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Der Tod Albert Ballins, am Tage da das auf Kaisertum und Reichstag gegründete Reich zusammenstürzte und eine Neuordnung unseres ganzen staatlichen Gefüges verkündet wurde, ist eines jener säkularen Ereignisse, deren reale und symbolische Bedeutung von gleichem Gewicht ist. Deutschland verliert seinen größten Reeder, einen seiner genialsten Unterhändler und einen seiner treuesten Berater, zugleich aber den Mann, der wie kein zweiter Art, Kraft und Grenze des nach-bismarckischen Reiches als Vertreter und als Sinnbild darstellte. Mit ihm und in ihm geht eine Epoche zu Ende. Nicht nur Hoffnungen und Entwürfe von großer Spannweite werden mit ihm begraben, sondern der alte Staat und die alte Wirtschaft selbst. Sich Rechenschaft geben von der organisatorischen Leistung, dem politischen Horizont und den wirtschaftlichen Grundanschauungen Ballins heißt die Bilanz der abgelaufenen Zeit des Deutschen Reiches ziehen und den Ort bestimmen, wo wir heute stehen.

Es ist die Epoche des deutschen, auf Weltwirtschaft und Seegewalt gerichteten Imperialismus, die Ballin verkörperte, nicht mit rhetorisch-theatralischen Gesten, sondern durch Tat, Plan und Leistung. In das Vierteljahrhundert, das von der Thronbesteigung Wilhelms II. und des fast gleichzeitig erfolgten Eintritts Ballins in das Direktorium der Hamburg-Amerika Linie bis an das Tor des Weltkriegs reicht, fällt die beispiellose Expansion der deutschen Produktion und des Außenhandels, die Raum für eine Vermehrung der Bevölkerung um ein Drittel des Bestandes von 1890 schuf und in diesem Zuwachs zugleich einen zu immer weiterer Expansion drängenden Unruhe-Faktor. Es ist zugleich die Epoche des eigentlichen Hochkapitalismus, der intensiven gegenseitigen Durchdringung der Interessen von Finanz, Verkehrswesen und Industrie, der Mechanisierung und Rationalisierung der Produktion, soweit sie durch Zusammenarbeit mit den technischen Wissenschaften, durch Kartellbildung und durch Marktschutz möglich sind: die Zeit, wo die riesenhafte Agglomeration der Produktionsmittel und die fortschreitende Verflechtung der Kapitalbeziehungen dazu führt, die freie Konkurrenz durch privatrechtliche Verträge aufzuheben, ohne daß doch der Allgemeinheit das Recht zugestanden wird, auf die Bildung der Verbände und Abreden bestimmend einwirken zu können: eine Zeit der Organisation unter der Devise der Wirtschaftsfreiheit. Noch bevor die großen Kartelle der deutschen Schwerindustrie gegründet waren, ist es, um die Mitte der achtziger Jahre, in der Großschiffahrt zu konkurrenzbeschränkenden Abmachungen gekommen, ohne deren Ausbau die deutschen Groß-Schiffahrtsgesellschaften weder zu einer hinreichenden Rentabilität noch zu einem ihrer Tatkraft entsprechenden Aktionsradius gelangt wären. Ballin ist, wo nicht der Erfinder, so doch der unerreichte Meister dieses Verbands-Systems gewesen, an dessen Aufbau und Sicherung vor allem bei der Bildung internationaler Schiffahrtskartelle und Abrechnungsgemeinschaften ein Maß von diplomatischer Kunst erfordert war, das in der auswärtigen Politik dieser Epoche vergeblich gesucht worden wäre. Als die Erneuerung der internationalen Schiffahrtsverbände nicht lange vor Ausbruch des Krieges auf wachsende Widerstände stieß, ist Ballin noch einen Schritt weitergegangen und hat, in hartnäckigen Kämpfen mit seinem deutschen Rivalen, den Grundriß einer Interessen- und Betriebsgemeinschaft mit dem Norddeutschen Lloyd geschaffen, die an Stelle der zugleich losen und starren Preis und Quote regelnden Abmachungen ein elastischeres und stoßkräftigeres Gebilde setzte, das eine sehr viel größere Rationalisierung der Betriebsführung ermöglicht und so der deutschen Schiffahrt im Wettbewerb mit der englischen einen starken Vorsprung gewährt hätte. Als dann der Krieg ausbrach und Hamburg, von seinem Taktfelde abgeschnitten, von Monat zu Monat deutlicher fühlen mußte, daß der Schwerpunkt der deutschen Wirtschaft ins Binnenland gerückt war und daß Hamburg die verlorenen Positionen nur dann wiedergewinnen würde, wenn es sich tiefer und einsichtiger als bisher in der binnenländischen Wirtschaft verankerte, hat Ballin ein neues Kapitel hamburgischer und damit gesamtdeutscher Wirtschaftspolitik begonnen, indem er enge Beziehungen mit binnendeutschen Industrien anknüpfte und befestigte, durch die das Interesse der kapitalkräftigsten Wirtschaftsgruppen für Hamburg geweckt und Hamburg ein wichtiger Anteil an den zur Küste vordringenden Kräften gesichert werden sollte. Wenige waren fähig, diese Pläne in ihrer programmatischen Bedeutung zu würdigen. Man sah und beurteilte diese und jene Einzelheit, hielt sich an diesen und jenen Schritt, Ausspruch oder Einfall. Sehr oft mit Mißgunst, oft mit blinder Schmeichelei, selten mit dem Willen zur Einsicht. Das Werk als ganzes beurteilt zu sehen, als Auswirkung eines schöpferischen Geistes, der den Dingen das Gesetz ihres Werdens vorschreibt, ist Ballin nicht vergönnt gewesen.

Die Menschen, die das Deutschland der imperialistischen Epoche geschaffen haben, konnten über eine Machtfülle verfügen, die in früheren Zeiten nur wenig Fürsten und Königen zugefallen ist; an Härte des Willens und Gewalt des Intellekts haben sie keinem der herrscherlichen Menschen der Vergangenheit nachgestanden. Dennoch wird die Geschichte von den meisten kein deutliches Bild bewahren können. Ihr Leben ist ganz in ihrer Leistung aufgegangen, und diese Leistung forderte nicht die runde Ausbildung des Gesamt-Menschlichen, sondern die ungehemmte Übersteigerung einzelner Fähigkeiten und Organe. Von den Bewegungen und den schöpferischen Mittelpunkten des deutschen Geistes führt keine Verbindung zu ihrem Werk. Sie haben nicht um des Geldes willen geschaffen, aber sie standen auch nicht im Dienst einer Idee. Ihre Kräfte verzehrten sich im Aufbau von Produktions- und Transport-Mechanismen, deren Schaffung und Ausdehnung oft zum Selbstzweck wurde und die ihre Berechtigung allein durch ihre Rentabilität zu erweisen hatten. Die meisten von ihnen glichen unscheinbaren Arbeitern, die ihren anonymen Mitarbeitern im Geistigen allein durch Willensstärke, Scharfsinn und Organisationsgabe überlegen schienen. Ihr politisches Denken war meist schlicht und formelhaft; sie riefen den Staat an, wenn sie seines Schutzes bedurften und glaubten sich stets dazu berechtigt; denn sie waren aufrichtig überzeugt, daß nichts die Blüte der Staaten sicherer und nachhaltiger fördern könne, als die Blüte ihrer Unternehmungsgruppen.

Ballin war schon durch die Natur der Aufgaben, vor die sich die deutsche Schiffahrt in dieser Zeit gestellt sah, mehr als die binnenländischen Wirtschaftsführer veranlaßt, den engen Horizont zu durchbrechen, der durch die zum Schlagwort erstarrten Formeln der bismarckschen Politik abgesteckt war, und an der Führung der Staatsgeschäfte beratend und verhandelnd Anteil zu nehmen. Sein Instinkt sagte ihm, daß eine weltwirtschaftliche Expansion des Reiches nur dann gesichert wäre, wenn sie im Einvernehmen mit dem englischen Imperium erfolgen konnte. Daß dieses Einvernehmen nicht als Unterwerfung unter den englischen Willen gedacht und nötig war, lehrt das Ergebnis der Kämpfe, die er mit den englischen Reedern ausgefochten hat. Der Gang der Dinge hat gezeigt, daß die verantwortlichen Lenker der auswärtigen Geschicke Deutschlands nicht imstande waren, den Verständigungsgedanken, von dessen Verwirklichung die Zukunft des deutschen Wirtschafts-Imperialismus abhing, zur Grundlage einer klaren, entschlossenen und biegsamen Politik zu machen. Der Krieg mit England schien die Grundlagen von Ballins Werk zu vernichten. Seit vier Jahren war er ein gebrochener Mann. Von nun an blieb ihm nichts übrig als zu mahnen und zu warnen; meistens vergeblich, denn das Staatsschiff geriet aus schwachen in immer schwächere Hände, und raste einem Abgrund zu, den niemand unter den Männern des öffentlichen Deutschland klarer gesehen hat als Ballin, der nicht erst seit Kriegsausbruch die ganze Verhängnisschwere der nach-bismarckschen Politik erkannt hatte. Der lästige Mahner wurde auch diesmal verkannt und mit dem Mißtrauen verfolgt, das jedem politisch Andersdenkenden in Deutschland bisher sicher war. Ballin ist bittere Genugtuung geworden. So wie er zur Verhütung des Kriegsausbruchs im Sommer 1914 mit wichtigen Missionen beauftragt worden war, so hat man auch in den allerletzten Monaten wieder auf ihn zurückgegriffen und ihn mit schweren, die höchste Tapferkeit des Mannes und Bürgers fordernden Aufgaben betraut, durch die man, kurz vor dem Anheben der letzten Stunde, das Hereinbrechen wenigstens des Schlimmsten abzuwenden hoffen konnte.

Auch diese Schritte sind vergeblich gewesen. Die Gründe sind in ruhigerer Stunde darzulegen. Ballin ist aber in dem Bewußtsein dahingegangen, seine Pflicht als Schaffender und als Warner getan zu haben. Um seinen Tod rankt sich in den Gemütern des Volks schon heut die Legende. Wer mit ihm in den letzten Tagen reden konnte, weiß, daß nichts anderes den Rest seiner Kraft getilgt hat als der Gram über die Zerstörung der alten Welt, die sein Feld war, und über die heillose Blindheit der politischen Führung. Niemals ist in diesen Gesprächen ein Wort des Zweifels an der deutschen Zukunft laut geworden. Aber sie waren voll schwermütiger Bitterkeit über die Männer, die vor der Geschichte die Verantwortung für die Katastrophe des Reiches zu tragen.

Des Reiches und nicht nur des Reiches. Ballin hinterläßt eine Welt, gärender als je eine war, schwanger mit ungeheuren Möglichkeiten der Schöpfung und der Vernichtung. Es wäre müßig zu fragen, ob er der neuen Zeit so große Dienste hätte leisten können wie der eben vergangenen. Niemand weiß, wie diese Zeit Staat und Wirtschaft endgültig ordnen wird. Daß aber in dem krisenhaften Übergang, der unsere Zustände und Einrichtungen durch Jahre, vielleicht Jahrzehnte in unruhiger Bewegung halten wird, die Ballinsche Gabe der Voraussicht, der Menschenlenkung und der organisatorischen Erfindung beim inneren Aufbau und beim Wiederanknüpfen der Beziehungen zu den Weltmächten nur zu sehr vermißt werden wird, wird jedem augenscheinlich sein. Man irrt auch, wenn man glaubt, Ballin als dogmatischen Verfechter manchesterlicher Wirtschaftsprinzipien auffassen zu dürfen. Der Kampf, den er in den letzten Monaten gegen das Reichswirtschaftsamt geführt hat, mit der ganzen Leidenschaft eines Mannes, der um die letzte seiner Positionen kämpft, galt nicht dem Gedanken einer konstruktiven Neuordnung der deutschen Wirtschaft, sondern dem gedankenlosen Schematismus bürokratischer Wirtschaftsgesinnung, die ihm nicht nur den deutschen Kaufmann zu lähmen, sondern auch dem Ausland Vorwände für die Fortsetzung des Wirtschaftskrieges zu liefern schien. Er selbst war der Schöpfer des „Reichseinkaufs“, aus dem die Zentraleinkaufsgesellschaft hervorgegangen ist. Aber er hat auch in seinen Gesprächen keinen Zweifel darüber gelassen, daß die vollständige Ausschaltung des hamburger Handels in der deutschen Kriegswirtschaft in erster Linie dem Verhängnis zuzuschreiben ist, daß die Kaufmannschaft keine der neuen Lage gewachsenen organisatorischen Fähigkeiten gezeigt und überhaupt erst spät die Lage selbst und die ganze Tragweite des neuen Zustandes erkannt hat.

Die deutsche Nation wird den großen Patrioten nicht vergessen, dessen Gedanken stets den Ereignissen spürend und planend vorauseilten, und der in den Tagen zusammenbrach, als seine trübsten Voraussagen sich weithin sichtbar erfüllten. Auch er war als Handelnder und Duldender in die Verhängnisse des Zeitalters verstrickt, das den Geist zugunsten der Wirtschaft verraten und nach dem Wort Jakob Burckhardts statt des Daseins das Geschäft lagen zerstören mußte, die ihm allein Dauer verheißen konnten. Aber er war in einer Welt von Schlafwandelnden und trotz aller Betriebsamkeit Trägen ein Beispiel von Bereitschaft, Spannkraft und Wachheit und unter seinesgleichen der einzige, dem zu der mächtigen Leistung ein sinnbildliches Schicksal beschieden war.

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