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Was würde sich ereignen, wenn das Reich, dem Bendixenschen Vorschlag folgend, die Kriegsanleihen sofort in Papiergeld zurückzahlte und damit die Menge des deutschen Papiergeldes verdreifachte?[1]

Die geldtheoretische und währungspolitische Literatur hat sich vorzugsweise, man darf sagen: in einigen Jahrzehnten ausschließlich, mit solchen Fragen beschäftigt. Sie hat seit einiger Zeit eingesehen, daß ein allgemeines Urteil über die Wirkung einer Vergrößerung der Zahlungsmittelmenge auf die Märkte, Preise und Löhne nicht abgegeben werden kann, sondern daß schlechthin alles davon abhängt, unter welchen Modalitäten die neue Geldmenge geschaffen und in den Wirtschaftsprozeß eingeführt wird; man hat sich also entschließen müssen, kasuistisch vorzugehen, und wurde so zur Analyse der einzelnen, damals besonders wichtigen währungspolitischen Situationen geführt: Vermehrung des Geldes wegen vermehrter Einfuhr des Währungsmetalls; wegen überreichlicher Kreditgewährung der Banken; wegen Bestreitung laufender Staatsausgaben mit Papiergeld.

Der Fall, der hier zur Erörterung gestellt ist, unterscheidet sich von jenen Beispielen nicht nur durch den gigantischen Umfang der Inflation und durch die Unvergleichbarkeit der in jedem Betracht undurchsichtigen Wirtschaftslage, sondern auch durch die besonderen Umstände der Geldkreation: die neuen Zahlungsmittel wurden nicht geschaffen, um den Metallproduzenten, den Bankkunden oder dem Staate neue Kaufkraft zu verschaffen, sondern sie treten an die Stelle von Kapitalien, die bereits in Form von Schuldverschreibungen angelegt waren. Werden auch diese Zahlungsmittel von ihren Besitzern zu Warenkäufen benutzt und durch Vermehrung aktueller Kaufkraft zur Ursache von Preissteigerungen gemacht werden? Bendixen glaubt die Frage nur für einen geringen Teil der neuen Zahlungsmittel bejahen zu brauchen. Er verweist darauf, daß der Anleihebesitzer, der sein Kapital zurückerhält, nicht nach Waren, sondern nach neuer Kapitalanlage verlangt. Die erste Folge ist daher nicht Warenpreissteigerung, sondern Hausse in Anlagewerten und starker Druck auf den Zinsfuß.

Und auch das Geld, das keine Anlage findet, dringt nicht auf den Warenmarkt, sondern bleibt unbeschäftigt, soweit der Besitzer nicht seinen Ausfall an Zinsen damit decken muß, was in einer etwa zweijährigen Übergangszeit also nur zehn Prozent ausmachen würde. Erst wenn die Unternehmungen staatlicher oder privater Initiative sich der flüssigen Kapitalien bemächtigen, dienen diese auf dem Warenmarkt als Vertreter von Kaufkraft. Aber selbst dann wird eine Preissteigerung insoweit nicht stattfinden, als die Arbeitslöhne an die Stelle der Unterstützungsgelder treten, mit denen bis dahin die erwerbslosen Arbeiter ihre Bedürfnisse befriedigt haben. „Hier zeigt die durch die Finanznot gebotene Maßregel der Inflation eine auch volkswirtschaftlich segensreiche Seite: die freien Kapitalien, vom Reich oder von Privaten zu niedrigem Zinsfuß aus dem Markt genommen, dienen der Wiederbelebung der Produktion und der Beseitigung der moralisch wie ökonomisch gleich schädlichen Erwerbslosigkeit.“

Gesetzt, diese Voraussage erwiese sich als richtig, so zerstört sie doch gleichzeitig einen Pfeiler, auf dem die Beweisführung Bendixens ruht. Er hatte es als einen wesentlichen Vorteil seines Vorschlags bezeichnet, daß hier an Stelle einer chronischen Inflation nur eine akute trete. Trifft aber seine Prognose der Wirkungen dieser einmaligen Inflation zu, so haben wir es hier ebenfalls, auf Jahre hinaus, mit einer schleichenden Vermehrung der Zahlungsmittel zu tun, die sich noch dadurch zu ihren Ungunsten von den Wirkungen des anderen Weges unterscheidet, daß das Wachstum ihres Umfangs sich jeder Voraussicht entzieht. Gerade wenn die neuen Zahlungsmittel nicht sofort zu Käufen auf den Warenmärkten benutzt, sondern so lange aufgespeichert werden, bis sich die Möglichkeit ihrer Verwertung als Kapital bietet (während sie in Wirklichkeit nur Scheinkapital darstellen, denn es entsprechen ihnen keine „ersparten“ Produktivgüter), so wird die preissteigende Wirkung über einen Zeitraum von ungewisser Dauer ausgedehnt. Diese ungesunde Fortdauer des Inflationsprozesses aber sollte gerade durch die Operation der Rückzahlung vermieden werden.

(Daß ein Teil dieser Kapitalien zur Löhnung von Arbeitern benutzt werden wird, die bis dahin der Erwerbslosenunterstützung anheimfielen und von dieser mit inflatorischen Zahlungsmitteln versehen wurden, schwächt die preissteigende Wirkung der Maßnahme ab, ohne sie jedoch aufheben zu können: denn die sehr großen Summen, die gegenwärtig für Arbeitslosenunterstützung ausgegeben werden, sind geringfügig, verglichen mit den 70 Milliarden, die nach Bendixens Schätzung etwa nach Ablauf von zwei Jahren ihre Anlage gefunden haben werden.)

Nun aber muß bezweifelt werden, ob die preistreibende Wirkung erst nach Jahren und ohne Ruck einsetzen wird. Auch wenn sich der erste Kaufhunger den Anlagemärkten (und dem Grundbesitz in Stadt und Land) zuwendet, so werden sich doch die Verkäufer von Aktien und Obligationen, Häusern und Hypotheken im Besitz flüssiger Mittel sehen, die sie nicht wieder zum Ankauf ähnlicher Besitztitel verwenden können, ohne eine ganz unsinnige Steigung der Kurse und Preise dieser Anlageformen zu verursachen. Ob sie lange den Verkaufserlös den Banken gegen eine Verzinsung, die vom Nullpunkt nicht weit entfernt ist, zur Verfügung stellen oder ob sie ihn in ihren Stahlschränken einschließen werden, ist zweifelhaft. Man muß vielmehr mindestens mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß viele Besitzer der rückgezahlten Kriegsanleihe mit ihrer neuen Kaufkraft auf den Warenmärkten erscheinen und alles Verkäufliche zu erstehen suchen werden, um aus der mit Sicherheit zu erwartenden Preissteigerung Nutzen zu ziehen und für das immer weniger „kaufkräftige“ Geld irgendwelche mehr oder weniger dauerhafte Güter zu erwerben, denen wenigstens eine reale Verwendbarkeit innewohnt. Ansätze zu solchen Bewegungen sind schon im Lauf der letzten Monate zu beobachten gewesen. Ob sie sich zu einer katastrophalen Panik steigern werden, wird von vielen imponderablen Bedingungen abhängen, die heute weder vorausgesagt noch abgeleugnet werden können. Man muß indessen der Möglichkeit eines völligen Zusammenbruchs der Markwährung ins Auge sehen, wenn dieser Weg eingeschlagen wird.

Diese Wirkung könnte abgeschwächt werden, wenn statt des ersten der zweite Vorschlag Bendixens verwirklicht würde: die Verwandlung der fundierten Schuld in schwebende. Verwandelt man nämlich die Kriegsanleihe in Schatzwechsel mit sechsmonatlicher Laufzeit, so wird zweierlei erreicht. Zunächst wird der Kursstand dieser Papiere sich nicht vom Paristand, abzüglich Diskont, entfernen können; der ärgerliche Kursrückgang der Kriegsanleihen wird ausgelöscht und ein Anlagepapier geschaffen, das ohne Konkurrenz ist, sobald die Ordnung der Reichsfinanzen außer Frage steht.

Der Haushalt des Reiches bleibt dann zwar mit Zins- und Tilgungsverpflichtungen für 70 Milliarden belastet, aber es wird zugleich die Inflation auf ein Mindestmaß reduziert. Nach Ablauf eines halben Jahres hat der Inhaber sich zu entscheiden, ob er den Betrag in Form von Zahlungsmitteln zurückerhalten oder dem Reiche die Mittel auf je ein weiteres halbes Jahr zur Verfügung stellen will. Es ist also gleichsam der erste Vorschlag, verbunden mit der Option auf Zuteilung von Schatzwechseln an die Kriegsanleihebesitzer im Betrage ihres Besitzes. Hierdurch wird dem rückgezahlten Geld eine neue Anlagemöglichkeit eröffnet, die die Aufwärtsbewegung sowohl auf den Grundstücks- und Waren- wie auf den Effektenmärkten dämpfen muß. In dem Maß, wie andere, vorteilhaftere Anlagemöglichkeiten erschlossen werden, wird der Betrag der prolongierten Schatzwechsel zusammenschmelzen; die Besitzer werden sie nach Ablauf der Verfallfrist nicht verlängern und Rückzahlung verlangen, die schwerlich anders als in Zahlungsmitteln geschehen kann, die zu diesem Zweck geschaffen werden. Damit ist der Inflation wiederum Tür und Tor geöffnet, und zwar eine Inflation, deren Tempo und Umfang nicht vom Reiche sondern von den Besitzern bestimmt werden. Nur daß an Stelle einer stürmischen Überflutung die langsamere Aufblühung tritt, die unter Umständen auch ruckweise zunehmen und so ein Erreger von Krisen werden kann.

Es ist sehr fraglich, ob die fortgesetzte Steigerung des Preisniveaus von dem Staatsbürger so ruhig hingenommen werden würde wie Bendixen annimmt. „Derselbe Staatsbürger, der sich bei solcher Besteuerung (die in Bendixens Beispiel 50 % des Einkommens fordert. Die Schriftltg.) als mißhandeltes Opfer einer eigentumsfeindlichen Obrigkeit beklagen würde, nimmt, wenn er von neuen Steuerforderungen verschont bleibt, die Steigerung der Preise auf das Doppelte selbst dann ohne Anklage gegen die Regierung hin, wenn deren Geldpolitik die nachweisbare Ursache der Geldentwertung ist. Denn nur in den Steuern sieht der Mensch die Willkür des Staates, die Preisentwicklung dagegen erscheint ihm wohl meistens als das Werk unlauterer Machenschaften einzelner Erwerbsstände, im allgemeinen jedoch als eine Schickung, die der Mensch ertragen muß, wie Frost und Hagelschlag. In dieser seelischen Disposition liegt ein bedeutsamer Wink für die staatsmännische Psychologie.“ Diese Beobachtung ist zweifellos für normale Zeiten und für Staatsbürger von der seelischen Eigenart des deutschen Rentners zutreffend. Ob sie auch für die aufgewühlten enttäuschten und mißtrauischen Arbeitermassen gilt, die seit der Revolution die entscheidenden Faktoren des deutschen Staatswesens geworden sind, muß bezweifelt werden. Auch die ausländischen Teuerungsunruhen sprechen gegen jene Hypothese. Überall werden die Arbeiter einwenden, daß bei freier Preisbildung die Löhne nur langsam und nie zureichend der Preissteigerung folgen und daß auch die ungeheuerlichen Lohnerhöhungen seit Ausbruch der Revolution hinter der Erhöhung der — nicht obrigkeitlich gebundenen — Warenpreise zurückbleiben. Kohle und Eisen weisen gegen den Friedensstand schon beim Erzeuger auf das Fünffache erhöhte Preise auf. Wichtige Nahrungsmittel sind um das Zehn- bis Zwanzigfache verteuert. Schuhwerk und Kleidung werden sich, auch nach Öffnung der Grenzen, vermutlich auf das Fünf- bis Zehnfache ihres Friedenspreises stellen. Gleichviel, ob man daraus das Recht zu entsprechender Lohnsteigerung folgert oder in dem Zurückbleiben des Lohnniveaus den notwendigen Hebel der durch das Elend von Staat und Wirtschaft erzwungenen Verbrauchseinschränkung sieht: die Tatsache, daß das Steigen der Löhne mit dem Steigen der Warenpreise in offenem Markt nicht Schritt gehalten hat, kann nicht geleugnet werden.

Aber auch wenn man annehmen dürfte, daß dies in Zukunft anders sein wird, und daß die schweren Schädigungen des Mittelstandes, auf dem heute noch die Kontinuität unserer Kulturreste beruht, und der im neuen Reich sicherlich nicht in der Lage sein wird, sein Einkommen dem neuen Preisniveau anzupassen, in Kauf genommen werden müssen, so würden doch die immer von neuem durch die Fortschritte der Inflation hervorgerufenen Lohnbewegungen das Wirtschaftsleben in bedrohlicher Unruhe erhalten und die Labilität aller staatlichen und wirtschaftlichen Ordnungen bis zum Unerträglichen steigern. Statt der erhofften Förderung der Produktion würde die wachsende Häufigkeit der Lohnkämpfe die unabwendbare Folge sein, die soziale Erbitterung und Gehässigkeit würde zunehmen, und der circulus vitiosus von hohen Preisen, steigenden Löhne und höheren Preisen würde undurchbrechlich werden. Denn auch hier würde die Inflation nicht auf die ersten siebzig Milliarden begrenzt bleiben. Haben sich die Löhne der dieser Inflation entsprechenden Preishöhe „angepaßt“, so werden die höheren Löhne weitere Preiserhöhungen nach sich ziehen, die Wirtschaft wird sich im Zustand dauernder Überhitzung befinden, und wenn der niedrige Diskont, wie Bendixen erhofft, das Signal zu einer lebhaften Konjunkturbewegung geben sollte, was unter den gegebenen Verhältnissen einstweilen unsicher erscheint, so werden die Folgen nicht ausbleiben, die bisher jeder Inflation-Konjunktur Charakter und Ende bestimmt haben: Spekulative Übersteigerung, Taumel und jäher Absturz in Krisis und Lähmung, bis auf dem Feld begrabener Hoffnungen und fiktiver Werte eine neue Wirtschaft auf gesunderer Grundlage aufgebaut werden kann.

Ist der Preis zu hoch für die Vorteile, die für die deutsche Finanzwirtschaft daraus entstehen, daß jährlich 13 statt 17 Millionen vom Reich aufzuwenden sind (wobei die Entschädigungszahlungen an das Ausland nicht eingeschlossen sind)? Die Frage ist nicht ganz richtig gestellt; denn der Zinsfuß der schwebenden Reichsschuld ist nicht unveränderlich und die Steigerung des Preis- und Lohnniveaus würde auch die Reichseinnahmen bei unveränderten Einkommensteuersätzen anschwellen lassen. Bendixen aber bekennt, überhaupt nicht zu glauben, daß der Reichsbedarf durch ordentliche Steuern gedeckt werden könne, ohne die überlieferten Grundlagen unseres Wirtschaftslebens zu zerstören und damit auch die Aufbringung der Steuererträge unmöglich zu machen. Sein Urteil deckt sich in diesem Punkt mit der Meinung der radikalen Sozialisten. Beide stimmen darüber überein, daß die kapitalistische Wirtschaft zugrunde gerichtet wird, wenn man ihr die zugemuteten Steuern auferlegt. Während die Wortführer einer neuen Wirtschaftsordnung davon den Schluß ableiten, daß mit dem Aufbau dieser neuen Wirtschaft nicht gezögert werden dürfe, da nur sie die schweren Lasten durch Erhöhung der volkswirtschaftlichen Produktivität zu tragen erlaube, rät Bendixen, den drückendsten Teil der Steuerlast abzuschütteln und die Krisis vorwegzunehmen, die er auch auf dem andern Weg für unabwendbar hält — um so die Fortdauer der alten Wirtschaftsweise möglich zu machen.

Es scheint, daß das Reichskabinett weder diesen noch jenen Weg zu gehen entschlossen ist. Wenn der Reichsfinanzminister unter dem Beifall der Mehrheit erklärt, der Finanzminister sei der beste Sozialisierungsminister, so ist darin mit hinreichender Deutlichkeit ausgesprochen worden, daß gerade jene Erkenntnis nicht anerkannt wird. Es besteht die Gefahr, daß ein grundsatzloser Kompromiß der beiden Tendenzen die Gefahren beider Wege kumulieren wird, ohne die Früchte zu ernten die jeder von ihnen bieten kann, wenn er kühn, aufrecht und im klaren Bewußtsein der drohenden Gefahren beschritten wird.

Kurt Singer

  • [1] Vergl. „W.-D.“ Nr. 32.

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