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Wenn Gesetze hinreichen, den Beginn einer Epoche festzulegen, so hat mit den Sozialisierungs-Entwürfen, die in diesen Tagen von der verfassunggebenden Versammlung zum Gesetz erhoben worden sind, das Zeitalter des Sozialismus begonnen.

Die Pflicht zur Arbeit ist statuiert, das Recht auf Gewährung eines Existenzminimums im Fall der Arbeitslosigkeit eingeräumt. Für die gemeinwirtschaftliche Erzeugung und Verteilung der wichtigsten Rohstoffe und Kraftquellen sind Handhaben geschaffen. Vorlagen über die Eingliederung der Arbeiterräte in Verwaltung und Gesetzgebung werden angekündigt. Von der anhebenden Umwälzung wird kein Zweig der deutschen Gewerbe unberührt bleiben können.

Zwar sind sich auch die Gegner des kapitalistischen Wirtschaftssystems bewußt, daß in den nächsten Jahrzehnten, vielleicht in den nächsten Menschenaltern noch breite Strecken der neuen Wirtschaft von mächtigen und wertvollen Resten der älteren Ordnungen beherrscht sein werden. Wenn aber die gegenwärtig eingeleitete Sozialisierungsaktion nicht bloße Episode bleibt (was nur durch einen völligen Umsturz der bestehenden Machtverhältnisse herbeigeführt werden könnte, der heute außerhalb des Bereichs des Möglichen zu liegen scheint), so wird dennoch die Geschichte der deutschen Wirtschaft mit dieser Aktion eine neue Epoche beginnen lassen müssen.

Auch nach dem Beginn des kapitalistischen Zeitalters haben sich jahrhundertelang wichtige Teile der Volkswirtschaft in feudalen und handwerksmäßigen Bahnen fortbewegt; erst seit hier drei dort fünf Menschenaltern ist das Beharrungsvermögen der vorkapitalistischen Wirtschaftsformen durchaus gebrochen worden; der Einspruch ihrer Vertreter gegen den neuen Geist der Zeit gilt erst seitdem als Ausdruck einer Vergangenheit, die für immer dahin ist. Gehen die Dinge ihren Lauf, so wie die Anhänger des proletarischen und ideologischen Sozialismus sich ihn denken, so wird der privatkapitalistische Industrielle sich daran gewöhnen müssen, von den Vertretern der sozialistischen Wirtschaftsformen so betrachtet zu werden, wie diese Industriellen bisher die Repräsentanten des Handwerks anzusehen pflegten.

Die Kaufmannschaft beobachtet diesen Vorgang mit einem Grauen, in das sich Sorge, Gram und Erbitterung mischen. Das Atemelement des Handels ist der freie Markt, seine Triebkraft die Initiative des Unternehmers, das Fundament seiner Arbeit das Privateigentum, das Regulativ seines Handelns die Rentabilität des Kapitals. Entzieht man ihm einen dieser Faktoren, so fühlt er sich des Bodens oder der Luft, des Motivs oder des Maßes beraubt, und nicht nur sich selbst, sondern die ganze Volkswirtschaft. Denn nicht mit Unrecht war der Kaufmann gewohnt, den Handel als die bewegende Kraft des wirtschaftlichen Getriebes dieser Zeit überhaupt zu betrachten.

Mochte die Herrschgewalt des Kaufmanns durch die massiveren Machtkomplexe der schweren Industrie zurückgedrängt, das händlerisch-spekulative Moment mit den Fortschritten der Syndikats- und Trustbildung durch das organisatorisch-bürokratische Moment schon im letzten Menschenalter deutscher Wirtschaft immer mehr ausgeschaltet sein: der Ausgleich von Angebot und Nachfrage durch die in freiem Wettbewerb erzielten Preise galt noch immer als das zuverlässigste Regulativ von Herstellung und Verbrauch; der Einsatz von Eigenkapital und nur sich selbst verantwortlicher Unternehmertätigkeit als sicherste Bürgschaft höchster Ökonomie in der Verwendung von Arbeitskraft und Rohstoff. Als Nerv der Wirtschaft erschien hier die Aufspürung und Ausnutzung von Preisunterschieden: Preisen desselben Gutes auf verschiedenen Märkten und zu verschiedenen Zeiten; Preisen des Rohstoffs und der Arbeitskraft einerseits, der Fertigprodukte andererseits.

Der Sozialismus will an die Stelle dieser anscheinend automatisch einsetzenden Funktionen die bewußte rationelle Regelung von Herstellung und Verteilung durch gemeinwirtschaftliche Organisation setzen. Er ist nicht davon überzeugt, daß die privatwirtschaftliche Rentabilität zugleich höchste volkswirtschaftliche Produktivität bedeutet; daß freie Preisbildung die Ware am zweckmäßigsten zum Ort ihrer Bestimmung lenkt und daß die unbeschränkte Verfügung über die Arbeitsmittel notwendig zur Entfaltung der wirtschaftlichen Führereigenschaften sei.

Es ist diese Umwertung der ihm geläufigen Werte, gegen die sich der Handel empört und erbittert auflehnt. Er ist erst spät zur Erkenntnis der Konsequenzen gekommen, die sich für ihn nicht nur als Summe von Interessenten, als Stand, sondern als Verkörperer eines bestimmten wirtschaftlichen Ordnungsprinzips aus dem Heraufkommen der neuen Gedankenwelt ergeben. Als der Krieg ausbrach und die ersten sprunghaften Preiserhöhungen zum Gegenstand allgemeiner Sorge wurden, haben Vertreter des Handels die Festsetzung von Höchstpreisen nicht nur gebilligt, sondern oft auch empfohlen, ohne zu begreifen, daß mit dem Ausschalten der marktmäßigen Preisbildung zugleich der Lebensnerv des Handels getroffen werden mußte. Die Kaufmannschaft ist blind in das sie umstellende Netz gegangen. Sie hat sich in der ersten Zeit des Krieges mit dem Glauben getröstet, daß alle diese Einschränkungen nur kurze Zeit dauern könnten.

Als die Ahnung dämmerte, daß der Glaube an ein nahes Kriegsende ein Irrwahn gewesen sei, war es zu spät, das System zu ändern. Konstruktive Vorschläge zur Neuordnung der Dinge sind aber auch damals nicht gemacht worden. Man wußte nichts besseres als gegen die Ausschaltung des Handels zu protestieren und für raschen Abbau der Kriegsgesellschaften nach Friedensschluß einzutreten. Das Helfferichsche Trugbild einer Übergangswirtschaft, die sich im ganzen nur mit der Technik der Wiederherstellung der Friedenswirtschaft zu beschäftigen habe, fand mehr Gläubige als der deutschen Wirtschaftspolitik gut war. Viele Handelszweige haben es damals abgelehnt, den Ämtern irgendwelche Vorschläge für die Umgestaltung der regiminalen Wirtschaftskörper zu machen. Sie glaubten ihren Interessen am meisten zu dienen, wenn sie die bloße Einsetzung in den status quo ante zur Bedingung ihrer Mitarbeit machten. Die Stimmen weniger Mahner wurden als handelsfeindlich und wirtschaftsfremd mißachtet.

Der Gang der Dinge hat schließlich diesen Stimmen recht gegeben. Schon vor dem Beginn der säkularen Umwälzung haben auch Teile des Gewerbes und Handels erkannt, daß sie sich nur des Restes von Einfluß auf die Gestaltung der Wirtschaft berauben würden, wenn sie weiter in der bloßen Opposition verharrten. Sie haben Pläne für die Regelung von Einfuhr und Rohstoffverteilung aufgestellt und mit den Vertretern der Ämter beraten. Sie haben damit dasjenige für die Übergangszeit getan, was für die Zeit der Kriegswirtschaft selber getan worden wäre, wenn diese Teile der Wirtschaft so vorausschauende Führer hervorgebracht hätten, wie die Begründer der Kriegsrohstoffwirtschaft.

Dieser veränderte Standpunkt ist lange der Öffentlichkeit unbemerkt geblieben. Erst in den Hamburger Kundgebungen vom 12. März ist er grundsätzlich ausgesprochen worden: Abbau der Zwangswirtschaft, Einschaltung des Handels, Entfaltung aller Kräfte der deutschen Wirtschaft; wo aber das Wohl des Ganzen die Freiheit des Einzelnen einzuschränken zwingt, Selbstverwaltung in Handel und Industrie an Stelle behördlicher Reglementierung. Mit dieser Formulierung ist ein wichtiger Schritt getan, der die Verständigung mit der Regierung beträchtlich erleichtern muß. Was in einzelnen Plänen schon für diesen und jenen Zweig der Lebensmittel- und Rohstoffwirtschaft vorgesehen war, wird hier zur Maxime einer allgemeinen Regelung erhoben. Es besteht nach den Äußerungen des Reichswirtschafts-Ministers Wissell und des Unterstaatssekretärs Wichard von Moellendorff begründete Hoffnung, daß diese Maxime von der Regierung zum Prinzip ihrer Gesetzgebung gemacht werden wird.

Die Kaufmannschaft hat aber eingesehen, daß noch ein zweiter, nicht minder bedeutsamer Schritt getan werden muß. Ihre Front war bisher allein gegen die Geistlosigkeit einer erstarrten Bürokratie gerichtet; die veränderte Lage zwingt sie, sich zugleich Sicherungen gegen den Dilettantismus hyperrevolutionärer Doktrinäre zu schaffen. Solche Sicherungen aber können allein in einer Bestimmung der Verfassung enthalten sein, durch die verbürgt wird, daß kein Akt wirtschaftspolitischer Gesetzgebung erfolgt, ohne daß die zu einer ständigen Vertretungskörperschaft aller beteiligten Wirtschaftskreise vereinigten Sachverständigen gehört worden sind. Es ist der von uns einige Monate vor der Revolution behandelte Gedanke des Bismarckschen Reichwirtschaftsrats, der veränderten Lage der Dinge und Kräfte entsprechend abgewandelt und weitergedacht. Die Andeutungen der Regierung über die Fortbildung und Verankerung des Rätesystems scheinen sich auch hier in der gleichen Richtung zu bewegen.

Dennoch wird viel Wachsamkeit nötig sein, um eine dauernde Verkümmerung des Handels zu verhüten. Für den gewöhnlichen Leser sozialistischer Schriftsteller liegt es nahe, die Tätigkeit des Kaufmanns im Einkauf durch ein staatliches Monopol, beim Absatz durch eine staatliche Verteilungsstelle mit Vorteil ersetzbar zu glauben. Nun beginnt man zwar an den entscheidenden Stellen zu begreifen, daß Sozialisierung nicht notwendig Zentralisierung bedeutet, daß bewußte Regelung nicht immer Zuwachs an Produktivität verbürgt und daß im eigentlichen Sinne nur dort sozialisiert werden kann, wo die kapitalistische Wirtschaft zur Trennung des Kapitalbesitzers von dem Betriebsleiter geführt hat. Dieser Entwicklungsgrad ist in vielen Zweigen des Handels bisher nicht erreicht und wahrscheinlich überhaupt nicht erreichbar. Um so unsinniger würde es sein, die neuen Wirtschaftsformen, die den Verhältnissen monopolistisch entwickelter Teile der Binnenwirtschaft entsprechen, schematisch auf die durchaus andersartige Struktur von Handel und Schiffahrt zu übertragen. Der Handel wird Mühe haben, dieser Erkenntnis zur Geltung zu verhelfen. Er wird aber dabei nur dann auf Erfolg rechnen dürfen, wenn er auch in Zukunft nicht die Notwendigkeit grundsätzlicher Umstellungen schlechthin leugnet, sondern sie auch dort handelnd und mitgestaltend anerkennt, wo die Einsicht ihm bitter ist und viel vorausschauende Kühnheit fordert. Es hängt nicht zum wenigsten von ihm selbst ab, ob er Bedrängter bleiben oder Führer sein wird.

Kurt Singer

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