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Schon gegen Ende des Jahres 1911 war Georg Friedrich Knapps Buch über die staatliche Theorie des Geldes vergriffen. Es hat auch in diesen Jahren, stärker als irgend ein theoretisches Werk der Staatswissenschaften, auf dem Feld der Wissenschaft wie dem der Praxis und Politik, die Geister erregt, hartnäckige Gegnerschaft hervorgerufen und beharrliche Verteidigung gefunden, so daß sich schließlich der Kreis seiner bedingten und unbedingten Anhänger rascher vermehrt hat, als selbst die Freunde des Buches im Anfang anzunehmen wagten. Jetzt liegt es fast dreizehn Jahre nach dem ersten Erscheinen, in zweiter Auflage wieder im Buchhandel vor (Verlag von Duncker und Humblot, München und Leipzig), und zur rechten Zeit: denn die währungspolitischen Fragen, seit zwei Jahrzehnten lediglich ein Gegenstand akademischer Erörterung, beginnen wieder lebendig zu werden; neue Schwarmgeister bieten Programme und Systeme an, die angeblich den einzigen Schlüssel zu allen Problemen enthalten: um jene zu bannen, diese auf ihr rechtes Maß zurückzuführen, kann nichts willkommener sein als die erneute Gegenwart des Werkes, das uns in seiner ruhigen Meisterschaft der begrifflichen Untersuchung und des tektonischen Aufbaus sehen, ordnen, vergleichen und urteilen gelehrt hat.

Der Text der ersten Auflage ist fast ohne Veränderungen übernommen worden. Hinzugefügt sind, außer einer Übersicht über die Literatur von Anhängern, Schülern und Gegnern, einige „Nachträge und Ergänzungen“, in denen das österreichische System der Zollzahlungen 1894—1906 zergliedert, die Darstellung der deutschen und österreichisch-ungarischen Geldverfassung bis an die Schwelle des Krieges fortgeführt und das Scheinproblem des „sogenannten Geldwerts“ so weit geklärt wird, wie Knapp es innerhalb des Rahmens der staatlichen Theorie für notwenig erachtet. Alle diese neuen Beiträge, von dem nunmehr sechsundsiebzigjährigen Nestor der deutschen Nationalökonomie geschrieben, zeigen die gleiche feste Hand und das gleich unbeirrbare Auge wie die früheren Teile. Es sind, in einer Wissenschaft, die über so gut wie keine lebendigen Traditionen verfügt, ebenso viele Muster begrifflicher Analyse und pragmatischer Darstellung.

Die Gegner haben oft geglaubt und noch öfter glauben gemacht, das Knappsche Werk sei der Ausdruck eines währungspolitischen Programms; es diene der Rechtfertigung gewaltsamer Staatseingriffe in die Geldverfassung und setze darum die Bedeutung der Metalle für die Währungsgeschichte auf ein Nichts herab. Einen solchen Einwand erheben, bedeutet, das Buch in jeder Zeile mißdeutet zu haben. Denn dieses Werk klagt nicht an und rechtfertigt nicht, sondern erklärt: es sind die Elemente einer Morphologie und Physiologie der Geldverfassungen, die hier entwickelt werden: durch Ordnung und Sonderung der Erscheinungen, durch Vergleichung, die aus dem Fluß der Dinge das Typische heraushebt und durch die Einstellung dieser Typen in eine Entwicklungsreihe, die den Ort jeder Erscheinung gesetzmäßig festzulegen und sie in ihrer Eigenart klar zu begreifen erlaubt. Knapp bekennt in der Vorrede, daß er wesentlich dem Naturphilosophen Fechner verpflichtet sei, bei dem er gelernt habe, „wie das Wesentliche vom Zufälligen unterschieden wird“; und er fügt hinzu: „Wenn man finden sollte, daß hier der Versuch unternommen wird, die Seele des Geldes zu entdecken, so hätte ich nichts dagegen einzuwenden.“ Noch näher verwandt scheint uns diese Theorie mit dem Goetheschen Versuch zu sein, die Idee der Lebewesen durch alle Wandlungen und Entfaltungen der empirischen Pflanze und des empirischen Tieres hindurch zu verfolgen. Nur daß dort, wo nicht Organismen, allein durch Intuition erfaßbare Wesen, sondern rationale Einrichtungen des neuzeitlichen Staatslebens das Problem darstellen, festumrissene Begriffe geboten werden können, durch die der Abgrund zwischen Idee und Erfahrung methodisch überbrückt werden kann.

Es wird niemandem, der sich dieser Richtung des Knappschen Denkens erinnert, noch wunderlich erscheinen, daß Knapp die neueren Schriftsteller, die das Ende der Goldwährung zu prophezeien pflegen, mit einem spöttischen: „Dies wäre erst abzuwarten“ als Übertreiber abweist. Wo er (an einer einzigen Stelle) von der Zukunft der deutschen Währungspolitik spricht, werden von ihm nicht Postulate aufgestellt, sondern allein Tendenzen der künftigen Entwicklung abgeschätzt.

„Von einer Neuordnung nach dem Kriege zu reden, heißt es auf Seite 433, hat vorläufig keinen Zweck; es muß vorher bekannt sein, wie die Handelsbeziehungen mit den Nachbarstaaten sich gestalten werden und ob unter den Staaten einer sein wird, der eine vorherrschende Stellung einnimmt. Wenn ein solcher sich herausbildet, so wird die Frage wichtig, welche Geldverfassung er haben wird.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß das Deutsche Reich bald wieder im strengen Sinn des Worts zur Goldwährung zurückkehrt. Solche Restaurationen haben immer sehr lange Vorbereitungen erfordert. Auch in Frankreich und Italien wird es schwerlich bald geschehen, von Rußland ganz zu schweigen. Wir werden für den inneren Verkehr vorläufig beim Notengelde bleiben.

Damit ist nicht behauptet, daß dem Golde seine Vorzugsstellung in unserer Geldverfassung völlig genommen werde. Die Annahme der unbeschränkten Ausmünzung wird vermutlich bleiben, auch wird die Anhäufung von Barschätzen in Gold bei den Zentralbanken bleiben, weil sie vermutlich auch künftig zur Regelung der intervalutarischen Kurse nötig sein wird. Daß aber die unbedingte Bareinlösung der Noten bald wiederkehren werde, ist nicht anzunehmen.

Weitaus die wichtigste Frage ist die: ob die früheren Sätze des Münzparis zwischen den Staaten als Regeln für das intervalutarische Pari beibehalten werden oder nicht.“

Werden diese Feststellungen eines überlegenen Betrachters, der dem Tagesgetümmel der Meinungen und Strebungen mit der Gelassenheit eines Astronomen oder eines Bienenzüchters zusieht, den Wust von Mißverständnissen und Trugschlüssen wegräumen, der sich seit dreizehn Jahren um die staatliche Theorie legt? Da hierzu erfordert wird, daß die Kritiker auch die Betrachtung des Seienden und des Seinsollenden auseinanderzuhalten verstehen, besteht einstweilen nur geringe Hoffnung.

Ein anderer Einwand galt immer der angeblichen Vernachlässigung der wirtschaftlichen Seite des Geldproblems. Knapp begegnet jetzt diesem Vorwurf, indem er das Recht zu neuen wirtschaftswissenschaftlichen Problemstellungen nicht bestreitet, wohl aber die Möglichkeit leugnet, diese Probleme in Angriff zu nehmen, bevor die staatliche Theorie ihre Arbeit geleistet und die Anerkennung ihrer Ergebnisse durchgesetzt hat. Daß zwischen der Vermehrung der Zahlungsmittel und der Bewegung der Preise und der Einkommen die mannigfaltigsten Beziehungen hin- und hergehen können, wird dem Ökonomisten zugestanden. Doch wird dagegen Verwahrung eingelegt, daß diese Probleme mit dem Problem der Geltung unserer Zahlungsmittel zusammengeworfen werden, indem man das Scheinproblem des „Geldwerts“ erfindet als eine Art von Generalnenner für Dinge, die mit einander durchaus inkommensurabel sind. Denn die Frage nach dem Grunde der Geltung eines Zahlungsmittels betrifft das Fundament und die Struktur der Geldverfassung. Die Frage aber nach dem Einfluß der Geldvermehrung auf Märkte und Einkommen kann erst beantwortet werden, wenn jenes erste Problem gelöst ist. „Daß dies neben der staatlichen Theorie des Geldes noch geschehen muß, hat nie jemand geleugnet, aber ohne diese Theorie kann es nicht geschehen.“

Neben der staatlichen Theorie? Sollte es nicht in ihr selbst eine Stelle geben, wo die Lehre von den Arten und Grundsätzen der Geldvermehrung sich organisch in das Lehrgebäude der Geldverwaltung einfügt? Knapp selbst macht die Unterscheidung des Geldes, das durch Einlieferung von Metall nach einer bestimmten Währungsnorm entsteht, und des Geldes, das auf andere Weise geschaffen wird. An einer anderen Stelle spricht er davon, daß der Staat neue Regeln der Geldvermehrung aufstellen müsse, wenn er die Entstehung von valutarischen Zahlungsmitteln nicht an die Einlieferung von Währungsmetall binden wolle. Wo er dagegen von der Ausgabe von Banknoten und der Schaffung von Giralguthaben spricht, ist nur von der praktisch unbegrenzten Vermehrbarkeit innerhalb der durch Geschäftsstatut und Deckungsbestimmungen gezogenen Schranken die Rede. Hier wäre nun zu fragen, ob hinter diesen zunächst nur privatwirtschaftlich begründeten Bestimmungen der deutschen und der ausländischen Bankgesetze nicht höhere Grundsätze der Geldpolitik aufgefunden werden können, die jene gesuchten Regeln gesunder Geldvermehrung darstellen oder vorbereiten. Die Auffindung und die Prüfung dieser Grundsätze setzt freilich „ökonomistische“ Erwägungen und Studien voraus, die von der Betrachtung rechts- und verwaltungsgeschichtlicher Entwicklungen weit abzuliegen scheinen. Das Ergebnis dieser Forschungen aber scheint sich uns klar und harmonisch in das strenge System der staatlichen Geldpolitik einzufügen, sobald der „geometrische Ort“ dieser Erkenntnisse einmal bestimmt ist. Ist dies geleistet, so wird von hier aus auch der Rest der trüben Problematik des angeblichen „Geldwerts“ endgültig aufzulösen sein. Denn dieser Rest besteht eben in nichts anderem als in den nicht mit hinreichender Schärfe zergliederten Beziehungen zwischen den Regeln der Geldvermehrung und den Bewegungen von Preisen und Einkommen.

Daß Knapp jene Aufgaben nicht selbst in Angriff genommen hat, scheint tief in der Eigenart seines Denkens begründet zu sein. Sein Geist ist nicht auf die Auffindung schematischer Naturgesetzlichkeiten und nicht auf die Umgestaltung der Einrichtungen nach einem neuen Plane gerichtet. Ihn treibt es, eine große geschichtliche Erscheinung darzustellen und begrifflich faßbar zu machen, in der sich ein ordnender Wille machtvoll und folgerichtig durchsetzt. Daß dieser Wille mannigfach bedingt und gehemmt ist, weiß Knapp so gut wie seine Kritiker: aber es entgeht ihm auch nicht, wie so oft seinen Gegnern, die Einsicht, daß ein Wirkliches nicht durch die Summe seiner Bedingungen definiert werden kann. Erst wenn die Struktur der staatlichen Geldverfassung erkannt ist, können die Momente abgeschätzt werden, die auf die Entwicklung jener Struktur hemmend oder fördernd einwirken. Diese Einsicht scheint trivial: wäre sie indessen immer lebendig gewesen, so wären viele Umwege der Theorie und Politik des Geldwesens vermieden worden. Knapps Leistung ist es, aus dieser sich immer stärker komplizierenden Wirrnis herausgeführt und den Blick für die großen, reinen Linien der Dinge geklärt und geschärft zu haben. Es ist das Vorrecht des großen Theoretikers, die Dinge einfacher sehen zu lehren, ohne ihnen doch Gewalt anzutun. Das Maß des Lesers wird dadurch bestimmt, wie sehr er durch eine solche Leistung beglückt und in seinem eigenen Tun und Denken gefördert werden kann.

K. S.

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