Ein Service der

Artikel als PDF herunterladen

Versteht man unter Inflation einen Zustand der Volkswirtschaft, in dem durch Schaffung von Zahlungsmitteln eine erhebliche Steigerung des Preisniveaus bewirkt wird, die wiederum durch das Medium erhöhter Löhne zur Schaffung neuer Zahlungsmittel anreizt und so sich selbst ins Unendliche fortzusetzen strebt, so ist von den Vereinigten Staaten zu sagen, daß sie als erste diesen bösen Zauberkreis der Kriegs- und Nachkriegswirtschaft durchbrochen haben. Setzt man die nordamerikanischen Großhandelspreise im Durchschnitt des Jahres 1913 gleich 100, so ist die entsprechende Zahl für Mai 1921 nicht höher als 115. Noch im vorigen Jahr war ein Stand von 227 erreicht worden; der Durchschnitt des Jahres 1919 betrug 204, der Durchschnitt des Jahres 1920 198. Man darf also sagen, daß die Vereinigten Staaten stark genug gewesen sind, die Preise der wichtigsten Waren im Laufe eines einzigen Jahres auf rund die Hälfte zu reduzieren. Es gibt in der Geschichte der Wirtschaft kein Beispiel eines Preissturzes von ähnlichen Dimensionen, der trotz der reißenden Schnelligkeit seines Verlaufs weniger sichtbare Opfer erfordert hätte. Eine solche Leistung spricht für die Organisation des amerikanischen Bankwesens in seiner neuen Verfassung; sie wäre aber auch unter der verständigen Leitung des Bundesreservesystems nicht möglich gewesen ohne die ungeheuerlichen Gewinne der Kriegszeit, die nun ihre natürliche Korrektur erfahren haben. Die nordamerikanische Wirtschaftsführung hat immer mit einfachen und drastischen Mitteln gearbeitet und sich gern in Kontrasten von kindlicher Einfachheit bewegt. Solche Mittel mögen einem Koloniallande wohl anstehen. Ihre Anwendung auf dem europäischen Kontinent aber würde nichts anderes zur Folge haben als den Ausbruch einer Katastrophe, die den Vereinigten Staaten wohl weniger gelegen käme als ihren bolschewistischen Gegenspielern.

Manche Firmen mögen durch Banken gestützt worden sein. Im allgemeinen aber haben sich die Anlagen der Banken und damit auch die „Depositen“, die durch Gutschrift von Krediten entstehen, entschieden vermindert. Der Darlehnsbestand der New Yorker Clearinghouse-Banken ist von Ende Juni 1920 bis Ende Mai 1921 von 5,14 auf 4,59 Milliarden $ zurückgegangen, der Posten „Fremde Gelder“ von 4,41 auf 3,92 Milliarden $, der Notenumlauf der Bundesreservebanken von 3,12 auf 2,63, während ihr Goldbestand sich von 1,97 auf 2,46 Milliarden $ erhöht hat.

Für den Bewohner Mitteleuropas hat es etwas Gespenstisches, die amerikanischen Preisnotierungen sich wieder ganz in den Größenverhältnissen der Vorkriegszeit bewegen zu sehen, als sei nichts in diesen grauenhaften sieben Jahren geschehen, was den Ausgleich von Angebot und Nachfrage dauernd wirksam beeinflussen könnte. Es notierten:

Tabelle 1
Amerikanische Warenpreise (I)

Waren

Ende Dez. 1913

Ende Mai 1921

Ende Juni 1921

Mais (Chicago) 68,50 65,62 58,25
Hafer (Chicago) 38,37 41,12 36,37
Zucker (New York) 3,12 4,63 4,0
Schmalz (Chicago) 10,67 9,60 10,50
Schweinefleisch (Chic.) 20,20 17,05 17,65
Baumwolle (New York) 12,75 12,42 11,73
B’wollsaatöl (New York) 6,75 7,43 8,10
Blei (New York) 4,15 5,0 4,40
Elektrolytkupfer (N.Y.) 15,0 13,38 12,875
Zink (New York) 5,325 4,875 4,25
Silber (New York) 57,5 58,0 58,5

Erhebliche Veränderungen gegen den Vorkriegsstand zeigen noch:

Tabelle 2
Amerikanische Warenpreise (II)

Waren

Ende Dez. 1913

Ende Mai 1921

Ende Juni 1921

Weizen (New York) 100,5 177 150
Petroleum (New York) 11,25 19,0 18,0
Roheisen (New York) 15,0 24,25 23,50
Stahlbarren (New York) 20,0 37,0 -

Im vorübergehen sei die Tatsache berührt, daß der Vorgang, der hier in seinen wichtigsten Zügen festgehalten wurde, für die metallistischen Anhänger der Lehre vom sogenannten „Geldwert“ ein ziemlich dorniges Problem schafft: da für jene die Preise der Ausdruck des „Wertes“ des Geldes sind und dieses Geld in den Vereinigten Staaten nach jenen mit dem Gold identifiziert werden kann, — denn sowohl kann Gold in Dollars wie Dollars in Gold in unbeschränkter Weise verwandelt werden, — so wird der Schluß notwendig, daß die Verdoppelung der Vorkriegspreise im vorigen Jahr eine Verminderung des Wertes des Goldes auf die Hälfte bedeutet hatte, während der Preissturz eine Werterhöhung des Goldes um 100 % darstellen muß. Hiernach war es also das Gold, das im Kriege „entwertet“ war und jetzt seinen alten „Wert“ wieder erreicht hat. Wir gestatten uns, auf diese Konsequenz hinzuweisen, indem wir es dem Leser überlassen, sich für oder gegen die Zweckmäßigkeit dieser überraschenden und geistreichen Ausdrucksweise zu entscheiden. Wir selbst begnügen uns mit der schlichteren Rede von den Preisänderungen der Waren.

In den europäischen Ländern hat sich das Preisniveau für Großhandelswaren, den durchschnittlichen Stand von 1913 gleich 100 gesetzt,[1] wie folgt entwickelt:

Tabelle 3
Europäisches Preisniveau

-

1919

1920

Mai 1921

Rückgang gegen 1920 in %

Deutschland - 1545 1428 7,6 %
England 237 283 183 35,3 „
Frankreich 358 512 328 35,9 „
Italien 356 635 547 13,9 „
Schweden 330 347 218 37,2 „
Dänemark 318 383 254 33,7 „
Schweiz - 1. 1. 20: 3431. 1. 21: 234 188 44,4 „
Holland 304 286 182 36,4 „

Freilich hat man sich bei solchen Zusammenstellungen immer von neuem zu vergegenwärtigen, daß die Indexzahlen in diesen Ländern nach höchst verschiedenen Grundsätzen und in wohl nicht minder verschiedenen Graden von Zuverlässigkeit und Erfahrung errechnet werden. Sie sind also nur mit vielen Vorbehalten vergleichbar. Dennoch wagen wir den Versuch, sie in Beziehung zu setzen zu dem Stand der intervalutarischen Kurse, die auf sie als Kostenfaktor den größten Einfluß ausüben und die sie wiederum, wenn auch nur indirekt, durch ihren Einfluß auf Angebot und Nachfrage ausländischer Zahlungsmittel, wechselwirkend bestimmen können. Die folgende Zusammenstellung stellt daher das Preisniveau der genannten Länder, einschließlich Japan, im Mai 1920 in Vielfachen der amerikanischen Indexzahl neben den „Entwertungsfaktor“ der betreffenden Währung im Vergleich mit dem Dollar, d. h. die Zahl, durch die die Münzparität dividiert werden muß, um den Stand des Dollarkurses, ausgedrückt in der Währung des betreffenden Landes, zu erhalten.

Tabelle 4
Preisniveau und Währung

-

Teuerungsfaktor

Valuta-Entwertungsfaktor[2]

Vereinigte Staaten 1 1
Deutschland 12,4 14,7
England 1,6 1,2
Frankreich 2,9 2,3
Italien 4,8 3,6
Schweden 1,9 1,2
Dänemark 2,1 1,5
Holland (April) 1,6 1,1
Japan 1,7 1,03

Während die übrigen europäischen Staaten, die in unserer Zusammenstellung aufgeführt sind, sehr kräftige Preisrückgänge, gemessen an dem Durchschnitt des Jahres 1920, aufweisen, hat Deutschland sich mit einer höchst geringfügigen Senkung begnügen müssen, die, wie die Indexzahl für Anfang Juli zeigt, nicht einmal in diesem Grade anzudauern vermag. Den Verlauf in den einzelnen Monaten macht folgende Zusammenstellung anschaulich; sie enthält die Großhandelszahlen und die Effektenkurs-Indexzahlen der „Frankf. Ztg.“, beide bezogen auf den Stand vom 1. Januar 1920 gleich 100, und den Dollarkurs am Stichtage.

Tabelle 5
Deutsche Indexzahlen

-

Großhandelspreise

Wertpapierkurse

Dollarkurs

Januar 143 194 73,36
Februar 136 159 66,75
März 131 153 61,00
April 130 161 62,65
Mai 131,8 160 64,65
Juni 127 181 63,26
Juli 135,4 189 74,90
Durchschn. Jan./Juni 132 198 65,35

So geringfügig die Preissenkung sein mag, wenn man sie mit den Zahlen der Weststaaten vergleicht, so bemerkenswert ist es doch, daß ein Preisrückgang überhaupt erfolgen konnte, obgleich die Vermehrung der Zahlungsmittelmenge in Deutschland noch immer andauert. Es betrug der Umlauf (in Milliarden M):

Tabelle 6
Zahlungsmittelumlauf

-

1920

1921

Monatsdurchschnitt

Reichsbanknoten

Noten u. Darl.-Kassenscheine

Reichsbanknoten

Noten u. Darl.-Kassenscheine

Januar 36,18 49,18 66,79 78,32
Februar 39,33 52,02 66,34 77,24
März 43,17 56,20 68,11 78,46
April 46,37 60,13 69,30 79,01
Mai 49,12 62,79 70,88 80,15
Juni 51,77 65,22 72,83 81,61
Durchschnitt 44,31 57,59 69,04 79,13

Es waren nach dieser Aufstellung im Juni dieses Jahres 81,61 Milliarden papierne Zahlungsmittel im Verkehr, gegen 78,32 im Januar 1921 und 65,22 im Juni 1920. Wenn trotzdem die Preise im Durchschnitt ein Rückgang aufweisen, so muß sich die Versorgung der Volkswirtschaft mit Gütern und Leistungen nicht unbeträchtlich verbessert haben. Denn nur eine solche Vergrößerung des produzierten und abgesetzten Waren- und Leistungsvolumens kann einen größeren Umlauf von Zahlungsmitteln bei weichenden Preisen für die Wareneinheit verständlich machen. Es ist allerdings zu bedenken, daß es hierbei nicht nur auf die papiernen Zahlungsmittel, sondern auch auf die Giroguthaben und scheckfähigen Depositen der Banken ankommt, die sich heute noch höchst unvollkommen erkennbar in den Bilanzen der Banken eher verbergen als darstellen. Nur für die Reichsbank sind wir imstande, die giralen Guthaben und zwar in Monatsdurchschnitten anzugeben. Sie zeigen eine unregelmäßige Vermehrung (in Milliarden M):

Tabelle 7
Giroguthaben

-

1920

1921

Januar 11,32 13,83
Februar 11,68 14,20
März 15,15 20,24
April 15,99 18,67
Mai 15,70 13,93
Juni 16,01 13,96
Durchschnitt 14,31 16,88

Seit Mai 1921 werden die Guthaben von Privaten und des Reiches gesondert ausgewiesen wie es bei fast allen Notenländern des Auslandes seit langem üblich ist; hiermit ist einem schon vor dem Krieg von uns beklagten Übelstand abgeholfen. Das Ergebnis ist zunächst folgendes (in Milliarden M):

Tabelle 8
Private und Staatliche Guthaben

Durchschnitt

Mai

Juni

Private Guthaben 8,66 9,90
Staatliche Guthaben 5,27 4,06
Summe 13,93 13,96

Faßt man Reichsbanknoten, Darlehnskassenscheine und Giroguthaben bei der Reichsbank in einer Zahl zusammen, so erhält man für den Januar 1921 die Summe von 92,15 Milliarden, für den Juni 1921 die Summe von 102,00 Milliarden. Die Anlage der Reichsbank in Wechseln und Schatzanweisungen ist in dieser Zeit von 52 auf 70 Milliarden angewachsen, sie hat sich also um rund den doppelten Betrag vermehrt wie die Zahlungsmittel. Diese Unstimmigkeit mag ihre Erklärung in der Tatsache finden, daß der Betrag der von der Darlehnskasse gewährten Darlehen sich im gleichen Zeitraum von 33,9 auf 19,7 Milliarden vermindert hat, wie folgende Zusammenstellung zeigt (in Milliarden M):

Tabelle 9
Wechsel, Schatzanweisungen und Darlehen

-

1920

1921

Monatsdurchschnitt

Wechsel u. Schatzanw.

Wechsel u. Schatzanw.

Darlehen der Darlehenskassen

Januar 36,09 52,03 33,88
Februar 37,76 51,77 33,25
März 41,40 58,82 33,64
April 41,11 57,91 33,33
Mai 40,61 59,40[4] 27,98
Juni 41,99 69,67[5] 19,70
Durchschnitt 39,83 58,10 30,30

Der gesamte Betrag der schwebenden Schuld des Reiches, soweit sie in diskontierten Schatzanweisungen besteht, war an den Monatsenden dieses Jahres:

Tabelle 10
Schwebende Schuld

-

Insgesamt

Wechsel u. Schatzanweisungen bei der Reichsbank

In %

Januar 155,36 53,34 34,2
Februar 161,65 56,45 34,8
März 166,33 66,80 40,4
April 172,63 60,89 35,3
Mai 176,24 64,76[6] 36,8
Juni 185,03 81,17[7] 43,8
Durchschnitt 166,21 63,90 37,5

Ein wie großer Teil des Restes der Schatzanweisungen von den Großbanken diskontiert und in ihrem Portefeuille behalten worden ist, kann leider nicht angegeben werden, da die Großbanken die Veröffentlichung ihrer Zweimonatsbilanzen noch nicht wieder aufgenommen haben und da auch ihre Jahresbilanzen den, früheren Brauch der Reichsbank folgend, Wechsel der Privaten und Schatzanweisungen des Reiches in einem Sammelposten aufweisen. Die Reichsbank hat seit dem Mai dieses Jahres die an dieser Stelle seit langem und lange vergeblich geforderte Trennung der beiden Posten vorgenommen. Es ist unmöglich, daß die Großbanken ihr Beispiel nicht nachahmen werden. Bis dahin wird man annehmen müssen, daß von den 62 Milliarden „fremde Gelder“, die Ende 1920 von den acht Berliner Großbanken ausgewiesen wurden, nicht viel weniger als die Hälfte in diskontierten Reichsschatzanweisungen angelegt war und daß dieser Betrag sich im Laufe des ersten Halbjahres 1921 noch vergrößert hat. Die Großbanken werden, über die Erfüllung jener elementaren Forderung hinaus, ihre Bilanzen überhaupt einer gründlichen Umordnung unterziehen müssen, ehe erkannt werden kann, in welchem Maße sie neben der Reichsbank und den Darlehnskassen durch die Art ihrer Kreditgewährung und ihrer Zahlungsmittelschaffung inflatorisch zu wirken imstande sind. Sie sind längst über den Umfang privater Aktiengesellschaften hinausgewachsen, denen es freistehen kann, ihren Bilanzen die undurchsichtigste Form zu geben, die das Aktienrecht noch zuläßt und der Aktionär noch duldet.

Kurt Singer

  • [1] Bei Schweden ist der Durchschnitt Juni 1913 bis Juli 1914 als Ausgangspunkt gewählt, bei Dänemark Juli 1912 bis Juni 1914; bei Deutschland und der Schweiz Juni 1913. Bei Dänemark bezieht sich die Zahl für 1920 nur auf den Durchschnitt der Monate Juni bis Dezember Die Zahlen für 1919 und 1920 sind Durchschnitt der Monatszahlen.
  • [2] Grundlage: Notierungen vom 25. 5. 21.
  • [4] Wechsel und Schecks 1,94, Diskont. Schatzanweisungen 57,46 Milliarden M.
  • [5] Wechsel und Schecks 1,67, Diskont. Schatzanweisungen 68,00 Milliarden M.
  • [6] Wechsel und Schecks 1,81, Diskont. Schatzanweisungen 62,95 Milliarden M.
  • [7] Wechsel und Schecks 1,56, Diskont. Schatzanweisungen 79,61 Milliarden M.

Beitrag als PDF

Unter der Rubrik "Historischer Beitrag" dokumentieren wir Beiträge aus den ersten Jahrzehnten des Wirtschafts­dienst seit dem Gründungs­jahr 1916. Das Archiv befindet sich im Aufbau und wird sukzessive mit Beiträgen gefüllt. Die Inhalte sind selbst­verständlich im historischen Kontext zu betrachten und spiegeln nicht heutige Auswahl­entscheidungen der Redaktion wider.

Fachinformationen über EconBiz

EconBiz unterstützt Sie bei der Recherche wirtschaftswissenschaftlicher Fachinformationen.