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Die Bemerkung des Ministers Dr. Simons, es seien in Rußland nicht nur zerstörende sondern auch aufbauende Kräfte am Werk, ist von der deutschen Öffentlichkeit mit einem unwilligen Erstaunen aufgenommen worden, das um so merkwürdiger ist als es ganz ehrlich zu sein scheint. Wenn ein künftiger Geschichtsschreiber in unserer Zeit nach jenen „petits faits“ sucht, die der Zeit selber unerheblich und selbstverständlich scheinen, in denen sich aber dem fernen Beobachter die ganze Lage der Dinge wie unter dem blendenden Schein eines plötzlich aufleuchtenden und verlöschenden Feuers zeigt, so wird er vielleicht in der Wirkung jener Reichstagsrede eines der bemerkenswertesten finden.

Was ist geschehen? Ein deutscher Minister, seit Spa der führende Mann der Reichsleitung, hat bekannt, zwar kein Anhänger des Bolschewismus aber ein Anerkenner seiner Leistungen zu sein. Wie kann das sein? fragt die Öffentlichkeit. Wie ist es möglich, nicht Bolschewist zu sein und in ihm doch nicht nur den Inbegriff aller bösen Säfte der Menschheit zu sehen? Und wo sind diese Leistungen? Wo sind die Materialien, auf die Herr Dr. Simons seine Behauptung gründet?

So viel Fragen, so viel Probleme; so viel Probleme, so viel Aufschlüsse über die geistige Verfassung des heutigen Deutschen. Die Anschauung des Ministers ist in keinem Regierungsprogramm vorgesehen. Die Bolschewisten anzuerkennen gilt als ein Monopol der Kommunisten und Unabhängigen (von denen Lenin nichts wissen will). Diese Konvention hat der Minister verletzt. Daher der Aufruhr. Und doch hat er nur Unbestreitbares gesagt.

Daß in Rußland seit dem Sturz der Zarenherrschaft das Furchtbarste alltäglich geworden ist, wird von keinem der Sowjetführer geleugnet. Es gibt kein Gemeinwesen der Welt, das seinen Gliedern ein so grausam getreues Bild seiner Lage und seiner Aussichten immer wieder vorzuhalten wagte wie Sowjetrußland. Hier endlich hat man begriffen, daß der Wille zum Durchhalten und Bestehen nicht durch gefärbte Statistiken und schönrednerische Versicherungen gefördert wird, sondern allein durch den Zwang zum Anblick des Entsetzlichen selber, das nur der Mut ertragbar machen kann. Man hat den gigantischen (aber eben deshalb menschliche Kräfte übersteigenden) Versuch unternommen, die planmäßige Arbeit aller produktiven Kräfte durch Zusammenlegung und Trustbildung, Arbeitszwang und Militarisierung der Wirtschaft nach dem zentralen Willen eines Obersten Volkswirtschaftsrats zu sichern, aber es wird kein Hehl daraus gemacht, daß die Räteherrschaft heute weder den Hunger noch die Kälte bannen kann, daß die Produktion nur einen Bruchteil der früheren erreicht, daß die Transportmittel verkommen, und daß die Leiden der Arbeiterklasse, jetzt der herrschenden im Staat, größer sind und größer sein müssen als jemals früher. Es wird auch unumwunden ausgesprochen, daß zwar der Kapitalismus gestürzt, aber der Sozialismus noch längst nicht verwirklicht ist, daß die schwersten Kämpfe und neue Entbehrungen erst bevorstehen, daß verhängnisvolle Fehler gemacht worden sind und erst allmählich abgestreift werden, daß ein mühsamer Kleinkampf mit Hilfe von Anpassungen und Kompromissen geführt werden muß, und daß in dieser Zeit des einsamen Kampfes von Rußland nichts anderes gefordert wird als Selbstaufopferung, diese „ehrenvollste und schwerste Aufgabe der Geschichte“ (Lenin auf dem IX. Kongreß der Kommunistischen Partei Rußlands, April 1920).

„Wenn die Arbeiterklasse zur Selbstaufopferung bereit ist, wenn sie bewiesen hat, daß sie alle ihre Kräfte anzustrengen versteht, so entscheidet das die Sache. Alles muß zur Lösung dieser Aufgabe geopfert werden. Die Entschlossenheit der Arbeiterklasse, ihr unbeugsamer Wille zur Verwirklichung der Losung: ‚eher untergehen als sich ergeben‘ — diese Entschlossenheit ist nicht nur ein historischer Faktor, sondern der entscheidende, der Siegesfaktor“ (ebenda).

Lenins Glaube ist nicht unser Glaube. Aber es ist unmöglich, solche Sätze zu lesen, ohne den Geist zu achten, aus dem sie gekommen sind. Wir halten seinen Horizont für eng, sein Weltbild für veraltet, seine Wirtschaftspolitik für doktrinär. Aber hier redet ein stählerner Wille, der Geschichte macht, mit seinem Recht und seinem Unrecht.

Man verlangt Materialien, die beweisen, daß dieser Mann kein bloßer Redner ist? Immer verlangt man „Materialien“, wo es doch genügen würde zu sehen, was klar vor aller Augen liegt. Dieses hungernde, frierende, zertrümmerte und abgeschnürte Rußland führt nach drei Jahren Weltkrieg Bürgerkrieg auf Bürgerkrieg, nach weiteren drei Jahren Bürgerkrieg einen Nationalkrieg gegen die aggressive Vorhut der Ententeländer — und siegt. Das aber bedeutet heute nicht nur militärischen Elan, sondern auch Sicherung der Verpflegung und des Nachschubs, der Munition und der Verbindungen, also wirtschaftliche Organisation. Und nicht nur dies wird geleistet, sondern man hat erreicht, daß sich freiwillig immer mehr nicht-bolschewistische Teile des Volkes unter der Führerschaft der Diktatoren sammeln, die man haßt und denen man sich doch nicht versagen kann.

Bei der Beurteilung dessen, was in Rußland geleistet und nicht geleistet wird, wird man gut tun, sich zu vergegenwärtigen, daß man es hier nicht mit einer Volkswirtschaft, sondern mit einem Heerlager zu tun hat, auf breitester agrarischer und schmalster industrieller Grundlage. Hatte die Räteregierung noch im Frühjahr gehofft, den Bürgerkrieg beendet zu haben und Arbeiterarmeen für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes frei werden zu sehen, so hat der polnische Angriff sie wiederum gezwungen, alle Kräfte in den Dienst des Krieges zu stellen. „Wir müssen um jeden Preis den Grundsatz verwirklichen und ins Leben umsetzen, den wir in unserer Politik stets befolgten und der uns den Erfolg sichert. Dieser Grundsatz besteht darin, daß, wenn es zum Kriege gekommen ist, alles, das ganze innere Leben des Landes den Interessen des Krieges untergeordnet werden muß, daß es kein Schwanken in dieser Frage geben kann. . . . Mag keine Versammlung, keine Konferenz vergehen, ohne daß in erster Linie die Frage steht: haben wir alles für den Krieg getan, haben wir unsere Kräfte genügend angestrengt, haben wir genügende Unterstützung an die Front geschickt? . . . Jedes Opfer, jede Hilfe für die Front.“ Mögen die Städte hungern und frieren: es ist ihr Beitrag zum Siege.

Es liegt auf der Hand, daß unter solchen Daseinsbedingungen der planmäßige Aufbau der russischen Gemeinwirtschaft (es sind die kommunistischen Übersetzungen der bolschewistischen Veröffentlichungen, die dieses Wort aufgenommen haben) in den ersten rohen Ansätzen stecken bleiben mußte. Es kam hinzu, daß die Bourgeoisie und die Intellektuellen mit wenigen Ausnahmen ihre Mitarbeit verweigert haben. Erst in neuerer Zeit scheint sich hierin eine Wandlung zu vollziehen. So wird berichtet, daß Professor Gredeskul, ein Führer der Kadettenpartei und 2. Vorsitzender der Reichsduma, in einem Vortrag vor Eisenbahnbeamten und Technikern über die Argumente, die der Militarisierung der Arbeit, der Arbeitsdisziplin und der Arbeitspflicht entgegengesetzt zu werden pflegen, die Intellektuellen vor einem weiteren Abseitsstehen gewarnt habe. „Es gibt keine Rückkehr zum andern Ufer . . .“ Die Sowjetführer wiederum erklären in den „Thesen des Hauptarbeitskomitees zur Woche der Arbeitsfront“: „Alle zur Verfügung stehenden Fachleute müssen verwendet werden, und zwar können ihnen nach und nach verantwortliche und leitende Stellen eingeräumt werden. Es muß ein planmäßiger Kampf organisiert werden gegen die Verwendung qualifizierter Arbeitskräfte zu Arbeiten, die nicht auf ihrem Fachgebiet liegen.“ Und Trotzki fügt hinzu: „wo der Arbeiter fertig wird, muß er der Leiter der Fabrik sein und einen Spezialisten zum Gehilfen haben; wo aber der Spezialist am Platze ist, muß dieser zum Leiter gemacht und ihm ein Arbeiter zum Gehilfen beigegeben werden.“

Dennoch dürften diejenigen enttäuscht werden, die in der Zurückdrängung der Betriebsräte und in der Heranziehung nicht-bolschewistischer Klassen die Abkehr von den Zielen des strengen Marxismus und ein Kapitulieren vor dem Kapitalismus sehen wollen. Wenn für den deutschen Arbeiter Sozialisierung und Sozialismus zusammenzufallen pflegen, so besteht für die mit einem stärkeren Abstraktionsvermögen und stärkerem Entscheidungswillen begabten Führer der Sowjetrepublik ein klares Bewußtsein der Spannung von Endziel und Weg. Kein Anzeichen erlaubt zu vermuten, daß Lenin auf dem Wege zum Revisionismus und Opportunismus sei. Die Richtung seiner Politik ist noch immer durch das marxistische Dogma gegeben. Den Weg dahin aber sucht er mit der erfinderischen und zähen Ausdauer des russischen Bauern, die auch Trotzki in seinem wichtigen Aufsatz über: „Das Nationale in Lenin“ hervorhebt und in Gegensatz zu der komplizierten und intellektualistischen Art des großen deutschen Dogmatiker Marx stellt:

„Der literarische und oratorische Stil Lenins ist ganz furchtbar einfach, asketisch wie sein ganzes Wesen. Aber dieses machtvolle Asketentum hat auch nicht den Schatten von Moralpredigt an sich. Es ist dies kein Prinzip, kein erdachtes System und gewiß schon keine Ziererei, sondern einfach der äußere Ausdruck dieser inneren Konzentrierung der Kräfte für die Tat. Es ist dies eine wirtschaftliche, dem Bauern eigentümliche Sachlichkeit, allerdings in einem Riesenmaßstab. Wenn Lenin, das linke Auge zugekniffen, einen Funkspruch entgegennimmt, in dem die Parlamentsrede eines Lenkers der imperialistischen Geschicke oder die fällige diplomatische Note mitgeteilt wird, sieht er einem verteufelt klugen Bauern ähnlich, der sich durch keine Worte irre machen, durch keine Phrasen betören läßt. Es ist dies eine hochpotenzierte, bis zur Genialität gesteigerte Bauernschlauheit, ausgerüstet mit dem letzten Wort des wissenschaftlichen Gedankens.“

Wenn man diesen Mann einen Schritt zurück tun sieht, so kann man sicher sein, daß hier nur ein strategischer Rückzug vorliegt. Man mag an das Schlußwort denken, das er — ein halbes Jahr vor dem deutschen Novemberumsturz — für sein Buch über „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ geschrieben hat und in dem es heißt: „Eine ungewöhnlich schwierige, schwere und gefährliche Sache in internationaler Beziehung ist: die Notwendigkeit zu lavieren und sich zurückzuziehen; eine Periode des Abwartens vor neuen Ausbrüchen der Revolution, die qualvoll langsam im Westen heranreift . . . lavieren, sich zurückziehen, abwarten, langsam bauen, erbarmungslos ‚strammer anziehen‘, strenger disziplinieren, die Ungebundenheit zertrümmern. Hysterische Aufwallungen brauchen wir nicht. Wir brauchen den gemessenen Tritt der eisernen Bataillone des Proletariats.“

Ein solcher Mann paktiert nicht um des lieben Friedens willen. Er ist kein Lloyd George, der nach einem Wort John Maynard Keynes zufrieden ist, etwas zustande zu bringen, das sich für eine Woche sehen lassen kann. Es ist wichtig, sich hierüber klar zu sein, wenn man über die Lage des Deutschen Reiches und seine Entscheidungen dieser krisenschwangeren Zeit ein Urteil fällen will. Nichts wäre gefährlicher, als sich über die Stärke und Dauer, die Konsistenz und die Richtung dieses Grundfaktors unserer auswärtigen und inneren Politik zu täuschen. Es scheint, daß Dr. Simons diesem Fehler nicht verfallen will. Wenn er aber ausspricht, und wie uns scheint mit Recht, daß der Bolschewismus nicht mit Gewalt bekämpft werden kann, sondern nur mit dem Geist, und daß es gelte, diesem fressenden Feuer ein mächtigeres Gegenfeuer entgegenzusetzen: so muß doch gefragt werden, wo denn dieses Feuer in Deutschland angezündet ist. . . . Die Arbeitsgemeinschaft, von der der Minister sprach, ist heute ein bloßer Apparat, ein Mittel des Interessenausgleichs, nicht des Staatsaufbaus, und es ist kein Zeichen sichtbar, daß auf diese Weise die tiefe Erregung der von Rußland her bewegten Proletarier beschwichtigt werden könne. Freilich darf man bezweifeln, ob in den Reihen der deutschen Handarbeiterschaft so viel revolutionärer Wille zum Sieg um jeden Preis und so viel Ergebung und Ausdauer im Leiden vorhanden ist, wie die Sowjetführer in ihrem Lande voraussetzen durften. Man muß aber bedenken, daß, anders als in Rußland, die proletarisierten Schichten der Nicht-Handarbeiter in Deutschland zu einem höchst geeigneten Boden für revolutionäre Gedanken geworden sind und immer mehr werden müssen. Sie werden schon heute glauben, daß sie nichts mehr zu verlieren haben; sie fühlen auch stärker als andere Klassen das Unerträgliche des heutigen Zustandes. Die bestehende Schichtung, beherrscht durch die arbeitgebenden und arbeitnehmenden Nutznießer der Inflation, erzeugt hier ein Ferment, das in den Trägern der französischen Revolution denkwürdige Entsprechungen findet.

Kurt Singer

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