Der Reichstag hat den 15 Milliarden-Kredit bewilligt, gegen die Stimmen der Unabhängigen Sozialisten, die noch immer glauben, durch den sinnlosen Ritus der Kreditverweigerung das Ende des Krieges beschleunigen zu können. Der Staatssekretär des Reichsschatzamts teilte in der Begründungsrede mit, daß sämtliche den Verbündeten gewährten Kredite, einschließlich der bloßen Garantien, in die vom Reichstag bewilligten Kriegskredite eingeschlossen sind. Es bleibt noch die Frage zu beantworten, die wir im Leitartikel des letzten Heftes aufgeworfen hatten. Aber die Zahlenangaben, die der Schatzsekretär über den Ertrag der Kriegssteuern machte, wird zu reden sein, wenn der stenographische Verhandlungsbericht vorliegt. Die Zeitungsberichte stimmen nicht miteinander überein. Es scheint aber, daß die während des Krieges eingeführten direkten Steuern 5 Milliarden M. insgesamt erbringen werden. Die Berliner Korrespondenzmeldung über den Betrag der Kriegsgewinne, von der wir in der letzten Chronik Notiz genommen hatten, scheint hiernach zu korrigieren zu sein. Bedauerlicherweise scheint der Schatzsekretär keine Angaben über die Höhe unserer täglichen Kriegskosten gemacht zu haben. Sollte die letzte Angabe (100 Mill. M.) noch zutreffen (Kuczynski schätzt die laufenden Kriegsausgaben im Reich, Staaten und Gemeinden auf 4—5 Milliarden im Monat), so würde einer Jahresausgabe von 36 Milliarden ein Anleiheergebnis von 25 Milliarden gegenüberstehen. Daraus würde sich eine jährliche Zunahme der schwebenden Kriegsschuld um 11 Milliarden ergeben. Die Klassizität der deutschen Kriegsfinanzen scheint unter diesen Verhältnissen zu leiden.
Der Finanzminister Rheinboldt erklärte am 29. November in der zweiten badischen Kammer, die Bundesstaaten müßten darauf vorbereitet sein, daß sie auf einen Teil der ihnen zur Verfügung stehenden Steuern zugunsten des Reiches werden verzichten müssen. Eine vollkommene Überlassung der direkten Steuern an das Reich sei indessen ebensowenig zu befürworten wie das Allheilmittel der Monopolisierung.
Der Devisenkrieg zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn scheint sich dem Ende zuzuneigen. Man erwartet, Zeitungsmeldungen zufolge, die Aufhebung der gegenseitigen Beschränkungen in den ersten Dezemberwochen.
Der Ausweis der Reichsbank vom 30. November zeigt eine Erhöhung des Wechselportefeuilles um 536,5 Mill. auf 12234,2 Mill. Der Betrag der umlaufenden Noten wuchs um 245,6 Mill. auf 10 622,3 Mill., die Summe der Fremden Gelder um 299,7 Mill. auf 6045,3 Mill. An Darlehnskassenscheinen wurden in Verkehr gesetzt 178,7 Mill. Da der Darlehensbestand der Kassen sich um 254,6 Mill. erhöhte, nahm der Darlehnskassenscheinbestand der Reichsbank um 75,9 Mill. zu. Die Darlehnskassen haben insgesamt 7024,6 Mill. ausgeliehen. Von den dagegen ausgegebenen Scheinen befinden sich 1043,8 Mill. im Besitz der Reichsbank. Der Metallbestand wuchs hauptsächlich infolge von Silberzuflüssen um 4,7 Mill. auf 2539,4 Mill. M.
*
Der Ausweis der Bank von England vom 29. Nov. zeigt einen Rückgang des Wechselbestandes von 616 000 £, während das Guthaben des Staats um 629 000 £ abnahm. Die Guthaben der Privaten stiegen um 147 000 £. Der Notenumlauf stieg um 605 000 £, der Barvorrat um 651 000 £. Die absoluten Zahlen sind: Notenumlauf 43 077, Barvorrat 56 507, Wechselbestand 91 342, Privatguthaben 122 743, Staatsguthaben 41 526 £.
Die Verkäufe von Kriegsbonds zeigen folgende Entwicklung (in 1000 £):
| Durch die Bank von England | Durch die Postämter | |
| Woche bis 20. Okt. | 55 226 | 504 |
| ” bis 27. Okt. | 13 928 | 461 |
| ” bis 3. Nov. | 12 338 | 374 |
| ” bis 10. Nov. | 9 791 | 292 |
| ” bis 17. Nov. | 10 806 | ? |
| Gesamt | 103 090 | 1 631 |
Die Ergebnisse sind nur halb so groß, wie es nach dem Finanzkritiker der Times nötig sein würde. Ein Teil der Kapitalisten hält es für zweckmäßiger, seine Mittel in Form von Bankdepositen zu belassen, als sie dem Staat zur Verfügung zu stellen.
Die „Times“ begründet ihre Forderung, daß wöchentlich 20 Mill. £ aus dem Verkauf der Kriegsbonds erlöst werden müßten wie folgt. Die Ausgaben, abzüglich der wiedereinbringlichen, betragen wöchentlich 39 Mill. Die ordentlichen Einnahmen werden von der Zeitung auf 19 Mill. geschätzt. Es wären also 20 Mill. £ durch Schuldaufnahme zu decken. In Wirklichkeit müßte der Betrag um 14 Mill. £ höher sein, denn der Abzug der angeblich wiedereinbringlichen Ausgaben ist durchaus ungerechtfertigt.
Die Ankündigung der Auflegung der 4 proz. französischen Anleihe in London zu 62 % ist dort mit einigem Erstaunen aufgenommen worden. Man fürchtet in ihr einen Konkurrenten der 5 proz. Kriegsbonds. Das ist nicht allein wenig bundesgenossenschaftlich zu empfinden, sondern verrät auch viel Nervosität.
Der am 1. Juli fällig gewesene Koupon der 5 % amortisablen Liberia-Goldanleihe, deren Notleidendwerden den besonderen Unwillen der Londoner City erregt hatte, ist am 1. Dezember eingelöst worden.
Der Kursrückgang der englischen Börsenwerte hält an. Nach einer Statistik des Bankers Magazine stellten 387 Papiere im Oktober einen Wert von 2688 Mill. £, im November 2635 Mill. £ dar.
*
Bei der Bank von Frankreich haben nach dem Ausweis vom 22. November die Vorschüsse an den Staat um 200 Mill. Frs. zugenommen. Das Staatsguthaben wuchs indessen nur um 19,6 Mill. Die Vorschüsse an Verbündete nahmen um 15 Mill. zu; während an diskontierten Wechseln 18 Mill. weniger im Portefeuille der Bank waren. Es verdient bemerkt zu werden, daß in diesem Portefeuille noch immer 1149,2 Mill. Moratoriumswechsel enthalten sind. Der Notenumlauf erhöhte sich um 68,6 Mill. auf 22,4 Mill., die privaten Guthaben von 84,4 Mill. auf 2800 Mill., der Goldbestand um 1,2 auf 3294,3 Mill. Das ausländische Goldguthaben um 58,2 auf 766,1 Mill.
Nach dem Ausweis vom 29. November betrug die Erhöhung des Notenumlaufs 276,4 Mill. Das Wechselportefeuille wuchs um 123,3 Mill., die Vorschüsse an Verbündete um 15 Mill. Das Schatzguthaben verringerte sich um 24,3 Mill., das Privatguthaben um 21,5 Mill.
Um das Defizit des Zivilbudgets für 1918 in Höhe von 1266 Mill. Frs. zu decken, schlägt der Finanzminister Kloß vor, die Erbschaftssteuer so auszubauen, daß sie einen Mehrertrag von 180 Mill. in 1918 und 361 Mill. in normalen Jahren erbringt, den Ertrag der Kriegsgewinnsteuer um 30 Mill. zu erhöhen und eine Umsatzsteuer einzuführen, deren Ertrag auf 1000 Mill. im Jahre 1918 und 1300 in normalen Jahren geschätzt wird.
Die hauptsächlichen Einnahmen des Staates haben in den vier Monaten vom 1. Juli bis 31. Oktober 1296 Mill. betragen, gegen 710 in der gleichen Periode des letzten Friedensjahres.
*
Die konsolidierte Schuld Italiens betrug am 30. September 17 200 Mill. Lire. Davon entfallen auf die 3 1/2 % Kriegsanleihe 8 098 Mill., auf die 5 % Kriegsanleihe 7 140 Mill., beide zusammen 88 % der Gesamtsumme.
Das Tabakmonopol erbrachte in den Monaten Juli bis Oktober 237 Mill. Lire.
Die Kriegsgewinnsteuer wird nach einer Berechnung der Agenee Economique 471,2 Mill. Lire erbringen. Legt man einen Durchschnittszinssatz von 41,5 % zugrunde, so ergibt sich daraus eine Gesamtsumme des Kriegsgewinns bis September 1917 von 1 111,5 Mill. Lire.
Die zur Federazione Bancaria Italiana zusammengeschlossenen Banken wiesen auf (in Mill. Lire:)
| Januar 1917 | September 1917 | |
| Depositen | 252,5 | 289,3 |
| Wertpapiere | 64,4 | 86,9 |
| Wechsel | 126,9 | 148,5 |
*
Die Gesamtausgaben der Regierung der Vereinigten Staaten im Monat Oktober werden mit rund 1 200 Mill. $ angegeben. 470 Mill. $ entfallen davon auf Kredite an die Verbündeten. Entgegen den früheren Meldungen soll nun doch eine dritte Kriegsanleihe im Januar aufgelegt werden.
Der Goldbestand der Vereinigten Staaten hat während des Krieges nach Statistiken des Schatzamts folgende Schwankungen gezeigt:
| 1. August 1914 | 1 887,2 Mill. $ | |
| 1. Januar 1915 | 1 815,9 ” ” | (Tiefpunkt) |
| 1. Juli 1917 | 3 090,6 ” ” | (Höchststand) |
| 1. Oktober 1917 | 3 035,3 ” ” |
Die Depositen der Nationalbanken haben sich wie folgt entwickelt:
| 9. August 1913 | 7 948 Mill. $ |
| 11. Sept. 1917 | 13 234 ” ” |
Der Zuwachs beträgt also 5286 Mill. $, gleich 66 %. Wenn allerdings der „Kontrolleur der Umlaufsmittel“ daraus den Schluß zieht, daß die Vereinigten Staaten um soviel mehr produziert als konsumiert haben, so irrt er sich gröblich. Diese Depositen stellen entweder durch Goldeinfuhr oder durch freie Geldkreation neugebildete Kaufkraft dar und sind ein Zeichen der Inflation.
Der Besitz der Banken an Regierungsanleihen und Schatzscheinen (mit Ausnahme der Freiheitsanleihe) wird von dem Kontrolleur am 11. Sept. mit 1 159 Mill. $ angegeben.
Neusüdwales legt eine Anleihe von 3 Mill. £ auf. Der Zinsfuß ist 5 3/4 %, der Zeichnungspreis 99 1/2. Im Gegensatz zu den früheren Kriegsanleihen der Kolonie ist die Anleihe langfristig. Sie muß erst in 18 Jahren zurückgezahlt werden. Doch steht der Regierung das Recht der Rückzahlung nach dem 1. Januar 1925 zu.
Nach einer Meldung der „Evening Post“ (15. Okt.) hat Japan China im Zusammenhang mit der Verpachtung der Kirin-Chang Chun Eisenbahn 6 500 000 Yen vorgeschossen. Die Anleihe ist 5 prozentig und ist nach 30 Jahren rückzahlbar. Der Betrieb der Bahn wird von der Südmandschurischen Bahn geleitet werden.
Die „Times“ meldet aus Peking, daß die chinesische Regierung eine Anleihe von 6 Mill. $ mit der American International Corporation und der Kaiserlichen Bank von Japan zur Verbesserung des Kaiserkanals abgeschlossen hat. 3 1/2 Mill. $ werden in Amerika aufgebracht, der Rest in Japan. Der Zeichnungspreis ist 97. Die Anleihe ist nach 20 Jahren rückzahlbar und wird durch Grundstücksrechte gesichert. Die Arbeiten werden von der Siems-Carey Railway and Canal Co. ausgeführt.
Die Steigerung des Silberpreises hat die chinesischen Finanzen revolutioniert. Während sonst die Zolleinnahmen jährlich um rund 1 Mill. £ hinter den zur Zahlung der Boxerentschädigung nötigen Summen und anderer auf jener basierten Verpflichtungen zurückblieben, können jetzt aus ihr auch die Zinsen auf die 25 Mill. $ Reorganisations-Anleihe gezahlt werden. Ende Juli verblieb überdies noch ein Überschuß zugunsten der chinesischen Regierung von 2 Mill. £. Da der Wechselkurs sich zeitweilig um 100 % gegen den Friedensstand erhöht hatte, war für die gleiche Summe auswärtiger Verbindlichkeiten nur der halbe Tael oder Hongkong-Dollarbetrag aufzuwenden. Es kommt hinzu, daß der deutsche und österreich-ungarische Anteil an der Boxerentschädigung „gestrichen“ ist, und daß die Zinszahlung auf die von Deutschland gewährten Anleihen während des Krieges unterbleibt, während der feindliche Verband einen fünfjährigen Aufschub der Zahlungen aus der Boxerentschädigung und eine Revision des Zolltarifs zugestanden hat. Der Pekinger Korrespondent der Times schätzt, daß China am Ende des Krieges seinen finanziellen Status um 50 Mill. $ oder, zum Kurs von Ende September umgerechnet, 10 Mill. £ jährlich verbessert haben wird. Er fügt hinzu, daß China die ihm jetzt aufgedrungenen Anleihen garnicht braucht. Es wäre imstande, die notwendigste Reformen aus den Überschüssen des Schatzamts zu bestreiten, ohne das Kursrisiko von Auslandsanleihen auf sich zu nehmen.
K. S.