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Wenn es eines neuen Anzeichens bedurfte, daß die wirtschaftlichen Grundlagen der bei Kriegsausbruch abgelaufenen Epoche hinfällig geworden sind, so böte sich die Revolution des Silbermarktes als eines der erstaunlichsten dar. Als gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Niederlage des Bimetallismus besiegelt war, die Schließung der indischen Münzen für die freie Prägung sich als endgültig herausstellte und der Übergang des Restes der Silberländer zur Goldwährung nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, hätte kaum jemand geglaubt, daß ein künftiger Krieg den Silberpreis auf einen Stand treiben könnte, der seit den siebziger Jahren nicht mehr erreicht worden war. Im Jahre 1866 war für die Unze Silber in London 61 1/8 d bezahlt worden, im Jahre 1876 52 3/4 d, im Jahre 1886 45 3/8 d, im Jahre 1892 39 3/4 d. Bei Kriegsausbruch betrug der Preis 27 3/4 d. Ende Juli 1917 war er auf den Stand von 1892, Anfang September auf den Stand von 1886 gestiegen. Im Laufe des Monats wurde er bis auf 55 d getrieben; er konnte sich zwar auf dieser Höhe nicht halten und sank in wenigen Tagen der letzten Septemberwoche um 7 d. Doch erwartet man in den Londoner Kaufmannskreisen für die Zukunft nur eine Beruhigung des Marktes, keine dauernd rückgängige Konjunktur. Man rechnet vielmehr mit einem gegen den Friedensstand verdoppelten Silberpreis.

Die Ursachen dieses Phänomens liegen klar zu Tage; sie sind jüngst von anderer Seite auf diesen Blättern eingehend dargelegt worden. Während die Silberproduktion der Welt, soweit sie auf Grund von Rechnungen und Schätzungen angegeben werden kann, von 6,6 Mill. kg im Jahre 1914 auf 5,5 Mill. kg im Jahre 1916 gefallen ist — im wesentlichen eine Folge der Unruhen in Mexiko, wo die Produktion sich im gleichen Zeitraum von 2,2 auf 1,3 Mill. kg vermindert hat — gehen die Silberprägungen der Goldwährungsländer beträchtlich über das Friedensmaß hinaus. Die inflatorische Ausweitung des Zahlungsmittelapparates durch Banknoten- und Bankguthaben-Kreation zum Zweck der Kriegsfinanzierung verstärkt auch den Bedarf nach Kleingeld. Allein in England sind die Ausmünzungen von 6,3 Mill. £ in 1914 auf 8,4 Mill. £ in 1916 gestiegen. Dazu kommt ein verstärkter Bedarf Ostasiens, der uns weniger der erst kürzlich gebesserten Handelsbilanz Ostindiens, als den sehr großen Zahlungen zuzuschreiben zu sein scheint, die für Rechnung der britischen Regierung in Ostafrika, in Ägypten und Mesopotamien zu machen sind. Es ist bezeichnend, daß die private Silbernachfrage der „Bazare“ im Jahre 1916 als geringfügig bezeichnet wird. Nach einer Angabe der India Times vom Dezember 1916 soll in den letzten 12 Monaten für 400 Mill. Rupien Silber eingeführt sein, davon für die östlichen Kriegsschauplätze nicht weniger als 100 Mill. Rupien. Für 1911/12 wird die Edelmetalleinfuhr mit 530 Mill. Rupien, für 1913/14 mit 430 Mill. Rupien, für 1914/15 mit 220 Mill. Rupien angegeben. Sollten diese Zahlen vergleichbar sein, was bei der Lückenhaftigkeit und Fragwürdigkeit des statistischen Materials leider nicht außer Frage steht, so würde Indien auch jetzt noch weniger Metall absorbieren als vor dem Krieg. Der Silberstrom, der sich aus England, China, den Philippinen und einer großen Menge anderer Länder ergossen hat (zum Teil sogar in Form von Maria Theresia-Talern), wäre demnach nicht in Indien verblieben, sondern zum größeren Teil nach Ostafrika und Mesopotamien fortgeleitet worden.

Wie dem auch sei: es ist sicher, daß die Wirkung dieses asiatischen Bedarfs durch Spekulationen übersteigert worden ist. Der Sturz des Silberpreises von 55 d auf 49 1/2 d Ende September wird damit begründet, daß einige Besitzer, die ihre Silbervorräte in Erwartung höherer Preise zurückgehalten hatten, es nunmehr geraten fanden, ihre Gewinne sicherzustellen. Als Veranlassung wird von einigen das Nachlassen der chinesischen Nachfrage und die Furcht vor Silberverkäufen aus der Silberreserve der Vereinigten Staaten angegeben. Daß diese Faktoren im Spiel gewesen sein mögen, ist sehr wahrscheinlich. Wichtiger aber, weil den grundlegenden Tatbestand anzeigend, ist ein Satz aus dem letzten Septemberbericht der Maklerfirma Mocatta and Goldsmith, in dem es heißt: „Dieser Rückschlag, der lange überfällig war, mußte erwartet werden, angesichts der Tatsache, daß der chinesische Wechselkurs dem Steigen des Silberpreises nicht gefolgt war, seit dieser auf 49 d stand; der jetzt gemeldete Fall des chinesischen Wechselkurses ist sehr beachtenswert, angesichts der Tatsache, daß er bereits lange die Parität nicht erreicht.“ Die Bewegung dieser Kurse geht aus folgender vergleichender Tabelle hervor:

Tabelle 1
Vergleich der Silber- und Wechselkurse (Sept. 1917)

-

Silberpreis
in London

Shanghai
Taël

Hongkong
Dollar

Bombay
Rupie

1. Sept. 46 d 4/6 1/2 3/0 5/8 1/5 – 1/5 1/16
5. Sept. 48 1/2 d 4/8 1/2 3/3 3/4 1/5 – 1/5 1/16
10. Sept. 49 1/2 d 4/10 1/2 3/2 1/5 – 1/5 1/16
15. Sept. 51 d 4/10 1/2 3/2 1/2 1/5 – 1/5 1/16
20. Sept. 54 d 4/10 1/2 3/2 3/4 1/5 – 1/5 1/16
25. Sept. 55 d 4/10 1/2 3/2 7/8 1/5 – 1/5 1/16
26. Sept. 54 d 4/10 1/2 3/2 7/8 1/5 – 1/5 1/16
27. Sept. 51 1/2 d 4/10 3/2 5/8 1/5 – 1/5 1/16
28. Sept. 49 1/2 d 4/7 3/0 3/8 1/5 – 1/5 1/16

Daß der Kurs des Shanghai-Taëls auf 4 s 10 1/2 d beharren kann, während der Silberpreis von 49 1/2 d auf 54 d steigt, ist eine jener Tatsachen, die von der herrschenden Geldtheorie nicht erwähnt zu pflegen werden, weil sie mit Hilfe dieser Theorie nicht zu erklären sind. Der Shanghai-Taël ist nicht eine Münze, sondern ein Silbergewicht (36,65 g oder 1,178 Troy oz). Es liegt also nahe, anzunehmen, daß der Kurs des Taël allen Veränderungen des Londoner Silberpreises willenlos folgen muß. Wenn der Taël dennoch auf einem Stand beharrte, der etwa einem Silberpreis von 49 d entspricht, und dadurch auch diesen auf jenes Niveau zurückzwang, so zeugt das davon, daß der Wechselkurs nicht vom Silberpreis, sondern umgekehrt der Silberpreis vom Wechselkurs bestimmt wird. Der Shanghai-Kurs auf London richtet sich nach Angebot und Nachfrage nach anglo-chinesischen Zahlungsmitteln. Die Konjunkturen des Silbermarkts können jenen Kurs nur beeinflussen, indem sie Silberimporte oder Silberexporte veranlassen, die Angebot oder Nachfrage auf dem Markt der chinesischen Zahlungsmittel verstärken. Ob diese Transaktionen den Taëlkurs beeinflussen, hängt nicht nur von ihrem Umfang, sondern auch von der allgemeinen Lage des Taëlmarktes ab. Glauben die chinesischen Häuser nicht, daß sich künftig Angebot und Nachfrage auf einer dem Silberpreis entsprechenden Basis ausgleichen lassen, und sind auch die Silberexporte, die jene Differenz des Londoner und des Shanghai-Preises auszugleichen bestimmt sind, nicht stark genug, um den Markt umzustimmen, so können die Bewegungen des Londoner Silbermarktes dem Taëlkurse wenig anhaben. Auf der anderen Seite aber muß der Stand des Shanghai-Kurses den Londoner Silbermarkt erheblich beeinflussen. Denn in den Fluktuationen dieses Marktes gibt es nur einen relativ festen Punkt: die chinesischen Wechselkurse. Alle anderen Länder haben das Silber als Währungsmetall aufgegeben; sowohl Indien wie Mexiko haben ihre Münzstätten geschlossen. China allein bietet dem Silberpreis dadurch eine Stütze, daß es dieses Metall in unbeschränkter Menge und zu immer gleichem Preise, nämlich gleich einem Taël, aufnimmt. Diese Verwertungsmöglichkeit hängt ersichtlich von zwei Faktoren ab: von dem Stand des Londoner Silberpreises und von dem Stand des Kurses, zu dem Shanghai-Taëls in London zu verkaufen sind. Gelingt es nicht, den Taëlkurs mit der Bewegung des Silberpreises mitzureißen, so werden Silbersendungen nach China unlohnend, und die Bewegung des Silberpreises schwebt so lange in der Luft, bis sie den Boden der Taëlparität wiedergefunden hat.

Die Vorgänge, die sich in diesem September auf dem Silbermarkte abgespielt haben, sind denen sehr ähnlich, die sich während der Blütezeit der nordamerikanischen Währungsexperimente im Jahre 1890 ereigneten. Damals stieg infolge von Spekulationen, die sich an die Sherman-Silver-Gesetzgebung knüpften, der Silberpreis, der im Jahre 1889 noch 41 11/16 d betragen hatte, in fieberhaftem Aufflackern bis auf 54 5/8, um ebenso rasch wieder zurückgeworfen zu werden. Der Grund dafür war damals, daß der Rupienkurs, der durch die freie Prägung mit dem Silberpreis in Wechselwirkung stand, der Bewegung des Silbermarkts nicht folgte. Es ist seltsam, wenn auch ohne tiefere Bedeutung, daß der Umschwung an dem gleichen Punkte (55 d) einsetzte wie dieses Mal.

Die indische Währung selbst wird jetzt von dem Steigen des Silberpreises nur indirekt berührt. Es besteht keine unbeschränkte Verwandlung von Silber in indisches Geld; der Rupienkurs kann also dem Silberkurs keine feste Stütze mehr sein. Da aber die Silber-Rupien das Währungsgeld des Landes geblieben sind, bestand die Gefahr, daß sie eingeschmolzen und ausgeführt werden würden, wenn der Silberpreis so weit stieg, daß der Metallwert der Stücke ihre Geltung überragte. Dieser Fall tritt nach einer Angabe von englischer Regierungsseite bei einem Preis von 43 d ein. Es war daher nötig, die Ausfuhr von Silber aus Indien ebenso zu verbieten, wie schon früher aus Deutschland, wo jetzt ebenfalls die Silbermünzen ein Aufgeld erzielen würden, wenn der Zusammenhang der Märkte noch bestünde. Die indische Regierung hat überdies auch die Einfuhr von Gold und Silber unter ihre Kontrolle gestellt, um alle eingeführten Mengen in die staatlichen Währungsreserven leiten zu können. Die Einfuhr in Edelmetallen ist für Private grundsätzlich verboten. Dennoch eingeführtes Silber wird zu einem Preis, der 5 % unter dem Londoner Tageskurs liegt, Gold (bis zum September) zu 15 Rs. für das Pfund Sterling enteignet.

Diese Maßnahmen sind verständlich und verletzen kein indisches Interesse. Der Stand der indischen Währungsreserven läßt eine Erhöhung als erwünscht erscheinen. In der Goldwährungsreserve, die aus den Gewinnen bei der Rupienprägung (die sich neuerdings in Verluste umgewandelt haben) gebildet und zur Stützung der Wechselkurse bestimmt war, befanden sich (in Mill. £):

Tabelle 2
Die indischen Währungsreserven (in Mill. £)

In Indien:

am 31. Aug.
1917

am 30. Sept.
1914

Gold 0,045 7,9
In England: - -
Gold bei Bank von England - 3,7
Kurzfristig ausgeliehen 6,0 0,1
Britische und Koloniale Wertpapiere 26,9 14,0
Summe 32,9 Mill. £. 25,7 Mill. £.

Bei einem Vergleich der beiden Tabellen ist zu beachten, daß der Goldbestand in Indien Ende September 1914 ganz außergewöhnlich hoch war; ein Jahr vorher wurde es mit 1,2 Mill. £ ausgewiesen. Die Überführung des indischen Goldschatzes in London in den allgemeinen Goldbestand der Bank von England ist oft besprochen worden.

Die indische Papierwährungsreserve betrug in Lath (100 000) Rupien

Tabelle 3
Die indische Papierwährungsreserve

-

22. Sept. 1917

Noten im Umlauf 10 707
Deckung: -
Silbermünzen und Barren 2 857
Goldmünzen und Barren 1 522
Gold in England 180

Seit Kriegsausbruch hat der Ersatz von Silberrupien durch Papierrupien nicht unerhebliche Fortschritte gemacht. Die Ergebnisse sind aber noch immer unbefriedigend. Erst jetzt scheint sich die indische Regierung ernstlich entschlossen zu haben, Noten in Abschnitten zu 1 und 2 1/2 Rupien auszugeben, um der Notwendigkeit enthoben zu sein, Silberrupien mit erheblichem Verlust für den Fiskus zu prägen. Auch durch diese Maßnahme werden keine wirklichen Interessen des Kaiserreichs verletzt.

Anders steht es mit einer sehr viel wichtigeren Maßregel, die Ende August getroffen ist und die noch nicht die allgemeine Aufmerksamkeit gefunden hat, die sie wohl verdient. Es war das Ziel der anglo-indischen Währungspolitik gewesen, ein festes Wertverhältnis zwischen Pfund Sterling und Rupie herzustellen. Als Norm wurde der Satz: ein Pfund Sterling gleich 15 Rupien, oder eine Rupie gleich 16 d, gewählt und bis Ende August aufrechterhalten. Seit dieser Zeit werden die telegrafischen Anweisungen auf die indischen Staatskassen nicht mehr zu 1 s 4 1/4 d, sondern zu 1 s 5 d gegeben. Dieser Schritt bezeugt, daß England sich nicht mehr imstande fühlt, die einmal gewählte Parität des Pfund Sterling zu behaupten. Es hat die Begebung der Staatsratten (council bills) mit deren Hilfe sonst der größte Teil der indischen Ausfuhr finanziert wurde, einschränken müssen, weil die indischen Staatsgelder, auf die jene Tratten-Anweisungen darstellen, zu kriegswichtigeren Zahlungen im Osten verwendet werden müssen. Die so entstehende Lücke durch Goldsendungen auszufüllen, hat man sich nicht entschließen können, denn man fürchtet, daß das finanzielle Ansehen Englands eine Schmälerung des Goldbestandes der Bank von England nicht vertragen würde. So wählt man eine Heraufsetzung des Rupienkurses, die im Grunde nichts anderes bedeutet als die Stabilisierung eines Disagios der englischen Währung. Die Folgen einer solchen Maßnahme können nicht zweifelhaft sein: sie wirkt in der Richtung einer Importprämie und eines Exportzolls. Beides liegt ebenso in dem Interesse der britischen Ausfuhr nach Ostindien wie es dem Interesse der indischen Wirtschaft widerspricht. Wenn bisher wenigstens der indischen Währungspolitik nur von Unverständigen nachgesagt werden konnte, daß sie auf Kosten der indischen Volkswirtschaft durchgeführt sei, so ist jetzt unter dem Druck der Kriegsverhältnisse ein Umschwung eingetreten: die neue Rupienpolitik schädigt in der Tat die wichtigsten indischen Wirtschaftszweige, indem sie die Ausfuhr erschwert und den einheimischen Gewerben einen Teil ihres eben erst erhöhten Zollschutzes nimmt. Man wird annehmen dürfen, daß die Regierung sich zu einem so bedenklichen Schritt nur deshalb entschlossen hat, weil sie aus einer bedrohlich werdenden Lage keinen anderen Ausweg wußte. Unter den Rissen, die sich in jüngster Zeit an dem Gebäude der englischen Finanzen gezeigt haben, scheint dies der bedenklichste zu sein.

Dr. Kurt Singer

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