Wir wissen nicht viel von dem, was im englischen Wirtschaftsleben während des Krieges vorgeht. Auf wenige Zeitungen und Zeitschriften angewiesen, erfahren wir mehr von Resolutionen, Beschwerden, unverbindlichen Programmen, als von den Maßnahmen der Regierung und von den gegenwärtigen Zuständen. Alle Anzeichen, die uns sichtbar werden, deuten aber darauf hin, daß sich während dieser Jahre im englischen Wirtschaftsleben eine Revolution vollzieht, deren Folgen unübersehbar sind. England ist schon heute nicht mehr das Land manchesterlicher Wirtschaftsfreiheit.
„Man hat uns eine Gelegenheit gegeben“, sagte der Präsident des Board of Trade, Sir Albert Stanley im Frühjahr 1917 in einer Rede, die er als Gast des Aldwych Clubs hielt – „alle unsere früheren Handels- und Industrie-Methoden nachzuprüfen, eine Gelegenheit, für die wir den Deutschen nicht dankbar genug sein können.“
Der Kriegsbedarf des Heeres hat die englische Industrie gezwungen, alle Anlagen, Stoffe und Kräfte, die sich den Zwecken der Munitionsherstellung dienstbar machen lassen, zu einheitlicher Wirkung zusammenzufassen und nicht nur ihre Gewinne, sondern auch die Einzelheiten ihrer Betriebsführung zu regeln. Die Fabriken, die dem Munitionsministerium unterstehen, werden angewiesen, diese oder jene Maschine, dieses oder jenes Verfahren zu benutzen, das in den staatlichen Werkstätten erprobt ist. Ganze Industriezweige werden von einer Stelle aus einheitlich beherrscht. Neue Industrien sind geschaffen, um die Stoffe und Waren zu erhalten, für die man bisher auf Deutschland angewiesen war. Die erfinderische und die organisatorische Initiative ist geweckt, der Machtbereich des Staates fast noch stärker als auf dem Kontinent ausgedehnt. Und was noch wichtiger ist: es scheint in England keinen verantwortlichen Mann zu geben, der nicht davon überzeugt ist, daß auch nach dem Friedensschluß eine Rückkehr zu den alten Wirtschaftsformen nicht möglich sein wird – nicht aus Haß gegen Deutschland, sondern weil diese alten Methoden der neuen Wirtschaftslage nicht mehr gewachsen sein werden. „Nichts, was Sie in der Vergangenheit an Erfahrungen gesammelt haben, wird einen Anhaltspunkt oder einen Prüfstein bieten“, konnte ein Vertreter der englischen Regierung jüngst in öffentlicher Versammlung sagen, ohne Widerspruch zu finden.
In den Zusammenhang dieser Entwicklungsreihen muß man die Einrichtung des englischen Ministeriums für „Wiederaufbau“ einstellen. Oberflächlich betrachtet, scheint der Wirkungskreis des neuen Amts sehr eng zu sein: sein Träger erhält so gut wie gar keine Exekutivgewalt, sondern hat nur die Aufgabe, zu forschen, zu untersuchen und Projekte zu entwerfen, die dem Kriegskabinett vorzulegen sind. Ihre Ausführung wird nach der Genehmigung durch Kabinettsbeschluß den Exekutiv-Ministerien zufallen. Aber diese Beschränkung ist nur die notwendige Folge der ungeheuren Ausdehnung, die dem Arbeitsfeld des neuen Ministers gegeben wird. Dies Feld umfaßt nicht nur die Demobilisierung des Heeres, die Rückverwandlung der Kriegs- in die Friedensindustrien, die Regelung der Rohstoffversorgung und der Kohlenwirtschaft, sondern auch die Fortführung der neu eingerichteten Fabrikationszweige, die Inventarisierung der Bodenschätze des Vereinigten Königreichs und seiner Kolonien, die agrar- und schiffahrtspolitischen Maßnahmen, die nach dem Kriege nötig werden, den ganzen Bezirk der sozialpolitischen Neuordnung, die Handhabung des Fremdenrechts und die Nahrungsmittel-Versorgung. Würde einem solchen Amt auch die Durchführung der von ihm vorgeschlagenen und vom Kriegskabinett beschlossenen Maßnahmen allgemein übertragen werden, so würde die Regierung aus dem Stadium der Kompetenzkonflikte und Verwaltungsstörungen nicht herauskommen.
Von dem deutschen Apparat zur Organisation der Übergangswirtschaft unterscheidet sich das englische Amt vor allem nach zwei Richtungen: während der deutsche Reichskommissar für Übergangswirtschaft nur den Kreis von Fragen zu bearbeiten hat, die aus der Rohstoff-, Frachtraum- und Währungsnot folgen, umspannt das englische Amt die Gesamtheit der Wirtschaftsprobleme, die nach dem Kriege dringlich sein werden. Und während die deutsche Regierung es als obersten Grundsatz der „Übergangswirtschaft“ bezeichnet hat, das Wirtschaftsleben möglichst rasch in den Vorkriegszustand zurückzuversetzen, wird dem neuen englischen Minister ausdrücklich aufgetragen, die nationale Wirtschaft zweckmäßiger zu ordnen als es vor den Erfahrungen des Krieges möglich war. Beides bedingt sich wechselseitig: wenn man von der Voraussetzung ausgeht, daß das Gesetz des wirtschaftlichen Aufbaus nicht mehr das gleiche bleiben kann, wie vor dem Kriege, so wäre es verhängnisvoll, die verschiedenen Teilprobleme nicht in ihrem organischen Zusammenhang zu durchdenken und ihrer Lösung näher zu bringen. Und wenn die Aufgabe gestellt wird, eine Lösung aus einem Guß zu finden, so wird man sich nicht an die Weisung binden können, den Zustand von 1914 in möglichst weitem Umfang wieder herzustellen. Die Revolutionierung des europäischen Wirtschaftslebens durch den Krieg, ist kein Prozeß, der der Umkehrung fähig wäre.
Im englischen Parlament ist gegen die Einrichtung des neuen Ministeriums der Einwand erhoben worden, sein Wirkungskreis decke sich mit dem des Ministerpräsidenten, soweit überhaupt wirtschaftliche Angelegenheiten in Frage kommen. Nimmt man diese Meinung nicht als Einwand, sondern als Feststellung, so kann sie als richtig gelten. Mit der Berufung Dr. Addisons zum Minister für „Wiederaufbau“ schafft sich Lloyd George einen Stellvertreter, dem die einheitliche Vorbereitung der Friedenswirtschaft ohne Einschränkungen obliegt. Ob der Ministerpräsident den Vorsitz in dem vor einigen Monaten umgebildeten „Ausschuß für Wiederaufbau“ beibehält, ist nicht bekannt. Es scheint aber aus den spärlichen Mitteilungen, die in der Presse und im Parlament über den Gegenstand gemacht worden sind, mit einiger Sicherheit hervorzugehen, daß dieser Ausschuß und die von ihm eingesetzten Unterausschüsse (für Handels- und Industriepolitik, für Landwirtschaft, Demobilisierung, Kohlenversorgung, Behandlung feindlicher Firmen, Regelung des Verhältnisses von Arbeitgebern und Angestellten u. a. m.) in Zukunft an den neuen Minister zu berichten haben werden. Dieser wird die Äußerungen der Ausschüsse, die in enger Fühlung mit den Wirtschaftskreisen des Landes stehen, prüfen und über seine Urteile und Pläne an das Kriegskabinett berichten. Es ist auch Vorsorge getroffen, daß die Vollmachten anderer Ministerien durch order in council, also ohne Anhören des Parlaments, dem neuen Amt übertragen werden können. Diese Bestimmung eröffnet die Möglichkeit, daß aus einem beratenden ein Ausführungs-Organ wird, sobald die neuen Verwaltungsaufgaben sich mit hinlänglicher Klarheit aus dem trüben Stoff der Übergangsprobleme herauskristallisiert haben.
In welchem Geist die Neuordnung der englischen Volkswirtschaft geplant wird, zeigten am klarsten die Reden des Board Trade-Präsidenten. „Wer die Verantwortung für die Leitung großer Unternehmungen trägt, sagte er in der oben zitierten Rede, und die Wohlfahrt eines großen Stabes von Angestellten unter seiner Obhut hat, soll nicht nach seiner Willkür entscheiden können, wie diese Unternehmungen geleitet und bis zu welchem Umfang sie ausgedehnt und entwickelt werden sollen.“ Das ist ein über-merkantilistischer Satz, der uns stärker interessiert und angeht als die vagen Beschlüsse der Pariser Wirtschaftskonferenz. Man wird auf solche Zeichen achten müssen, wenn man erkennen will, wohin die Fahrt der englischen Wirtschaftspolitik in Zukunft geht.