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Die deutsche Handelsstatistik ist seit der Besetzung des Ruhrgebietes mit dem Vorbehalt zu betrachten, dass eines der wichtigsten Wirtschaftsgebiete des Deutschen Reiches zollpolitisch und also auch handelsstatistisch ausgeschaltet ist. Die amtlich angegebenen Zahlen sind daher unvollständig und nur von bedingtem Werte. Die Gesamtmenge der deutschen Einfuhr, die im Monatsdurchschnitt 1922 38,2 Mill. dz betrug, bewegte sich in den Monaten April–Juli folgendermaßen (in Mill. dz): April 63,96, Mai 40,1, Juni 48,1, Juli 41,6. Die starken Verschiebungen werden hinlänglich erklärt, wenn wir für denselben Zeitraum die Einfuhr von Kohle, Koks und Eisenerz von der Gesamtmenge in Abzug bringen. Die Zahlen lauten dann:

Monatsdurchschnitt 1922 16,3
April 13,73
Mai 12,60
Juni 14,60
Juli 13,61

in Mill. dz

Es ist damit erwiesen, dass mengenmäßig die Höhe der Gesamteinfuhr im Wesentlichen bedingt ist durch den Bedarf der genannten Rohstoffe, von denen Steinkohle die überragende Bedeutung zukommt. Im April betrug die deutsche Steinkohleneinfuhr 45,3 Mill. dz gegenüber 10,2 im Durchschnitt des Jahres 1922; sie sank im folgenden Monat auf 24,95, stieg dann auf 29,77 und fiel endlich wieder im Juli auf 22,86 Mill. dz. Als Hauptlieferländer für Steinkohle im 2. Quartal 1923 weist die amtliche Statistik folgende Staaten auf:

  April Mai Juni
Großbritannien 19 503 17 671 16 566
Poln.-Oberschles. 24 075 8 838 11 782
Tschechoslowak. 1 924 840 1 007
Ostpolen 1,1 - -
Saargebiet 1,8 0,5 0,2
Übrige Länder 156 598 410

in 1000 dz

Seit dem Monat Januar trug Polnisch-Oberschlesien den Hauptanteil an der deutschen Steinkohleneinfuhr (vgl. „W.-D.“ Nr. 23, S. 564); die für Polnisch-Oberschlesien unter dem Monat April ausgewiesene Menge ist überhaupt noch von keinem Lande je erreicht worden. Auch die großbritannischen und tschechoslowakischen Gruben steigerten in diesem Monat ihren Anteil um ein Beträchtliches gegenüber den Vormonaten. Im Mai und Juni hat nun England seine alte Vorrangstellung als Kohlenexportland wieder eingenommen. Auf der anderen Seite hat das Saargebiet, das im Januar noch 600.000 dz Steinkohle nach Deutschland ausführte, seine Bedeutung unter dem Vorwalten der französischen Regie fast gänzlich eingebüßt. Die Kokseinfuhr gestaltete sich weniger wechselvoll. Für die vier Monate betrugen die Mengen in Mill. dz 1,3, 0,95, 1,2 und 1,9 gegenüber 240.000 dz im Monatsdurchschnitt 1922. Dagegen zeigt die Braunkohleneinfuhr seit dem Monat April, in dem sie sich auf 2,4 Mill. dz hielt, bedeutende Abnahme – sie betrug 0,8 Mill. im Mai und 0,75 Mill. im Juni. Doch ist die Einfuhr im Juli wieder auf 2,02 Mill. dz angewachsen. Als Haupteinfuhrländer dieser Produkte kommen in Betracht: für Koks Großbritannien und Polnisch-Oberschlesien, für Braunkohle fast ausschließlich die Tschechoslowakei.

Die Einfuhr von Eisenerz, die im Monatsdurchschnitt 1922 9,17 Mill. dz betrug, ging im April und Mai auf 1,23 bzw. 0,81 Mill. dz weiter zurück; sie stieg dann im Juni auf 1,79 und fiel im folgenden Monat wieder auf 1,2 Mill. dz, macht also noch nicht mal den achten Teil derjenigen Menge aus, die vor dem Ruhreinbruch importiert wurde. Unter den Herkunftsländern dieser Ware spielt, nachdem der französische Handel seit Februar ausgeschaltet ist, immer noch Schweden die größte Rolle. In den Monaten Mai und Juni haben spanische und norwegische Erze dem schwedischen Produkt zunehmende Konkurrenz geboten.

Einfuhr von Eisenerz April Mai Juni
Norwegen 126 72 230
Schweden 611 352 810
Spanien 230 235 306
Algerien 126    
Marokko 42 86 180
Übrige Länder 100 65 243
Zusammen 1234 809 1788

in 1000 dz

Von anderen wichtigen Einfuhrwaren heben wir diejenigen hervor, die seit April besondere Veränderungen aufzuweisen haben. Kupfer fiel (in 1000 dz) seit April von 115 über 105 im Mai, 96 im Juni bis auf 84 im Juli. (Monatsdurchschnitt 1922: 184.) Manganerze fielen von 72.000 dz im April auf 37 im Mai, stiegen auf 48 im Juni und 60 im Juli. Bemerkenswert ist bei diesem Produkt, dass im 2. Quartal nicht mehr Britisch-Indien als Hauptlieferland angezeigt wird, sondern Süd- und Asiatisch-Russland. Außer den genannten Hauptprodukten zeigen nur wenige Waren ein Anwachsen der Einfuhrzahlen gegenüber dem Jahre 1922. Eisenhalbzeug – in Vorkriegszeiten ein wichtiges Ausfuhrobjekt – musste seit April in steigendem Maße eingeführt werden; die Monatsdurchschnittszahl von 1922, verglichen mit den Ziffern der Monate April bis Juli, ergibt die folgende Reihe (in 1000 dz): 271; 197, 260, 261, 324. Für Bau- und Nutzholz lauten die analogen Zahlen: 2055; 3083, 2996, 3319, 2557; für Holz zum Holzmasse: 710; 1134, 1642, 2122, 1347; Kalbfelle und Rindshäute: 78; 52, 51, 64, 89; Rohtabak: 63; 24, 68, 65, 72; Stab- und Formeisen: 671; 478, 430, 462, 621; Blech und Draht: 141; 173, 188, 221, 333; Eisenbahnoberbaumaterial: 129; 83, 146, 135, 212.

Die Einfuhr – nach Warengruppen getrennt – erläutert folgende Tabelle:

  Durchschnitt 1922 April Mai Juni Juli
Lebensmittel und Getränke 4,2 3,3 2,67 2,60 3,0
Rohstoffe und halbfertige Waren 32,4 59,5 36,3 44,24 36,97
Fertige Waren 1,6 1,03 1,12 1,22 1,59
Zusammen 38,2 63,9 40,1 48,06 41,56

in Mill. dz

Die Veränderungen in der Lebensmittelgruppe sind in der Hauptsache auf saisonmäßige Warenbewegungen zurückzuführen. Die Weizeneinfuhr fiel stetig – der Monatsdurchschnitt 1922 verzeichnete 1.160.000 dz, der April 724.000, Mai 556.000, Juni 359.000 und Juli 197.000 dz. Denselben Weg in noch bedeutend stärkerem Maße nahm die Maiseinfuhr (in 1000 dz): 905; 400, 172, 83, 44. Die argentinische und südafrikanische Ausfuhr ist beträchtlich zurückgegangen; die Union deckt zur Hauptsache den deutschen Bedarf. Bei Roggen dagegen lag die Einfuhrmenge während der Berichtsmonate um etwa 30–50 % höher als im Monatsdurchschnitt 1922. Der Bezug von Auslandskartoffeln setzte in großem Umfange im Juli ein. Es wurden während dieses Monats 473.000 dz importiert gegenüber 4 bzw. 19 und 39 Tausend dz in den Monaten April bis Juni. Die Einfuhrzahlen für die wichtigsten Kolonialprodukte zeigen eine weniger einheitlich gerichtete Bewegung:

Einfuhr Durchschnitt 1922 April Mai Juni Juli
Zucker 196 7 11 2 8,5
Kaffee 31 13 69 46 16
Kakao 70 23 51 51 44

in 1000 dz

In demselben Maße wie die Einfuhrmenge seit der Ruhrbesetzung den vorhergehenden Monaten gegenüber gestiegen ist, senkte sich die deutsche Ausfuhr. Der Monatsdurchschnitt 1922 wurde mit 17,96 Mill. dz angegeben. Von April bis Juli betrugen die Mengenzahlen 10,3, 9,3, 8,89 und 11,5 Mill. dz. Danach ist die Ausfuhrmenge vom April bis Juni langsam und stetig gefallen. Erst im Juli erhob sie sich wieder auf eine Zahl, die seit dem Januar dieses Jahres nicht mehr erreicht war. Die Ausfuhrseite ist – allgemein betrachtet – nicht derartigen Schwankungen ausgesetzt wie die Einfuhrseite. Die Hauptveränderungen liegen aber auch hier in der Gruppe der Rohstoffe und halbfertigen Waren:

  Durchschnitt 1922 April Mai Juni Juli
Lebensmittel und Getränke 1,2 1 0,96 0,76 0,9
Rohstoffe und halbfertige Waren 11,9 6 5,2 5,25 7,46
Fertige Waren 4,86 8,28 3,08 2,88 3,17
Zusammen 17,90 10,3 9,3 8,89 11,5

in Mill. dz

Der Einfuhrüberschuss erreichte im April seinen bisher höchsten Stand mit 53,66 Mill. dz; dabei muss berücksichtigt werden, dass während dieses Monats die Kohlenbilanz allein schon ein Passivum von 43,9 Mill. dz aufweist. Folgende Übersicht zeigt die Entwicklung des Verhältnisses von Gesamteinfuhrüberschuss und Kohlenbilanz:

  Einfuhr davon Steinkohlen Ausfuhr Gesamt-Einfuhrüberschuß Einfuhrüberschuß von Steinkohlen
Monatsdurchschnitt 1922 38,2 10,2 18,0 20,2 6,0
April 63,96 45,3 10,3 53,66 43,9
Mai 40,1 24,95 9,3 30,8 24,02
Juni 48,1 29,77 8,89 39,21 29,02
Juli 41,6 22,86 11,5 30,1 22,17

in Mill. dz

Die Steinkohlenausfuhr ist während der Berichtsmonate immer mehr zurückgegangen. Sie betrug im April nur noch ein Drittel der Monatsdurchschnittsmenge 1922 (in 1000 dz): 1422, 927, 753, 686. Nach der amtlichen Statistik wird hauptsächlich nur noch Holland mit deutscher Kohle beliefert. Österreich, das 1922 als Abnehmerland an erster Stelle stehend ausgewiesen wird, scheint immer mehr auf tschechische und polnisch-oberschlesische Kohle zurückzugreifen. Die Kohlen- und Koksausfuhr ist im Juli bereits so gering, dass sie die Gesamtausfuhrmenge kaum mehr beeinflusst.

Beobachten wir die Veränderungen einiger Hauptausfuhrwaren während der Monate April bis Juli, so ist festzustellen, dass die Mehrzahl von ihnen während des zweiten Vierteljahres 1923 stetig fallende Mengenzahlen aufweisen; dagegen zeigt der Monat Juli fast überall einen Aufschwung des Exportes.

  Durchschnitt 1922 April Mai Juni Juli
Salz 800 808 753 533 693
Koks 756 202 179 114 169
Bau- und Nutzholz 593 234 254 248 323
Kalisalze 760 769 605 323 1847
Blech und Draht 369 252 128 112 152
Sonstige Eisenwaren 611 308 371 298 377
Möbel und Holzwaren 110 68 72 65 111
Sonstige Maschinen 165 103 99 77 123

Ausfuhr in 1000 dz

Auch über den Juni hinaus zeigen einige wichtige Produkte der Ruhrindustrie stark fallende Ziffern. So sinkt die Ausfuhr von Stab- und Formeisen in folgender Linie abwärts (in 1000 dz): 427; 204, 152, 96, 66; die Ausfuhr von Eisenbahnoberbaumaterial in noch stärkerem Tempo: 302; 23, 65, 10, 8. Verhältnismäßig klein ist die Zahl derjenigen Waren, deren Ausfuhr gegenüber der Durchschnittsziffer von 1922 Steigerungen aufzuweisen hat. Aber unter ihnen befinden sich gerade einige hochwertige Produkte. Wir nennen hier (immer in 1000 dz): Gewebe aus Wolle: 14; 15, 13, 14, 18; Gewebe aus Baumwolle: 27; 34, 31, 33, 38; Textilmaschinen: 36; 39, 40, 23, 43; Papier- und Papierwaren: 348; 464, 420, 447, 421; Eisen: 225; 393, 457, 451, 538.

Die Wertergebnisse des deutschen Außenhandels sind seit dem Monat März nicht mehr veröffentlicht worden. Im Aprilheft der Monatlichen Nachweise wurde darauf hingewiesen, dass Untersuchungen über die Zuverlässigkeit der deklarierten Ausfuhrwerte im Gange seien. Diese Untersuchungen sind auch über die folgenden Monate noch ausgedehnt und konnten – nach dem Juniheft der Monatlichen Nachweise – noch nicht zu einem Abschluss gebracht werden, der ein sicheres Urteil ermöglicht hätte. Dagegen werden uns in der Rede des Reichswirtschaftsministers von Raumer, am 31. August, für die Monate Mai, Juni und Juli Wertausfuhrzahlen angegeben, die auf Grund der Ausfuhrbewilligungen festgestellt sind. Danach soll sich der Ausfuhrwert der genannten Monate auf 614, 318 und 105 Millionen Goldmark beziffern. Eine Vergleichbarkeit dieser Beträge mit den bis zum Monat März auf Grund der Ausfuhrdeklarationen errechneten Zahlen, die das Statistische Reichsamt veröffentlicht hat, ist nicht möglich, da jeder methodische Hinweis über die Errechnung der Raumerschen Zahlen fehlt. Ihrer Entwicklungstendenz nach erscheinen sie gegenüber den von uns erörterten mengenmäßigen Ergebnissen höchst fraglich.

  Menge in Mill. dz Wert in Mill. "Goldmark"  
1922 Dezember 17,6 423 Umrechnung der
deklarierten Werte
1923 Januar 13,1 311
Februar 10,96 361
März 9,38 436
April 10,3  
Mai 9,3 614 nach Raumer
(erteilte Ausfuhr-
bewilligungen)
Juni 8,89 318
Juli 11,5 105

J.B.

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