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Seit dem 26. Februar dieses Jahres steht der Diskontsatz der Reichsbank unverändert auf 9 %, der Lombardsatz auf 11 %. Seit dieser Zeit sind die Sätze des offenen Marktes empfindlich zurückgegangen: der Privatdiskontsatz von 8 % auf 6 ¾ %, der Satz für tägliches Geld in Berlin von 9—12 % auf 8—10 %. Es liegt nahe, der Reichsbank zu raten, ihre Bedingungen den Veränderungen des offenen Marktes anzupassen. In der Tat scheint dies nicht nur der Wunsch der betroffenen Unternehmer zu sein, sondern auch die Ansicht des Reichswirtschaftsministeriums, das vermutlich hofft, seine Preissenkungsbestrebungen auch auf diesem Wege zu fördern; wenigstens hat sich der für die Währungspolitik des Amtes zuständige Direktor Dr. Dalberg in einem der letzten Hefte des Bankarchivs zum Sprecher des Diskontermäßigungsgedankens gemacht.

Diesen Gedanken halte ich für falsch, aus Gründen, die im folgenden kurz dargelegt werden sollen. Um das Resultat vorwegzunehmen: die möglichen Vorteile einer solchen Maßnahme sind gering und unsicher, die sicheren Nachteile groß und weitreichend; insbesondere würde sie als ein neuer Schritt auf einem Wege gelten müssen, den die Reichsbank möglichst bald verlassen sollte: den Weg mechanischer Krediteinschränkung, statt organischer Geldschöpfung.

Wer für Ermäßigung des Reichsbankdiskonts eintritt, erwartet von ihr in der Hauptsache eine Erleichterung der Unternehmungslasten durch Verringerung der aufzuwendenden Kosten bei der Beschaffung sowohl inländischen wie ausländischen Kredits. Diese Wirkungen sind einigermaßen fragwürdig. Die Zinssätze, die bei der Aufnahme von Krediten im Ausland zu zahlen sind, haben sich niemals nach dem Reichsbankdiskont gerichtet; sie folgen in normalen Verhältnissen, wie sich aus der Natur der Sache ergibt, dem Zinssatz für fast risikolose Kredite, also dem Privatdiskont. Ob eine Herabsetzung des Bankdiskonts um etwa 1 % auch ein Mitgehen des Privatdiskonts im selben Maße hervorrufen würde, ist aber zum mindesten unsicher. Es kommt hinzu, daß die Solidarität der Geldmärkte durchaus nicht so weit wiederhergestellt ist, daß ein Reagieren der zwischenstaatlichen Kapitalwanderungen auf solche immerhin schwachen Veränderungen erwartet werden darf. Es heißt, daß die deutschen Großbanken selber, die von ihren Kunden Zinsen von 12 bis 16 % zu fordern pflegen, sich bei der Aufnahme von Auslandskapitalien zurückhalten, die ihnen zur Hälfte jener Sätze und darunter angeboten werden. Das Ausland aber beobachtet diese Kreditsätze der Banken sicherlich mehr als den Reichsbankdiskont, von dem es allzugut weiß, daß er unter der Herrschaft der Kreditrestriktion nur eine Art von formaler Bedeutung besitzen kann. Eines darf allerdings den Anhängern der Diskontherabsetzung zugestanden werden: sie würde die Zinslasten zwar schwerlich verringern, aber auch eine Hemmung des ausländischen Kapitalzuflusses kann von ihr nicht befürchtet werden. Dies folgt eben aus der Lockerheit der unmittelbaren Beziehungen zwischen Bankdiskont und zwischenstaatlicher Kapitalbewegung überhaupt und unter den gegenwärtigen Bedingungen insbesondere. Vom Ausland gesehen wäre eine solche Maßnahme also weder nützlich noch schädlich.

Anders steht es mit den Wirkungen auf den inländischen Kreditmarkt. Wenn die Reichsbank ihren Diskont von 9 auf 8 % herabsetzt und wenn die Großbanken ihre Sätze ebenfalls um 1 % ermäßigen, so bedeutet das allerdings eine Ermäßigung der Zinslasten, doch nur um einen Betrag, den selbst Dalberg nicht höher als 100 Mill. RM einschätzt; auch wenn man glaubt, daß die von öffentlichen Kassen ohne Vermittlung der Banken und Sparkassen ausgeliehene Milliarde um 1 % niedriger weitergegeben würde, so erhöht sich dieser Betrag nur ganz unwesentlich. Was aber sind 100 Mill. RM bei einer Steuer- und Soziallastenhöhe der hundertfachen Größenordnung?

Eine Wirkung wäre also auf diesem Felde zwar vorhanden, aber der Vorteil wäre gering, der wahrscheinliche Nachteil dagegen sehr beträchtlich. Denn es ist anzunehmen, daß die Kreditbanken ihre Debetzinsen nicht ermäßigen, ohne zugleich ihre Kreditzinsen herabzusetzen. Das Publikum aber hat das Schicksal seiner Bankdepositen am Ende der Inflationszeit nicht vergessen und drückt dies schon heute durch geringe Neigung zur Bildung von Spardepositen aus. Diese geringe Bereitwilligkeit durch eine Herabsetzung der schon jetzt sehr mäßigen Guthabenverzinsung zu unterstützen, scheint bedenklich. Anders läge die Sache, wenn sich die Banken zu einer erheblichen Verringerung der Spanne zwischen Debet- und Kreditzinsen verstehen würden.

In jedem Falle aber wird eine Ermäßigung des Diskonts ein retardierendes Moment in der Neugestaltung unserer Kreditverhältnisse sein. Sie hat zum Komplement die Beibehaltung der Kreditrestriktion auf lange Sicht, während alle Kräfte darauf gerichtet sein müßten, einen Zustand herzustellen, in dem die Zinssätze sich nicht mit einer Streuung von 6 ¾ % (in besonderen Fällen darunter) bis 16 % (in besonderen Fällen darüber) bewegen; und es unterliegt keinem Zweifel, daß der Reichsbankdiskont unter normalisierten Verhältnissen in keinem Fall unter 9 % liegen würde, auch nach Ausschaltung aller spekulativen und inflationistischen Kreditnachfrage. Warum also noch in letzter Stunde einen Schritt in falscher Richtung tun?

Die Kreditrestriktion war im ersten Stabilisierungsjahr eine unvermeidliche und höchst zweckmäßige Übergangsmaßregel; sie übt noch heute einen erwünschten Druck auf alle diejenigen aus, die sich auch jetzt nicht den Gegebenheiten der neuen Lage anpassen wollen; aber sie beginnt auch den größeren Rest der verständigen und wachen Unternehmerschaft in einen kritischen Zustand der Wirtschaftsstockung zu versetzen, der überall dort unvermeidlich wird, wo die Kreditsumme mechanisch begrenzt oder einseitig an unzulänglichen Symptomen, wie der Preisbildung, orientiert wird. Es ist richtig, daß die Freiheit der Diskontierung nicht wieder hergestellt werden kann, ohne daß Industrie und Handel Bürgschaften dafür geben, daß die Anpassung der deutschen Wirtschaft an die Weltmarktbedingungen, bei fester Währung, durch die freiere Kreditgewährung nicht aufgehalten werden soll. Der Weg aus der Krise liegt also in der vorsichtigen Lockerung der Krediteinschränkung, in Verbindung mit wirksamen produktions- und preispolitischen Zusagen und Handlungen der Verbände, in deren Händen die einst freie Preisbildung liegt. (Insbesondere wäre hier ein Vorschlag Dr. Hugos in seiner letzten Bochumer Rede zu erwägen, der die Belebung der Wirtschaft durch starke Herabsetzung der Rohstoffpreise vorsieht.) Erweist sich dann die währungspolitische Haltung einiger Industrien auch in Zukunft nicht als gefestigt, so wird die Reichsbank in totalen oder partiellen Kreditsperren eine von allen Kennern gebilligte Abwehrwaffe besitzen, und Herr Dr. Schacht wird diese Waffe zum heilsamen Schrecken seiner Gegner zu handhaben wissen.

Kurt Singer

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