„Du bist eben weise, sprach ich, o Thrasymachos, und darum wußtest Du recht gut, daß, wenn Du einen fragtest, wieviel zwölf ist, und ihm beim Fragen gleich sagtest: ‚Aber daß Du mir nicht etwa sagst, Mensch, zwölf sei zweimal sechs, noch auch dreimal vier, noch viermal drei, denn ich werde es Dir nicht gelten lassen, wenn Du dergleichen salbaderst‘: so warst Du, denke ich, sehr sicher, daß niemand dem antworten würde, der so fragte. Aber wenn er nun zu Dir sagte: ‚O Thrasymachos, wie meinst Du das? Ich soll Dir nichts antworten von dem was Du genannt hast? auch nicht, Du Wunderlicher, wenn es doch eins davon ist? Soll denn etwas anderes ich sagen als das Wahre? Oder wie meinst Du?‘ Was würdest Du ihm hierauf antworten?“
Platon: „Der Staat“, Buch I, 337 St.
Es ist Lloyd George, an den diese Frage heute zu richten ist. Er hat am 29. Januar eine Vereinbarung mit Frankreich und den übrigen Ententeländern geschlossen, von den Deutschen einen Tribut zu fordern, der im Laufe von 42 Jahren zu entrichten ist und insgesamt 226 Milliarden Goldmark fester Jahreszahlungen und einige weitere Dutzend Milliarden variabler Jahreszahlungen, in Höhe von je 12 % des deutschen Ausfuhrwertes, betragen soll. In Form von festen Jahreszahlungen sollen in den beiden ersten Jahren je zwei Milliarden, im dritten bis fünften je drei, im sechsten bis achten je vier, im neunten bis elften je fünf, im zwölften bis zweiundvierzigsten je sechs Milliarden Goldmark entrichtet werden. Einschließlich der variablen Zahlungen wären in dem letztgenannten Zeitraum mehr als acht Milliarden Goldmark jährlich zu leisten: nicht viel weniger als die gesamte deutsche Warenausfuhr des letzten Friedensjahres betrug.
Lloyd George weiß, daß eine solche Forderung unerfüllbar ist. Seine wirtschaftlichen Kenntnisse sind gering; er hat das in einer bemerkenswerten Rede des ersten Kriegsjahres selbst zugegeben, als er die Entstehung des englischen Moratoriums erzählte; er hat erst jüngst (18. Februar) im englischen Parlament einen neuen Beweis dafür gegeben, indem er den Gegenwartswert von 270 Milliarden Goldmark mit 16 statt 50–80 Milliarden angab und sich auch durch Zwischenrufe nicht von dieser seltsamen Probe seiner Rechenkunst abbringen ließ. Seine Stärke liegt nicht auf diesem Felde. Immerhin sieht auch er ein und hat es in zwei Reden der letzten Monate ausdrücklich gesagt, daß die Wirkungen zu hoher Entschädigungszahlungen auf den englischen Handel verhängnisvoll sein müssen und daß die Forderungen gegen Deutschland an dieser Erwägung ihre obere Grenze finden müssen. „Deutschland,“ sagte er am 27. Januar, „kann nur durch einen Überschuß der Ausfuhr über seine Einfuhr bezahlen. Wenn es seinen Export zu sehr steigert, wird es den Handel der Alliierten zerstören.“ „Deutschland,“ sagte er zwei Wochen später, „darf nicht in einer Form bezahlen, die dem Empfangsland größeren Schaden zufügt, als wenn es überhaupt nicht zahlte. Zum Beispiel könnte Deutschland in Waren zahlen, aber was würde uns das nützen? Es würde Hunderttausende von Arbeitern in Frankreich, in Italien, in Amerika und in jedem Lande, das an der Entschädigung teil hat, arbeitslos machen.“ (5. Februar 1921.) – Es hätte nahegelegen, Lloyd George in öffentlicher Sitzung zu fragen, ob die an Deutschland gerichtete Forderung, einen Ausfuhrüberschuß in der Höhe fast seiner ganzen Friedensausfuhr zu erzielen, ohne den Außenhandel und die Industrien der Alliierten an ihrer empfindlichsten Stelle zu treffen, nicht genau gleich jener Forderung ist, zwölf nicht zweimal sechs oder viermal drei sein zu lassen . . .
Diese Frage ist nicht gestellt worden, so wenig wie die nach der Möglichkeit, die verschiedenen Äußerungen des englischen Premierministers über die Schuld am Kriege in Einklang zu bringen. Der deutsche Außenminister hat würdig, zurückhaltend und sachlich gesprochen, als Träger eines abstrakten Rechtsgedankens, nicht als Führer eines Volkes, dessen dunkle Kräfte und Bestimmungen in ihm Gestalt und Sprache gefunden haben. Er hat mit einer geistigen Disziplin, für die es wenig Beispiele geben wird, seinen Willen darauf gerichtet, die Erörterung peinlich auf das Gebiet des Sachlichen, Juristischen, Technischen zu beschränken – und hat sich von Lloyd George zweimal sagen lassen müssen, daß er die Forderungen der Stunde gar nicht erkannt habe. Auch die liberale englische Presse hat ihrem heftig befehdeten Premierminister darin recht gegeben. Wir haben mit der Tatsache zu rechnen, daß die Gegenseite die Forderungen der Stunde nicht im Technischen, sondern im Psychologischen, nicht im Juristischen, sondern im Politischen sieht. Es wäre seltsam, wenn diese Tatsache dem deutschen Außenminister verborgen gewesen wäre. Wenn er seine Verhandlungsart nicht darauf eingestellt hat, so kann nur der Gedanke entscheidend gewesen sein, daß ein Eingehen auf die Geistesart des Gegners für uns ein Abweichen von der reinen Linie juristisch-kühler Korrektheit und wirtschafts-technischer Zweckmäßigkeit bedeutet hätte.
Eine solche Auffassung liegt tief in der geschichtlich bedingten Struktur des deutschen Geistes und seiner gegenwärtigen Lage begründet. Zur Abstraktheit geneigt, nur im Unbedingten das Zulängliche erblickend, aller Politik als der Kunst des Möglichen im tiefsten fremd, alle Lebensäußerungen sachlich streng voneinander scheidend und von einem, wie es scheint unerschütterlichen, Vertrauen zum „Fachmann“, d. h. zum Spezialisten, getrieben – steht dieser deutsche Mensch einer im Tiefsten und im Oberflächlichsten andersartigen Umwelt gegenüber, einer Welt, in der nicht die abstrakte Sache, sondern die konkrete Person Art und Maß des Tuns und Lassens bestimmt. Es ist in Lloyd George und in Briand viel von den großen Rhetoren der Mittelmeer-Kulturen und etwas vom antiken Sophisten. Auch solche Sophisten können von einem edleren Geist eingefangen und in zähem Kampf zum Nachgeben gezwungen werden: aber nur, wenn die reineren Hände die Berührung der gleichen Waffen nicht scheuen. Hierfür gibt es in der Geschichte ein großes Beispiel.
Als die Pariser Konferenz, für jeden höchst überraschend, sich auf jener imaginären Forderung von 226 Goldmark geeinigt hatte, konnte das Problem der nächsten Verhandlungen mit den Alliierten als eindeutig bestimmt gelten: die Aufgabe war, einen Weg zu finden, der in der Sache dem Maß der deutschen Leistungsfähigkeit gerecht wurde, in der Form aber den großen Demagogen-Führern des Westens die „Wahrung des Gesichts“ vor ihren Wählern und Parlamenten möglich machte. Durch die Pariser Vereinbarung hatten sich diese den Rückzug verlegt. Durch ihr „Unannehmbar“, das erst in einem späteren Stadium der Verhandlung mit starken Einschränkungen interpretiert wurde, hat die deutsche Regierung zwar der ersten, aber nicht der zweiten Bedingung genügt. Da eine Summe von 226 Milliarden, mit einem Gegenwartswerte von 53 Milliarden Goldmark, nicht mehr als etwa ein Drittel der allerniedrigsten Schätzung der Wiederherstellungsschuld (nach Keynes 160 Milliarden Goldmark; nach der letzten Veröffentlichung des Wiedergutmachungs-Ausschusses rund 320 Milliarden Goldmark Gegenwartswert) ausmacht, eine „Reduktion“, die nur unter schwersten Kämpfen im französischen Parlament durchgesetzt werden konnte, war ein Zurückbleiben der deutschen Gesamtleistung hinter diesen Betrag im Augenblick unannehmbar für die Entente. Es blieb also im besten Fall der Weg, der ja auch später, von uns vielleicht nur zu spät, und auch nur in seiner ersten Hälfte beschritten worden ist: ein Provisorium zu schaffen, zugleich aber Richtlinien für die künftige Regelung zu vereinbaren. Im schlimmsten Fall wäre die Annahme der Lloyd Georgeschen Vermittlungsvorschläge unter drei Bedingungen zu erwägen gewesen: erstens daß ein Zurückbleiben der deutschen Leistungen hinter den geforderten, nicht ohne weiteres von der Gegenseite als absichtliche Verletzung des Friedensvertrages betrachtet werden könnte, sondern daß in einem solchen Fall ein gemischtes Schiedsgericht unter neutralem Vorsitz zu entscheiden hätte, in dem mindestens die Hälfte der Schiedsrichter aus wissenschaftlich gebildeten Nationalökonomen bestehen müßte; zweitens, daß die nicht erfüllten Forderungen nach 42 Jahren erlöschen müßten; und drittens, daß weitgehende Abmachungen über die Beteiligung Deutschlands am Wiederaufbau Nordfrankreichs durch Arbeitskräfte, Rohstoffe und Fertigwaren und über eine rationelle internationale Verteilung der Rohstoffe und Absatzmärkte getroffen würden. Es braucht nicht erst dargelegt zu werden, daß mit diesen Gedanken nur die Richtungen angedeutet werden sollen, in denen sich eine solche Aktion im ungünstigsten Fall hätte bewegen können.
Die Ablehnung eines solchen Vorschlags würde die Entente-Regierungen auch vor ihren Parlamenten schwer ins unrecht gesetzt haben. Daß er nicht chimärisch ist, beweist unter anderem eine Darlegung selbst der „Times“ noch während der Verhandlungen, es komme sehr viel weniger auf die Höhe der Wiedergutmachungszahl an, als auf Vereinbarungen über die Art der zu liefernden Waren. – Es stünde vielleicht besser, wenn von Anfang an weniger von Annuitäten als von Häusern und Fabriken, Pflügen und Werkzeugen geredet worden wäre.
Freilich ist alle stetige und aufbauende Politik auf dem Felde der Wiedergutmachung durch zwei Faktoren dauernd aufs schwerste gefährdet und fast von vornherein zum Scheitern verurteilt: der erste besteht in der Abhängigkeit der Ententeminister von den rivalisierenden Demagogen innerhalb und außerhalb ihrer Parlamente. Briand erhält das strategische „Gesetz der Bewegung“ durch Poincaré, Lloyd George durch Northcliffe vorgeschrieben. (Und weil dies so ist, kann er sich die Haltung des deutschen Außenministers nicht anders als durch eine vermeintliche Abhängigkeit von Hugo Stinnes erklären: daß Dr. Simons durch sachliche Motive bestimmt wird, ist Lloyd George vermutlich nicht einmal verständlich.) Jeder Schritt wird also auf einem höchst schmalen Grat getan, und die Wahrscheinlichkeit, daß das Verständige verwirklicht wird, kann nur verschwindend gering sein – so lange bis die Besten jener Nationen eingesehen haben, daß es ihrer unwürdig ist, sich von Demagogen beherrschen zu lassen.
Zweitens aber ist, wie an dieser Stelle schon einmal dargelegt worden ist („Wirtschaftsdienst“ 1921, Seite 61), der Aufbau der europäischen Wirtschaft so lange bedroht, wie die Vereinigten Staaten auf ihrer Kriegsforderung an die Ententeländer bestehen – die nur um ein wenig geringer ist als der Gegenwartswert der Pariser Forderungen an Deutschland (etwa 42 gegen etwa 53 Milliarden Goldmark). Daß die Regierung Wilsons diese Schuld nicht erlassen konnte, ohne die Lage der demokratischen Partei gegenüber der Wählerschaft noch mehr zu gefährden als durch die Teilnahme an diesem unmöglichen Friedensschluß, wird jeder zuzugeben geneigt sein. Präsident Harding aber hat die Hände frei. Verzichtet er auf die uneintreibbare Schuld unter der Bedingung, daß die Wiedergutmachungsforderungen auf ein erträgliches Maß herabgesetzt und daß endlich die Grundlagen für eine neue Ordnung der Weltwirtschaft geschaffen werden, so wird Amerika den Frieden gewonnen haben, wie es das Gewinnen des Krieges ermöglicht hat. Weiß Amerika nicht zu verzichten, so wird das Urteil der Geschichte über dies Land nicht zweifelhaft sein: es wird von ihm heißen, daß es für den Aufbau der alten Welt wohl das Blut seiner Söhne, aber nicht seine Dollarforderungen zu opfern bereit gewesen ist.
Hamburg, den 8. März 1921.
Kurt Singer