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Es gehört zu den unheimlichsten Zügen der deutschen Staats-, Wirtschafts- und Geistesverfassung von heute, daß den meisten Menschen kaum eine Ahnung des Bewußtseins kommt, wie viel von den Fundamenten zerstört ist, auf denen alles uns bisher gewohnte Leben beruhte. Als ein tiefsinniger Nationalökonom unlängst das Wort wagte, wir hätten heute nicht wie früher eine Krisis in der Wirtschaft, sondern die Krisis statt der Wirtschaft, hat man darin nicht mehr sehen wollen als eine paradoxe Zuspitzung der nur zu gut bekannten These, daß die deutsche Wirtschaftskrisis alle früheren an Umfang, Schwere und Dauer übertrifft. Eine solche Deutung des Tatbestandes wäre allzu harmlos und also allzu gefährlich. Wer in jedem nachahmenden Gekritzel Kunst, in jedem stumpfen Aberglauben Religion, in jeder sprachgewandten Rabulistik Logik sieht, wird freilich auch den heutigen Methoden der Bedarfsdeckung den Namen Wirtschaft nicht vorenthalten dürfen. Entschließt man sich aber, so gewichtige Worte nur dort anzuwenden, wo in den bezeichneten Tatbeständen ein vernünftiger Sinn sichtbar wird, so wird man von Wirtschaft nur da reden dürfen, wo das bedarfdeckende Handeln sich nicht mit irgendwelchen Mitteln von heute auf morgen weiterfristet, sondern alles tägliche Tun und Planen einem Zusammenhang von größerer Dauer einordnet und unterordnet. Es bedarf nicht vieler Worte, um darzutun, daß die deutsche Volkswirtschaft nun schon seit geraumer Zeit einem solchen Anspruch nicht mehr genügt. Niemand kann haushalten, denn die künftigen Einkommen sind ebenso unberechenbar wie die künftigen Preise; erwerben ist sinnlos geworden, da die ruhende Ware mehr an Wert zuzunehmen pflegt als in der Regel an Gewinn erzielt werden kann; die „sichersten“ Kapitalanlagen sind nur noch der sicherste Weg zum Ruin; Bilanzen sind weder als Papier-, noch als Index-, noch als Goldbilanzen ein sicherer Wegweiser für die Politik der Unternehmung; und wenn gespart wird, in der Form von Vorratskäufen, so tritt das Gegenteil der früher dem Sparen eigentümlichen Wirkung ein: die für den Bedarf verfügbare Deckung wird durch sie nicht erhöht, wie es früher eintrat, wenn die ersparten Mittel Kapital in der Hand des Unternehmers wurden, sondern es werden lediglich die Preise weiter emporgezerrt. Nenne einen solchen Zustand Wirtschaft, wer mag.

Nun werden von fünf Menschen, die sich über diesen Gegenstand unterhalten, mindestens drei an dieser Stelle bemerken, an dieser beispiellosen Desorganisation sei nichts anderes schuld als der Vertrag von Versailles und die Besetzung des Ruhrgebiets: die hätten die Devisenmärkte zerrüttet, die deutsche Zahlungsbilanz zerstört und die deutsche Produktion verkrüppelt. Der Vierte wird hinzufügen, daß ein kaum geringerer Anteil auf die deutsche Inflation entfalle: die sklavische Bereitschaft der Reichsbank, jeden Betrag Noten zu drucken, den die Reichsfinanzverwaltung nicht an Steuern einhebt, habe die Grundlage alles Rechnungswesens in Deutschland vernichtet und damit geordnete Wirtschaft unmöglich gemacht. Vielleicht aber wird ein Fünfter doch die Frage stellen, ob die Katastrophe der Valuta und das Fehlen einer Reichsbankleitung sich ungehindert hätten auswirken können, wenn nicht andere Umstände ihnen zu Hilfe gekommen wären; und ob denn jene beiden Ursachen überhaupt als unabwendbar gelten müßten. Es ist in den täglichen Unterhaltungen sehr häufig zu hören, daß die... die... oder die... die Schuld an dem deutschen Elend trügen; weniger häufig die Frage, wer denn an der Machtstellung der... der... oder der... schuldig sei. Dem Forscher ist bekannt, wie fragwürdig der Begriff der Ursache auch in den exaktesten Wissenschaften ist. Je folgerichtiger er aus diesen verbannt wird, desto hartnäckiger scheint er sich in Zeitungen und Parlamenten festzusetzen. Schuld am Kriege, Schuld am Zusammenbruch, Schuld am Marksturz: was für dilettantische Fragestellungen! Wenn man entschlossen ist, irgend etwas von der Wissenschaft zu lernen (was auf dem Feld der Politik und der Wirtschaft noch bewiesen werden muß), so mag man ihr vor allem den Satz entnehmen, daß jedwede Erscheinung tausendfältig bedingt ist, in Wirkung und Gegenwirkung, und daß also die willkürliche Auszeichnung einer dieser Bedingungen als Ursache auch das Handeln irreführen muß: denn wenn es daran geht, eben diese Ursache zu entfernen, obgleich sich in dem gesamten Bedingungszusammenhang nichts geändert hat, so wird man das Übel kaum jemals beheben können. Was von den Krankheiten des einzelnen gilt: daß die wenigsten den Menschen anfallen, ohne in ihm ein Bereitsein anzutreffen, muß auch von den Krisen der Staaten und Völker gelten. Es kommt nichts von außen, was nicht auch von innen her angelegt wäre. Auch nicht der Verfall des Willens zur Wirtschaft in unserem Lande.

Das Paradoxon der gegenwärtigen Lage aber scheint darin zu bestehen, daß die Vernichtung der Wirtschaft im Vernunftsinn in eine Zeit fällt, in der „die Wirtschaft“ im Zeitungssinn, vertreten durch Unternehmer- und Arbeiterverbände, die Herrschaft über den Staat gewonnen hat. Der Widerspruch ist scheinbar, denn er ist nur durch Mißbrauch der Worte möglich geworden. Die Summe der Unternehmer- und Arbeiterinteressen ist so wenig die Wirtschaft, wie die Summe der Töne einer Symphonie das Tonwerk oder die Summe der Willensregungen aller Privatpersonen der Staat sein kann. Alles sinnvolle Leben der Menschen ist ein Gestalten, also auch die Wirtschaft. Gestalten aber heißt uns nicht jeder willkürliche Eingriff von oben, heißt überhaupt nicht immerwährendes Dazwischenfahren mit Regelung und Anordnung; es gehört dazu durchaus der Sinn für das dumpfe Wachsen und Werden, das Eigenleben des Stoffs, und die Geduld, die weiß, was die Zeit für das Lebendige bedeutet. Allerdings bedeutet es bestimmt nicht, daß alle Willen wirr durcheinanderjagen dürften, durch keine Tradition, keine Maxime, kein Gefühl für Gemeinschaft, keine Disziplin des staatlichen Sinnes gebunden. Es wäre unrecht, sich nicht einzugestehen, daß das Reich von einem solchen Zustand nicht weit entfernt ist; aber ebensolch Unrecht, nicht hinzuzufügen, daß an diesem Zustand alle Klassen und Stände die gleiche Verantwortung tragen, da sie alle im gleichen Sinn handeln und zu handeln unterlassen, und daß dieser Prozeß schon so weit fortgeschritten ist, daß der einzelne sich kaum noch der Notwendigkeit entziehen kann, wie die andern zu handeln, so schmählich es ihm scheinen mag. So bricht jeder aus dem bedrohten Schiffe eine Planke heraus, um sich zu „sichern“ und befördert das gemeine Unheil nur um so stärker. Die Unternehmer (nicht alle, aber die Mehrzahl derer, die zu Worte kommen) glauben sich durch Goldrechnung zu sichern, sie schrauben dadurch das Preisniveau empor und reizen zu weiterer Inflation; kommt diese zum Stehen und wird so deutlich, daß Erhaltung der Betriebssubstanz nur bei Erhaltung der Kaufkraft der Verbraucher möglich ist, so klagen sie über unerträgliche Behinderung des Absatzes und verlangen nach weiterem Sinken der eigenen Währung: das heißt nach eben dem Zustand, gegen den sie sich durch jenen Übergang zur Goldwährung hatten schützen wollen. Die Arbeiter beantworten die Forderung nach Erhaltung der Vermögens- und Betriebssubstanz mit der Gegenforderung nach Erhaltung der Arbeitskraftsubstanz und verlangen „wertbeständige“ Löhne, wie jene „wertbeständige“ Kalkulation verlangen; so schrauben auch sie das Preisniveau empor: denn wenn feststeht, daß die Löhne jeden Freitag nach der Teuerungs-Indexzahl vom Mittwoch erhöht werden, so wird, wie das österreichische Beispiel zeigt, jeder Händler seine Preise am Donnerstag entsprechend den Veränderungen der Indexzahl erhöhen, da er ja mit einer so viel größeren Kaufkraft der Abnehmer rechnen darf, und also wird auch hier durch die Sicherungsmaßnahmen genau das erreicht, was durch sie abgewendet werden sollte. In beiden Fällen wird richtig gehandelt vom Gesichtskreis des Teils aus: hier vom Haushalt, dort von der Unternehmung; und da beide von der Wirtschaft nicht entbehrt werden können, haben sie es leicht, ihre Forderung als Forderung des Gemeinwohls darzustellen. Nur übersehen sie, daß im Gesamtzusammenhang der Wirkungen und Gegenwirkungen das, was vom Teil aus sinnvoll erschien, leicht durch die Logik der Dinge in sein Gegenteil verkehrt werden kann.

Ist aus diesen lähmenden Zirkeln, in die sich das wohlmeinendste Handeln ebenso wie das gewissenloseste verfängt, nirgends ein Weg ins Offene? Wir würden nicht davon sprechen, wenn wir nicht an sein Dasein glaubten. Dieser Weg ins Offene kann aber nicht in der Anwendung irgendeines Rezeptes gefunden werden, es heiße nun freie Wirtschaft oder Zwangswirtschaft, Goldkonten oder Devisenzentrale. Er wird in einer Wandlung des Willens oder er wird überhaupt nicht gefunden werden. Alles wird beim Alten, Trüben, Verworrenen bleiben, mit freier Wirtschaft oder mit Zwangswirtschaft, mit Goldkonten oder mit Devisenzentrale, wenn dem Staat keine Führung ersteht, die die wohlklingenden Phrasen von Autorität und Gemeinwohl wahrmacht und wenn diese Führung von keinem Gemeingeist getragen wird, der alle die ebenso wohlklingenden Phrasen von volkswirtschaftlichen Pflichten und Rücksichten wahrmacht. Eine solche Führung wird, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht im April die Männer, die damals die Devisenregulierung zu Fall gebracht haben, Verbrecher an der Nation nennen und ihnen im Juni bescheinigen, daß es ihnen nicht weiter übel genommen werden könnte, so zu handeln; und wenn die Führung so handelt, so wird sich der Gemeingeist dagegen empören. Heute ist nichts davon zu spüren. Jeder bricht eben so viel Planken aus dem Schiff, wie er vermag, um sich ein freundliches Floß zu zimmern. Wird er zur Rede gestellt, so entgegnet er unwillig, Vorwürfe seien gegen Deutsche wenig am Platze, da doch der Feind das Schiff beobachte. In der Tat: er beobachtet das Schiff sehr genau und freut sich teuflisch über jedes Stück, das aus dem Gefüge des Ganzen genommen wird. Seine ganze Hoffnung besteht darin. Sähe er, daß über alle Scheidewände der Berufe und Klassen, der Parteien und der Stämme hinweg eine Flamme von lebendig-ernstem Gemeinsinn aufschlüge, die Zweifelnden beschämend, die Zögernden mitreißend, nicht um phantastische Erinnerungen von vorgestern anzufachen, sondern den Willen zum nötigen Werke dieses Tages: er würde vielleicht mit weniger selbstsicherem Hohn sein kaltes Warten genießen.

„Wenn die Reichsregierung beabsichtigt, den Konflikt bis in den Winter auszudehnen,“ es ist der Londoner Economist, der in seinem Heft vom 7. Juli dies schreibt, „so ist es hohe Zeit, daran zu denken, die Industrie und die Haushaltungen mit Nahrung und Feuerung zu rationieren. Doch offen gesprochen: Deutschland denkt nicht daran, den Kampf fortzuführen. Denn wenn dies auch immer auf der Grundlage von Deutschlands wirtschaftlicher Position möglich wäre: die Regierung ist zu schwach und die Moral der Leute zu ernsthaft untergraben.“ So stellt sich die Lage Deutschlands in den Augen eines Beobachters dar, der gemäß seiner ehrwürdigen Tradition auch heute noch mit Ernst und Gewissen bemüht ist, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Frage sich jeder, was er getan hat und was er zu tun gedenkt, um dies Urteil und diese Voraussage von seinem Volk abzuwenden. Die Aufgabe ist die gleiche, was auch immer in der Welt draußen geschieht. Sie bleibt unverändert, ob nun die Entente noch einmal gekittet wird oder ob sie endgültig zerbricht. Das Schwerste steht, in jedem Fall, dem Reiche und dem Volke erst bevor. Es hat nur die Wahl, ob es sein Schicksal groß und rein oder klein und wirr tragen und wenden will.

Kurt Singer

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