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Das Institut für Konjunkturforschung in Berlin legt die erste Folge seiner regelmäßigen Veröffentlichungen vor: „Vierteljahrshefte zur Konjunkturforschung“, in denen die Wirtschaftslage des In- und Auslandes dargestellt, Einzelfragen aus dem Gebiet der Konjunkturbeobachtung und Konjunkturforschung behandelt und endlich Bücher und Zeitschriften angezeigt werden sollen. Es handelt sich um ein Quartheft von 90 Seiten, sehr reich an Zahlenstoff und Begleitbildern, aber eben infolge dieser ebenso anregenden wie verwirrenden Fülle eher brauchbar für den Forscher, den Beamten, den Wirtschaftspolitiker und den Archivar als für den Geschäftsmann, der möglichst einprägsame Zahlen, klar und knapp formulierte Ergebnisse, in übersichtlicher Anordnung und mit leicht verständlichen Erläuterungen vermutlich vorziehen würde. Arbeitet er sich bis zum Schluß durch, so wird er wahrscheinlich enttäuscht sein, seine Dispositionen durch die Arbeit nur wenig erleichtert zu sehen. Wie weit eine solche Enttäuschung in der Natur der Sache liegt und wie weit sie durch die besondere Methode des Instituts gefördert wird, diesen Fragen sollen die folgenden Bemerkungen gewidmet sein. Das Institut selber ruft Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung zu kritischer und positiver Mitarbeit auf. Sie täten unrecht daran, sich diesem Ersuchen zu entziehen.

Man kann auf zwei Wegen die Wellenläufe des Wirtschaftslebens erforschen: Sie können als wirtschaftliches oder als statistisches Problem betrachtet werden, als Angelegenheit des Verständnisses und der Deutung, oder der Zählung und Rechnung. Im ersten Fall geht der Forscher von einem Gedanken aus, der es erlaubt, die erfahrenen Tatbestände in ihrem sinnhaften Zusammenhang zu erfassen; im zweiten Fall von einer Anzahl von isolierten Daten, zwischen denen regelmäßige Beziehungen aufgewiesen werden sollen.

Den ersten Weg begeht die Konjunkturbeobachtung dieser Zeitschrift. Ihr Grundgedanke ist, daß das Auf und Ab der wirtschaftlichen Wechsellagen weder durch die Perioden der Sonnenflecken noch durch andere Ursachen der Ernteschwankungen, weder durch die Zufälle der Goldproduktion noch durch die Entschlüsse der Notenbankpolitik, weder durch Ausbeutung der Arbeiter noch durch die Methoden des Imperialismus wesentlich bestimmt sind, sondern durch zyklische Veränderungen im Verhältnis von Kapitalbedarf und Kapitalversorgung. Der Aufschwung entsteht durch Verstärkung der Kapitalanlage, die eine Vermehrung von Maschinen und Anlagen, Häusern und Schiffen ermöglicht; die Stockung wird herbeigeführt durch die Übererzeugung, die notwendig ausbrechen muß, wenn die Herstellung jener „Anlagegüter“ oder „Ertragsgüter“ oder „Dauergüter“ das Maß der zu ihrem Ankauf verfügbaren Kapitalien überschreitet. Andere Störungen des Einklangs von Bedarf und Deckung treten hinzu; jener erscheint als der weitaus wichtigste. Dies herausgestellt zu haben ist vor allem das Verdienst Arthur Spiethoffs. Die Gedankengänge der wichtigsten ausländischen Forscher: Mitchells, Aftalions, Cassels und vor allem Robertsons bewegen sich in ähnlicher Richtung.

Diese Ideen haben sich in der Durchforschung der wirtschaftlichen Wellenläufe fast eines Jahrhunderts bewährt. Es war aber durchaus fraglich, ob sie auch zur Aufhellung der deutschen Wirtschaftsverhältnisse nach der Beendigung der Währungszerrüttung wesentlich beitragen können. Die graphischen Darstellungen, die wir seit einiger Zeit veröffentlichen (zuletzt in Heft 24, Seite 819) zeigen an, daß auch in dieser turbulenten Periode der Anpassung an die neuen Existenzbedingungen der deutschen Wirtschaft jener Rhythmus der Kapitalspannung seine beherrschende Kraft bewährt hat.

Das Jahr 1924 ist durch eine anfangs langsame, später sehr starke Steigerung der geplanten Aktienemissionen[1] charakterisiert, der eine anfangs zweimal scharf unterbrochene, später sehr steile Kurve des Eisenverbrauchs und also der Ertragsgüterherstellung entspricht. Beide Kurven gipfeln spitz im Januar 1925, zugleich mit dem Effektenkursniveau der deutschen Börsen. Die folgenden Monate stehen im Zeichen deutlichsten Kapitalmangels. Die Aktienkurse sinken bis Ende des Jahres, mit ihnen die Kapitalvermehrungen der Aktiengesellschaften und der Eisenverbrauch. Das Absinken der Zinssätze von dem krisenhaften Niveau des Stabilisierungsanfangs wird bis in den Herbst 1925 hinein unterbrochen, obwohl der offene Geldmarkt unter der Einwirkung der Steuerpolitik und der mangelnden Bereitschaft zu langfristiger Kreditgewährung relativ überversorgt war. Bemerkenswert ist, daß der vorübergehenden Erhöhung der Aktienemissionen im zweiten Vierteljahr 1925 eine ähnliche Bewegung des Eisenverbrauchs entspricht, der einen zweiten, niedrigeren Gipfel im Juli aufweist. Gleichzeitig kulminiert auch (nach Ausschaltung der Saisonschwankungen) die Zahl der Wechselausstellungen, die uns hier als repräsentativ für die Gesamtumsätze der Wirtschaft gilt. Der Umschwung der allgemeinen Geschäftsstimmung folgt demnach, genau entsprechend den Erfahrungen der Vorkriegszeit, mehrere Monate nach dem Eintreten der Kapitalspannung. Von Juli an sind alle Kurven scharf abwärts gerichtet. Daß die Zinskurve sehr bald der Umsatzkurve folgt, zeugt von der Stärke der Kontraktionstendenz.

Seit dem neuen Jahre ist die Effekten- und Emissionskurve nach oben gerichtet, die Zinskurve setzt ihre Abwärtsbewegung fort, Eisenverbrauch und Gesamtumsatz stagnieren, der erste auf ungewöhnlich niedrigem, der zweite auf ermäßigtem Niveau: die Zeichen des Kapitalmangels und der Spannung sind abgelöst von denen der Stockung. Zu einer „Krisis“ im Sinne der Zusammenbrüche von 1825, 1857, 1873 ist es nicht gekommen, trotz Häufung von Konkursen, Geschäftsaufsichten und Wechselprotesten. Das Banksystem hat seine Probe bestanden. Die spekulative Überhitzung der Märkte war nicht stark gewesen. Der Anteil der Restriktionspolitik der Reichsbank an der Konjunkturbewegung der letzten Jahre ist noch nicht geklärt; sie scheint uns die kritische Verschärfung der Spannung durch Verringerung ihrer Kreditgewährung im Herbst gefördert, vor allem aber schon den Zustand des Kapitalmangels durch die Rückwirkungen ihrer Politik auf die Kreditgewährung der privaten Banken verstärkt, zugleich aber auch die Heftigkeit des Rückschlags durch eben diese Politik abgeschwächt zu haben.

Wann die Stockung in einen neuen Aufschwung übergehen muß, ist unsere, wie jede Art von Konjunkturforschung, unfähig auszusagen. Niedriger Darlehnszins, lebhafte Effektenbörsen, steigende Bildung von Anlagekapital sind Vorbedingungen des Aufschwungs. Sie sind aber unfähig, ihn aus sich heraus zu erzeugen: den Umschwung führt allein der Unternehmer herbei, der sich jener Daten bedient, wenn eine Steigerung seiner Gewinnaussichten ihn zu neuen Wagnissen verlockt. Dieser Zeitpunkt kann durch keine Analyse der Wirtschaftslage vorausgesagt werden. Sie ist darum für den Geschäftsmann nicht unnütz. Denn sie zeigt allerdings am Ende des Aufschwungs mit aller wünschbaren Genauigkeit den Zeitpunkt der Spannung an, dem einige Monate später notwendig die Stockung folgen muß: dieses Urteil aber wird nicht auf Grund einer bloßen Regelmäßigkeit ausgesprochen, auf Grund vergleichender Statistik, sondern auf Grund einer Einsicht in den Zusammenhang der Wirtschaftsvorgänge.

Hierin scheint uns der Vorzug der hier angewendeten Methoden vor denen etwa des Harvard-Dienstes zu liegen. Dieser verfährt im Grunde so, als ob von den Vorgängen des Wirtschaftslebens dem Menschen ebensowenig verständlich wäre, wie von den Vorgängen der unbelebten Natur. Wie der Astronom, der Physiker, der Meteorologe greifen diese Forscher aus der Erfahrung zahlenmäßig faßbare Daten auf, stellen zahlenmäßig zu ordnende Beziehungen zwischen diesen Daten fest und schließen aus solchen regelmäßigen Aufeinanderfolgen zweier Daten auf eine Gesetzmäßigkeit, die beide verbindet. Auf diesem Wege haben sie für die Vereinigten Staaten und für die Jahre 1903–1913 festgestellt, daß Effektenbörse, Handel und Industrie (business) und Geldmarkt in Abständen von einigen Monaten ansteigen, gipfeln und sich abwärts bewegen; sie schließen daher, daß auf einen Umschlag der Börsenbewegung in einigen Monaten ein Umschlag der Warenbewegung und noch einige Monate später ein Umschlag der Geldsätze mit hoher Wahrscheinlichkeit folgen werde.

Diese Erwartungen haben sich in den Jahren nach dem Kriege nur zum geringen Teil erfüllt. Seit einem Jahr scheint der gewohnte Nexus überhaupt zerrissen: Handel und Wandel entschließen sich durchaus nicht zu dem Aufschwung, der aus der langdauernden Aufwärtsbewegung der Effektenspekulation und der Geldmarktversorgung zu folgen scheint. Der Harvard-Dienst kann sich leicht darauf berufen, daß inzwischen ein ganz neuer Faktor in die Wirtschaftsgestaltung der Vereinigten Staaten (und damit auch, fügen wir hinzu, der gesamten Weltwirtschaft) eingetreten ist: die auf Konjunkturausgleichung gerichtete Stabilisierungspolitik des Bundesreserveamts. Die Politik wäre indessen kaum wirksam, wenn nicht die Stimmung der Geschäftsleute ihr entgegenkäme. Aufnahmefähige Börsen und willige Geldmärkte sind nur zwei Tasten in der Klaviatur des Unternehmers. Ob sie benutzt werden, hängt nicht von ihrem Vorhandensein an sich ab, und darum sind alle Analogieschlüsse aus früheren Erfahrungen höchst unsicher, wie alle Induktion, die auf bloße Zählung von Symptomen sich gründen, statt auf gedankliche Analyse der gegebenen Sachverhalte.

Das deutsche Institut für Konjunkturforschung beschreitet ebenfalls diesen zweiten Weg. Es sucht eine sehr große Zahl von Symptomen auf, denn es glaubt durch solche Vollständigkeit die beste Beschreibung der Sache zu geben. Hierbei bedient es sich der zugleich subtilen und einfachen statistisch-technischen Methoden, deren Ausarbeitung uns das wesentliche Verdienst des Harvard-Dienstes um die Förderung der Nationalökonomie zu sein scheint. Aber es weicht von seinem bedeutenden Vorbild in einem wesentlichen Punkte ab. Dieser Punkt wird von ihm folgendermaßen bezeichnet: „Die amerikanische, wie wohl die angelsächsische Forschung überhaupt, richtet ihr Augenmerk in erster Linie auf den Geldkreislauf, die Preisbildung, die Märkte. Ob dieser Weg allein zum Ziele führt, ist aber zweifelhaft. Sicherlich wird in einem Gebiet mit hochentwickelter Geldwirtschaft, wie die Union es ist, die Marktbeobachtung weitgehendere Rückschlüsse zulassen, als da, wo wie in Deutschland die Geldwirtschaft durch geschichtliche Tradition und andere, nicht wirtschaftliche Mächte bis zu einem gewissen Grade gehemmt ist. Wie in dieser Hinsicht, so scheint auch in manchen anderen Punkten ein entscheidender Unterschied zwischen den Verhältnissen der Vereinigten Staaten und denen Deutschlands vorzuliegen. Vielleicht hat sich aus solcher Verschiedenheit der Wirtschaftsstruktur die Tatsache ergeben, daß die deutsche Forschung die Warenseite, den Güterkreislauf immer wieder betont hat.“

Es ist nicht leicht, diese Sätze zu verstehen; noch schwerer ist es, ihnen beizupflichten. Daß die deutsche Wirtschaft des zwanzigsten Jahrhunderts die Idee der Geldwirtschaft nur unvollkommen verwirkliche, ist eine These, die überhaupt nur dann diskutierbar wird, wenn man annimmt, daß hier ein Stück einer privaten Sprache vorliegt. Der Begriff der Geldwirtschaft wird hier nicht, wie allgemein üblich, als Gegensatz zur Naturalwirtschaft (einer Wirtschaftsverfassung ohne Geldrechnung und Geldgebrauch) aufgefaßt, sondern anscheinend als Bezeichnung des Laisser-faire, im Gegensatz zu gemeinwirtschaftlichen Eingriffen und Ordnungen, von denen es übrigens fraglich ist, ob sie im heutigen Deutschland viel einschneidender und zahlreicher sind als im Lande der Prohibition, der Interstate Commerce Commission, der Antitrustgesetzgebung und der zentralistischen Bankpolitik.

Wenn aber dem „Geldkreislauf“ der „Güterkreislauf“ entgegengestellt wird, den der Harvard-Dienst angeblich vernachlässigt, so ist nur zu erwidern, daß diese Behauptung, von der Sonderbarkeit der Terminologie abgesehen, in der Sache völlig irregeht. Die Mengenzahlen der Produktion und des Umsatzes werden in den Studien und Veröffentlichungen des amerikanischen Instituts keineswegs mit geringerem Interesse registriert und ausgedeutet als die Preise, und meist mit viel größerer Ergiebigkeit als in der deutschen Veröffentlichung, denn die amerikanische Wirtschaftsstatistik bietet infolge der größeren Unbefangenheit der amerikanischen Unternehmerschaft große Mengen von wichtigen Zahlen dar, die in Deutschland noch immer, ohne Grund, als Geschäftsgeheimnis gehütet werden. Auch das monatliche Gesamtbild, das in einer einzigen Darstellung die repräsentativen Bewegungen der Wirtschaftszweige darstellt, ist nicht nur auf Grund von Preisbewegungen entworfen, wie es nach den Darlegungen des Berliner Instituts und nach seinem eigenen Versuch eines „Barometers der drei Märkte“, im Stil von Harvard (Seite 19), erwartet werden müßte: die Bewegung der Spekulationskurse setzt sich zusammen aus den Bewegungen der Effektenkurse und der Scheckgutschriften[2] der New Yorker Banken, die am besten die Umsätze der Spekulation vertreten; die Bewegung der „Business-Kurve“ faßt die Bewegung der Großhandelspreise mit der der Scheckgutschriften von nicht-New-Yorker Banken als den Repräsentanten der kommerziellen und industriellen Umsätze zusammen.

Die einzigen verfügbaren Daten, deren Verwendung wir in den Veröffentlichungen des Harvard-Dienstes vermissen, sind die Kapitalemissionen der Unternehmungen (also eine eminent hochkapitalistische [in Wagemanns Sprache: geldwirtschaftliche?] Erscheinung) und der Eisen- und Stahlverbrauch der Union. Aber diese werden auch von dem deutschen Institut nur ungenügend berücksichtigt. Statt des Eisenverbrauchs bietet es die sehr viel weniger konjunkturempfindlichen Produktionszahlen; von der „Kapitalbewegung“ aber verzeichnet es für die Zeit vor dem Kriege nur den Zuwachs an Pfandbriefen und an Sparkasseneinlagen. Es ist also nicht recht ersichtlich, worin die Methoden des deutschen Instituts den von Harvard angewandten überlegen sein sollen.

In Wirklichkeit ist der Punkt, in dem Berlin von Harvard abweicht, ein ganz anderer als der von ihm selber bezeichnete. Das amerikanische Institut zieht die verfügbaren Wirtschaftszahlen nicht weniger sorgfältig und keineswegs in geringerer Fülle heran als das deutsche – aber es begnügt sich nicht mit der fächerartigen Ausbreitung und aphoristischen Erläuterung dieses Zahlenstoffs: es gestaltet diesen Stoff zu einem Gesamtbild. In diesem Bild haben die Preisbewegungen ein sehr hohes Gewicht, aber sie sind nicht allein maßgebend, denn die Umsätze spiegeln nicht nur die Preisbewegung sondern auch Ausdehnung und Einschränkung, den „Stoffwechsel der Wirtschaft“, um in der Sprache des Berliner Instituts zu reden. Man kann nicht gut anders verfahren, wenn man ein Wirtschaftsbarometer konstruieren will, das nur Symptome anzeigt und solche Symptome bevorzugt, deren Regelmäßigkeit und deren Empfindlichkeit zugleich sehr hoch ist.

Solange die Wirtschaft sich in den Grundzügen ihres Aufbaus und in den Bedingungen ihres Tuns nicht ändert, kann solcher Symptomforschung ein erheblicher prognostischer Wert zukommen. Ändert sich jener Faktor, so kann wenigstens das Eintreten dieser Änderung sichtbar gemacht werden. In jedem Fall bleibt ihr Wert, sowohl für die Darstellung der Vergangenheit wie für die Abschätzung der Zukunft, hinter einer Methode zurück, die nicht nur Symptome eingetretener Veränderungen registriert, sondern von bestimmenden Ursachen künftiger Veränderungen ausgeht – und diese Ursachen wirklich trifft.

Diesen Einwand aber kann das Berliner Institut nicht erheben, denn es will sich selber ganz auf Symptomkunde beschränken. Es entwirft zwar ebenfalls ein Gesamtschema des typischen Konjunkturverlaufs, aber es verzichtet darauf, die Wirtschaftsbewegung des Vorkriegsjahrzehnts oder der letzten Jahre in einem oder zwei Gesamtbildern zu verdichten, die auf Grund der von ihm selber ausgehobenen Merkmale konstruiert sind; es bietet vielmehr ein ganzes Bündel von graphischen Darstellungen, die zum großen Teil anregend und aufschlußreich sind, aber von niemand als Einheit aufgenommen werden können.

Vergleicht man das neue Schema des Konjunkturverlaufs mit den wichtigsten, die bisher verfügbar waren, so ergibt sich folgendes Bild[3]:

Tabelle 1
Vergleich der Konjunkturschemata

INSTITUT FÜR KONJUNKTURFORSCHUNG

HARVARD-DIENST

SPIETHOFF

1. Depression:Warenpreise unverändert, etwas sinkend. Effektenkurse steigen. Geldmarkt flüssig. Tiefstand v. Güterproduktion und Verbrauch, zuerst in der Produktionswirtschaft. Stagnation von Ein- und Ausfuhr. 1. Depression:Warenpreise sinken. Effektenkurse steigen. Diskontsätze f. Handelswechsel sinken. Bankreserven wachsen. Geschäft ist träge. 1. Niedergang:Sinken der Kapitalanlage, des Eisenverbrauchs, der Eisenerzeugung, d. Leihzinsen.
2. Aufschwung:Warenpreise steigen. Effektenhausse, a. Ende d. Phase umschlagend. Erhöhung d. Geldsätze. Zunahme von Produktion und Verbrauch, von Ein- und Ausfuhr. 2. Erholung:Beträchtliche Spekulations-Aktivität. Erhöhung der Geschäftsaktivität. Beginn der Preissteigerung. Spät: Steigen des Diskonts für Handelswechsel. 2. Erster Anstieg:Stillstand des Sinkens. Beginnende schwache Aufwärtsbewegung.
3. Hochspannung:Starke Versteifung auf d. Geldmarkt, Finanz- und Kreditschwierigkeiten, weiteres Sinken der Effektenkurse, Stillstand u. Anbröckeln d. Warenpreise bei teilweiser scharfer Verschiebung der Preisrelationen (insbesond. v. Kapital- u. Konsumgütern). Stillstand in d. Zunahme der Mengenziffern. Rückgang der „Produktionswirtsch.“, währd. „d. Verbrauchswirtsch. zunächst noch steigt“. Hemmungen im Auslandsgeschäft. 3. Prosperität:Stocken der Effektenspekulation. Weiteres Wachsen der Geschäftstätigkeit, Steigen der Preise und der Diskontsätze, Abnehmen der Bankreserven. 3. Zweiter Anstieg:Erhebliche Vermehrung der Kapitalanlage (bei Aktien). Der Eisenverbrauch nähert sich dem Gipfel des früheren Hochschwungs.
- 4. Finanzielle Spannung:Scharfer Rückgang der Wertpapiere, Depression der Spekulation. Stockung der Aufwärtsbewegung d. Geschäfts und der Preise. Hohe Diskontsätze, gespannte Banklage. 4. Hochschwung:Überschuß des Eisenverbrauchs, steigender Leihzins.
4. Krisis:Rückgang der Warenpreise und der Effektenkurse. Kredit- und Finanzschwierigkeiten führen zu zahlreichen Zusammenbrüchen, schließlich zur Entlastung des Geldmarktes. Scharfer Rückgang der Produktionswirtschaft, später der Verbrauchswirtschaft, Rückgg. d. Ausfuhr, noch mehr der Einfuhr. 5. Industriekrisis:Tiefstand der Wertpapierkurse, Panik der Spekulationsmärkte, Warenliquidat., Preisfall, allgem. Stockung des Geschäfts, Hochstand der Diskontsätze, Minimalstand d. Bankreserven, Ausbruch der Krisis. 5. Kapitalmangel:Schwierigkeit der Kapitalbeschaffung, Abnahme der Kapitalanlage, hoher Leihzins, Abnahme des Wohnungsbaus, Abflauen des Eisenverbrauchs.
- - 6. Krisis:Zusammenbruch des Kredits, gehäufte Zahlungseinstellungen. Notwendig nur b. Überspekulation u. Kreditüberspannung eintretend.

Es wird daraus deutlich, daß die älteren Schemata reicher gegliedert sind, daß Harvard die Mengenbewegungen nicht weniger wichtig als Berlin, Berlin die Preisbewegungen nicht weniger wichtig als Harvard nimmt, und daß Spiethoff ein Maximum von Artikulation mit einem Minimum an Merkmalen gewinnt, bei größter Freiheit von den oft zweideutigen Preisbewegungen. Dieses dritte Schema bewährt sich auch an dem Verlauf der deutschen Konjunktur nach der Stabilisation durchaus: die zweite Hälfte des Jahres 1924 ist deutlich als zweiter Anstieg gekennzeichnet; ehe dieser aber in „Hochschwung“ übergeht, bricht der Kapitalmangel aus, der in einer kritischen Häufung von Konkursen endet, ohne daß es zu einem Zerreißen der Kreditkette und zu panikartigen Erschütterungen der Märkte kommt. Anfang 1926 setzt die typische Stockung ein. Weniger einfach ist die Anwendung des Berliner Schemas: der Index der „reagiblen Warenpreise“ (Schrott, Stabeisen, Blei, Zink, Rindshäute, Kalbsfelle, Hanf, Leinengarn, Roggen und Weizen[4], der hier als Repräsentant des Warenmarkts gilt) fällt im gleichen Verhältnis stetig seit Beginn der Spannung, die sich hierin also gar nicht von Krisis und Stockung im bisherigen Verlauf unterscheiden würde. Ferner bleibt die Zahl der geschäftlichen Zusammenbrüche in der Stockung noch immer weiter über dem Durchschnitt der Spannung. Schließlich zeigt auch die Produktion wichtiger Grundstoffe (es wird nicht gesagt, welches diese Grundstoffe sind) eine nicht regelrechte, stetige Abwärtsbewegung durch Hochspannung, Krisis und Stockung hindurch, unterbrochen nur durch Stillstand und Aufwärtsbewegung beim Ausbruch der Krisis. Ähnliche Anomalien zeigt die Bewegung der Einfuhr, während bei der Ausfuhr eine durchgehende Aufwärtsbewegung in Phasen verschiedener Beschleunigung seit Mitte 1924 festzustellen ist.

Es wird überhaupt nicht Zufall sein, daß Ein- und Ausfuhr von keinem namhaften Konjunkturforscher bisher als brauchbarer Index der Wirtschaftslage betrachtet worden ist – außer im Fall Englands, dessen wichtigste Industrien zu mehr als drei Vierteln ihren Absatz über See finden. Für Deutschland wäre ein entsprechender Beweis erst noch zu führen.

(Die obere graphische Darstellung des Instituts auf Seite 22 gibt die nicht beweiskräftigen Wertzahlen; die untere Darstellung unterläßt eine Angabe, ob es sich um Mengen oder Werte handelt. Einstweilen halten wir diese Symptome für höchst unzuverlässig; daß die Bewegungen der jüngsten Zeit seiner Grundannahme zuwiderlaufen, muß das Institut selber feststellen.)

Wertvoll ist die Einbeziehung der Tatsache, daß die „Produktionswirtschaft“ früher ihren Gipfel und früher ihren Tiefpunkt erreicht als die „Verbrauchswirtschaft“, vorausgesetzt, daß man darunter den Gegensatz der Ertragsgüterindustrie und der Verbrauchsgüterindustrie sehen darf: in diesem Gedanken (der in dem Schema der ersten Veröffentlichung des Instituts von Mitte Januar noch nicht enthalten war) darf man den ersten Schritt einer Annäherung an die Ergebnisse der neueren Konjunkturforschungen sehen. Solange aber diese Faktoren nicht durch bessere Indizien erfaßt werden als durch Roheisen- und Koksproduktion einerseits, Kohlenproduktion andererseits (von den Arbeitslosigkeits- und Konkurszahlen gar nicht zu reden, die durchaus nicht eindeutig sprechen, da sie sehr stark durch nichtzyklische Ursachen bestimmt sind: einmalige Vorgänge der Umstellung, organisatorische und technische Veränderungen der Industrie und des Arbeitsmarkts, Besonderheiten der Banksysteme usw.), und solange sie nicht in Zusammenhang gesetzt werden zu den Bewegungen der Kapitalversorgung, halten wir ihren diagnostischen Wert für gering.

Statt dessen lenkt das Institut neue Aufmerksamkeit auf das Preisverhältnis der Produktionsmittel (worunter Maschinen, Geräte, Handwerkszeug, Fahrzeuge usw. zu verstehen sind) und die Verbrauchsgüter: Hausrat, Textilwaren und Schuhe. Sieht man von der Fragwürdigkeit der statistischen Erfassung von Preisen so stark unterschiedenen Fertigfabrikats ab, so ergibt sich, daß die Preise der Produktionsmittel, ausgedrückt in Prozentzahlen der Preise der Verbrauchsgüter, seit Juli 1924 zwei Tiefpunkte aufweisen: einmal genau in der Mitte der zweiten Hälfte 1924, einmal im Januar 1926: das eine Mal mitten in einer Periode, die das Institut als Aufschwung bezeichnet, das zweite Mal am Ende der „Krisis“ und im Beginn der Stockung. Dies ist also kein sehr brauchbares Symptom, ein Urteil, das noch dadurch an Gültigkeit gewinnt, daß das Institut in diesen Kurven „den Grundzug der Bewegung“, also eine durchgehende Bewegung nicht-periodischen Charakters ausgeschaltet hat – ohne daß übrigens die Größe und Richtung dieses Grundzuges angegeben würde. Daß der Absatz der Produktionsmittel früher zurückgeht als der der Verbrauchsgüter und daß der Umschwung in der Phase der beginnenden Überproduktion zu suchen ist, gehört zum eisernen Bestand der Konjunkturforschung. Daß die Preisbewegung oft nur schwerfällig und irreführend folgt, ist das wesentliche Ergebnis des Diagramms auf Seite 35: der entschiedene Preisfall der Produktionsmittel setzt erst im November ein, dreiviertel Jahr nach dem Beginn der Abwärtsbewegung der reagiblen Rohstoff- und Halbfabrikatspreise, während die Abwärtsbewegung der Verbrauchsgüterpreise früher einsetzt. Man wird weitere Befunde abwarten müssen, ehe man dies Ergebnis verallgemeinert; vor allem wäre der Einfluß der Kartelle und Verbände zu ermitteln, von deren Entschließungen es abhängt, ob die Preise herabgesetzt oder die Produktion eingeschränkt werden soll. Das Institut scheint die Anomalie dem problematischen „Grundzug der Bewegung“ zuzuschreiben und den Umschwung im Preisverhältnis der Produktionsmittel und Verbrauchsgüter bereits in den Hochsommer 1925 zu setzen, so daß die „Krisis“ durch die relative Preissteigerung der Verbrauchsgüter angekündigt würde!

Auf der anderen Seite wendet sich um dieselbe Zeit das Verhältnis der Preise für agrare Erzeugnisse und für agrare Produktionsmittel: während die letzteren steigen (entsprechend der Bewegung des allgemeinen Produktionsmittel-Index) sinkt seit Juli der Preis für Weizen und Kartoffeln von Juli bis November 1925. Ehe man sich indessen entschließt, diesen Umstand für die Verschärfung des Rückganges verantwortlich zu machen, müßten die Gesamtkosten der Landwirtschaft und der Anteil der Produktionsmittelanschaffungen an den Gesamtkosten eingehend analysiert werden; auf der anderen Seite aber auch der Anteil, den sinkende Agrarpreise auf die Erleichterung der industriellen Konjunktur haben können.

Schließlich ist noch die graphische Darstellung des Strahlenbündels der Preise zu erwähnen. Es zeigt im Beginn des Aufschwungs, Mitte 1924, ein enges Zusammengehen von reagiblen Warenpreisen, Großhandelspreisen und Kleinhandelspreisen. Die Spanne erweitert sich erheblich bis zu Beginn der Hochspannung und geht bis kurz vor Beginn der Krisis wieder zurück. Eine stetige erhebliche Verengerung des Abstandes, wie sie das Institut zu behaupten scheint, kann ich seit Mitte 1925 nicht mehr feststellen; nur daß sich die Reihenfolge völlig in dieser Zeit umgekehrt hat, bei fallender Tendenz im ganzen. Auch ein ausgesprochenes Parallelieren seit Beginn der Stockung ist nicht zu erkennen: die Kleinhandelspreise haben eine entschiedene Neigung zu beharren, wenn nicht zu steigen, die reagiblen Waren zu fallen; der allgemeine Großhandelsindex folgt erst diesem, dann jenem, wahrscheinlich unter dem erratischen Einfluß der Agrarerzeugnisse.

In solchen Darstellungen von Scheren-Verhältnissen hat man den originellsten Beitrag des Instituts zur Konjunkturbeobachtung zu sehen: allerdings ist anzumerken, daß sich die interessantesten auf Preisverhältnisse beziehen, vor deren Überschätzung das Institut gelegentlich der Harvard-Methode lebhaft gewarnt hat.

Das Institut – dies wird aus allen vorangegangenen Bemerkungen deutlich geworden sein – befindet sich noch durchaus im Stadium des Experiments, ja des Tastens, der Stoffsammlung und der Wegsuche. Man wird die vorliegenden Ergebnisse dieser Bemühungen nicht gerecht abschätzen können, wenn man sich nicht dreierlei vergegenwärtigt:

  • 1. die empfindliche Kürze der Zeit, die seit der Gründung des Instituts verflossen ist und die wahrscheinlich die meisten Forscher davon abgehalten hätte, schon jetzt mit exoterischen Veröffentlichungen zu beginnen;
  • 2. die beklagenswerte Spärlichkeit an wirtschaftsstatistischen Daten, die in Deutschland dem Konjunkturforscher zur Verfügung stehen;
  • 3. die gefährliche Schmalheit der wissenschaftlichen Mitarbeit, auf die sich das Institut heute stützen will und kann.

In der Leitung des Harvard Wirtschaftsdienst finden wir eine beträchtliche Anzahl führender Nationalökonomen und Statistiker, von denen wir nur Charles J. Bullock, Warren M. Persons, Allyn A. Young, W. Leonard Crum nennen. Der englische Wirtschaftsdienst, zu dem sich die London School of Economics and Political Science und die Wirtschaftsfakultät der Universität Cambridge zusammengefunden haben, zählt Sir William Beveridge, Arthur Bowley, J. M. Keynes, H. D. Henderson unter seine maßgebenden Persönlichkeiten. Die Leitung des Instituts für Konjunkturforschung in Berlin scheint bisher allein in den Händen des Präsidenten des Statistischen Reichsamtes zu ruhen. Nach Zeitungsmeldungen soll zwar ein Kuratorium bestehen, aber es ist der Öffentlichkeit nicht bekannt, wie dieses Kuratorium zusammengesetzt ist, welches seine Befugnisse sind und in welcher Weise es die Verantwortung für die Richtung der Arbeiten des Instituts mitträgt. Es liegt auf der Hand, daß ohne eine solche Mitverantwortung aller Beteiligten schwerlich eine Arbeitsgemeinschaft des Instituts und der universitären Forscher errichtet werden kann, wie sie ursprünglich geplant zu sein schien, und wie sie notwendig geschaffen werden muß, wenn man Harvard, London und Cambridge an wissenschaftlicher Geltung gleichkommen will.

  • [1] Die Statistik der „Frankfurter Zeitung“, die wir zugrundelegen, hält die Anträge der Verwaltungen an die Aufsichtsräte fest; eine Größe, die konjunkturempfindlicher ist als die Angabe über die durchgeführten Emissionen.
  • [2] „Bank debits“ sind entgegen einer in Deutschland viel verbreiteten Meinung (die auch von Schumpeter, „Berliner Börsen-Courier“ vom 7. 4. 1926, Nr. 159, geteilt wird) nicht Debitoren.
  • [3] Diese Übersicht läßt die Kongruenz des ersten und zweiten Schemas einerseits, des dritten Schemas andererseits größer erscheinen als sie ist. Die späteren Phasen und die leichteren Formen der dort „Krisis“ genannten Stufe werden von Spiethoff in den „Niedergang“ einbezogen. Andererseits reicht sein „Erster Anstieg“ in die von Harvard als „Erholung“ gekennzeichnete Stufe; der Grund, aus dem Spiethoff sie mit dem „Niedergang“ zusammenkoppelt, ist das Fortbestehen der „Übererzeugung“.
  • [4] Es ist schwer begreiflich, was das Institut veranlaßt haben kann, die Agrarwaren, die wesentlich von der Ernte abhängen, mit den konjunkturempfindlichen Roh- und Halbstoffen der Industrie zusammenzuwerfen.

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