Die Bildung der Wechselkurse gilt von jeher als ein besonders schwer verständlicher Prozeß. Wird schon die Existenz der Werteinheiten, der Mark, des Pfund Sterling, des Dollar, als ein fast geheimnisvolles Faktum betrachtet, zu dessen Erklärung die schlichten Bestimmungen der staatlichen Gesetze nicht ausreichen, so wächst die Ratlosigkeit, wenn erst das Verhältnis der verschiedenen staatlichen Werteinheiten gegeneinander auf seine Ursachen und Bedingungen zurückgeführt werden soll. Schon dem an den Oberflächen der Dinge entlanggleitenden Blick wird es deutlich, daß jenes Verhältnis irgendwie bestimmt sein muß, von der Gesamtheit der wirtschaftlichen und politisch-sozialen Momente, die zu dem Verkehr der Staaten und ihrer Angehörigen in irgend einer Beziehung stehen: die Entwicklung von Ein- und Ausfuhr, der zwischen den Staaten stattfindende private Kreditverkehr, die Wandlungen des inländischen und ausländischen Staatskredits, der Strom der Reisenden, Ein- und Auswanderer, die durch Heiraten und Todesfälle veranlaßten Vermögensverschiebungen, die Fluktuationen der politischen und der wirtschaftlichen Stimmungen spielen hier herein, hier und dort gefördert oder gehemmt durch staatliche Maßnahmen und Einrichtungen, immer aber in so undurchsichtiger Verknüpfung, daß ein Versuch, den gordischen Knoten zu durchhauen, noch die meiste Aussicht auf Entwirrung zu bieten scheint.
Hier, wie überall in ähnlichem Falle, hilft sich nun der Praktiker, indem er sein instinktähnliches Handeln auf die Beobachtung von Symptomen, auf Routine und Einzelerfahrung stützt, während der Theoretiker sich meist darauf beschränkt, eine einzelne Ursache herauszugreifen und sie zum Rang des Generalnenners für alle übrigen zu erheben. Der Laie pflegt, beunruhigt von der Vielheit der Erscheinungen, durch die widerstreitenden Ansichten aber, die er anhören muß, nicht bis zum klaren Verständnis gefördert, aus dem Gehörten einige Sätze herauszusuchen, die ihm wenigstens einen Teil des komplizierten Sachverhalts anschaulich zu verdeutlichen scheinen. Das Resultat dieses Prozesses geht wiederum als „herrschende Meinung“ in die Bücher der Theoretiker über und bestimmt, in nunmehr ganz unlöslicher Verfilzung, ihre eigenen Thesen, die, wie man annimmt, sich niemals erheblich von der Summe jener volkstümlichen Vorurteile entfernen dürfen. So mag es sich erklären, daß die Bewegung der Währungen noch heute mit nicht viel größerem Verständnis verfolgt wird als in den Währungswirren der Napoleonischen Kriege. Die gleichen Denkgewohnheiten, Vorurteile und Trugschlüsse tauchen, zum Teil als „letzte Errungenschaften“ der endlich zum Ziel gelangten Wissenschaft gekleidet, in den öffentlichen Debatten wieder auf und eröffnen die wenig tröstliche Aussicht, daß nach weiteren hundert Jahren schwerer Erfahrungen und ernster Arbeit der gleiche Vorgang sich wiederholen wird, wenn eine ähnliche Weltlage Veranlassung und Raum für ihn darbietet.
Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn sich jeder, der über Währungswesen und Valutakurse redet, auch darüber klar würde, daß die Valutakurse nichts anderes sind als ein Preis wie jeder andere, nicht aber eine mystische Ratio, die sich in einem unfaßbaren Prozeß unbewußter, jedenfalls ungreifbarer Wertungen und Schätzungen herausbildet. Die Ware, für die der Preis gezahlt wird, ist auch nicht eine unfaßbar über dem wirtschaftlichen Verkehr der Individuen schwebende Wertsubstanz, sondern ein schlichtes ausländisches Zahlungsmittel oder eine Forderung auf solche ausländische Zahlungsmittel. In die erste Kategorie gehört alles metallische oder papierne Geld, zur zweiten die Wechsel, die auf ausländische Zahlungsmittel gestellt sind und die telegraphischen Anweisungen, die im fremden Lande auszuzahlen sind. Um einen zusammenfassenden Ausdruck für alle diese Formen des zwischenstaatlichen Zahlungsverkehrs zu haben, ist der Begriff des „intervalutarischen Kurses“ gebildet worden, der den „Wechselkurs“ als ein Teilphänomen mit umschließt. Ganz allgemein kann der intervalutarische Kurs definiert werden als der Preis, ausgedrückt in heimischer Währung, der gezahlt wird für ausländische Zahlungsmittel oder wirksame Anweisungen darauf.
Dieser Preis wird auf einem Markt gebildet, wie der Großhandelspreis jeder anderen Ware. Er regelt sich nach Angebot und Nachfrage. Das aber kann nicht heißen, daß die bloßen Quantitäten der angebotenen und der nachgefragten Auslandszahlungsmittel ausschlaggebend wären: neben ihnen sind, wie auf anderen Märkten auch, die Dringlichkeit, mit der Angebot und Nachfrage auftreten, die Organisation des Handels und die imponderablen Elemente der Atmosphäre jedes Marktverkehrs wirksam; auch ist zu bedenken, daß der Umfang von Angebot und Nachfrage sich wieder nach der Höhe der zu erzielenden Preise richtet, in dem die Aussicht auf höhere Preise das Angebot vergrößert, während ein Sinken der Preise neue Käuferschichten heranzieht. Es soll durch jenen Satz vielmehr nur der schlichte, aber gerade wegen seiner Einfachheit nicht selten mißachtete Tatbestand ausgesprochen werden, daß der Preis das Ergebnis eines Machtkampfes ist, der von Anbietenden und Nachfragenden ausgekämpft wird. Er trägt daher trotz seiner zahlenmäßigen Form nicht den Charakter des Ergebnisses einer astronomischen Rechnung, sondern ähnelt eher einem Friedensschluß, der das Machtverhältnis zweier Parteien nach Beendigung eines Streites für einige Zeit festlegt.
Ist dieser Charakter der Valutakursbildung anerkannt, so läßt sich über die Bedingungen und Ursachen von Kursveränderungen nur noch eine allgemeine Feststellung machen: daß nämlich aus der unübersehbaren Vielheit von Faktoren, die Angebot und Nachfrage nach Zahlungsmitteln eines fremden Landes hervorrufen, fördern oder einschränken können, weder ein einziger Faktor noch auch eine einzelne Gruppe von Faktoren beanspruchen darf, vor den anderen als besonders wichtig oder gar als Generalursache hervorgehoben zu werden. Ob im einzelnen Fall der Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr, die Erschöpfung der Goldreserve, eine unglückliche Schlacht, die Ausdehnung des Notenumlaufs oder der Fortfall des Fremdenverkehrs das Sinken einer Valuta verursacht hat, muß von Fall zu Fall in historischer Untersuchung klargestellt werden. Ganz allgemein zu behaupten, daß entweder der Staatskredit oder die Handelsbilanz oder die Preishöhe schlechthin entscheidend sein müßten für die Bewegung eines Valutakurses, zeugt von nichts anderem als von der Tyrannis eines undisziplinierten Gehirns. Der hastige Dogmatismus solcher Theoretiker erscheint doppelt gefährlich, da er bei dem nicht überzeugten Teil der Praktiker nur die habituelle Geringschätzung der Theorie steigert, bei dem andern Teil aber die Festsetzung von Vorurteilen fördert, die gerade darum so schwer auszurotten sind, weil dogmatische Festsetzungen dieser Art sich auch noch dann zu behaupten pflegen, wenn sie durch die Betrachtung der Tatsachen ad absurdum geführt werden können. Der befangene Blick ist dann eher geneigt, die Wirklichkeit für eine Scheinrealität zu erklären, als daß er die Tatsache seiner eigenen Befangenheit zugäbe.[1]
Versucht man die Gesamtheit der Momente, die auf die intervalutarischen Kurse einwirken können und die seit Knapp als „pantopolische“ bezeichnet werden, mit einem anschaulicheren Wort zu benennen, so scheint sich der Begriff der Zahlungsbilanz als der Inbegriff aller Zahlungen, die zwischen zwei Ländern in dieser und jener Richtung während eines gegebenen Zeitraums geleistet werden müssen, als geeignet darzubieten. Wollte man aber nun festsetzen, daß die intervalutarischen Kurse sich nach jener Zahlungsbilanz bestimmen, so würde man alle die stimmungshaften, die emotionalen und die übrigen irrationalen Momente außer acht gelassen haben, die für die Bildung der Kurse von nicht geringerer Bedeutung sind, als die Summe der Zahlungsverpflichtungen selbst. Und man würde ferner dabei auch nur allzu leicht übersehen — oder, wenn es einmal erkannt war, bei längerem Gebrauch der Formel vergessen —, daß jene sogenannte Zahlungsbilanz sich nicht wie etwa die Handelsbilanz als Differenz zweier gegebenen Summen feststellen läßt, sondern sich je nach der Lage der intervalutarischen Kurse verschieben kann. Stellt sich nämlich ein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Markt der Auslandszahlmittel ein, so ist es möglich, daß die Lücke unschwer durch Gewährung von Bankkrediten ausgefüllt wird, ein Prozeß der überdies durch Erhöhung des Bankdiskontsatzes im Schuldnerland gefördert werden kann. Die Zahlungsbilanz trägt also ein regeneratives Moment in sich, das um so stärker sein wird, je deutlicher die Unstimmigkeit auf dem Valutamarkt als vorübergehend erkannt werden kann. In normalen Zeiten wird es für ein kapitalkräftiges Land fast immer leicht sein, so viel Geldmarktskredite im Ausland aufzunehmen wie es zum Ausgleich vorübergehender Differenzen benötigt. Gerät aber der Kurs einer Landeswährung in scheinbar unaufhaltsames Sinken, so wird es nicht nur bis zur Unmöglichkeit erschwert, Kredite im Ausland aufzunehmen, sondern die ausländischen Gläubiger werden sich auch bald bewogen fühlen, die Guthaben, die sie in jenem Lande halten, in der Furcht vor weiteren Entwertungen zurückzuziehen. Wird es hier sinnfällig, daß die Zahlungsbilanz von dem Stand der Wechselkurse abhängig werden kann und zwar so, daß eine ungünstige Bewegung des Kurses eine Verschlechterung der Zahlungsbilanz nach sich zieht, so bedarf es kaum einer Begründung, daß spekulative Valutageschäfte in gleicher Richtung und nach einem ähnlichen Gesetz wirken, die „ungünstige“ Valuta in steigender Intensität verschlechternd, die günstige mit ebensolcher Beschleunigung erhöhend. Die Spekulation nimmt eine künftige Situation des Marktes voraus. Schlägt die Konjunktur nicht den von jener angenommenen Weg ein, so ist jene zu Verlusten verurteilt. Sieht sie sich aber einem stetig und ausnahmslos in einer Richtung bewegenden Markt gegenüber, so kann sie annehmen, daß die Gefahr solcher Verluste dem Nullpunkte nahegerückt ist, und kann sich zu jedem spekulativen Engagement in jener Richtung ermutigt fühlen. Von diesem Markt gilt mit besonders großer Schärfe, daß alles was fällt, darauf rechnen muß noch gestoßen zu werden. So wirkt neben dem Stand des Valutakurses auch die Stetigkeit seiner Richtung auf die Zahlungsbilanz zurück. Nur wenn man sich dieser Einsichten in die Mechanik der intervalutarischen Kurse erinnert, wird man den landläufigen Trugschlüssen entgehen, mit deren Analyse wir uns in einem zweiten Aufsatz beschäftigen werden. Jene Einsichten sind nicht neu. Sie gehören aber zu der Klasse von Erkenntnissen, die sich um so leichter dem Gedächtnis entziehen, je einleuchtender sie dem ersten Blicke scheinen.
- [1] Vergl. die Beispiele, die in des Verfassers Schrift: „Die Motive der indischen Geldreform“, Straßburg, 1910, behandelt werden.