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Die verfassungsmäßigen Organe des Deutschen Reichs haben eingewilligt, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, den ihm die Verbündeten und Gesellten Mächte vorgeschrieben haben. Es ist notwendig, sie noch einmal aufzuzählen: die Vereinigten Staaten von Amerika, das Britische Reich, Frankreich, Italien, Japan, Belgien, Bolivien, Brasilien, China, Cuba, Ecuador, Griechenland, Guatemala, Haiti, Hedschas Honduras, Liberia, Nicaragua, Panama, Peru, Polen, Portugal, Rumänien, Serbien-Kroatien-Slawonien, Siam, Tschecho-Slowakei und Uruguay. Man sagt, daß diese Entscheidung aus bloßer Müdigkeit und Zermürbung stammt, aus Sorge um die Reichseinheit und um den Bestand des armen Restes innerer staatlicher Ordnung, aus Mangel an nationaler Würde und heldischer Kraft des Opfers. Die Meinung nährt sich aus allem Ingrimm selbstzerstörerischer Anklage, die sich unter dem Druck des Krieges und des Umsturzes bei Herrschenden und Beherrschten von heut und gestern gesammelt und gestaut hat. Wer ist heut nicht geneigt, in jedem Abweichen des anderen von eigener Richtung und Meinung einen Grund zum Mißtrauen und Verachten zu sehen? Nichts ist heut billiger als Bitterkeit, die sich gegen den anderen kehrt.

Es ist Zeit, daß das Pendel zurückschwingt und daß die Deutschen sich der Größe ihres Schicksals und der heilenden Kraft ihres tiefsten Seins erinnern. Das bedeutet nicht und darf nicht bedeuten, daß sie Führer und Verführer von jetzt und vordem von den Verantwortlichkeiten entlasten sollen, die ihnen der grauenhafte Gang der Dinge aufbürdet. Aber sie sollten wieder ahnen lernen, daß ein solches Schicksal nicht über ein Volk kommt, ohne daß Fehl und Schwäche des einzelnen nur Zeichen und Wirkung tieferer Verstrickung des Ganzen in Frevel und Wahn ist, die Sühne fordert und Ausharren im Elend: die Kraft des „göttlichen Dulders“, der den Griechen nicht weniger groß und heilig war als der heldische Täter. Denn es ist, auch nach ihrem Glauben, heroisch, „das Joch des Notwendigen“ auf sich zu nehmen, wenn es nicht in Feigheit und Knechtigkeit geschieht, sondern in dem unbeugbaren Geist des Mannes, der dem Kampf mit den Mächten nicht durch den Akt der Selbstaufgabe ausweicht, sondern ausharrt.

Deutschland wäre verloren, wenn in seiner Entscheidung nichts anderes sich ausspräche als der elende Wunsch, das elendeste Leben irgendwie weiter fristen zu können. Mag sein, daß dieser und jener Verantwortliche es so gemeint hat; mag sein, daß dieser und jener der jeder geistigen Führung entlaufenen Unverantwortlichen nichts anderes will als Nahrung und Wohnung für sich und seine Brut; er folgt damit nur dem gleichen Ungeist, der im früheren Staat die angeblichen Führer an einen vorbestimmten Einklang ihrer Wirtschaftsinteressen und der Forderungen des politischen Ganzen zu glauben erlaubte. Das Gesamtschicksal aber addiert sich nicht aus so kläglichen Posten. Deutschland harrt aus, weil sein letzter schlafender Rest von Ahnungsvermögen und Vernunft ihm sagt, daß es die schwere Erbschaft langangesammelter Fehle antreten muß, und daß sein Genius es ausharren heißt, bis die geheime Notwendigkeit der Dinge den Umschwung erzwingt, das Gespinst der Lüge zerreißt und die Gewichte neu auf die Wagschalen verteilt.

Denn wenn von deutschem Irrweg gesprochen werden muß, so ist doch niemand unter seinen Gegnern (niemand auch unter den Verteidigern sein Gegner, die hier so wenig fehlen, wie die Advokaten des persischen Großkönigs in den Städten Griechenlands) berechtigt, die Anklage zu erheben. Was sie Deutschland vorwerfen, ist nur der Widerpart eigener Verschuldung, greifbarer nur, folgerichtiger und leichter angreifbar, weil mit größerer Unbefangenheit und sehr viel geringerer Geschicklichkeit geplant und getan. Werfen sie Deutschland vor, daß es, um dem aus eigener und fremder Unfähigkeit gewobenen Netz zu entgehen, beschworene Verträge im Drang der Stunde des Angriffs zerrissen hat: wie wollen sie es rechtfertigen, das entwaffnete Deutschland zur Unterzeichnung eines neuen Vertrages zu zwingen, der nicht gehalten werden kann, weil er in sich widersinnig ist und also den Vorwurf mangelnder Vertragstreue, notwendig im Schoß birgt? Hätten sie gesagt, sie wollten Gewalt gegen Gewalt setzen, Willkür gegen Willkür — so hätte wenigstens die Luft ihre Reinheit wiedergewonnen. So aber ist von nichts anderem die Rede, als von vorgeblichen Rechten und Grundgesetzen der alten und neuen Welt, die doch zu nichts anderem gut sind als um die Blöße ihrer ungebändigten Gier, ihrer Herrschsucht und ihres Neides zu decken: noch immer die drei Tiere der göttlichen Komödie: Pardel, Löwe und Wölfin, die dem Dichter den Aufstieg sperren.

Es ist diese tiefe Unredlichkeit, die, stärker als alle Gewalt und stärker als alle Demütigung, die nur auf den Urheber zurückfällt, da sie dem Wehrlosen aufgedrungen wird, den Ekel aufruft und Deutschland in sein Recht wieder einsetzt. War es politisch eine Torheit, auf die Versprechungen der amerikanischen Friedensbotschaften zu rechnen, die nur bei unentschiedenem Ausgang des Waffenkampfs Aussicht auf Erfüllung haben mochten (wir haben schon im Anfang November, „W.-D.“ Nr. 45, 1918, keinen Zweifel daran gelassen, daß nach dem Ersuchen um den Waffenstillstand eine solche Möglichkeit uns nicht mehr gegeben schien), so ehrt es die „Tumbheit“ des Volkes doch, das lieber bereit ist, an eine Idealität zu viel als zu wenig zu glauben. Die Not, in die es sich verrannt hat, ist nur die Schattenseite dieser Tugend. Es wird wachsamer werden und sein Vertrauen nicht mehr so kindlich leicht verschenken lernen. Aber es würde viel von seinem Besten opfern, wenn es den Stolz auf diesen Wahn aufgäbe und sich entschlösse, den anderen gleich zu werden.

Die nächste Zukunft ist mit sieben Schleiern verhangen. Der Vertrag schafft in jeder Beziehung unhaltbare Lagen. Die territorialen Bestimmungen sind nicht das Ergebnis eines weisen Ausgleiches der widerstreitenden Kräfte und Rechte, der allein die Zukunft Europas sichern könnte, sondern ein mühsames, zeitbedingtes und fragwürdiges Kompromiß der verbündeten und gesellten Begehrlichkeiten. Die Starrheit, mit der die feindliche Koalition sich einer Erörterung dieser Bedingungen widersetzt hat, ist nur das Eingeständnis dieser Unzulänglichkeit: sie müßte fürchten, daß das Infragestellen eines Teils die Problematik anderer Teile ins Licht gestellt und eine Revision der Grundprinzipien des Vertrages notwendig gemacht hätte. Ein Europa aber, das sich um ein machtloses Zentraleuropa aufbaut, ist keiner dauernden Existenz fähig. Denn so wie immer bisher die imperialistische Vorherrschaft eines Territorialstaates die gegenwirkenden, gleichgerichteten Kräfte der rivalisierenden Staaten geweckt und gestärkt hat, so wird ein Vakuum, wie es jetzt in der Mitte des Kontinents geschaffen werden soll, die langsame oder rapide Aufdröselung auch der Randstaaten bewirken; als Herd ansteckender Anarchie und Instabilität, im Innern und in den Beziehungen der Staaten untereinander. Auch wenn neue Kriege, die uns heute im Osten auch ohne den Willen Deutschlands unabwendbar scheinen, nicht zum Austrag kommen, so wird doch das Vorläufige und Fiktive der wichtigsten Vertragsbestimmungen ein Element der Unruhe und der Ungewißheit bleiben, das allen politischen und wirtschaftlichen Rechnungen die Sicherheit der Grundlage entziehen muß. Jeder Schritt kann in den Abgrund neuer Konflikte führen. Jeder Tag kann den Sturz der alten Gewalten in den verbündeten und gesellten Staaten von gestern bringen. Wir müssen bereit sein, von dem einen nicht mehr den Untergang zu fürchten, von dem andern nicht mehr das Heil zu erhoffen.

Denn nur aus uns selber kann die Rettung kommen. Die Revolutionierung der Welt mag den Boden lockern, Widerstände schwächen, Wege ebnen. Der Geist aber, mit dem das neue Staatengefüge gefüllt werden soll, kommt nicht von außen und nicht von den Ländern des Westens, deren Kulturen am Ende sind und die, zur Herrschaft und Teilung der Welt berufen, ihr keinen einzigen aufbauenden Gedanken geschenkt haben. Der angebliche Völkerbund, den sie anbieten, ist ein dürres Schema ohne lebendige Kraft und sammelnde Ganzheit, ein dürftiger Aufguß rousseauisch-kantischer Spekulation. Der Vorkämpfer dieses Projekts, das allenfalls gut genug sein mag, die Lücken und Fehler des Friedensvertrages zu decken, wird heute bekennen, daß seine Tränke und Sprüche nicht hinreichen, um die Anarchie Europas zu bändigen und eine neue lebendige Einheit zu schaffen, die allein der sinnlosen Selbstzerfleischung des Kontinents wehren könnte. Jedes der territorialen und wirtschaftlichen Probleme, das im Friedensvertrag zu lösen war, forderte die Konzeption einer solchen Einheit und ist nicht gelöst, weil diese Einheit nicht konzipiert ist. Sie wird nicht erschaut und gestiftet werden, bis die Ideologien der westlichen Staaten als ideenlos und unfruchtbar erkannt und ad absurdum geführt worden sind. Es ist, im Diplomatischen, unser schwerster Fehler gewesen, diese Ideologie anzunehmen und uns so in die Rolle des sich Anpassenden, Umlernenden, Anwendenden zu schicken. Aber dieser Fehler mußte, wie alle übrigen seiner Sphäre, begangen werden, weil der schöpferische Staatsgedanke, mit dem die Stunde schwanger schien, noch nicht den Menschen gefunden hat, in dem er sich darstellen und verwirklichen konnte.

Nur ein verwandeltes Deutschland kann einen solchen Staatsmann erzeugen, nur ein verwandeltes ihm Gefolgschaft stellen. Frage sich jeder Deutsche bei jedem Schritt, ob er mit ihm die Verantwortung vor dem Geist der Nation und dem Geist Europas übernehmen kann. Denke jeder, das Schicksal seines Landes und nicht nur seines Landes sei auf seine Schultern und in seine Hände und in sie allein gelegt. Glaube niemand, daß mit den alten Rezepten und Parolen das Schlimmste ferngehalten, Reich und Kontinent vor dem Einbruch der Anarchie und Barbarei geschützt werden könne. Nichts anderes kann unsere Welt, zwischen Untergang und Aufgang, retten, als das Aufspringen einer verborgenen Quelle, in der die Wasser eines neuen Lebens aus unlotbaren Tiefen sich sammeln und zum Strome werden, der die Bilder neuer Erde und neuen Himmels auf seinen Wellen trägt. Bis dahin werden noch viele schwere und nächtige Wege zu gehen sein.

Kurt Singer

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