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Der Kampf um die deutsche Währung hat begonnen. In seltsam gemischten Scharen ziehen die Angreifer heran, zeigen die allzuvielen, überbunten, gräulich verschlissenen oder vor Neuheit noch feuchten Papierscheine vor, und rufen in anschwellendem Chor: „Fort mit der Papiermark! Es gibt nur ein richtiges Geld, und das ist das Gold. Gebt uns also Goldwährung, und wenn das wirklich noch nicht möglich sein sollte, dann gebt uns einstweilen wenigstens Goldrechnung und Goldpreise, Goldguthaben und Goldkredite. Nur Gold ist Geld und wir sind seine Propheten — seid es auch Ihr, auf daß Ihr nicht die letzten seid, die nach dem guten alten Sprichwort von den Hunden gebissen werden.“

Bis um die Mitte des Jahres 1922 war es nur ein kleiner Haufe gewesen, der in diesen Ruf einstimmte. Viele handelten danach im stillen, aber die Verfechter ihrer Praxis in der Öffentlichkeit waren bald gezählt. In der Mehrzahl waren es Dozenten der Privatwirtschaftslehre, doch kann zum Ruhm der jungen Disziplin gesagt werden, daß einige ihrer vorzüglichsten Vertreter nicht unter ihnen waren: weder Ernst Walb in Freiburg noch Fritz Schmidt in Frankfurt. Auch die Unternehmerschaft hat lange auf der Seite derer gestanden, die zum Schutz der Markwährung entschlossen waren. Eine Versammlung führender Industrieller, Kaufleute und Bankleiter, vom Reichsverband der deutschen Industrie Mitte August zusammenberufen, lehnte die Schmalenbachschen Vorschläge zur Einführung der Goldmarkrechnung auch nur in den Bilanzen auf das entschiedenste ab, da sie mit Recht von ihr eine Steigerung der Markentwertung, der Inflation, der Kreditnot und der Bilanzunrichtigkeit erwartete. Wenn ein wachsender Teil der Geschäftswelt diese Haltung seitdem aufgegeben hat, so muß die Verantwortung dafür nicht zum geringsten Teil der Reichsbank zufallen, die sich in jenen Monaten ihrer währungspolitischen Aufgabe nicht gewachsen gezeigt hat. Statt den durchaus in politischen Stimmungen, nicht in den gegebenen Zahlungsbeziehungen begründeten jähen Kurssturz der Mark durch Einsatz eines Teils unserer Währungsreserven zu hemmen, hat sie mit verschränkten Armen das aufsteigende Unheil heraufkommen lassen. Sie scheint sich auch der höchst lächerlichen Devisenverordnung nicht widersetzt zu haben, die unter allen erdenklichen Mitteln das untauglichste war. So mußte die Meinung entstehen, daß in den Verfall der Markwährung kein Halten möglich sei, und diese Meinung mußte wiederum die Heftigkeit des Sturzes mächtig verstärken, denn nun kaufte jeder Devisen, der sie sich auf irgendeinem Wege beschaffen konnte, ohne daß er irgendwelche Zahlungen an das Ausland hätte machen müssen. Wer ein Haus bauen wollte, legte zu seiner „Sicherung“ den verfügbaren Betrag in Pfund Sterling oder Dollar an und trieb damit sowohl den Valutakurs wie die von ihm nachgezogenen Inlandspreise weit über den Stand hinaus, der in der Zahlungsbilanz begründet gewesen wäre. Solange die inländische Preissteigung hinter der Dollarsteigung zurückblieb — und hierfür sorgten eben die „Sicherungs-Devisenkäufe“ der anderen — war dies eine so sichere Operation, daß sich sehr bald die Meinung verbreitete, diese Spekulation sei in Wirklichkeit keine Spekulation, sondern wertbeständige Anlage. Von den Reedereien, Importeuren und Exporteuren, bei denen die Goldrechnung einen sehr guten Sinn hat und überhaupt nicht zu umgehen ist, da diese Geschäfte den größten Teil ihrer Einnahmen oder ihrer Ausgaben in ausländischer Währung zahlen oder erhalten, griff der Goldmark-Gedanke auf den inländischen Handel und auf die Industrie über, begann sich der Köpfe von Arbeitern, Festbesoldeten und Rentnern zu bemächtigen und drang schließlich auch in ein währungspolitisch schlecht bewehrtes Reichsministerium ein. Jetzt ist sogar in einigen Handelszeitungen, die sich lange gegen die Potenzierung des Währungsverfalls durch Valutasicherung und Goldschatzsperrung gewehrt hatten, die Feststellung zu lesen, es gäbe in Deutschland überhaupt keine Währung mehr, die Reichsmark habe längst aufgehört, Geld zu sein; es sei also hohe Zeit, die Goldmarkwährung wieder aufzurichten.

Es gibt Lagen, in denen es nötig ist, eine Katze eine Katze zu nennen und einen Pfuscher einen Pfuscher. Diese Lage ist jetzt die unsrige. Es kann nicht die Rede davon sein, die Zweckmäßigkeit von Goldgirooder Goldkreditverträgen, von Goldpreisen und Goldbilanzen schlechthin zu bestreiten; wir haben oben Beispiele angeführt, in denen es unvernünftig wäre, anders zu handeln. Wer aber glaubt, daß diese Goldmarkrechnungen allgemein angewendet werden könnten, ohne den Währungsverfall zum Chaos werden zu lassen, ist ein Pfuscher, ein Träumer oder ein Interessent. Wäre es möglich, auch nur den größten Teil der deutschen Wirtschaft in Goldmark zu verrechnen, so müßten wir auch imstande sein, die Papierwährung abzustreifen wie eine alte häßliche Schlangenhaut . . . Es ist ein seltsamer Glaube, die Stabilisierung der Währung zwar nicht durch folgerichtige Geldpolitik des Staates für möglich zu halten, wohl aber durch buchhalterische und kalkulatorische Maßnahmen des einzelnen in Haushalt und Unternehmung. Was sonst aber bedeutet das Versprechen, jedem Individuum das Inflationsrisiko durch „wertbeständige“ Anlagen und Kontrakte und ähnliche Mittel abzunehmen?

Vielleicht hat die starke Hebung des Markkurses in den letzten Wochen, der entschiedene Erfolg einer zu größerer Aktivität gedrängten Reichsbank, manchen aus seinen Goldrausch geweckt. Ist das, wird er sich vielleicht gefragt haben, in der Tat für den, der in Deutschland Einkommen bezieht und der in Deutschland zu leben hat, ein wertbeständiger Kontrakt, der in einigen Tagen zu einer Halbierung der Reichsmarksummen führt? So wird ihm vielleicht an dieser Erfahrung deutlich geworden sein, daß der Übergang zur Goldrechnung nichts anderes bedeutet als eine Baissespekulation gegen die Mark. Wer mit höheren Reichsmarkkursen in Zukunft rechnet, wird sich schwerlich dazu verstehen, sich ein Goldmarkgirokonto eröffnen zu lassen. Wenn das Reichswirtschaftsministerium in der Tat die Eröffnung eines solchen Goldgiroverkehrs betreibt, so arbeitet es gegen seinen Willen allen denen entgegen, die in der Rettung der Mark eine der dringlichsten Aufgaben der Reichspolitik sehen. Es geht nicht an, zu gleicher Zeit die Währung zu stützen und die Währungspessimisten zu ermutigen. Goldmarkrechner sind eben Währungsdefaitisten, sie mögen sich dessen bewußt sein oder nicht.

Wer solche Dinge ausspricht, wird sich viel Feinde schaffen, nicht nur unter den Interessenten. Einige werden einwenden, auch wenn die Umrechnung von Papier- in Goldbeträgen nicht das Inflationsrisiko aus der Wirtschaft tilgen könne, so sei sie doch schon deshalb nötig, weil keine Wirtschaft mit Riesenzahlen möglich sei, mit denen der einzelne keine klaren Vorstellungen verbinden könne. Große Zahlen aber, die wirtschaftlich unverständlich sind, werden nicht wirtschaftlich verständlicher, wenn man sie durch irgendeinen Faktor dividiert. Wenn ein Mann, und sei es auch ein Professor der Nationalökonomie, bei einem Dollarkurs von 32000 M, einem „Goldmarkstand“ von etwa 8000 entsprechend, ein Monatsgehalt von 640000 statt 320000 M im Vormonat bei einem halb so hohen Dollarkurs von aber sehr viel niedrigeren Preisen bezieht, so wird dieser Mann nicht im geringsten besser wirtschaften können, wenn er das Gehalt in Goldmark umrechnet und also feststellt, daß er monatlich 80 „Goldmark“ bezieht; gegen ebenfalls 80 Goldmark im Vormonat; in einer Woche aber nach einem Sturz des Dollars um ein Viertel aber 100 „Goldmark“, während doch die inländischen Preise in dieser Zeit weiter stark gestiegen sind. Nicht einmal das ist aus der Zahl mit Sicherheit zu entnehmen, daß geistige Arbeit auf dem Niveau der niedrigsten Handarbeit im Frieden entlohnt wird, denn niemand kann die so errechnete Goldmark zu irgendeiner Wirtschaftsvorstellung der Vorkriegszeit in ein zahlenmäßig bestimmtes Verhältnis setzen, das auch nur auf die Mehrzahl der täglichen Einkäufe allgemein angewendet werden könnte, nicht nur, weil die Preise der einzelnen Waren sich durchaus nicht im selben Maß wie die Preise der Golddevisen erhöht haben, sondern auch weil ihre Bewegungen durchaus nicht parallel mit der Valutabewegung verlaufen. Wer seine Wirtschaftsrechnung an Goldpreisen ausrichten will, handelt also nicht anders als ein Landmesser, der während eines Erdbebens versuchen wollte, die Störungen dadurch auszugleichen, daß er seine Messungen in einem Hohlspiegel abliest. Nur daß jener Landmesser durch seine absonderlichen Zahlenspiele das Erdbeben nicht stärken kann, während unseren Währungsdilettanten diese Möglichkeit nicht verschlossen ist: indem sie sich zu sichern versuchen, entziehen sie dem Ganzen den letzten Halt. Sie sind also gemeingefährlich.

K. S.

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