Dr. Rudolf Steiner, Verfasser zahlreicher Schriften über Theosophie, Seelenrätsel, Erkenntnis höherer Welten, Erziehung des Kindes, Selbsterkenntnis und Geheimwissenschaft, von einigen für den Herrn eines neuen Geisterreichs gehalten, von andern anders beurteilt, hat sich einige Monate nach der Novemberrevolution zur Verkündigung seiner Gedanken über den Wiederaufbau Deutschlands entschlossen. Er hat einen Aufruf „An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!“ erlassen, der denn auch von einer bunten Reihe von Personen unterzeichnet wurde. Neben den Namen von Fabrikdirektoren, Tischlermeistern, Pastoren und Konzertsängerinnen finden sich die Unterschriften von Professor Natorp-Marburg, Hermann Hesse, Alfons Paquet, Georg Kaiser, General von Kreß, Professor Walther Goetz und anderen Schriftstellern und Universitätslehrern. Eine Schrift über die „Kernpunkte der Sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft“, herausgegeben von der Treuhandgesellschaft des Goetheanums Dornach, m. b. H., Stuttgart, 1919, gehört zu den am meisten gelesenen des Kontinents. Ein „Bund für Dreigliederung der sozialen Organismen“ hat sich gebildet, agitiert lebhaft und gibt eine Wochenschrift heraus, die für billiges Geld die Ansichten ihrer Herausgeber über die Ereignisse der Woche und andere Materien bekanntgibt. Es heißt, daß der Einfluß dieser Bewegung, auch auf Industrie und Studentenschaft, beträchtlich sei. Schon heute ist es nicht ungefährlich, sich nicht zu ihr zu bekennen: man unternimmt damit das Wagnis, zum Vertreter der „Verfallskräfte“ gestempelt zu werden und die Achtung vieler Zeitgenossen zu verlieren.
Gestützt auf das schwärmerische Vertrauen seiner wachsenden Anhängerschaft hat Rudolf Steiner einen weiteren Schritt getan. Er verläßt das Stadium der Aufrufe und Broschüren und gründet eine Finanzierungsgesellschaft. Er nennt sie „Der kommende Tag“, da sie ja durchaus der Verwirklichung neuer, unerhörter und schöpferischer Gedanken gewidmet sein soll, und fügt hinzu: „Aktiengesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte“. Der Sitz ist Stuttgart, und ihre Gründung geschah am 13. März 1920.
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Der Bericht über das erste Geschäftsjahr (endend am 31. Dezember 1920) liegt jetzt vor, ebenso der Gesellschaftsvertrag und eine Anzahl von Prospekten, in denen zur Bereitstellung von Kapital aufgefordert wird. Wir entnehmen diesen Dokumenten die folgenden Angaben: Die Gründung wurde mit einem Aktienkapital von 300 000 M vorgenommen. Gleichzeitig wurde zur Zeichnung von 10 Mill. M 5 %-Darlehnsscheine aufgefordert, die zu einer späteren Kapitalserhöhung dienen sollten. Der aufgelegte Betrag war in kurzer Zeit gezeichnet, so daß die außerordentliche Generalversammlung vom 16. September 1920 die Erhöhung des Aktienkapitals auf 10 Mill. M beschließen konnte. Da die Eintragung (der Bericht des Vorstandes sagt: aus formalen Gründen) erst im Januar 1921 erfolgen konnte, wurden die neuen Aktien erst ab 1. Januar 1920 dividendenberechtigt. Weitere Kapitalien wurden im Lauf des Jahres dem Unternehmen zur Verfügung gestellt, anscheinend, ohne daß es einer besonderen Werbung bedurft hätte. Im Dezember 1920 wurde zur Zeichnung von neuen Darlehnsscheinen im Gesamtbetrag von 25 Mill. M aufgefordert. Auch diese Darlehnsscheine sind zu 5 % verzinslich. Sie waren seitens der Darlehnsgeber bis 1. Januar 1923 unkündbar und durch Indossement an Dritte übertragbar. Die Gesellschaft behielt sich das Recht vor, die Darlehnsscheine in beliebiger Reihenfolge derart in Aktien (Stimmrecht für 1000 M = 1 Stimme) umzuwandeln, daß sie den Darlehnsgebern für den auf Tausend abgerundeten Betrag des Darlehnsscheins neu zur Ausgabe gelangende Aktien von gleichem Nennwert zuteilt und den etwa überschießenden Rest bar auszahlt. Soweit die Darlehnsscheine bis 1. Januar 1923 auf Wunsch der Gesellschaft nicht in Aktien umgewandelt sind, stand der Gesellschaft das Recht zu, die Darlehn nach einem von der Generalversammlung festzusetzenden Tilgungsplan zurückzuzahlen.
Der Zeichner verpflichtete sich also, die Umwandlung eines festverzinslichen Papiers ohne Stimmrecht in ein Papier mit schwankenden Erträgnissen, aber mit Stimmrecht geschehen zu lassen. Das Stimmrecht aber ist laut Gesellschaftsvertrag so geordnet, daß die ersten 10 Mill. M Aktien in drei Serien (A: 1 Mill. M, B: 3 Mill. M, C: 6 Mill. M) ausgegeben sind, von denen die Serie A über ein fünfundzwanzigfaches Stimmrecht verfügt. Die Aktien unterscheiden sich von den Darlehnsscheinen ferner dadurch, daß diese durch Indossament übertragen werden können, während die Aktien auf den Inhaber lauten und nur mit Zustimmung von Vorstand und Aufsichtsrat verkauft oder verpfändet werden können. Dennoch scheint die Zeichnung auf die Darlehnsscheine befriedigend verlaufen zu sein. Sie wurden durch Beschluß der ersten ordentlichen Generalversammlung am 18. Juni 1921 in der Tat in Namenaktien der Serien B und C, also mit einfachem Stimmrecht, umgewandelt. Alle Anträge der Verwaltung fanden die Zustimmung der Versammlung, ohne daß es zu einer Erörterung gekommen wäre.
Dieser Erfolg überrascht nicht, wenn man sich die Vorteile vergegenwärtigt, die den Zeichnern in dem Prospekt verheißen wurden:
- „Sichere Anlage Ihres Kapitals in gesunden landwirtschaftlichen Gütern, guter Industrie, blühendem Handel,
- angemessene Verzinsung,
- die Sicherheit, daß das Geld nicht zur Kapitalanhäufung einiger weniger verwendet wird,
- die Sicherheit, daß die Erträgnisse, die nach solidester Geschäftsführung und Bilanzierung übrig bleiben, unmittelbar einem freien Geistesleben zugeführt werden.
- durch die Verbindung von Landwirtschaft und Industrie die größtmöglichste Sicherheit, daß unsere Unternehmungen auch schwersten wirtschaftlichen Krisen werden standhalten können.“
Da der Prospekt nicht nur versichert, „größere Sicherheit der Anlage und sachgemäßere Verwendung des Erträgnisses können Sie in den gegenwärtigen Verhältnissen nicht finden“, sondern auch mitteilt: „Sachliche und statistisch fundierte Belege für die Aussichtslosigkeit des gegenwärtigen Weltwirtschaftsganges liegen im Kreise der Persönlichkeiten vor, von denen dieser Prospekt ausgeht und können Interessenten auf Wunsch mitgeteilt werden“, so war wohl nur eine Wahl möglich. Richtige Verteilung des Risikos von Kapitalanlagen ist, wie es scheint, nur auf der „Grundlage anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft“ erreichbar. Dies haben wir bisher nicht gewußt, aber wir werden es nicht mehr vergessen.
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Der Leser möchte erfahren, welches die Unternehmungen sind, die zu diesem Wunderbau zusammengefügt sind; zu welchem Preis sie erworben sind; wie ihre Rentabilität und ihre Liquidität sich gestaltet und wie ihre künftigen Erwerbsaussichten durch den Zusammenschluß beeinflußt worden sind. Er wünscht zu wissen, ob die vertikale oder die horizontale Zusammenfassung der Betriebe bevorzugt wird. Schon diese Fragestellung verrät den ganz und gar unanthroposophischen Laien. Geleitet von der Einsicht, daß „man versuchen muß, von ganz neuen Gedanken aus an den Wiederaufbau der zivilisierten Welt heranzugehen“, vereinigt „Der kommende Tag“, wie es sich von selbst versteht, nur solche Unternehmungen, die nach herkömmlichen Vorstellungen überhaupt nichts miteinander zu tun haben: eine Werkzeugmaschinenfabrik (vorm. Carl Unger, Hedelfingen), die Kartonnagenfabriken Josef del Monte, Stuttgart, die Chemischen Werke, Schwäb. Gmünd, das Schieferwerk Solingen, die Guldesmühle Dischingen, Dr. Rudolf Maier; „eine Beteiligung an einer Firma, die Handel mit landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten betreibt“, aber nicht genannt wird; eine ebenfalls nicht genannte Handelsgesellschaft in Stuttgart, „die sich mit Import und Export beschäftigt und geeignet ist, die Erzeugnisse des kommenden Tages durch gemeinsamen Vertrieb auf rationelle Weise dem Konsum zuzuführen“; das Bankhaus Der kommende Tag, Adolf Koch & Co., Stuttgart; Der kommende Tag A.-G. Verlag, Stuttgart, mit angegliederter Druckerei, in den der Wölfing-Verlag in Konstanz aufgegangen zu sein scheint; ferner landwirtschaftliche Güter, sowie Grundstücke und Häuser innerhalb Württembergs. Der Betrieb einer „erstklassigen Familienpension“, von dem der Zeichnungsprospekt spricht, scheint aufgegeben zu sein. Dagegen ist, im neuen Geschäftsjahr, die Mehrheit der Aktien der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart in den Besitz der Steinerschen Finanzierungsgesellschaft übergegangen. Der Bericht wird enthusiastisch erregt, wo er die Vorzüglichkeit der Einrichtungen der Einzelbetriebe, ihre Rohstoffversorgung und ihren Auftragsbestand, natürlich ohne Zahlenangaben, schildert. Nur die Landwirtschaft scheint einstweilen nicht auf der Höhe zu sein. „Man wird sehen,“ bemerkt der Bericht, „daß nach einer gewissen Anzahl Jahre etwas wirklich wirtschaftlich Wertvolleres erreicht worden ist, als dies bisher möglich schien.“
Ob mit Hilfe besonderer Organe, wie sie die Anthroposophen durch ihre Übungen entstehen lassen, die Bilanz durchsichtiger wird, als sie dem laienhaften Blicke des Nationalökonomen erscheint, muß eine offene Frage bleiben. Es erscheinen darin neben einem Aktienkapital von 300 000 M sehr summarisch Darlehn von 17,16 Mill., 1,7 Mill. M Hypotheken, 6,4 Mill. M Kreditoren, 0,9 Mill. M Grundstücke, 2 Mill. M Gebäude, 1,4 Mill. M Maschinen, 9,3 Mill. M „Rohstoffe, Halb- und Fertigfabrikate“, 4,5 Mill. M Beteiligungen, 4,6 Mill. M „Kasse, Wechsel, Bankguthaben und Wertpapiere“, 2,6 Mill. M Debitoren. Angaben über die Übernahmepreise der Einzelbetriebe werden nicht gemacht. Wenn die Aktionäre sich mit diesen Sammelangaben zufrieden geben, so verdienen sie nichts Besseres; wenn sie sich nicht damit zufrieden geben, so wird ihr Aufbegehren sich an dem fünfundzwanzigfachen Stimmrecht der Aktien der Serie A brechen.
Nach Abzug von Handlungsunkosten in Höhe von 4,2 Mill. M, Abschreibungen von 2 % auf Gebäude, 15 % auf Inventar und 15 % auf Maschinen, sowie Zinsen, hauptsächlich aus Darlehn, verbleibt ein Gewinn von 153 354 M auf das doppelt so große Aktienkapital. Hiervon werden 30 000 M dem Reservefonds zugeführt, 5 % Dividende p. r. t. ausgeschüttet und 111 354 M auf neue Rechnung vorgetragen. Über die Herkunft des Gewinns aus den verschiedenen Anlagen wird nichts bemerkt. Einzelheiten pflegen, wie man weiß, den Aktionär nur zu verwirren.
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Die Mäßigkeit der ausgeschütteten Dividende entspringt einem der vielen neuen Gedanken, an denen der Aufbau des Kommenden Tages reich ist. § 16 des Gesellschaftsvertrags bestimmt unter b, daß die Dividende „eine den jeweiligen Zeitverhältnissen entsprechende angemessene Verzinsung vom Nominalbetrag des Aktienkapitals darstellen soll“. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben dieser Holding-Gesellschaft, dafür zu sorgen, daß das Kapital nicht uferlos anwächst, sondern daß die Wirtschaft, mittelbar oder unmittelbar, dem „freien Geistesleben“ nützlich wird. Hierüber sagt der erste Prospekt (vom März 1920):
„Es wird sich dabei hauptsächlich um die Finanzierung solcher Unternehmungen handeln, die geeignet sind, das wirtschaftliche Leben auf einen gesunden assoziativen Boden zu stellen und das geistige Leben so zu gestalten, daß berechtigte Begabungen in eine Position gebracht werden, durch die ihre Begabungen in einer sozial fruchtbaren Art sich ausleben können. Worauf es besonders ankommt, ist, daß z. B. Unternehmungen zentriert werden, die augenblicklich gut rentieren, um mit ihrer Hilfe andere Unternehmungen zu tragen, die erst in späterer Zeit und vor allem durch die jetzt in sie zu gießende Geistessaat, die erst nach einiger Zeit aufgehen kann, wirtschaftliche Frucht bringen können. Dazu ist notwendig, daß ein streng assoziatives Verhältnis hergestellt wird zwischen den Bankverwaltern und denen, die durch ihre ideelle Wirksamkeit das Verständnis für eine ins Leben zu setzende Unternehmung fördern können.
Ein Beispiel: Eine Persönlichkeit hat eine Idee, die eine wirtschaftliche Fruchtbarkeit verspricht. Die Vertreter des Ideellen, der Weltanschauung können Verständnis hervorrufen für die sozialen Folgen.[[1](https://www.google.com/url?sa=E&q=https%3A%2F%2Fvertexaisearch.cloud.google.com%2Fgrounding-api-redirect%2FAUZIYQH-DbHkRFWFz6O5jgjzd59pgDI53N79LQBuxowCtmMp5qXQfqK5Ma_C0NXXe4OZgxFJzKx63OGBREfDLWWho4Rpb1oSnQJybwUhFKIGQdCpbIhLNxRvcfCrY3z6pgOXqpQmE3s8)] Ihre Tätigkeit wird finanziell mitgetragen aus den aufzunehmenden Beträgen, die zugleich wirtschaftlich und technisch die Verwirklichung der Idee tragen sollen.“ (Sperrungen nicht im Original.)
Diese Erklärungen sind von einer Klarheit, die bei Anthroposophen ungewöhnlich ist; man sieht sofort, daß sie den Gründern der Gesellschaft ganz besonders am Herzen lagen. Es wird aus ihnen auch deutlich, wie falsch es wäre, dem Aufbau des Kommenden Tages einen konstruktiven Gedanken abzusprechen. Man braucht nur folgende Überlegung anzustellen: Wenn bisher ein Mann der Wissenschaft, der Kunst oder der Theosophie eine Subvention zu erhalten wünschte, so war es geboten, sich an einen Mäzen oder eine Gruppe von Mäzenaten zu wenden. Ein Mäzen wiederum, der Erträgnisse seiner Unternehmungen der Wissenschaft, der Kunst oder der Theosophie zuführen wollte, war genötigt, sich einen Empfänger der Subvention zu suchen. Zwischen Angebot und Nachfrage vermittelte der Markt in freiem Wettbewerb, mit all seinen Chancen und Risiken. Ebenso nun wie die Industrie seit vielen Jahren, neuerdings mit der größten Intensität, versucht hat, die Abhängigkeit von den Zufällen des freien Marktes zu mindern, indem sie eigene Rohstoffgrundlagen mit der Produktion von Halb- und Fertigfabrikaten verband, so geht mit der Gründung des Kommenden Tages die Anthroposophie daran, sich ihre eigene Produktions- und Finanzierungsgrundlage zu schaffen. Oder, wenn man ein Beispiel aus der mittelalterlichen Gesellschaftsverfassung vorzieht: so wie die Klöster durch Abtretung von abgabepflichtigen Bauernstellen die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz angewiesen erhielten, so sollen jetzt anthroposophische Forschungsanstalten, klinisch-therapeutische Institute, Schulen und Verlagsunternehmungen durch die Fabrikation von Zigaretten, kosmetischen Präparaten, Präzisionsmaschinen, Ölschiefer, Zement und Nährmitteln, sowie durch Holzhandel und Bankgeschäfte wirtschaftlich getragen werden. Denkt man sich diesen Prozeß fortgesetzt, so wird eines Tages ein erheblicher Teil der deutschen Wirtschaft zur Pfründen- und Rentenquelle für anthroposophische Geist- und Wirtschaftsmenschen geworden sein.
Einige Beurteiler haben auf die Gefahren hingewiesen, die in der Anlage von Kapitalien in Unternehmungen von so geringer Durchsichtigkeit begründet sind. Wir pflichten ihnen bei, aber es scheint uns, daß es nur billig ist auch sein Kapital zu riskieren, wenn man schon seinen Kopf an die Steinersche Wissenschaft gewagt hat.
Kurt Singer