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So einig sich die Währungspolitiker in der Verurteilung der Inflation zu sein pflegen, so schwer ist es, eine einwandfreie Definition dessen zu geben, was Inflation ist. Noch schwieriger aber erscheint es, das Maß der bestehenden Inflation in irgend einem Lande festzustellen. Es genügt nicht die Vermehrung des Papiergeldes zu berechnen, denn neben dem Papiergeld sind es auch die Giralguthaben, die einer Vervielfältigung innerhalb weitgesteckter Grenzen ebenso fähig sind wie die Banknoten und also ebenso wie diese den Zwecken einer inflationistischen Finanzpolitik dienstbar gemacht werden können. Die Zahl der gedruckten Banknoten und der eingeräumten Bankguthaben zu addieren geht aber auch nicht an, da ein wechselnder Teil der Giroguthaben durch Einzahlung von Banknoten entsteht; bei einer Addition würde der entsprechende Betrag also doppelt gezählt werden. Vor allem aber kann die Wirkung vermehrter Kaufkraft durch Änderungen in der Struktur des Zahlungsverkehrs (von der Literatur gewöhnlich Änderung der „Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes“ genannt) und durch Änderungen in der Versorgung der Volkswirtschaft mit Gütern und anderen Leistungen abgeschwächt oder aufgehoben werden: diese gegenwirkenden Momente aber sind einer zahlenmäßigen Schätzung unzugänglich; es sei denn, der Statistiker entschließe sich zu verzweifelter Tollkühnheit.

Dennoch können wir nicht gern darauf verzichten, uns genauere Vorstellungen von dem Umfang und dem Wachstum der Inflation zu bilden. Der Gegenstand ist wichtig genug, um die Sammlung aller zahlenmäßigen Angaben zu rechtfertigen, die seiner genaueren Erfassung dienen — und die allerdings nur dann brauchbar sind, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es sich um Teildaten handelt, die wir nur aus einem größeren, nicht mehr statistisch greifbaren Zusammenhang nach Ursachen deuten und nach Wirkungen abschätzen können. Es werden daher im folgenden einige wichtige internationale Statistiken wiedergegeben, die das Büro des Völkerbundes zur Vorbereitung der Brüsseler Internationalen Finanzkonferenz im Oktober 1920 herausgegeben hat; wir denken, diese dankenswerte Arbeit künftig in regelmäßiger Folge, nach dem jeweiligen Stande ergänzt, an dieser Stelle fortzuführen. Der eigentliche Wert der Zahlen wird sich vielleicht erst dann herausstellen, wenn ein Vergleich der Veränderungen des Zahlungsmittelumlaufs in den verschiedenen Ländern während längerer Berichtsperioden angestellt wird. Dieses Mal geben wir die Zahlen des Völkerbundes unverändert, zum Teil in abgeänderter Zusammenstellung wieder und fügen nur erläuternde Bemerkungen hinzu, die sich auf das Unumgängliche beschränken. Von einer Kritik der Zahlen ist auch dort abgesehen, wo das Material des Völkerbundes nicht zureichte. Es ist zu bedauern, daß die Veröffentlichung nicht die Namen der Verfasser oder wenigstens der verantwortlichen Redaktoren nennt.

Tabelle 1
Der Umlauf an Zahlungsmitteln Ende 1913 und Ende 1919

Land

Werteinheit

Jahr

Umlauf

Steig. 1919 i. % v. 1913

Gold

Silber

Papier

Summe

Deutschland Mark 1913 2000 1) 1010 1) 2 993 6 003 835
1919 50 098 50 098 2)
England Pfund Sterling 1913 123 3) 34 3) 57 214 250
1919 77 3) 459 3) 536 3)
Frankreich Franc 1913 2680 4) 1500 1) 5 714 9 894 387
1919 1000 5) 37 275 6) 38 275
Italien Lire 1913 2 7) 114 4) 2 783 2 899 649
1919 18 814 18 814
Belgien Franc 1913 103 4) 57 4) 1 067 1 227 392
1919 31 5) 4 786 4 817,1
Rumänien Lei 1913 (10,8) 4) (78,2) 4) 425 514 1167
1919 6 000 6 000
Portugal Milreis 1913 (7,6) 4) (11,1) 4) 91 109,7 373
1919 27 4) 382 409
Griechenland Drachme 1913 (10,4) 4) (15,5 4)) 311 336,9 452
1919 10,4 4) 1 412 1 516
Vereinigte Staaten Dollar 1913 1640 704 1 069 3 413 172
1919 1738 490 3 642 5 870
Brasilien Milreis 1913 897 897 195
1919 1 748 1 748
Japan Yen 1913 37 142 426 605 281
1919 60 8) 151 8) 1 486 8) 1 697
Indien Rupie 1913 750 2000 646 3 396 142
1919 3000 5) 1 829 4 829
Kanada Pfund Sterling 1913 ? ? 211 211 209
1919 440 440
Neuseeland Pfund Sterling 1913 2 4) 1 1,7 4,7 198
1919 1,5 7,8 9,3
Schweiz Franken 1913 (60,2) 4) (70) 4) 318 448,2 287
1919 225 5) 1 061 1 286
Holland Gulden 1913 17,7 3) 69,4 4) 317 404,1 302
1919 119 4) 1 099 1 218
Spanien Peseta 1913 ? ? 1 924 1 924 200
1919 ? ? 3 856 3 856
Dänemark Krone 1913 28,3 4) 152 180,3 276
1919 9,4 1) 489 498,4
Schweden Krone 1913 (12,8) 4) (5,7) 234 252,5 310
1919 40 1) 742 782
Norwegen Krone 1913 23 4) 15,1 4) 108 146,1 316
1919 7,5 454 461,5
Finnland Finnisch. Mark 1913 (19,2) (2,6) 113 134,8 834
1919 1 124 1 124

1) „Die Währungen nach dem Kriege“ (Völkerbund). 2) Ohne das städtische Notgeld, das zum Teil Silbermünzen ersetzt hat. 3) „Statement of Currency Expansion Board of Trade“ (C. M. D. 734). Ver. K.-R. Zahlen Juli 1914 bis März 1920. 4) Jahresbericht des amerikanischen Münzdirektors (eingeklammerte Zahlen: 1912). 5) Eigene Schätzung (Estimation originelle). 6) Zahlen vom April 1920. 7) Nach dem während des Krieges aus dem Umlauf gezogenen Betrag berechnet. 8) Zahlen am 31. Januar 1920. Der Metallumlauf (außer Gold und Silber) ist gleichfalls eingeschlossen.

Die Prozentsätze, die man in der letzten Spalte findet, geben das Verhältnis des gesamten Umlaufs an Gold-, Silber- und Papiergeld Ende 1919, verglichen mit Ende 1913. Die Zahlen für den Gold- und Silberumlauf am 31. Dezember 1913 stellen die Schätzungen des amerikanischen Münzdirektors dar, so weit nicht andere Quellen genannt sind; die entsprechenden Angaben für 1919 sind entweder der Presse entnommen oder auf Grund der Münzstatistiken und anderer Angaben, insbesondere über die Ein- und Ausfuhr von Gold und Silber, selbständig geschätzt werden.

Ein Versuch der Klassenbildung nach der Vermehrung der Zahlungsmittel in den verschiedenen Ländern führt zu folgendem Ergebnis:

  1. Überseestaaten: Ver. Staaten, Südamerika und Britische Besitzungen: 50—100 %.
  2. Europäische Neutrale und kriegführende Inselstaaten (England und Japan): 100—225 %.
  3. Andere Ententestaaten: (Portugal, Frankreich, Belgien, Griechenland, Italien: 250—500 % (muß heißen 550 %).
  4. Deutschland, Finnland, Rumänien: über 800 % (muß heißen 700 %).

Österreich-Ungarn ist vermutlich deshalb nicht aufgenommen worden, weil es in seinem zerlegten Zustand schwerlich mit dem Stand von 1913 verglichen werden kann.

In dieser Zusammenstellung sind die Gold- und Silbergeldbestände der Zentralbanken nicht enthalten — da sie ja nicht umlaufende, sondern ruhende Zahlungsmittel darstellen. Andererseits konnten die thesaurierten Bestände nicht erfaßt werden, von denen es nach der Meinung der unbekannten Redaktoren überhaupt zweifelhaft sei, ob sie von dem „aktiven Umlauf abzuziehen oder als ein die Umlaufsgeschwindigkeit vermindernder Faktor zu behandeln seien“. Die folgende Tabelle versucht die Verschiebungen, die während des Krieges zwischen dem Goldumlauf und der Bankreserve der einzelnen Länder stattgefunden haben, durch Gegenüberstellung der sichtbaren Goldreserven Ende 1919 und des gesamten Goldbestandes Ende 1913 (sichtbare Goldbestände und Goldumlauf) deutlich zu machen. Der leichteren Vergleichbarkeit halber sind alle Goldbestände nach der Münzparität in Millionen Dollar umgerechnet. Die Zunahme und Abnahme, die in den beiden letzten Spalten ausgewiesen wird, stellt nicht schlechthin den Betrag des aus dem Verkehr gezogenen oder an den Verkehr abgegebenen Goldgeldes dar: es ist vielmehr zu berücksichtigen, daß außer Goldmünzen auch Gold aus Schmuckstücken an die Zentralbanken abgeliefert worden war und daß Ein- und Ausfuhr von Gold eine nicht unbeträchtliche Wirkung ausgeübt haben; in den Goldproduktionsländern ist auch die Höhe der sechsjährigen Erzeugung zu bedenken (alle Zahlen in Mill. $):

Tabelle 2
Goldumlauf

Länder

Gold in Banken
und im Umlauf
1913 (in Mill.)

Gold
in Banken
1919 (in Mill.)

Vermehrung
(in Mill.)

Ver-
minderung
(in Mill.)

I. Europ. Länder
Belgien 68 51,3 16,7
Frankreich 1192 1078 114
Italien 290 204 86
Portugal 16,5 10,6 5,9
England 764 574 190
Holland 71,7 256 + 184,3
Spanien 92,4 1) 471 + 378,6
Schweiz 44 100 + 56
Schweden 30,4 69,2 + 38,8
Norwegen 17,9 39,2 + 21,3
Dänemark 19 60 + 41
Finnland 10,6 8,2 2,4
Griechenland 8 10,7 + 2,7
Rumänien 31,8 1,3 30,5
Deutschland 813 260 553
Österreich-Ung. 1) 295 46,7 248,3
Summe I 3764,3 3240,2 + 722,7 - 1246,8
II. Andere Länder
Australien 206 211 + 5
Kanada 144 1) 185 + 41
Indien ... ... + 190 3)
Neuseeland 33,5 33,1 0,4
Südafrika 361 2) 33,6 2,4
Vereinigte Staaten 2930 4183 2) + 1253
Argentinien 245 465 + 220
Japan 206 1029 2) + 823
Summe II 3800,5 6139,7 + 2532 - 2,8
Summe I und II 7564,8 9379,9 + 3254,7 - 1249,6
Reinvermehrung + 2005,1

1) Nur Gold in Banken. 2) Gold in Banken und im Umlauf. 3) Vermehrung der Reserve und der Nettoeinfuhr während des Krieges; 30. September 1919.

In Europa stehen sich ein Verlust der Kriegführenden in Höhe von rund 1250 Mill. $ (davon 800 Mill. $, also 2/3, auf die Mittelmächte entfallend) und ein Gewinn der Neutralen von rund 720 Mill. $ gegenüber. Es ergibt sich für Europa ein Verlust von rund 480 Mill. $, während die sichtbaren Goldbestände der Überseestaaten sich um rund 2500 Mill. $ vermehrt haben (wovon die Hälfte auf die Vereinigten Staaten kommt). Die sichtbaren Goldbestände der Welt überhaupt hätten sich demnach um 2 Milliarden $ verstärkt.

Nun hat die Goldproduktion, wie aus der folgenden Zusammenstellung hervorgeht, in den Jahren von 1913 bis 1919 einen Betrag von 2,5 Milliarden $ ergeben.

Es würde demnach angenommen werden können, daß der industrielle Goldverbrauch (und die Thesaurierung) in diesen sechs Jahren etwa 500 Mill. $ erfordert haben. Der „industrielle Goldbedarf“ (mit Ausnahme der thesaurierenden Länder Indien und Ägypten) wurde von dem amerikanischen Münzdirektor für das Jahr 1910 auf rund 110 Mill. $ geschätzt.

Tabelle 3
Goldproduktion

Jahr

Reingold
(Mill. Unzen)

Mill. $

1914 21,2 438,4
1915 22,6 467,3
1916 21,9 452,8
1917 20,3 419,8
1918 18,4 380,5
1919 17,7 366,0
Zus. 122,1 2524,8

Verglichen mit der Goldproduktion des Jahres 1913 ergibt sich das für Jahr 1913 eine Abnahme um 20 %.

Zur Ergänzung der Aufstellung über die Zunahme des Notenumlaufs fügen wir hier noch die Daten über die Vermehrung der Bankdepositen hinzu, indem wir auf die Bemerkungen im Eingang dieses Aufsatzes hinweisen und hinzufügen, daß nur in den anglosächsischen Ländern Bankdepositen und Giral- (oder Scheck-)guthaben gleichgesetzt werden können. Auch diese Zahlen beziehen sich auf den 31. Dezember 1913 und 31. Dezember 1919, wo nichts anderes bemerkt ist; sie sind in Tausenden ausgedrückt.

Tabelle 4
Depositen

Land
(Werteinheit)

Jahr

Depositen

Anmerkungen

bei Zentralbank.

bei andern Bank.

Belgien(Franc) 1913 117 098 928 985 1) 1) 6 wichtigste Banken
1919 2 481 895 4 282 872
Frankreich(Franc) 1913 575 324 5 977 000 1) 2) 22. April 1920
1919 3 338 385 2) 15 966 000 2)
Italien(Lire) 1913 (100 014) (2 255 865) -
1919 (774 511) (6 108 711)
Portugal(Milreis) 1913 4 705 72 971 -
1919 23 460 308 005
Großbritann.(£) 1913 71 357 1 070 681 -
1919 199 864 2 398 831
Australien(£) 1913 — 3) 163 855 3) 3) Keine Zentralbank
1919 - 247 398
Kanada(£) 1913 — 3) 1 018 656 4) 4) 30. Juni 19145) 31. März 1920
1919 - 1 855 132 5)
Indien(Rupie) 1913 — 3) 916 047 6) 6. Dezember 1918
1919 - (1 549 416 6))
Neuseeland(£) 1913 — 3) 38 847 -
1919 - 59 408
Südafrika(£) 1913 — 3) 44 700 4) -
1919 - 93 900 5)
Holland(Gulden) 1913 5 300 335 965 -
1919 85 200 1 352 510
Spanien(Pesetas) 1913 8 830 -
1919 10 313
Schweiz(Franken) 1913 58 930 3 665 252 7) 7) 31. Dezember 1918
1919 175 309 6 290 803
Schweden(Krone) 1913 107 900 1 691 990 -
1919 277 511 5 085 823
Norwegen(Krone) 1913 12 582 1 200 509 7) -
1919 127 055 4 315 547 7)
Dänemark(Krone) 1913 3 755 nicht erhältlich -
1919 3 149 -
Finnland(finn. Mark) 1913 26 392 673 769 -
1919 123 109 3 384 701
Tschecho-Sl.(Krone) 1913 8) 7. Mai 1920
1919 1 164 153 8)
Griechenld.(Drachme) 1913 (158 771) 124 595 -
1919 558 105 565 025
Polen(Mark) 1913 2 456 161 1 297 475 -
1919
Deutschland(Mark) 1913 (793 120) -
1919 (17 071 900)
Bulgarien(Leva) 1913 197 929 -
1919 897 056
Ver. Staaten(Dollar) 1913 13 760 000 -
1919 28 289 000
Argentinien(Peso) 1914 9) p. o. 16116 / p. p. 521912 p. o. 25026 / p. p. 817209 9) 30. Juni 191410) 31. März 192011) 1 Papierpeso = 44% des Goldpeso
1920 10) p. o. 9886 / p. p. 1281943 p. o. 7293 / p. p. 1875833 11)
Bolivien(Peso) 1913 (13 476) (5 831) -
1919 18 308 22 926
Brasilien(Milreis) 1913 151 101 -
1919 182 079
Japan(Yen) 1913 118 235 2 110 772 -
1919 1 142 173 7 929 220

Es ist schwer aus diesen lückenhaften und nicht immer vergleichbaren Material wertvolle Schlüsse zu ziehen. Immerhin kann darauf verwiesen werden, daß die klassischen Länder der Giralzahlung, England und die Vereinigten Staaten, eine Vermehrung der Bankdepositen aufweisen, die etwas stärker ist als die Vermehrung des Geldumlaufs. Die Vergrößerung der Zahlungsmittelmenge ist also erheblicher als es nach jener ersten Zusammenstellung scheinen könnte. Es ist aber fraglich, ob auch die Inflation deshalb als größer zu erachten sei, denn diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn man auch die Versorgung der Volkswirtschaft mit Gütern und Leistungen in Betracht zieht.

Kurt Singer

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