Während in Deutschland, wo die zwangsweise Syndizierung der Industrie noch immer im Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Debatten steht, der Widerstand gegen Staatseingriffe im Wachsen begriffen ist, scheint die vom Board of Trade betriebene Umbildung der englischen Wirtschaft, über deren Grundgedanken wir schon berichtet haben, bisher keinem ernstlichen Einspruch zu begegnen.
„Wir stehen“, schreibt die Times vom 27. September, „am Vorabend sehr wichtiger Umwälzungen im Gewerbe- und Handelswesen unseres Landes. Wir erfahren, daß wichtige Pläne zum Zusammenschluß der Interessen von Unternehmungen verschiedener Wirtschaftszweige in der Ausarbeitung begriffen sind. In einigen Fällen sind die Verhandlungen bereits in ein fortgeschrittenes Stadium getreten. Die Elektrizitäts-, die Messing- und die Bleiindustrie haben ähnlich wie früher die Sprengstoffindustrie, Projekte zur Durchführung des Kooperationsprinzips in ihren Gewerbszweigen entworfen. Der Plan der Messingfabrikanten, der die Errichtung einer Zentraleinkaufs-Organisation sowie einer Zentralexport-Verkaufsagentur vorsieht, hat die einstimmige Billigung der Interessenten gefunden. Die wesentliche Ursache aller dieser Entwicklungen liegt in der während des Krieges von den Industriellen gemachten Erfahrung, daß die Produktion durch Verringerung der Kosten auf einen Grad der Rentabilität gehoben werden kann, von dem sich vor dem Kriege keiner der Industriellen etwas träumen ließ. Einer der Grundgedanken geht dahin, daß die Industriellen mehr als bisher ihre Produktion spezialisieren müssen, um die technische Leistungsfähigkeit auf den höchsten Grad zu bringen. Ein zweiter Gedanke ist die Ausschaltung unnötiger Zwischenglieder, die keine wirtschaftlichen Funktionen erfüllen, sondern nur verteuernd wirken. Eines der wichtigsten Motive war auch die Erwägung, daß ohne einen solchen Zusammenschluß die Befriedigung der Arbeiterwünsche durchaus unmöglich wäre. Daß durch eine solche Konsolidierung der Industrieinteressen der Konsument gefährdet werden kann, ist dem Board of Trade nicht entgangen. Hier wird ein System wirksamer Staatskontrolle einsetzen müssen, um die widerstreitenden Interessen der verschiedenen Wirtschaftszweige und der Konsumenten einem gerechten Ausgleich zuzuführen.“
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In der Stadthalle von Huddersfield sprach Dr. Addison, der englische Minister für Übergangswirtschaft (Minister of Reconstruction), über die Prinzipien des sozialen Wiederaufbaus nach dem Kriege. Er warf die Frage auf, ob überhaupt ein Ministerium für den Wiederaufbau nötig sei, und beantwortete diese Frage mit dem Hinweis auf die entsprechende deutsche Organisation.
„Die Deutschen sind seit einiger Zeit geschäftig gewesen,“ sagte er. „Wir begegneten ihren Bestrebungen in den verschiedensten Teilen der Welt, wo wir uns bemühten, unseren Rohstoffbedarf zu decken und die Vorräte zu beschaffen, die unser Land braucht. Sie haben, wie wir wissen, große Anstrengungen gemacht und sind noch dabei, die Kontrolle über große Mineralschätze durch Kauf und auf anderem Wege zu erwerben. Sie haben sogar versucht, Rohstoffe in England während des Krieges zu kaufen, nicht nur, um sich selbst zu versorgen, sondern wahrscheinlich auch, um uns zu verhindern, sie für uns zu sichern. Es gibt aber nur wenig Dinge von größerer Bedeutung als die Versorgung mit Rohstoffen. Von hier hat das deutsche Amt für Übergangswirtschaft seinen Ausgangspunkt genommen.“
Das Problem der Arbeitslosigkeit nach dem Kriege erscheint Dr. Addison nicht so dringend wie den meisten Beurteilern. In vielen Gewerbszweigen, vor allem im Schiffbau und im Eisenbahnbau, würde eine große Nachfrage auftreten, die aber nur befriedigt werden könnte, wenn die Rohstoffe beschafft würden. Eine der hauptsächlichen Schwierigkeiten der Regierung sei es oft gewesen, die Kaufleute zur engeren Zusammenarbeit zu bringen. „Es war,“ sagte Dr. Addison, „von der größten nationalen Bedeutung, daß diese Schwierigkeiten überwunden wurden. Auch hat unser Land in der Vergangenheit viel zu wenig Gebrauch vom Gehirn gemacht. Es wird niemals hinreichend geschildert werden, wieviel das Heer der Arbeit der Wissenschaftler verdankte, und doch hat man vorher diesen Leuten Gehälter gezahlt, die für die Gesamtheit eine Schmach bedeuteten. Nur durch gesteigerte Produktivität kann die Verwüstung, die durch den Krieg verursacht ist, überwunden werden. Vier Dinge sind nötig: Als erstes und wichtigstes eine bessere Zusammenarbeit von Kapital und Arbeit, zweitens bessere Lebensbedingungen, drittens bessere Ausbildung, viertens bessere Verfahrensweisen.“ Dr. Addison bekennt sich als Anhänger des Planes, Industrieräte zu schaffen, in denen Arbeiter und Unternehmer vertreten sind, und denen die Aufgabe zufällt, Arbeitsstreitigkeiten aus der Welt zu schaffen. Solange das nicht geschehen sei, werde man keinen wirklichen Fortschritt in der Richtung der erhöhten Produktivität machen können. Die Feindschaft gegen verbesserte Methoden sei meist auf die Furcht vor Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Dies Hindernis sei unbedingt aus dem Wege zu räumen. Man könne nicht erwarten, daß ein Mann verbesserten Methoden zustimmt, die ihn auf die Straße setzen können. Neben besseren Wohnverhältnissen und einer engeren Verbindung zwischen Wissenschaft und Industrie, sei besonders eine Verbesserung der Handelsmethoden erforderlich. Hier seien die Deutschen vorbildlich in ihrer einheitlichen Organisation des Einfuhr- und Ausfuhrhandels. Was man bei verbesserten Verfahrensweisen leisten könne, zeigen Untersuchungen, die man während des Krieges in England in Musterbetrieben gemacht habe. Es habe sich herausgestellt, daß in einem Fall die Produktionskosten um 29 % verringert worden sind, obgleich die Löhne um 20 % gestiegen waren.
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In einer Rede, die L. A. Paish von der Nachrichtenabteilung des Handelsamts in einer Versammlung der Birmingham Braß Masters' Association Mitte September hielt, begründete er die Syndizierungsbestrebungen der englischen Industrie mit den ähnlichen Tendenzen der deutschen Wirtschaftspolitik und der nordamerikanischen Entwicklung. Das Handelsamt hat einen Ausschuß für diese Frage eingesetzt. Dieser Ausschuß ist zu dem Ergebnis gekommen, daß Handelsamt solle es zum Grundgedanken seiner Politik machen, daß es für die englischen Industriellen absolut notwendig sei, sich zu Syndikaten (trading combination) zusammenzuschließen, wenn sie ihre Ausfuhr nach dem Kriege vergrößern und die verlorenen Absatzgebiete wiedergewinnen wollten. Sie müßten mit Sicherheit darauf rechnen, dem Problem der Vertrustung oder Kartellierung ins Auge zu sehen. Die Konkurrenz mit Deutschland und den Vereinigten Staaten zwänge die englische Volkswirtschaft, ähnliche Methoden wie jene anzunehmen. Ein Zusammenschluß der gesamten Birmingham Messingfabriken würde imstande sein, jeden Markt, den man zu bearbeiten wünsche, systematisch zu untersuchen. Eine einzelne Firma sei nicht imstande dazu. In jedem solchen Markt müßte ein Mann für den Verband tätig sein, um die Wandlung festzustellen, die dort der Krieg in den Absatzverhältnissen geschaffen habe. Das Amt, das er vertrete, sei bereit, solchen Bestrebungen jede mögliche Hilfe zu leisten; es sei auch bereit, finanziellen Beistand bei dem Aussenden solcher Vertreter zu leisten.
C. Hamilton Wickes, Handelssachverständiger in Kanada, behauptete in der Versammlung, Deutschland plane, den Einkauf für die wichtigsten deutschen Industrien einheitlich vorzunehmen. Man müsse in England die Frage aufwerfen, ob nicht auch die englischen Fabrikanten zum zentralen Einkauf übergehen müßten. Ein Ausschuß der verschiedenen Zweige der Messingindustrie und des Messinghandels wurde eingesetzt, um die Bestrebungen auf den von den Regierungsvertretern vorgezeichneten Bahnen zu befördern.
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Der englische Minister für Übergangswirtschaft hat einen Ausschuß berufen, der ihn bei der Regelung der Übergangswirtschaft für die chemische Industrie Englands unterstützen soll. Dem Ausschuß gehören an:
- Sir Keith W. Price (Vorsitzender), Munitionsministerium,
- Mr. John Anderson, Sekretär des Volks-Krankenversicherungs-Ausschusses (Eng.), zugeteilt dem Schiffahrtsministerium,
- Mr. J. F. Brunner, M. P.,
- Mr. Charles Carpenter, D. Sc., M. I. C. E.,
- Professor J. G. Lawn, Sprengstoffamt, Munitionsministerium,
- Sir William Pearce, M. P.,
- Mr. K. B. Quinan, C. H., Sprengstoffamt, Munitionsministerium,
- Right Hon. J. W. Wilson, M. P.,
- Mr. G. C. Smallwood, Munitionsministerium, als Sekretär des Ausschusses.
Die Beamten der Regierungsämter sind im Einvernehmen mit ihren vorgesetzten Ministern ernannt worden, die anderen Mitglieder auf Vorschlag einer Generalversammlung der chemischen Industriellen. Dr. Addison hat den Ausschuß ersucht, seine Beratungen auf die Schaffung einer Organisation abzustellen, die den ganzen Gewerbszweig angemessen vertritt und mit deren Hilfe der Gewerbszweig später instand gesetzt werden kann, seine Kräfte zu entwickeln und die engste Zusammenarbeit aller, die in der chemischen Industrie tätig sind, herbeizuführen.
In Frankreich sind die Bestrebungen zur Vorbereitung der Übergangswirtschaft, wie es scheint, nur wenig weit gediehen. Man hat einige Untersuchungen begonnen, aber kein Zentralorgan geschaffen. Nach dem „Sémaphore de Marseille“ plant man jetzt, die schon vorhandenen Materialien zusammenzustellen; ihre Verwertung bleibt aber der Zukunft zu überlassen. Die Ausschüsse, die vom Handelsamt kürzlich geschaffen sind (für Fette, chemische Produkte usw.) und deren Vermehrung in der nächsten Zeit erwartet wird, dienen nur Verwaltungszwecken; sie haben nicht die Vorbereitung künftiger Zusammenschlüsse zum Zweck, sondern nur die Behebung der gegenwärtigen Schwierigkeiten beim Kauf, Verkauf und der Einfuhr der Produkte. Ebenso scheint der Wirtschaftliche Ausschuß, der gelegentlich der Bildung des neuen Ministeriums geschaffen worden ist, hauptsächlich dazu bestimmt, sich dem Wiederaufbau der besetzten Gebiete zu widmen. Die Zeitung verweist demgegenüber auf die deutsche Organisation des Reichskommissariats für Übergangswirtschaft, die man freilich in Frankreich kaum nachahmen könnte. Es sei nicht möglich, bei der gegenwärtigen Organisation irgend einem Ausschuß, der nicht mit exekutiver Gewalt ausgestattet sei, genügend Autorität zu geben, um den Geist des Partikularismus, der die verschiedenen Organe beseele, zu besiegen. In Sachen der Handelsverträge hätten drei oder vier Ministerien (Handel, auswärtige Angelegenheiten, Finanzen und manchmal Kolonien) hereinzureden. Man müsse also, um einen Zustand zu erreichen, der (nach der Meinung der Zeitung. D. Red.) in Deutschland bestünde, diesen Ministerien die Kompetenzen bezüglich der Handelsverträge nehmen. Es sei begreiflich, daß die Regierung vor dieser Lösung zurückschrecke, die bei der Eigenart des französischen Verwaltungsapparats besonders schwierig sei. Man müsse sich also im Augenblick mit der Zentralisation der verfügbaren „Materialien“ für die Zeit nach dem Kriege begnügen. Es sei aber unbedingt nötig, sofort die wirtschaftlichen Maßnahmen zu untersuchen, die nach Friedensschluß erforderlich sein würden. Die Mittelmächte bereiten, nach der Meinung der Zeitung, einen furchtbaren Angriff auf die Wirtschaft der Westmächte vor. Die deutsche Regierung habe seit langer Zeit mit der Sorgfalt für jede Einzelheit, die für die deutsche Methode charakteristisch sei, die Zeit des Übergangs vom Kriegszustand zum Friedenszustand organisiert, und für die Bildung neuer Rohstoffvorräte und die Wiederaufnahme des Außenhandels gesorgt. Sie habe sich besonders mit dem Abschluß von Handelsverträgen, mit dem Wiederaufbau der Handelsflotte, mit der Besserung der Valuta sofort nach Kriegsende, mit dem System der Handlungsreisenden und dem Musterwesen, sowie mit der Förderung des Exports durch die Banken befaßt. Diese Studien seien heut so gut wie zu Ende geführt. Täglich würden neue Arbeiten begonnen, die den Änderungen in der militärischen und wirtschaftlichen Lage entsprächen, und alle diese Maßnahmen seien so vorbereitet, daß sie mit Friedensschluß in Kraft treten können. Vergleiche man dagegen den Zustand in Frankreich, so fände man 50 Verbände, die einander ganz oder teilweise unbekannt sind, und die seit 3 Jahren Veröffentlichungen herausgeben, die aber von niemand benutzt würden. In Berlin arbeiteten unterdessen mehrere hundert von Spezialisten für den großen wirtschaftlichen Generalstab an der Vorbereitung der künftigen Handelsverträge.
Wir werden nicht geringe Anstrengungen machen müssen, um uns dieser feindlichen Lobsprüche würdig zu erweisen. Es scheint, daß man uns jenseits der Vogesen Fähigkeiten zutraut, von denen wir selber nur schüchtern träumen.
K. S.