Aus den Berichten von „Wirtschaft und Statistik“ läßt sich ceteris paribus für die Qualifikationsdifferenzierung zwischen den Wochen- (Zeit-) Löhnen deutscher gelernter und ungelernter Arbeiter, bezogen auf die Wochen- (Zeit-) Löhne ungelernter erwachsener Lediger, folgendes errechnen:
| % (bei der chem. Industrie arithm. ermittelter, sonst gewogen.) Durchschnittsabstand vor dem Kriege | % Abstand im September 1922 | |||
| höchster | tiefster | |||
| vor dem Kriege | im Sept. 1922 | |||
| Metallindustrie (20 Hauptsitze)(gelernte und ungelernte Arbeiter) | 54 | 7 | 17 (Chemnitz) | 1 (Hagen) |
| Chemische Industrie (15 Hauptsitze)(Handwerker u. ungelernte Arbeit.) | 39 | 7 | 12 (Köln) | 1 (Leipzig) |
| Baugewerbe (23 Großstädte)(Handwerker und Hilfsarbeiter)... | 28 | 5 | 10 (Stuttgart) | 3 (Bremen) |
| Buchdruckerei (15 Hauptsitze)(Maschinen- und Handsetzer).... | 25 | 6 | (Unterschiede unbeträchtlich) | |
| Reichsbetriebe (Ortsklasse A)(Handwerker III u. ungel. Arbeiter) | 46 | 7 | (Unterschiede unbeträchtlich) | |
Zwar bemühen sich die Arbeitgeber nach Kräften, zwar seufzen die Angehörigen der oberen Lohnschichten bisweilen hart auf, zwar wird mit beweglichen Tönen oftmals an die bewährte Vergangenheit erinnert, aber es gelingt durchaus nicht, die Rückkehr anzubahnen. Der volkswirtschaftliche Lohnfonds trägt ganz allgemein das „Lerngeld“ in Gestalt von Qualifikationsprämien bei weitem nicht mehr so willig wie vor dem Kriege. Stimmenmehrheiten erzwingen die Anpassung der Einkommensminima an die jeweiligen Lebenshaltungskosten und vernachlässigen nicht nur, sondern verwerfen ausdrücklich die Aufgabe, Höhe und Neigungswinkel der ererbten Einkommenspyramide beizubehalten. Zu einer Soziologie, die die organisierte Wirtschaftsgesellschaft mit ihrem mechanisierten Betrieb noch immer hauptsächlich für einen Markt und die Arbeit hauptsächlich für eine Ware hält, paßt es freilich nicht, daß man den Begriff des nach Herstellungspreis und Seltenheitsgrad zu bemessenden „Wertlohnes“ mißachtet. Wer jedoch wie Rodbertus die arbeitsteilig verrichtete Arbeit als Dienst und ihr Entgelt als Dienstaufwandentschädigung ansieht, vermag nicht sonderlich zu erschrecken, wenn die Entwicklung dahin strebt, sogar den Regierungsrat nur zwei- statt sechsmal so gut zu bezahlen wie den ungelernten Reichsbetriebsarbeiter. Zumal in Notzeiten bleibt kein Spielraum für andere als nachweislich gegenwärtig unentbehrliche Lohnbestandteile. Der Trugschluß beginnt erst da, wo eine mißverstandene Sparsamkeit es verabsäumt, den Übergang mancher Verantwortung vom Privaten an das Kollektivum zu beherzigen. Soweit der „Wertlohn“ ein „Lerngeld“ im Sinne einer Rente vom Ausbildungskapital in sich schloß, heißt ihn abschaffen zugleich ihn ersetzen müssen. Lächerlich zu sagen, daß wir untergehen, wenn der Vater es nicht mehr lohnend findet, den Sohn zum Meister oder auf die Universität zu schicken. Aber ebenso lächerlich, zu glauben, daß Erziehung auf dem Boden des Opfermutes und der Wißbegierde genügend gedeiht. Alte Reize beseitigen und dennoch neue Gelegenheiten nicht öffnen, bedeutet das Nachwachstum an die Schmarotzer und an ein paar begeisterte Hungerleider ausliefern. Da uns aber eine solche Gefahr augenscheinlich nicht droht, vielmehr der latente Wirtschaftsstaat längst das Seinige tut, um das schwindende „Lerngeld“ zu kompensieren, so braucht man dem „Wertlohn“ keine Träne nachzuweinen: Eine Schulkasse kann billiger und gerechter für Auslese und Auftrieb sorgen als ein Wertlohnfonds.
Gewichtige Stücke des „Wertlohnes“ haben sich in „Bedarfslohn“ verwandelt. Zwischen die beiden einander entgegengesetzten Leitsätze „ungleicher Gegenleistung für ungleiche Leistungsfähigkeit“ und „gleicher Gegenleistung für ungleiche Leistungsfähigkeit“ hat sich mit eindringlicher Gewalt etwas Drittes, die „ungleiche Gegenleistung für gleiche Leistungsfähigkeit“ eingeschoben. Noch ahnen nur wenige Kapitalisten, welch folgenschweren Schritt zum Sozialismus hin sie mit ihrem verdienstlichen Angebot von Familienzulagen und dergleichen zurückgelegt haben, und noch sträuben sich viele Gewerkschaftsführer gegen das, wie sie meinen, verdächtig sozialistisch aufgemachte Unternehmergeschenk. Trotzdem bürgert es sich ein. Mit Recht tritt es unter dem Namen „Soziallohn“ auf, und gegen den Mißbrauch, die verteuerten Kräfte bei der Einstellung oder Entlassung zu benachteiligen, schützt von Natur die Vorliebe der Firmen für seßhaftes Stammpersonal und obendrein künstlich ihre Bereitschaft zu konsortialen Lastausgleichssystemen. Wiederum auf den Wochen- (Zeit-) Lohn der ungelernten erwachsenen Ledigen bezogen, übersteigt ihn im September 1922 der Wochen- (Zeit-) Lohn
| der ungelernten erwachsenen Verheirateten | der gelerntenerwachs. Verheir. durchschnittl. (s. oben) um % | |||
| durchschnittl.(s. oben)um % | imhöchstenGrenzfall um % | im tiefstenGrenzfall um % | ||
| Metallindustrie (s. o.) (nebst2 Kindern bis zu 14 Jahr.) | 8 | 18 (Berlin) | O (Hambg., Dresd.,Hannov., Chemnitz,Halle, Karlsr., Hag.) | 15 |
| Chemische Industrie (s. o.)(nebst 2 Kindern)...... | 6 | 18 (Köln) | 1 (München) | 13 |
| Baugewerbe (siehe oben).. | 0 | 0 | 0 | 10 |
| Buchdruckerei (siehe oben) | - | (Unterschiede unbeträchtlich) | - | |
| Reichsbetriebe (s. o.) (nebst2 Kindern bis zu 14 Jahr.) | 11 | (Unterschiede unbeträchtlich) | 18 | |
Zum „Bedarfslohn“ ist außer dem „Soziallohn“ der „Alterslohn“ hinzuzuzählen, sei es als positiver Zuschlag für Altersstufen, die das revolutionäre Erwachsenheitsniveau überragen, sei es als negativer Abschlag für Jugendgruppen, deren Einkommen sehr zum Schaden des Volkshaushaltes, durch die Revolution unnütz nahe an das der Erwachsenen herangerückt war. In diesem Zusammenhang können die Gewerkschaften den Tadel zeitweiliger Schwäche kaum von sich abwälzen, und um so mehr darf man lobend anerkennen, daß sie sich jüngst dem Verfahren anschließen, den „Alterslohn“ stark auszubauen. An einer Reihe von Beispielen zeigt sich, daß die Geldentwertung des letzten Quartals die Weniger-als-24- und gar die Weniger-als-20jährigen empfindlich betroffen hat; in einzelnen Fällen wurde die Relation zwischen der maximalen und der minimalen Alterslohnkategorie binnen drei Monaten mehr als verdoppelt.
Leider verallgemeinern sich solche Erfahrungen in Deutschland keineswegs rasch, wie denn überhaupt auch unser Lohntarifwesen die üble Neigung zum partikularistischen Schematismus verrät. Zäh verteidigt jede Tarifgemeinschaft „des Ortes“ oder „des Faches“ ihr Dasein und ihre Gewohnheit. Von Tarifgemeinschaften „der Art“, wie sie sich etwa um erprobte Vertragstypen, um bestimmte Antworten auf die Fragen gerade des „Wertlohnes“ oder des „Bedarfslohnes“ scharen könnten, ist noch keine Rede. Wie planlos die Eigensinnigen durcheinander stolpern, lehrten schon die Grenzziffern in unsern „Wertlohn“- und „Bedarfslohn“-Tabellen und bestätigt folgende Übersicht für den September 1922:
| % d. niedrigsten vorhandenen Betrages | gleich 100 in | |
| Höchste Teurungszahl unter den 71 „Eildienstgemeinden“ d. Stat. Reichsamtes | 143 (Aachen) | (Marienwerder) |
| Höchste Teurungszahl unter denjenigen4 „Eildienstgemeinden“, welche in denhier erwähn. Lohnstatist. wiederkehren | 125 (Hamburg) | (Königsberg i. Pr.) |
| Lohndurchschnittszahl (s. o.) der ungel.Ledigen im Vergleich der 4 „Fächer“Metallindustrie, Chem. Industrie, Baugewerbe,Buchdruckerei untereinander | 140 (Baugewerbe)133 (Chem. Industr.)119 (Metallindustrie) | Buchdruckerei |
| Desgl. der gelernten Verheirateten ... | 137 (Chem. Industr.)134 (Baugewerbe)124 (Metallindustrie) | Buchdruckerei |
| Höchste „örtliche“ Lohnzahlen der ungelernten Ledigen | ||
| in der Metallindustrie ........................ | 156 (Karlsruhe) | (Breslau) |
| in der Chemischen Industrie ............ | 153 (Köln) | (Breslau) |
| im Baugewerbe ................................. | 174 (Hamburg) | (Königsberg i. Pr.) |
| in der Buchdruckerei ....................... | 117 (Berlin, Hambg.) | Langensalza |
| Desgl. der gelernten Verheirateten | ||
| in der Metallindustrie :.................... | 165 (Köln) | (Stuttgart) |
| in der Chemischen Industrie............ | 178 (Köln) | (Breslau) |
| im Baugewerbe................................. | 171 (Hamburg) | (Königsberg i. Pr.) |
| in der Buchdruckerei ...................... | 117 (Berlin, Hambg.) | Langensalza |
Das bestdisziplinierte Buchdruckgewerbe bewegt sich am stetigsten. Das lockerst gegliederte Baugewerbe taumelt am tollsten. Wohl uns, wenn wir alsbald begreifen, welche Verschwendung in dem hartnäckig zersplitterten Lohnkampf steckt, und welchem Ziel die törichten Umwege zusteuern. Es fehlt uns Bewußtheit der Musterlösungen des Problems.
Vornehmlich das dritte meistumstrittene Lohngebiet, der „Fleißlohn“, bedarf einer gründlichen Säuberung von Vorurteilen. Nicht nur die demagogische Sphäre, wo man sich um die Technik des Akkordes oder um die Quantität des Achtstundentages wie um heilige Prinzipien ereifert, sondern auch die nüchterne Diskussion neutraler Köpfe ist von Schlagworten vergiftet. Die Grundgrößen der Arbeitsbilanz (Zeitaufwand, Güterertrag, Verbrauchsmenge) sind gewiß nicht allein, aber sie sind ebenso gewiß irgendwie von der subjektiven Arbeitsintensität abhängig. Brutal formuliert, eine Masse von Faulenzern pocht auf ihre Existenzberechtigung vergebens, und daß die Sünden der Disposition mitschuldig sind, ist für die Exekutoren der eigenen Vernichtung am Ende kein Trost. Wer in der Kalkulation seines Verbraucheranspruches seinen Fleiß an der Produktion objektiv zu erkennen und anzuerkennen nicht erlaubt, gewärtigt Schlimmeres als die Einbuße seines guten Rufes. Kein Drohnentum des Staates, kein Schiebertum, keine Hetze und kein Mißtrauen erklärt die chiliastische Resignation, mit der die Unvernunft ihr Grab gräbt. Hätte man im Kohlenbergbau den Erlös von Überschichten und die Kollektivprämie eingestrichen, um sich zum entscheidenden Streik zu rüsten und ein marxistisches Experiment zu verwirklichen, so würde die Geschichte den unvermeidlichen Mißerfolg des kommunistischen Spukes noch eher würdigen als den Troß, der „Überschichten stundet“ und Kollektivprämien nicht anrührt. Was auf einem Dutzend anderer Zweige die proletarische Ehre nicht verbietet, das kann auf den wichtigsten Ästen nicht verpönt bleiben. Werden, wie anderswo, so auch hier, die Gewerkschaften endlich ihre Bedingungen nennen, unter denen der „Wert- und Bedarfslohn“ durch „Fleißlohn“ ergänzt werden soll? Sonst wehe uns!