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Chronik der Kriegsfinanzen

Die erste amerikanische Kriegsanleihe ist nach einer Reutermeldung um 50 % überzeichnet worden. Der aufgelegte Betrag von 2 Milliarden ist um 1035,2 Mill. $ überschritten. Ob es zur Zuteilung dieses Überschusses kommt, darf bezweifelt werden; der Prospekt jedenfalls schließt eine Zuteilung über den aufgelegten Betrag aus. 2 Milliarden sollen auf die Stadt New-York entfallen. Die amerikanischen Berichte stimmen darin überein, daß das Publikum sich bis Anfang Juni von der Zeichnung ferngehalten hat. Ob die besseren Ergebnisse der allerletzten Zeichnungstage auf besondere Agitation oder auf Manipulationen der Banken zurückzuführen sind, kann noch nicht entschieden werden. Die Bundes-Reserve-Banken haben ihren Mitgliederbanken Geld zu 3 1/2 % zur Verfügung gestellt, um die selbst 3 1/2 prozentige Anleihe zu kaufen oder zu beleihen. Die New-Yorker Clearing-Banken weisen am 23. Juni eine Vermehrung der Anlagen um 112,3 Mill. $ auf. Ihr Barvorrat ist um 53 Mill. $, ihr Depositenbestand 139,2 Mill. $ vermindert, während sich ihr Guthaben bei den Bundes-Reserve-Banken um 18,9 Mill. $ erhöht hat. Bisher hatten die Anlagen und die Depositen sich stets parallel bewegt und hatten fast gleich große Zahlen aufgewiesen. Jetzt hat sich eine Spannung um 300 Mill. $ herausgebildet: die Anlagen betragen 3,9 Milliarden, die Depositen 3,6 Milliarden.

Einzelangaben über den Status der Bundes-Reserve-Banken liegen nur für Mitte Mai vor. Am 18. 5. betrug bei der Gesamtheit der Banken der Darlehensbestand 274 Mill. $ gegen 168,0 Mill. $ Ende März. Die Anlagen verteilen sich wie folgt:

Tabelle 1
Verteilung der Anlagen
Wechsel 145,0
U. S. Bonds 36,4
U. S. Schatzwechsel 23,3
Schwebende Schulden des Schatzamts 54,7
Städtische Anleihen 14,6
274,0

Nur etwa die Hälfte der Anlagen entfällt also auf Warenwechsel, der Rest auf Anlagen, die nicht geeignet sind, als Basis einer gesunden Notenemission zu dienen. An Noten der Bundes-Reserve-Banken befinden sich im Umlauf 446,5 Mill. $, an Noten der Bundes-Reserve-Agenten 478,9 Mill. $. Die Banken weisen einen eigenen Goldbestand von 541 Mill. $ auf. Von den Noten der „Agenten“ sind 264,6 Mill. $ durch Gold gedeckt. Außerdem erscheint in den sehr undurchsichtigen Ausweis ein Posten „Barbestand bei Agenten“ in Höhe von 448,3 Mill. $, der jenen Betrag vermutlich einschließt.

Das Schatzamt weist am 24. Mai ein Defizit von 80,4 Mill. $ auf. An die Verbündeten waren 457,5 Mill. $ geliehen. Die schwebenden Verbindlichkeiten des Schatzamts (certificates of indebtedness) hatten die Höhe von 518,2 Mill. $ erreicht. Das Kriegs-Budget sah ursprünglich neue Steuern im Betrage von 1800 Mill. $ vor; später scheint eine Erhöhung um 445 Mill. $ beschlossen zu sein. Die Nachrichten über das endgültige Schicksal dieser Vorlagen im Parlament stehen noch aus. Die Vorlagen sahen vor: eine allgemeine Zollerhöhung um 10 % und Belegung auch der Waren der Freiliste mit einem 10 proz. Wertzoll, Erhöhung der Einkommensteuer, der Kriegsgewinn- und der Korporationssteuer, Steuern auf geistige Getränke, Tabak, Lustbarkeiten, Frachtbriefe, Fahrkarten, Pipe-Lines, Musikinstrumente, Juwelen, Automobile, Vergnügungs-Yachten, Urkunden, Telephon, Porti, Grundstücksverkäufe, kosmetische Mittel. Die Einkommensteuer soll bei den Einkommen über 1 Mill. $ auf 45 % steigen. Daß durch eine plötzliche Anspannung der Steuerkräfte um 8–9 Milliarden ℳ die Neigung und Fähigkeit zur Zeichnung von Kriegsanleihen nicht gefördert werden kann, auch wenn den Zeichnern Befreiung von direkten Staats- und Bundessteuern zugesichert wird, liegt auf der Hand. Man diskutiert denn auch bereits die Erhöhung des Zinsfußes bei der nächsten Emission. Ein solcher Schritt würde aber nur möglich sein, wenn man sich entschließt, das Anleihe-Gesetz vom 24. April abzuändern. Denn dieses sieht vor, daß auch die nächsten 3 Milliarden nur mit einer Verzinsung von 3 1/2 % ausgestattet und zum Parikurse begeben werden dürfen.

Der Geldmarkt bleibt angespannt. Der Satz für Handelswechsel ist nicht bekannt. Ende Mai stand er für Prima-Diskonten bei einem Satz für tägliches Geld von 2 1/2 % auf 4 3/4–5 %. Die privaten Emissionen waren im Mai mit 48,3 Mill. $ fast auf den sehr niedrigen Stand des Novembers 1914 angelangt. Von südamerikanischen Anleihe-Begebungen sind nur 2,4 Mill. $ 6 % bolivianische Bonds, deren Ertrag zu Eisenbahnbauzwecken dienen soll, zu erwähnen, die von einer Bankgruppe übernommen sind. Nach einer anderen Meldung sind die Bonds mit einer Verzinsung von 6 1/2 % ausgestattet. Als Übernehmerin wird die Gruppe der Equitable Trust Co. genannt.

Die finanzielle Lage Englands wird durch den Satz der „Financial News“: above all the heavy rate of national expenditure sind hs on markets gekennzeichnet. Die täglichen Kriegskosten Die nach Bonar Laws Mitteilung auf 7884 Mill. £ angelangt. kurz amerikanischen Kredite, die die Rückzahlung der privaten habe ristigen Vorschüsse in Höhe von 10 Mill. £ möglich gemacht sprich, können die Sorge nicht beheben. Einige Linderung ver-gütept man sich von der Herabsetzung der Zinssätze. Man ver-der d den Banken nicht mehr 4 1/2, sondern nur 4 % auf Mittel, die Hera Regierung zur Verfügung gestellt werden, und erwägt weitere sind bsetzungen. Die Wochen-Submissionen von Schatzwechseln aufgegeben, nachdem die letzte trotz des „geringen“ Betrages von Bege 25 Mill. £ ein so ungünstiges Ergebnis gehabt hat, wie die bung von 40 Mill. £ in der ersten Juniwoche: die Mindest-sätze betrugen £ 98.15.9 1/2 für Dreimonatswechsel, £ 97.11/10 für Sech smonatswechsel und £ 95.2/6 1/4 für Jahreswechsel. Nach dem letzten Fiskalbericht standen Mitte Juni 614 580 000 £ Scha zwechsel aus. Rechnet man dazu die Exchequer Bonds und die schwebenden Verbindlichkeiten, so scheint die Notwendigkeit einer neuen Konsolidierungsanleihe sehr dringlich zu sein. Etwas verärgert stellt die Times fest, daß der Kurs der 4 1/2 proz. Anleihe, die mit dem Konvertierungsrecht ausgestattet ist, fast den Kurs erreicht hat, auf den die 5 proz. Anleihe gesunken ist. Dieses sonderbare Phänomen läßt keine andere Deutung zu, als daß die Börse annimmt, die nächste Kriegsanleihe werde, entgegen den Versicherungen des Schatzkanzlers, zu günstigeren Bedingungen ausgegeben werden als die letzte.

In der Woche bis zum 16. Juni fiel die Reinausgabe auf 32,5 Mill. £. Da an Kriegsanleihe-Einzahlungen noch 30,6 Mill. £ eingingen (insgesamt sind jetzt 941 476 710 £ eingezahlt), war es möglich, 24,5 Mill. £ an Aushilfs-Krediten zurückzuzahlen. Der Ertrag der Geldbeschaffung war kläglich: Exchequer Bonds 2,6 Mill. £ (in der Vorwoche 5,2), Schatzwechsel 16,1 Mill. £ (28,9), Kriegs-Spar-Zertifikate 900 000 £ (700 000), „andere Kredite“ 300 000 £ (31,5 Mill. £). Die Steuereinnahme betrug 8,3 Mill. £ (7,1); davon entfallen 4,2 Mill. £ auf die Kriegssteuer, die bisher insgesamt 76 365 000 £ erbracht hat.

Die Bank von England weist am 21. Juni eine Vermehrung der Anlagen um 7,2 Mill. £ auf. Die privaten Guthaben sind um 3,4 Mill. £ verringert, das Staatsguthaben um 0,4, der Barvorrat um 1,3 Mill. £ erhöht. Der Betrag ausstehenden Staatspapiergeldes beläuft sich auf 144 Mill. £ Schatzamtsnoten und 16,5 Mill. £ Zertifikate.

Die indische Anleihe schließt mit einem Zeichnungsergebnis von 26,3 Mill. £ ab.

Bei der Bank von Frankreich sind nach dem dritten Juni-Ausweis die Vorschüsse an Verbündete um 35 Mill. Frs gestiegen. Die Vorschüsse an den Staat werden unverändert mit 10,8 Milliarden, der Notenumlauf, um 15,9 Mill. Frs verringert, mit 19,8 Milliarden angegeben.

In Japan wird eine 6 %ige Anleihe Frankreichs in Höhe von 50 Mill. Yen aufgelegt. Die Anleihe ist nach drei Jahren zu pari rückzahlbar. Vielleicht hängt ihre Emission mit den Bestrebungen zusammen, die Goldausfuhr aus den Vereinigten Staaten nach Japan zu unterbinden.

Zu den Steuereingängen im Mai ist noch nachzutragen, daß der Gesamtbetrag von 360 Mill. Frs zwar gegen Mai 1916 mehr von 68,7, gegen den gleichen Monat eines normalen Jahres dagegen nur ein Mehr von 47 Mill. Frs aufweist. Auf die Zollerhöhung von 1916 entfallen 19,6 Mill. auf die Vermehrung der Zolleinnahmen, der Rest auf indirekte Steuern, Mobiliar-, Kolonialwaren- und Kaffeeersatz-, Zucker- und Salzsteuern. Im Vergleich mit einem Normaljahr geht die Steigerung der Zolleinnahmen mit 64,2 Mill. über die Vermehrung des Gesamtertrages hinaus; die übrigen Steuern haben also Mindererträge gebracht.

Die italienische Kriegsanleihe hat nach den letzten Meldungen im Inland einen Zeichnungsbetrag von insgesamt 6347 Mill. Lire aufzuweisen. Davon entfallen 2735 Mill. auf Konversionen, 2489 Mill. auf Barzeichnungen. Der Beitrag des Auslandes wird auf mehr als 500 Mill. Frs geschätzt.

Die Meldungen über das Ergebnis der russischen Freiheitsanleihe sprechen jetzt von 1,5 Milliarden, statt der gewünschten drei Milliarden. Jener Betrag war auf auf alle Fälle gesichert, denn die Banken sollen sich von vornherein zur Übernahme jener 1,5 Milliarden verpflichtet haben.

Die Steuereingänge waren im März gegen das Vorjahr um 60 % geringer. Die größte Abnahme ist bei der Naphta-, der Fracht- und der Telegrammsteuer zu verzeichnen. Die Abgaben auf Streichhölzer, Zucker, geistige Getränke und Tabak weisen dagegen starke Mehrerträge auf.

Um das Fallen des Rubelkurses aufzuhalten, ist eine Verordnung erlassen worden, durch die u. a. die Versendung von Rubelnoten und auf Rubeln gestellte Checks ins Ausland verboten wird.

Die russische Staatsbank weist am 22. d. M. eine Vermehrung des Schatzwechsel-Bestandes um 453 Mill. Rubel auf. Der Notenumlauf ist um 218 Mill. Rubel gestiegen. Der Posten „Freiheitsanleihe“ ist um 185 Mill. Rubel vermindert.

Der Londoner Silberpreis ist auf 39 7/8 d gestiegen. Er nähert sich der in normalen Zeiten etwa bei 40 1/2 d liegenden Grenze, jenseits deren es einträglich wird, die indische Rupie einzuschmelzen und als Rohstoff zu verwenden. Man erwägt daher die Ausgabe von Rupien-Noten.

Der Wertrückgang der Währungen der Ententeländer einschließlich des Dollar, dauert an; auch der holländische Gulden wird von dieser Bewegung fortgerissen, während der Stand der Mark etwas befestigt zu sein scheint. Ein offenbar aus offiziöser Quelle schöpfender Aufsatz der Frankfurter Zeitung sagt voraus, daß die nächsten Reichsbank-Ausweise einen verminderten Goldbestand ausweisen werden. Man hat also das Dogma aufgegeben, das Gold in der Reichsbank sei wichtiger, als das Gold, das zur Befestigung der Wechselkurse ins Ausland geschickt wird.

In Zürich fiel der Kurs des Pfund Sterling vom 16. bis 25. Juni von 23,68 auf 23,35, des französischen Franken von 86,50 auf 85,35, der Lire von 69,75 auf 66,75, des Dollar von 4,99 auf 4,91, des holländischen Gulden von 203,75 auf 201,50. Der Kurs der Mark hob sich von 66,25 auf 66,75, der Kurs des österr. Gulden von 42,50 auf 43. In Amsterdam ging London von 11,65 1/2 auf 11,53 1/4, Paris von 42,32 1/2 auf 42,17 1/2, New York von 242,75 auf 242 zurück. Kopenhagen stieg unter erheblichen Schwankungen von 70,30 auf 70,60, Stockholm von 73,30 auf 73,80, die Schweiz von 49 auf 49,60, Berlin von 33 auf 33,30, Wien von 21 auf 21,30.

Auch in Stockholm, wo seit vielen Wochen der Dollarkurs beständig war, ist eine Preissenkung zu verzeichnen: 3,32 (22. Juni) gegen 3,34 in der Woche vorher bei einer Münzparität von 3,73. In New York wird der Kurs des Pfund Sterling seit Anfang des Monats unverändert mit 4,76/45 (Cable Transfers) notiert. Das Verhältnis von Dollar und Pfund ist also strenger festgelegt, als es im Frieden durch den Mechanismus der Goldarbitrage möglich war.

Dr. Singer

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