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Inflation ist ein Schlagwort, das nach Jahrzehnten der Vergessenheit in den Ländern des europäisch-amerikanischen Kulturkreises wieder Kurs zu gewinnen beginnt. Der Begriff, der damit gemeint wird, dem aber bei der Benutzung im politischen und publizistischen Tagesstreit die Verwischung seiner Grenzen und seines Sinnes droht, ist die übermäßige Vermehrung der Zahlungsmittel eines Landes, die zu Preissteigerungen und Krisen führen muß. Eine solche unorganische Ausweitung des Zahlungsmittelapparats liegt nicht etwa bei jeder Ausgabe von papierenen Geldzeichen vor, die nicht durch Edelmetall gedeckt sind. Die Banknotenausgabe, die bei der Diskontierung reiner Warenwechsel entsteht, kann die Preisbildung nicht beeinflussen, die Geldkreation bewegt sich hier genau parallel zur Warenproduktion. Auf der anderen Seite schützt auch die Bindung der Geldkreation an die Einlieferung von Edelmetall nicht vor inflatorischen Preisverschiebungen: die Preisrevolution des sechzehnten Jahrhunderts beweist das ebenso wie die Kriegszustände Nordamerikas und Skandinaviens. Mit Sicherheit aber kann überall da Inflation angenommen werden, wo Zahlungsmittel zur Befriedigung von staatlichen oder privaten Kreditbedürfnissen an Stelle von Sparkapital getroffen werden.

Man hat lange angenommen, daß dieser Prozeß eine Eigentümlichkeit der Papiergeldverfassung sei. Im Verlauf des Krieges ist jedoch auch in England, wo ja der Umlauf von Banknoten seit Generationen ganz geringfügig war, die Erkenntnis allgemeiner geworden, daß auch im bankmäßigen Zahlungsverkehr (Giro- und Scheckwesen) Inflation entstehen kann. Denn die Bankguthaben, durch deren Überweisung hier gezahlt wird, sind ganz ähnlich wie die Banknoten fast beliebiger Vermehrung fähig. Ein Guthaben, das von einer Bank dem Staat zur Bestreitung von Kriegsausgaben eingeräumt wird, hat wirtschaftlich genau die gleichen Wirkungen wie die Banknote, die ihm an Stelle des Guthabens übergeben werden könnte.

Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die englischen Bankbilanzen, so wird es augenscheinlich, daß hier eine Inflation ganz großen Stiles vorliegt. Ende 1916 betrug der Zuwachs gegen den Stand von Ende 1913 bei den

Tabelle 1
Zusammensetzung der Fremden Gelder
Fremden Geldern der Bank von England 107 Mill. £
Fremden Geldern anderer Banken 411 Mill. £
Noten der Bank von England 10 Mill. £
Noten der schottischen und irischen Banken 19 Mill. £
Kassenscheinen 150 Mill. £
zusammen 697 Mill. £

Der Zuwachs beträgt also, in Mark umgerechnet, rund 14 Milliarden und gegen den Stand des letzten Friedensjahres vor Kriegsausbruch (1150 Mill. £) ein Mehr von 60 %. Auch wenn man berücksichtigt, daß ein Teil des Zuwachses keine Vermehrung des Zahlungsapparates bedeutet, sondern als Ersatz von umlaufendem Goldgeld dient oder als Kassenreserve dem Marktverkehr entzogen ist, bleibt eine so starke Vermehrung der Zahlungsmittel übrig, daß der Ruf nach einer rationelleren Kriegsfinanzierung durchaus verständlich ist.

Geht man zur Betrachtung der einzelnen Ausweise über, so wird man sich bei dem Abschluß der Bank von England das Wort des Londoner Economist im Auge halten müssen, jeder künftige Historiker, der sich zu eng an die von der Bank mitgeteilten Zahlen halte, werde sich „arg abrackern müssen“. Die Zahlen und noch mehr die Zusammenhänge der Zahlen sind vielfach auch für den geschulten englischen Beurteiler undurchsichtig. Immerhin ist es wertvoll, festzustellen, daß der Bestand der fremden Gelder, der Ende 1900 nur 43,4 Mill. £ betrug, von 71,3 Mill. £ Ende 1913 auf 178,8 Mill. £ angewachsen ist. Daß dieses Wachstum nicht etwa auf eine Vermehrung des englischen Sparkapitals zurückgeht, wird auch dem Laien ohne weitere Darlegungen verständlich sein. Ein Teil davon entspricht der Vermehrung des Barbestandes (54,3 Mill. £ Ende 1916, gegen 35,0 Mill. £ Ende 1913) durch die Erzeugnisse des Goldbergbaus und durch die freiwillige und zwangsweise Konzentrierung fremder Goldreserven bei der Bank. Ein größerer Teil findet seinen Gegenwert in der Steigerung der Regierungskredite von 31,6 auf 75,6 Mill. £. Der Rest wird durch die Verdoppelung der übrigen Anlagen gebraucht (106,5 Mill. £ gegen 52,1 Mill. £). Anscheinend handelt es sich hier um die Befriedigung legitimer Bedürfnisse, die mit den Erfordernissen der Kriegsfinanzierung in keinem Zusammenhang stehen. Bedenkt man aber, daß dieser Posten noch im Jahre 1910 lediglich 36,6 Mill. £ betragen hatte, so liegt der Schluß nahe, daß es sich hier um die Abwälzung von Anlagen, die in normalen Zeiten von den Privatbanken aufgenommen wären, an die Zentralbank handelt.

Tabelle 2
Ausweise der Bank von England (alles in Mill. £)

Noten

Fremde Gelder

Kasse

Regierungssicherheiten

Andere Anlagen

1890 25,1 39,8 23,5 26,3 33,2
1900 29,8 43,8 28,5 34,0 29,0
1910 28,6 56,0 31,4 34,3 36,6
1913 29,6 71,3 35,0 31,6 52,1
1914 36,1 155,0 69,5 33,3 106,2
1915 35,3 161,6 51,5 51,3 112,1
1916 39,7 178,8 54,3 75,6 106,5

Bei den Privatbanken selbst ist alles noch viel undurchsichtiger. Im Vergleich mit dem Vorjahr ergibt sich für die Gesamtheit der englischen, schottischen und irischen Privatbanken folgendes Bild (in Mill. £):

Tabelle 3
Bilanz der Privatbanken

1915/16

1916/17

+/-

Kapital und Reserven 112,1 110,8 – 1,4
Unverteilter Gewinn 6,0 6,0 – 0,05
Depositen 1 243,7 1 444,4 + 200,7
Akzepte 66,9 75,5 + 8,6
Noten, Schecks usw. 36,8 45,2 + 8,4
1 465,5 1 681,9 + 216,3
„Cash in hand and money at call and notice“ 330,5 454,2 + 123,7
„Investments“ 422,0 439,6 + 17,6
„Discounts and advances“ 631,6 693,7 + 62,2
Akzepte u. a. 81,4 94,2 + 12,8
1 465,5 1 681,9 + 216,3

Wir haben bei den Aktiven die Mehrzahl der Unlagetitel unübersetzt gelassen. Sie entsprechen nicht den entsprechenden deutschen Titeln. Besonders berücksichtigt ist der Posten: „Kassa und kurzfristige Darlehen.“ Darin sind nicht nur die Guthaben bei der Bank von England eingeschlossen, sondern jetzt auch die Kredite, die von der Bank von England im offenen Markt und bei den Banken aufgenommen werden, in den Ausweisen der Bank von England aber nur durch Subtraktion: nämlich als gleichzeitige Verminderung der Regierungssicherheiten und der Fremdengelder erscheinen. Die langfristigen Kapitalanlagen, die einen großen Posten Staatsanleihe bergen, haben sich im letzten Jahre nur unwesentlich erhöht; wie der Economist bemerkt, weil keine Kriegsanleihe in das Jahr 1916 fiel. Daß die Vermehrung der „Diskonte und Vorschüsse“ zum größten Teil auf die vermehrten Diskontierungen von Schatzwechseln zurückzuführen ist, zeigen die Ausweise der Banken, die beide Posten gesondert ausweisen.

Das Verhältnis von Verbindlichkeiten und (nach englischen Begriffen) liquiden Mitteln erster Ordnung stellt sich wie folgt:

Tabelle 4
Liquidität nach Regionen

1915/16

1916/17

Depositen
u. Noten

„Kasse usw.“

%

Depositen
u. Noten

„Kasse usw.“

%

England 992,7 262,4 26,4 1155,0 369,5 32
Schottland 153,1 36,7 24,0 182,1 42,0 23
Irland 92,7 23,3 25,1 102,9 32,6 31,5

Für die englischen Banken, die Kasse und call money gesondert ausweisen (93 % der Gesamtsumme), ergab sich folgendes Verhältnis von „cash“ und „call money“:

Tabelle 5
Verhältnis von cash und call money

Gesamt

Davon
getrennt
ausgewiesen

%

„cash“

%

„call money“

%

1908 194,1 172,8 89,2 91,7 53,1 81,0 46,9
1913 236,0 212,8 90,5 115,5 54,4 97,3 45,6
1914 276,0 250,7 90,8 169,5 67,5 81,2 32,5
1915 262,5 247,3 94,2 178,9 72,4 68,4 27,6
1916 369,5 343,4 93,0 248,0 72,2 95,5 27,8

Die „Liquidität“ der englischen Banken wäre, wenn es erlaubt ist, diesen Zahlen zu folgen, außerordentlich gut. Ein Viertel der Depositen wäre durch Kassenbestände und Guthaben bei der Zentralbank gedeckt. Man wird aber gut tun, diese Bilanzen sehr skeptisch anzusehen. Allein die englischen Banken, die Kassenbestand und „call money“ gesondert ausweisen, geben den ersten Posten Ende 1916 mit 248 Mill. £ an. Der letzte Wochenausweis jenes Jahres zeigt bei der Bank von England aber nur 178,8 Mill. £ Fremder Gelder überhaupt (einschließlich der Regierungsguthaben). Auch hier scheinen für den Bankkritiker einige Fußangeln versteckt zu sein.

Dr. Singer

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