165,000. One explanation is demographic change, but another is the shortage of skilled workers and labour, which makes other forms of employment attractive for potential founders. However, the significant slump in 2022 has other causes. After the turbulence of the coronavirus pandemic, the war in Ukraine led to uncertainty, which resulted in a sharp decline in the number of start-ups in many sectors. The decline in the high-tech sector is particularly noticeable. The energy sector, on the other hand, stands out due to its increasing dynamism.

© Der/die Autor:in 2024

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DOI: 10.2478/wd-2024-0019