Zum ersten Mal seit Monaten und Jahren scheint sich ein nachhaltiger Umschwung der wirtschaftlichen Lage anzukündigen. Die Preise der ausländischen Zahlungsmittel sind auf die Hälfte ihres höchsten Standes gefallen. Auf den Auslandsmärkten selbst haben sich die Preise wichtiger Waren erheblich gesenkt. Die Preise der inländischen Produkte, deren Märkte an besonderer spekulativer Überhitzung litten, vor allem Leder, sind noch stärker, hier und da auf einen kleinen Bruchteil ihrer vor wenig Monaten erreichten Höhe gesunken. Die Stockung des Absatzes ist in einigen Gewerben vollkommen. Wo vor kurzer Zeit die Verkäufer nach Wegen suchten, um sich den kontraktlichen Verpflichtungen zu entziehen, die sie bei niedrigerem Preisstand eingegangen waren, sehen sie sich jetzt einer Schar von Käufern gegenüber, die mit der gleichen beklagenswerten Nichtachtung vertraglich festgelegter Rechte sich der Pflicht zur Abnahme der zu den hohen Preisen der letzten Monate bestellten Waren zu entledigen suchen. Daß auf mindestens einigen Märkten der Rückschlag zu heftig gewesen ist, als daß er die Gewähr der Nachhaltigkeit geben könnte, wird von den wenigsten bezweifelt. Den verzweifelten Mut aber, dem Weichen der Preise durch spekulative Käufe eine neue Grenze zu setzen, scheint kaum jemand aufzubringen. Es wird den meisten genügen, wenn ihre Kapitalien und Nerven dazu ausreichen, sie vor der Verschleuderung ihrer Warenbestände zu Preisen zu bewahren, die sie nur von kurzer Dauer glauben. Inzwischen mögen sie darüber nachdenken, daß die Kaufkraft der verarmten Nation, auch die inflatorisch mehr als zwanzigfach aufgeblähte, den Preisen eine Grenze setzt, die auch durch die lebhafteste Spekulation nicht dauernd hinausgerückt werden kann. Sie mögen einsehen, daß auch heute der Kauf irgendwelcher Waren, die Flucht vor dem Papiergeld nicht in allen Fällen einer Versicherung gegen die steigenden Kosten der Lebenshaltung gleichzuachten ist. Aber auch wenn diese Erwägungen heute angestellt werden, so schließt das nicht aus, daß alles das in dem Augenblick vergessen sein wird, wo die Bahn der Preise sich wieder nach oben zu wenden beginnt. Daß Preise steigen müssen, weil sie bisher gestiegen sind, ist ein durch Rückschläge zu dämpfender, aber nicht auszurottender Glaube der Spekulation. Die Börse hat kein Gedächtnis. Der Deutsche von heut aber scheint es in besonders hohem Maße zu lieben, Augen und Ohren vor unbequemen Tatsachen zu verschließen. Es ist unschwer zu sehen, wie das Ende sein wird, wenn nicht das Unwahrscheinliche geschieht und vor dem Anheben des letzten Glockenschlages die Besinnung einkehrt.
Übersieht man die Entwicklung unseres Landes in diesen sechszehn Monaten revolutionärer und gegenrevolutionärer Zuckungen (von wahrhaften Taten ist weder hier noch dort die Rede), so ist weder im Großen noch im Kleinen irgend eine wesentliche Wandlung zu merken. Die Züge des Bildes haben sich bis zur Karikatur verschärft, aber nicht verändert. Es sind Gesetze gemacht worden, einige gute, viele schlechte, am meisten mittelmäßige. Es ist eine leidliche Ordnung hergestellt worden, genug, um dem alltäglichen Trott von Kauf und Verkauf, Verkehr und Zerstreuung Raum zu geben. Der innere Zerfall des Staates aber scheint unaufhaltsam fortzuschreiten. Die drei Elemente, die vor dem Ausbruch des Krieges durch die Klammern eines unzeitgemäßen aber mächtigen Gefüges zusammengehalten waren: Militärstand, Fachbeamtentum und Interessenvertretung, haben nach der Sprengung jener Klammern nur an Eigenmacht gewonnen: hier und dort scheinen sie diktatorische Befugnisse an sich gerissen zu haben. Die Volksvernunft aber schläft und wartet auf den Tag, wo ein großer geistiger Hauch den mechanisch fortexistierenden Körper mit einem neuen Gesamtwillen beleben wird. Inzwischen geht der Kreislauf von Wahl, Streik und Putsch seinen eintönigen Gang. An den offenen Grenzen des Reichs aber bereiten sich die künftigen Kriege vor, in denen die von diesem ersten Weltkrieg gestellte Schicksalsfrage Europas Antwort finden soll.
Das ungeheuerliche Faktum ist, daß aller Drang und alle Not von innen und außen nicht hingereicht haben, den Deutschen zu wecken. Zwingt ihn irgend einer, Rede und Antwort zu stehen, so wiederholt er noch immer die alten Parteiprogramme, in zeitgemäßer Überarbeitung so weit zugestutzt, daß ein erheblicher Abfluß der Wähler weder nach rechts noch nach links zu befürchten ist. Er begeistert sich für Dinge, die waren und nie wiederkehren, oder für andere Dinge, die nie waren und nie sein werden — vorausgesetzt, daß sie seine eigenen Interessen zu fördern scheinen. Wahrhafte Revolutionen schweißen das Volk im Feuer eines Glaubens oder eines Wahns zusammen, legen ihm Opfer auf, die als federleicht empfunden werden, und lassen den einzelnen als einen Verwandelten aus dem großen Brande kehren. Die deutsche Novemberrevolution hat nichts und niemand verwandelt, sie hat nicht anders als ein Einsturz oder eine Explosion gewirkt. Was vorher ein Gesamtgefüge, wenn auch ein schlecht fundamentiertes und mit allzu großen Spannungen belastetes war, ist jetzt in seine Teile zerfallen und zersprengt. Jeder einzelne sucht zunächst das Seine in Sicherheit zu bringen. Die Interessen sind heftiger als je gegeneinander gespannt, die Parteien tragen nur noch ein dünnes Mäntelchen von Ideologie. Der Mittelstand, auf dem bisher die Stetigkeit der deutschen Bildungstradition beruhte, ist nicht mehr in Gefahr unterzugehen: er ist zerrieben. Es gibt nur noch Condottieri der Wirtschaft, aus altem, neuem und neuestem Reichtum, die auf dem Trümmerboden des Reichs ihre Schlachten schlagen und den Grund für neue Zwingherrschaften bereiten, trotz Steuern und trotz Sozialisierung, und es gibt Massen von Arbeitern, Beamten und Angestellten, die keinen Weg aus dem höllischen circulus vitiosus von Teuerung, Lohnbewegung und wiederum Teuerung wissen und so zur leichten Beute von gewissenlosen und von schwachköpfigen Agitatoren werden.
Wo Gedanken Geltung gewinnen, die nicht nur zur Verkleidung bloßer Interessen dienen sollen, sondern einem geistigen Wollen entstammen, kann man mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß sie vom Ausland her übernommen sind. Was auf deutschem Boden gewachsen ist, gilt dem Deutschen von heut als von vornherein verdächtig. Woher sollte auch ein Deutscher das Recht ableiten, einem andern Deutschen den Weg vorzuschreiben? Dies dürfte nur Engländern oder Russen erlaubt sein. Gemeinwirtschaft wird, auch bei den Arbeitern, so lange unmöglich sein, wie sie nicht die Sprache der russischen Sowjets oder des englischen Gildensozialismus redet. Der führende Mann darf in Staat und Wirtschaft erst dann in sein Recht und sein Amt eingesetzt werden, nachdem es feststeht, daß Herr Lenin die örtlichen Sowjets abgeschafft hat, und nachdem die professionellen Englandfeinde unserer agrarischen Provinzen ihre Bewunderung für das großartig freie Spiel britischer Verfassung und Wirtschaft entdeckt haben. Wenn Deutschland während des dreißigjährigen Religionskrieges der Kampfplatz für die europäischen Staatsmächte gewesen ist, so scheint es heute gerade gut genug zur Stätte zu sein, wo der Streit zwischen dem Geist von Westen und dem Geist von Osten ausgetragen wird.
Wie lange wird dieser Zustand dauern, und wie lange wird er als der gemäße empfunden werden? Es ist nicht mehr möglich, sich über den furchtbaren Ernst der Lage hinwegzutäuschen. Niemand wird die Leistungen verkennen wollen, die seit dem Ausbruch der Revolution von Einzelnen und von Körperschaften vollbracht worden sind, um das aus den Fugen geratene Staats- und Wirtschaftsgefüge notdürftig zu stützen und zu festigen. Es ist, neben vielem Kleinlichen und Widerwärtigen, nicht wenig guter Wille und gesunder Verstand dabei am Werke gewesen. Die Aufgaben aber, die vor uns liegen, sind schwerer als die gestrigen und fordern mehr als jene Eigenschaften. Solange die Ungewißheit der Weltlage, die Inflationskonjunktur der Wirtschaft, der Übergangs- und Notstandscharakter der inneren Politik das wahre Gesicht der Dinge verhüllten, konnte man wohl glauben, von Tag zu Tag leben und annehmen zu dürfen, daß viele kleine Besserungen eines Tages sich zu einer merklichen Gesamtbesserung summieren würden. Zudem waren die Feinde, mit denen die neuen Machthaber zu kämpfen hatten, angreifbar genug: ein wortbrüchiger Gegner in den Verhandlungen von Versailles, gegen den schon das stumme Dasein des getäuschten, mißhandelten und entehrten Reiches das Gewissen der Völker aufgerufen hätte; eine revolutionäre Agitation im Innern, der sowohl die geistige Autorisation zur Führung der Nation wie die zwingende Autorität gegenüber den Massen fehlte, so daß jeder Versuch, die Revolution weiter zu treiben, nur dazu dienen konnte, die Fehler des bisherigen Zustandes in unerhörter Vergrößerung fortzusetzen; eine subversive Bewegung monarchisch-kapitalistischer Gruppen, die in der Durchführung ihrer eigenen Unternehmungen so wenig Voraussicht, Weitblick und Feuer zeigten, daß sie schon durch die tiefe Ratlosigkeit und Unentschlossenheit ihres Tuns und Planens vor der Geschichte gerichtet waren. Das waren die Gegner der Republik in diesen sechzehn Monaten der Übergangsregierung und Übergangswirtschaft.
Diese Phase ist nun vorüber. Sie wird in einem äußerlichen Sinn durch das Ende der Arbeiten der verfassunggebenden Nationalversammlung und durch die Wahl der ersten verfassungsmäßigen Volksvertretung abgeschlossen; in tieferem Sinne durch die neuen Aufgaben, die durch die veränderte Weltlage und die drohende Wirtschaftskrisis gestellt werden. Die Zusammenkunft des deutschen Regierungsoberhaupts mit den Oberhäuptern der Kriegsgegner von gestern unter Umgehung der nach dem Friedensvertrag zuständigen Commission des Réparations, zwingt das Reich, sich von der Stärke der eigenen und der gegnerischen Kraft unerbittlicher als bisher Rechenschaft zu geben und die aufbauenden Fähigkeiten des Landes bis zum äußersten anzuspannen. Im Innern aber ist die Stockung der deutschen Wirtschaft, infolge der Krisis auf den Warenmärkten, in Gefahr sich in einer Arbeitslosigkeit von unabsehbaren Maßen auszuwirken, deren soziale und politische Folgen nur eine kühne und weitausgreifende Politik mildern, geschweige denn abwenden kann. Beide Aufgaben aber können nur gelöst werden, wenn die Regierung sich fähig zeigt, die besten Kräfte der Nation in ihrem Brennpunkt zu sammeln. Es ist heute noch wahrscheinlich, daß man diesen Weg nicht gehen, sondern die Führung des Staates, wie bisher, nach der Parteizugehörigkeit und nach der spezialistischen Leistung vergeben wird, obgleich Parteimenschentum und Fachmenschentum nicht zum wenigsten die Schuld an Niedergang und Katastrophe tragen.