Die späte Anzeige des neuen Buches von Ernst Schultze1 beruht nicht darauf, dass sein Studium besondere Mühe verursachte, sondern auf der zögernd erfüllten Notwendigkeit, einen Fall wissenschaftlicher Verwilderung erörtern zu müssen. Diese Pflicht wird erschwert durch die Überlastung des Buches mit »Gesinnung«, die die »Untersuchungen« in solchem Grade überwuchert, dass es kaum an einer Stelle möglich ist, eine wissenschaftliche Streitfrage rein als solche herauszuheben und zu betrachten. Man könnte diesem Dilemma dadurch entgehen, dass man vorweg alle »Gesinnung« des Buches für vortrefflich erklärte. Jedoch kann schon dieser Entschluss vor dem eigenen Gewissen nicht bestehen, da die Sprache des Buches es nahezu unmöglich macht, zu entscheiden, wo echtes Pathos vorliegt und wo nur die Hohlform einer aufgeregt schreienden Deklamation.
Da die Sprache als die eigentliche Substanz einer geistig-wissenschaftlichen Leistung angesehen werden muss, auch dort, wo viel Stoff der Empirie aufgenommen wurde, so mag im Sinne jener Auffassung, die Lessing von der »Ethik des Stils« hatte, die Diktion der Arbeit geprüft werden. Das Vorwort führt uns vom Ruhekissen des Völkerbundes und der Traumwelt des Opiumrauchers zur Weltenuhr, die wieder einmal zum Schlage ausholt. Es sollen Schleier von den Dingen gerissen, nackte Wirklichkeiten gezeigt werden. »Statt mit Schlagworten um uns zu werfen, sollten wir in Begriffen denken«. Im Anschluss an wenige solche Sätze, aus denen noch die Worte »träger Schicksalsglaube«, »Kismet«, »Wahnbilder«, »Traumwelt«, »Blindheit«, »Trugbilder« herausgehoben seien, wird verheißen: »Deshalb will dieses Buch die Dinge in die großen volkswirtschaftlichen Kraftfelder einzeichnen.«2
Zu diesem Zwecke wird der Stoff unter die Kategorien der Not und der Verschwendung gegliedert. »Nicht als ob sich aus diesem Parallelogramm in einfacher Diagonale die Richtung des deutschen Wirtschaftsschicksals ablesen ließe. Aber zwischen diesen beiden Feuern bricht unsere Volkswirtschaft zusammen.« Den widerspruchsvollen Zeitvorgängen und »Purzelbäumen« gegenüber, wie sie diese »grässlichste aller Wirklichkeiten« schlägt, wird die Sozialökonomie zur Pathologie.
Entgegen der Aufforderung des Verfassers, das »Schlagwort« durch »Begriffe« zu ersetzen, wird hier eine Mitteilungsform gewählt, die durch die übermäßige Verwendung verschwommener Bilder, durch den ständigen Wechsel der Anschauungsebene, auf die sie bezogen werden, das Buch allein schon aus einer wissenschaftlichen Abhandlung zu einer Kapuzinerpredigt macht. Freilich mit dem Unterschied, dass solche Predigten ihre Diktion einer kernigen, volkstümlichen Sprache entnehmen, während in diesem Buche, durchaus unbildlich gesprochen, der stereotypierte Satz der Rotationspresse vorherrscht. In diesem Tone einer flachen Aufgeregtheit lassen sich nicht so viele wissenschaftliche Erkenntnisse vorbringen, dass ein Buch von 690 Seiten gerechtfertigt würde. Es ist nicht nur das Vorwort in so gehobenem Stile geschrieben, sondern er kennzeichnet die ganze Arbeit.
Weitere Beispiele müssen leider folgen. Auf Seite 21 wird von Deutschland gesagt: »Unsagbar ist der Absturz, den es erlebt. Ehemals politisch mächtig und wirtschaftlich reich, ist es heute der Prügelknabe unter den Völkern geworden. Wirtschaftlich steht es am Marterpfahl. Teilnahmslos oder schadenfroh sieht das ›Weltgewissen‹ zu, wie ein verbissener Gegner das wehrlose Deutschland der Vivisektion unterwirft. Zugleich ist es Verletzungen ausgesetzt, die ihm bis auf die Knochen ins Fleisch gehen. Unaufhörlich windet es sich in Valutakrämpfen«. Auf S. 23 spritzt durch das Anziehen der Steuerschraube das Blut unter den Nägeln hervor, S. 30 soll Aasgeiern das Handwerk gelegt werden, auf S. 34 werden Einbruchsstellen, Sintfluten, Mann und Maus gezeigt, auf S. 427 öffnet der Organisationstaumel unserer Tage eine Büchse der Pandora.3
Das ist nicht die Sprache der reinen Phänomenologie noch die des scharfen begrifflichen Denkens. Aber sie verrät die Quelle, aus der Inhalt und Schreibart des Buches im Wesentlichen geflossen sind: Zeitungsausschnitte. Es ist wohl das erste Mal, dass ein Werk von solchem Umfang und solchen Prätensionen völlig aus dem Geiste des Zeitungsarchivs, mit jener das Symbolische anstrebenden Überwertung anekdotischer Züge des Alltagslebens, geschrieben worden ist.
Daher konnte eine wirklich systematische Verknüpfung des Stoffes, ein Gedankenaufbau, in dem jeder Teil das Ganze, das Ganze wieder jeden Teil am letzten Ursachen und Erkenntnissen erklärt, nicht erreicht werden. Vielmehr hat die Anordnung kaum den Charakter einer Disposition. Das Nacheinander der Darstellung wird nicht durch die Bewegung der Idee bedingt, sondern vorwiegend durch den mechanischen Umstand, dass selbstverständlich jedes stoffreiche Druckwerk irgendeine Inhaltsabfolge haben muss. Dabei dient die Auseinanderlegung des Stoffes in die beiden großen Gruppen »Not« und »Verschwendung« durchaus nicht einer besseren Erläuterung der tieferen Ursachen, sondern fast ausschließlich einer Steigerung des Aufwandes an Klage und Verwünschung, der das Buch begleitet und ihm dort Anhänger gewinnen mag, wo die Zuständigkeit wissenschaftlichen Urteils nicht mehr gefordert werden kann.
Wer ein Bild davon gewinnen will, in welchem Grade eine larmoyante Beredsamkeit alle Ansätze zu wirklicher Ursachenerforschung wegschwemmt, lese den Absatz »Ursachen des Valutasturzes« (S. 63–66). Mit Feststellungen von so verblüffender Einfachheit ist in diesem Stadium des deutschen »Wirtschaftsschicksals« nicht einmal der gewissenhafte Zeitungsleser mehr zufriedenzustellen, noch weniger also, wer an das Studium eines Buches solchen Formates Zeit und Mühe verwendet. Kein Wort von den innerdeutschen Kräften, die die Inflation mit der Wirkung scharfer Abkehr von der Reichsmark auslöste, nichts von der gesetzwidrigen Notgeldausgabe, von der Diskontpolitik der Reichsbank, von dem sehr verschiedenartigen Interesse der einzelnen sozialen und wirtschaftlichen Schichten an den Vermögensveränderungen durch Währungsverfall.
Wo sich die Darstellung aber theoretischen Formulierungen nähert, sind diese durchweg so allgemein, dass sie für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung keine Tragfähigkeit haben. Ich denke etwa an die seltsame Feststellung auf S. 110, dass die »Passiva« der deutschen Volkswirtschaft demnächst die »Aktiva« übersteigen werden. Vielleicht ist hier irgendetwas Richtiges gemeint; aber da weder Gläubiger noch Schuldner noch die Art der zwischen ihnen bestehenden Forderungen scharf gekennzeichnet sind, bleibt die Frage dunkel.
Das zusammenfassende Urteil muss lauten: Was das Buch bietet, hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Es spricht lediglich unter zwei großen Themen, die hundertfach variiert werden, noch einmal jene Betrachtungen aus, die in der unbekümmerten Sprache der Straße, des Stammtisches, der Volksversammlungen und der Zeitungen die Menschen im 2. und 3. Viertel des Jahres 1923 beschäftigten. Als psychische Materie ist diesen Erörterungen eine Stellung irgendwo zwischen Gefühl und Gedanke anzuweisen; sie sind vorwiegend Mischformen, die auch durch eine Wiedergeburt aus dem Zettelkasten nicht an sich schon geistige Bedeutsamkeit erlangen können.
Wer über das »deutsche Wirtschaftsschicksal« schreiben will, kann entweder in bescheidener, tatsachentreuer Zurückhaltung der Sprache urkundliche Materialien beibringen, soweit solche nicht ein mit Überlegung geführtes Archiv schon bietet, oder es genügen schmale Bücher, die Anschauung und Begriff in so vorbildlicher Weise vereinigten, wie etwa die drei wirtschaftspolitischen Werke von Keynes seit 1919, deren längstes 280 Seiten umfasst, und von denen jedes durch die impetuose Kraft seines Denkens eine weltumspannende Aussprache hervorrief.
Die Not deutscher Wissenschaft und Wirtschaft ist so groß, dass an einen zweiten Band ähnlicher Art kein Aufwand mehr verschwendet werden darf. Es ist zu beklagen, dass ein Verlag wie F. A. Brockhaus das Erscheinen des schlechten und unerquicklichen Buches möglich gemacht hat. Sollte er beabsichtigen, seine Tätigkeit nunmehr auch dem Gebiet der Sozialwissenschaften zuzuwenden, so muss ihm vor allem geraten werden, sich hierfür die Mitarbeit eines urteilsfähigen Lektors zu sichern.
Eduard Rosenbaum
- 1 Band. Von Dr. Ernst Schulze, Professor der Volks- und Weltwirtschaftslehre,
Rektor der Handelshochschule Leipzig. Leipzig, F. A. Brockhaus 1923, 690 Seiten. - 2 Von Professor Schulze gesperrt; eine Definition dieses pseudo-naturwissenschaftlichen Begriffes fehlt.
- 3 Dem Einwand, dass solches Herausheben einzelner Wendungen unbillig gegen den Verfasser sei, kann nicht stattgegeben werden, da die Schwierigkeit nicht in der Auffindung dieser Beispiele bestand, sondern in der Auswahl aus einer Überfülle ähnlich beschaffener Bilder.