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Am 10. Januar hat man in Paris die Ratifikationsurkunden eines Vertrages ausgetauscht, der einen Krieg von 31 Staaten beendigen soll und keinen Frieden bringen wird. Indem die müden Völker der alten Welt für einen kurzen Augenblick aufatmen, schüttelt sie zugleich das Grauen vor dem unnennbaren Elend, das dem zerrissensten der Erdteile erst bevorsteht: denn der Zustand, den der Vertrag von Paris schaffen soll, bedeutet die Auslieferung von Hunderttausenden an Hunger, Seuche und Irrsinn, den Einsturz der dünnen Schicht, die auch in den letzten Jahrhunderten die europäische Zivilisation nur mühsam über dem Chaos hielt, und den Beginn einer neuen Epoche, in der furchtbarere Gewalten die Herrschaft an sich reißen, als der Fortschrittsglaube der Früheren in der Geschichte der Menschheit wirksam glaubte.

Der Krieg war aus einer Aktion zu einem Weltzustand, aus einem militärischen Prozeß zu einer Erschütterung des Gesamtlebens geworden — von allen früheren Kriegen verschieden wie ein dreidimensionales von einem zweidimensionalen Gebilde; den kommenden Jahrzehnten aber näher verwandt als diese mit irgend welchen früheren Friedensjahrzehnten. Denn die Ursachen, die zum Kriege geführt, erst seine Verlängerung, dann den jähen Abbruch erzwungen haben, wirken mit unverminderter Stärke fort. Wo der Krieg Krampf und Zerrüttung aufgerufen hat, wird in Zukunft härterer Krampf und ärgere Zerrüttung wirken, bis eines Tages Volk und Erdteil das Doppelgift ausgestoßen haben und ein neuer Morgen anbricht. Solange der Vertrag in Kraft ist, wird die gigantische Lüge, die ihm Gestalt gegeben hat, den Bestand Europas schlechthin in Frage stellen.

Deutschland verhüllt sein Haupt und schweigt. Es ist heute nicht Zeit, über das Schicksal Worte zu machen, das uns geschlagen hat. Wir haben es selbst gewählt und haben einzustehen für unser Tun und für unser Unterlassen. Das Urteil über Schuld und Schmach werden die sprechen, die nach uns kommen. An uns ist es nicht, zu klagen und anzuklagen, sondern bereit zu sein und zu bereiten. Uns selbst und die nach uns kommen: denn von außen kommt keine Hilfe und wird keine kommen, die uns die schwerste aller Pflichten erleichterte: in uns selbst das Heil und die Rettung und die Geburt der neuen Welt zu suchen. Vielleicht, daß man uns etwas mehr Kohlen läßt, etwas mehr Kredite gewährt, etwas mehr Rohstoffe zur Verarbeitung in Lohnwerk überläßt: so wichtig, so unerläßlich dies alles ist: der Wiederaufbau Deutschlands ist nicht eine Angelegenheit von Brennstoffen, Gütermengen und Zahlungsmitteln, sondern eine Sache des Geistes. Der aber kann aus irgend einem Ausland so wenig wie aus irgend einer Vergangenheit bezogen werden. Für den, der nicht Programme, sondern Kräfte, nicht Schlagworte, sondern Wirklichkeiten sucht, gibt es heute nur noch zwei Parteien: die Masse derer, die ihr Wunschbild in dem Zustand vor dem Kriege oder in den Utopien jener Zeit sehen, und die kleine Schar derer, die erkennen oder ahnen, daß der Augenblick einen Neubau von Grund auf fordert. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß heute sowohl von dieser Mehr- wie von jener Minderheit Vertreter in allen Parteien des Reiches sitzen. Die Zukunft wird sie sammeln.

Die nächsten Aufgaben des Reichs und seiner Bürger sind hart und ohne Glanz. Unendliche Mühsal erwartet sie, kaum ein Irrweg wird ihnen erspart bleiben, denn die Erschöpfung der Kräfte ist so groß, daß keine kühne, großgedachte Tat hoffen darf, formbare Massen und füllbaren Raum zu finden. Die Gegenwart, die immer geglaubt hat, alles sei zu allen Zeiten möglich, wird wieder lernen müssen, daß Wille und Kraft zur Organisation, zum willkürlichen Machen, Ordnen, Erzwingen nicht immer und überall ausreichen; daß jedes organische Wachstum und jede Heilung eine unabkürzbare Dauer fordern; und daß alles menschliche Tun ins Leere stürzt, wo höhere Mächte es nicht zum Gefäß und Werkzeug weihen und ihm helfend nahe sind. Nur diese Weihe, nur diese Einung schaffen aus Einzelnen, Gruppen und Verbänden eine Gemeinschaft. Nur als Gemeinschaft wird Deutschland in Europa, wird Europa in der Welt den Richtspruch der Völkerdämmerung erwarten dürfen.

Kurt Singer

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