England befindet sich in einem Zustand sozialer Gärung, der allerdings vorerst nur aus Anzeichen und Andeutungen erkannt werden kann. Wie tief die Wandlung eingreift, in die der Krieg das Denken des englischen Arbeiters versetzt hat, zeigt die jedem Kenner des englischen Konsumvereinswesens märchenhaft erscheinende Tatsache, daß die Führer der Konsumgenossenschaften, die bisher politisch den rechten Flügel der englischen Arbeiterwelt darzustellen pflegten, im Begriff sind, ihre konservative Haltung und ihre politische Indifferenz aufzugeben. Die Zeitschrift „The New Statesman“ berichtet darüber im Anschluß an einen kürzlich abgehaltenen Kongreß der Konsumgenossenschaftsleiter:
„Die Aufgabe des Kongresses schied sich in zwei scharf gesonderte Teile. Die ersten Beschlüsse waren ganz einfach ausgesprochene Proteste gegen die fortgesetzte Übergehung der Verbraucherorganisationen während des Krieges seitens der Regierung, die von den Erfahrungen und Hilfsmitteln jener gar keinen Gebrauch machte, und gegen die Weigerung, ihnen eine gebührende Vertretung bei den Regierungskomitees, die sich mit der Lebensmittelversorgung und ähnlichen Fragen befassen, zuzugestehen; gegen die Unterstellung der Konsumgenossenschaften unter die Militärgewalt; gegen die diesen Gesellschaften auferlegten hohen Gewinnsteuern und schließlich gegen die Geringschätzung, mit der der Premierminister die englischen Konsumvereinler behandelt hat, da er das Dasein der Bewegung überhaupt nicht anerkennen und nicht einmal ihre Beschwerden anhören wollte. Nachdem man mit beträchtlicher Würde diese vielen Proteste aufgezählt hatte, eröffnete die Konferenz ihre neue Politik, und machte hinreichend ihren Entschluß klar, durch direkte politische Betätigung sich dasjenige Heilmittel gegen die Nöte der Arbeiterschaft, das ihnen während drei Jahren versagt war, zu verschaffen. Die großen Umrisse dieser Politik sind schon auf dem früher in diesem Jahr in Swansea abgehaltenen Kongreß der Konsumvereinler bezeichnet. Sie besteht aus zwei Teilen: erstens, Bearbeitung einer engeren Arbeitsgemeinschaft zwischen der Konsumvereinsbewegung und der anderen großen Organisation, den Gewerkschaften; und zweitens einem Plan, wodurch der Bewegung eine direkte Stellvertretung im Parlament und bei lokalen Verwaltungskörpern geschaffen wird. Der letztere Plan bedeutet eine Revolution der Konsumgenossenschaften.
Die traditionelle Vorsicht des Konsumvereinlers hat ihm nicht einmal unter dem Druck der Verzweiflung verlassen. Er hat eine vorsichtige Revolution zustande gebracht, hat sich nicht in große Pläne für politische Betätigung gestürzt, sondern hat vorsichtig das Knochengerüst einer politischen Organisation aufgebaut, die sowohl den kleinen Anfängen wie der weiteren Entwicklung und Ausdehnung angepaßt ist. Der Plan, den die Konferenz billigte; und der sofort in Wirksamkeit tritt, sorgt zunächst für die Einrichtung eines zentralparlamentarischen Repräsentationsfonds aus einem Mindestbeitrag von 2 £ auf 1000 Mitglieder der Kleinverkaufsvereinigungen. Dies würde eine Parteikasse von mindestens 7 000 £ ergeben; wenn die Gesellschaften sich mit ganzer Seele in die Politik hineinstürzen, kann diese Summe ohne Schwierigkeit enorm vergrößert werden. Nur die tatsächlichen Ausgaben für die Wahlen sollen dem Repräsentationsfonds, der von der Co-operative Union verwaltet werden wird, aufgebürdet werden. Der Plan sieht ferner sowohl eine zentrale wie lokale Organisation zum Zwecke der parlamentarischen Vertretung vor. Das Zentralorgan besteht aus einem Ausschuß von 12 Mitgliedern, in dem die Co-operative Union, die Großeinkaufsgesellschaften und die englischen und schottischen „Frauengilden“ vertreten sind. Die lokale Organisation wird aus einem lokalen Rat des oder der Konsumvereine in jedem parlamentarischen Wahlkreis bestehen. Der Zentralausschuß wird eine Liste der Wahlkreise, in welchen man Kandidaten für die Gemeinwirtschaft aufstellen kann, bearbeiten. Die Wahl der Kandidaten wird zusammen von dem Zentralausschuß und dem lokalen Rat des Wahlkreises getroffen. Die lokalen Räte werden in ihrer Hauptarbeit selbständig sein; ihre Pflicht wird es sein, in ihrem Wahlkreis die Abstimmung der Konsumvereinler zu organisieren. Der Plan legt bezeichnender Weise Nachdruck darauf, daß es wünschenswert ist, sowohl bei der Zentrale wie bei den lokalen Ausschüssen gute Beziehungen und Zusammenarbeit mit Parteiorganisationen, Gewerkschaften und „anderen Organisationen, die ähnliche Ziele verfolgen, herzustellen. Nachdem die Konferenz diesem Plan zugestimmt hatte, nahm sie den Beschluß an, der ein sehr umfassendes politisches Programm industrieller, sozialer und wirtschaftlicher Reform aufstellt.
Es ist außerordentlich schwer, die Aussichten der Konsumvereinsbewegung als einer politischen Macht einzuschätzen. Ihr Eintritt in die Politik wird ohne Zweifel in ziemlich kleinem Maßstab beginnen. Bei der nächsten Wahl wird eine geringe Zahl von Konsumvereinskandidaten aufgestellt werden. Die Gewählten werden bei der Labourparty sitzen und werden hauptsächlich die Interessen der Konsumentenorganisationen zu wahren haben. Es ist möglich, daß die Revolution unter den Konsumvereinlern hier friedlich endet; aber die Hoffnungen und Absichten der Konferenz gehen auf etwas viel Aufregenderes und Wichtigeres hinaus. Es sind in diese Bewegung 3 1/2 Mill. hauptsächlich aus den Arbeiterkreisen organisiert, von denen 2 Mill. Wähler sein sollen. In der Tat erwarteten nun alle Redner der Konferenz (und es gab unter den 900 Delegierten keine Meinungsverschiedenheit) unverkennbar die Schaffung einer neuen politischen Arbeiterpartei aus diesen Millionen Verbrauchern, mit der Organisation und dem Gelde der Bewegung hinter sich, und in engen und freundschaftlichen Beziehungen mit der Arbeitspartei und den Gewerkschaften arbeitend. Die Entwicklung einer solchen Partei, die an das auf der Konferenz angenommene Programm gebunden ist, würde nicht nur die Bewegung selbst, sondern die ganze Parteipolitik umstürzen. Und keiner, der sich des konservativen Geistes von früheren Konsumvereinskonferenzen her und des in der letzten Woche gezeigten neuen Geistes entsinnt, wird diese Möglichkeit als fantastisch abweisen. Es ist nützlicher die Schwierigkeiten, die ihrer Erlangung im Wege stehen, in Betracht zu ziehen. Erstens sollte man die Zusammensetzung der Konferenz der vorigen Woche beachten. Sie bestand, wie immer, beinahe gänzlich aus „Führern“, d. h. Mitgliedern der führenden Ausschüsse. Auf den ersten Blick mag das für die neue Entwicklung günstig erscheinen, denn früher sind diese Führer gewiß nicht weniger konservativ gewesen als die große Masse der Konsumvereinler. Aber hier müssen wir uns folgende Tatsache ins Gedächtnis zurückrufen. Der Entschluß, sich mit Politik zu befassen, ist aus einem Gefühl der Empörung gegen die Behandlung der Konsumvereine durch den Premierminister und die Regierung entstanden. Gerade die Führer, die Leiter der Großeinkaufsgesellschaften und die Mitglieder der führenden Ausschüsse kennen die Einzelheiten der Behandlung und sind darüber unwillig. Der gewöhnliche Konsumvereinler kennt die Tatsachen nicht, und so fehlt das Motiv für die neue Methode, ausgenommen hinsichtlich der hohen Gewinnsteuern, in seinem Falle gänzlich. Die politischen Aussichten der Bewegung werden fast gänzlich davon abhängen, ob der neue Geist unter den Führern stark und ausdauernd genug sein wird, um sie zu befähigen, die große Masse aufzurütteln und umzukehren. Eine starke Minorität steht der Einmischung der Konsumvereine in die Politik feindlich gegenüber und fürchtet sie; überdies ist die Bewegung noch sehr durch die Gleichgültigkeit gegen politische Fragen und durch alte Parteibeziehungen gehemmt. Diese großen Schwierigkeiten können nur überwunden werden, wenn es den Führern gelingt, durch die neuen lokalen Organisationen in die politische und konsumgenossenschaftliche Denkweise der großen Masse einzudringen, sie aufzurütteln und zu organisieren. Sie müssen das neue politische Programm ihren eigenen Mitgliedern gleich vorlegen; um es wirksam machen zu können, werden sie einen großen und dauernden politischen und erzieherischen Feldzug führen müssen. Die Zeit für einen solchen Feldzug ist niemals so günstig gewesen und wird es niemals wieder sein. Wir glauben, daß ein Erfolg keineswegs unmöglich ist, und daß in naher Zukunft die Konsumvereinler ein bedeutender Faktor in der nationalen Politik sein werden.“
K. S.