Als wir den vorigen Jahrgang einleiteten, war es nicht schwer, vorauszusehen, daß Deutschland und daß mit ihm das ganze Europa einer der tiefsten Erschütterungen entgegenging und bald entgegenstürzte, von denen die Geschichte unseres Erdteils weiß. Das Wiederaufleben des Kriegszustandes zwischen der Militärvormacht des Kontinents und dem entwaffneten Besiegten, Vertragsbruch und Raub, Willkür und Vergewaltigung haben eine in jedem Betracht neue Lage geschaffen, der das gequälte Volk anfangs in mannhaftem Trotz und reinem Dulden antwortete, bis es, allen äußeren Beistandes bar, im Innern durch Parteien und Klassen allzutief zerklüftet, seine Kraft schwächer und schwächer werden fühlte und sich endlich in das ergab, was es für unabwendbares Schicksal halten mochte. Der jähe Abbruch dieses schließlich hoffnungslosen Kampfes erzeugte im Rückstoß gewaltige Gärungen und Spannungen, die den Bestand nicht nur der Verfassung des Reiches, sondern des Reiches selber in Frage stellten: ein getreuer Ausdruck dieser staatlichen Krisis ist die in aller Währungsgeschichte beispiellose Zerrüttung der Reichswährung. Jetzt, wo mit den letzten Reserven bürgerlicher Vernunft und Tatkraft das Schlimmste für eine letzte Frist von unbekannter Dauer abgewendet scheint, haben wir selber Mühe, uns das Wirrsal zu vergegenwärtigen, in dem wochen- und monatelang das Leben des einzelnen wie der Körperschaften jedem Versuch des Ordnens, Planens und Vorsorgens entzogen war. Daß in diesem Jahr die feste Erde selbst furchtbar zu beben begann, wird künftigen Betrachtern vielleicht als sinnbildliche Begleitung dessen erscheinen, was wir durchlebt haben und was von uns noch zu durchleben sein wird. Die übrigen Staaten würden bei diesem Anblick erschauern, hätte nicht das Schicksal ihre Augen verbunden und ihren Arm gelähmt. So spüren sie nur an wirtschaftlichen Nöten die äußeren Anzeichen einer Krisis, die in ihren Tiefen eine Krisis des Geistes ist und nur vom Geist beschworen werden kann.
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Die Aufgabe des „Wirtschaftsdienst“ inmitten dieser Wirrnisse war klar und schwer. Ohne jeden Seitenblick nach rechts oder links, unbeirrt durch die vorwaltenden Meinungen des Tages, hatte er seinen Willen auf nichts anderes zu richten als auf die Aufklärung wirtschaftswichtiger Sachverhalte. Wir dürfen heute sagen, daß wir uns mit dieser Unbeirrbarkeit auf einem eindeutig vorgezeichneten Wege viele Freunde erworben haben. Daß es an lebhaftem Widerspruch nicht fehlen konnte, ergibt sich leicht aus folgender Erwägung: Als Forscher, die sich keiner wohlbegründeten Meinung verschließen dürfen, mußten wir vielfach Gedanken Raum geben, die den Anschauungen dieses oder jenes Wirtschaftszweiges zu widersprechen schienen; als Publizisten wiederum mußten wir oft auf die Beweissicherung und Vollständigkeit unserer Darlegungen verzichten, die dem reinen Forscher unerläßlich scheint: einer auf die Betrachtung des Gegenwärtigen, also Werdenden und also Unfertigen, Unübersichtlichen, Vieldeutigen gerichteten Zeitschrift kann sie jedoch nicht immer erreichbar sein, so tief das Verlangen danach in ihren Leitern lebendig ist. Wer uns deshalb des Abfalls vom reinen Geist der Forschung zeiht, mag sich heute fragen, ob er mit seinem stummen Beiseitestehen dem Wohl seines Landes und der Würde seiner Wissenschaft besser gedient hat.
An alle aber, die unsere Aufgabe für dringlich und unseren Weg für richtig halten, Männer der Wirtschaft und des Staats, der Forschung und Erfahrung, wendet sich unser Ruf nach lebendiger Mitarbeit. Wie wir in den vergangenen acht Jahren manchen Gegner der in unseren Spalten vertretenen Anschauungen, leider nur zu oft vergeblich, zur Mitwirkung aufgefordert und niemals einem Aufsatz die Aufnahme verwehrt haben, der sich nach Gehalt und Form, Umfang und Niveau dem Rahmen der Zeitschrift einfügte, unbekümmert um die Art der vertretenen Meinungen, so werden wir in Zukunft noch folgerichtiger im gleichen Geist verfahren. Nicht der Wille zur bloßen Toleranz leitet uns dabei, sondern der Wille zur Totalität: wir wünschen die Gegenstände von allen Richtungen her erkannt und dargestellt zu sehen, die im Bereich der Wirtschaft und Wirtschaftspolitik ihren Anspruch auf das Gehör unserer Leserschaft ausweisen können. Wir sind uns auch tief bewußt, daß unser Werk nur dann gelingen kann, wenn es als kollektive Arbeit getan wird.
Mit besonderer Freude verzeichnen wir es, daß bedeutende Nationalökonomen des Auslandes, darunter John Maynard Keynes, uns ihre Mitwirkung versichert haben und daß auch führende Männer der deutschen Wirtschaftszweige in wachsendem Umfang den „Wirtschaftsdienst“ als diejenige Zeitschrift betrachten, in der sie ihre Gedanken über die Probleme der deutschen Wirtschaftspolitik vor einem urteilsfähigen Leserkreise vertreten können. So nähern wir uns in stetiger zäher Arbeit dem Ziel, das uns die hanseatischen Gründer der Zeitschrift gesteckt haben und das, wie alle echten Schöpfungen dieser Hafenstadt, weit hinausweist über die Bannmeile Hamburgs: die Schaffung einer deutschen Wirtschafts-Wochenschrift, die durch die Klarheit der Darstellung, das Gewicht ihres Urteils und die Genauigkeit ihrer Angaben sich den älteren vorbildlichen Zeitschriften des Auslandes an die Seite stellen darf. Wir wissen wohl, daß wir es auf diesem Wege schwerer haben als die westlichen Staaten, aber wir sehen darin, wie in einem kleinen Spiegel aufgefangen, nur den großen Schicksalszug alles Deutschen, dessen Erkenntnis allein die Kraft geben kann, das Lastende und Trübe dieser Jahre zu erdulden: daß wir es in allem schwerer haben als die anderen und daß also vom Schicksal etwas Schöneres mit uns gemeint sein muß.
K.S.