Nachdem die Frage nach dem Urheber der Markstabilisierung einige Zeit ebenso heftig wie ergebnislos in der einzigen Form umkämpft worden war, in der unseren Zeitgenossen ein ernsthafter Kampf überhaupt noch sinnvoll erscheint, nämlich in der Form des Parteistreits, hat sich neuerdings eine Wendung der Dinge vollzogen: die Frage verstummt, und es breitet sich in den verschiedensten Lagern die Meinung aus, die Stabilisierung habe überhaupt keinen oder keine Urheber; der Zwang der wirtschaftlichen Verhältnisse habe sie notwendig und möglich gemacht; niemand habe schließlich die alte Mark noch annehmen wollen, es habe also auch den Nutznießern der Inflation, absichtlichen und unabsichtlichen, kein anderer Weg offen gestanden, als irgendein neues Geldzeichen zu schaffen und seine Menge nach den Grundsätzen zu regeln, die in allen fortgeschrittenen Lehrbüchern der Nationalökonomie seit langem bereitliegen.
Diese Meinung geht irre, im allgemeinen und im besonderen. Im allgemeinen, denn es ist nicht im Wesen des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens verbürgt, daß Notstände selbsttätig ihre Heilung aus sich selbst erzeugen, wie es der allzu leicht beruhigte Glaube sowohl der Klassiker des Liberalismus wie der des Sozialismus wähnt. Notlagen, sich selbst überlassen, werden in unendlicher Reihe schlimmere Notlagen erzeugen, wenn nicht eine überlegene Kraft den Gang der Dinge zur entscheidenden Wendung zwingt. Daß auch die Stabilisierung der Mark von dieser Regel keine Ausnahme bildet, daran erinnert zu guter Zeit das in diesen Wochen veröffentlichte Buch des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht,[1] ein höchst energisch, klar und geschickt geschriebenes Buch, der Rechenschaftsbericht eines viel befehdeten und gutgehaßten Mannes, aus echtem schleswig-holsteinischen Stamm, mit hartem, festem Willen, mit robust vereinfachendem Verstand, der unbekümmert um öffentliche und private Meinung seinen Weg geht, geleitet von einer Art religiösen Glaubens an eine ihm auferlegte innerweltliche Mission im Dienst der weltordnenden Mächte. Das Buch zeichnet lebendig und anschaulich die Geschichte der deutschen Währung vom Beginn des Krieges bis zum Herbst 1926, mit freimütiger Genugtuung über die eigenen Leistungen und mit ebenso freimütiger Offenheit über die Schwächen seiner Gegenspieler. Daß das Reichsfinanzministerium, entgegen dem Sinn der Rentenbankverordnung, die Gewährung von Notenbankkrediten für Reichszwecke vom 15. November an auf die Rentenbankkredite in Höhe von 900 bzw. 1200 Mill. RM beschränkte, der Reichsbank kurz vor diesem Termin noch einen größeren Posten Schatzwechsel „auf Vorrat“ einreichen wollte (ebenso, nebenbei bemerkt, wie es in Frankreich vor dem dramatischen Verbrennen der Notenpresse geschehen war) und, daß es hieran nur durch das Eingreifen des damaligen Reichswährungskommissars Dr. Schacht gehindert wurde, wird dem Leser ebensowenig vorenthalten, wie die Tatsache, daß die Rentenbank eine Parität von 1 Billion Papiermark gleich einer Rentenmark noch immer für eine nicht annehmbare Beeinträchtigung der Rentenmarkbesitzer hielt, und wie die Argumente, mit denen das Reichsbankdirektorium seinen heutigen Präsidenten, vor seiner Berufung, gutachtlich für ungeeignet zu diesem Amt erklärt hat.
Die Eigenart der Lage Deutschlands in jenem entscheidenden Herbst wird durch drei praktische Unmöglichkeiten bezeichnet: Der Goldbestand der Reichsbank, erstens, war zwar nicht ganz verpfändet, aber durch Goldverbindlichkeiten der Reichsbank gegen ausländische Kreditgeber und gegen die Besitzer der Dollarschatzanweisungen noch Ende 1923, wie Dr. Schachts Buch dartut, völlig in Anspruch genommen; die Währungsreform begann also faktisch ohne jede freie Goldreserve der Zentralbank; die Privaten dagegen verfügten über sehr beträchtliche Devisenbestände, schienen aber nicht gewillt, sie freiwillig, der Reichsbank zur Verfügung zu stellen. Die Ordnung der Währung, zweitens, setzte die Ordnung der Finanzen voraus, die wiederum von der Ordnung der Währung abhing; in der Zwischenzeit aber konnte die Geldschöpfung allein die nötigen Deckungsmittel liefern, die von der verängstigten öffentlichen Meinung schlechthin als inflationsgefährlich betrachtet wurde. Der Wille zur Währungsstabilisierung, drittens, hatte auch diejenigen Wirtschaftsschichten erfaßt, die aus höchst komplexen Gründen, mehr instinktiv getrieben, als vernunftgeleitet sich ihr bisher entgegengestellt hatten, aber gerade diese Schichten hielten den bestehenden Staat für schwach, krank und vertrauensunwürdig.
Es ist dem Mit- und Gegeneinander von fünf Männern zu danken, daß diese dreifach verfahrene Situation in wenig Wochen ohne Staatsstreich und ohne Bürgerkrieg gewendet wurde. Von diesen Männern wurden gewöhnlich nur Helfferich, Luther und Schacht genannt. Aber man tut den Reichskanzlern Stresemann und Marx unrecht, wenn man vergißt, daß die Sanierung der Reichsfinanzen und die Stabilisierung der Reichswährung nur durch die beiden Ermächtigungsgesetze möglich wurden, die alle wesentlichen Entscheidungen dem Handel der Fraktionen entzogen, um sie in die Hände einiger Führer zu legen, die mit diktatorischen Rechten und Pflichten ausgestattet wurden. Daß nur im Schutz dieser Ermächtigungsgesetze der Plan Helfferichs angenommen und ins Werk gesetzt werden konnte, dessen Partei jene Gesetze aufs leidenschaftlichste bekämpft hat, ist einer der vielen paradoxen Züge jener beispiellosen Verwirrung, ebenso wie die Tatsache, daß Dr. Luther, in dem die kapitalistische Wirtschaft ihren Vertrauensmann sah, gerade den Unternehmern durch den Zwang der Dinge Steuern in einer Höhe auferlegen mußte und durfte, wie sie kein Radikaler in Deutschland auferlegt hätte und hätte auferlegen können. Die Leistung des Reichsfinanzministeriums in jenen Wochen und Monaten wird schwerlich überschätzt werden können; sie war ein mächtiger Beweis von Geist und Kraft, Mut und Zähigkeit. Im Rahmen der Währungspolitik aber kam ihr mehr ausführende als richtung- und maßgebende Bedeutung zu. Diese allein stellt ihr die Aufgaben und die Bedingungen, unter denen das Reichsfinanzministerium seine herkulischen Arbeiten verrichten konnte, nicht immer ohne ein leichtes, aus der riesenhaften Größe der Aufgaben leicht verständliches Schwanken und Bangen, die das erwähnte Diskontierungsgesuch von Mitte November ebenso beweist, wie das spätere Gesuch um Erhöhung des Rentenbankkredits, das am 20. Dezember abgeschlagen zu haben, die eine bedeutende Leistung der Rentenbank bedeutet.
Es ist aber auch daran zu erinnern, daß Dr. Luther selber an der Stellung und Formulierung jener währungspolitischen Ziele und Bedingungen den lebhaftesten Anteil gehabt hatte, denn er ist es gewesen, der der Rentenmarkverordnung in den ersten Wochen seiner Reichsfinanzministerschaft die abschließende Form gegeben hat. Hierdurch wurde der Helfferichsche Währungsplan in wesentlichen Zügen verwirklicht, aber mit einigen wichtigen Abweichungen, die Dr. Hilferding verdankt werden: die Ersetzung des Roggenpfundes als Werteinheit durch einen bestimmten Bruchteil des Dollars, die Reduktion der geplanten Übergangskredite an das Reich von 2 auf 1,2 Milliarden Rentenmark und einige weitere Abänderungen, die die Machtstellung der Rentenbank gegenüber Reich und Reichsbank in wesentlichen Punkten sehr verständig einschränkten.[2] Die einzige wichtige Abweichung der Lutherschen von der Hilferdingschen Fassung bestand in dem Verzicht auf die Festlegung einer festen Relation zwischen Mark und Rentenmark.
Schwerlich wird heute unter den Sachkennern ein Zweifel darüber bestehen, daß die Stabilisierung der Mark auch ohne den Umweg über die imaginäre Konstruktion der Rentenmarkverordnung technisch möglich gewesen wäre. Einhaltung vernünftiger Normen der Geldschöpfung, Durchführung einer klaren Devisenpolitik, Entschluß zur Zahlung der nötigen Steuern und Abgaben: diese Bedingungen allein waren notwendig und ausreichend. Der für die Verteidigung der intervalutarischen Kurse erforderliche Goldbestand hätte durch freiwillige Mobilisierung der großen inneren Devisenreserven oder, wie im Falle der Rentenwährung, durch krediteinengende Bankpolitik zusammengebracht werden, der Zwischenkredit des Reichs durch Ausgabe kleiner Goldanleihestücke befriedigt werden können. Für klare und eindeutige Maßnahmen aber war Zeit und Boden nicht günstig. Man glaubte, dem Volk die Deckung des neuen Geldes, wenn nicht durch Gold, so doch mindestens durch einen anderen „Substanzwert“ zu schulden; man glaubte, von dem Reich den Verzicht auf die Verwaltung eines seiner zentralen Hoheitsrechte fordern zu können. Beiden Bedürfnissen genügte der Helfferichsche Plan: dem Deckungsgläubiger ersetzte er das als international verpönte Gold zwar nicht durch heimischen Grund und Boden, wie Assignaten und Mandats Territoriaux der französischen Revolution, wohl aber durch eine ebenso sinnreiche wie fiktive Konstruktion einer Rentenschuld dieses Bodens; den Staatszweifler beruhigte er durch die Versicherung, daß die Verwaltung der neuen Zahlungsmittel in die Hände der „Wirtschaft“, nämlich eines Ausschusses der ländlichen und städtischen Unternehmerschaft gegeben werde. Die Stabilität der neuen Währung wurde nicht in Aussicht gestellt; auch Helfferich hat sich darüber nicht sehr zuversichtlich ausgesprochen. Vielleicht, daß man über diese Dinge nicht viel anders dachte als gegenwärtig Herr Poincaré.
Es ist das große Verdienst Dr. Schachts, diesen bedenklichen Stand der Dinge von Grund auf verändert zu haben: er läßt die legendären „Imponderabilien“ auf sich beruhen und geht an die sachliche Grundlegung, sehr unvoreingenommen, trotz seiner gut demokratischen Gesinnung in höchst autokratischem Stil. Drei Tage vor Einführung der Rentenmark zum Reichswährungskommissar berufen, als überzeugter Gegner der Rentenmark, und vielleicht, deutet er an, damit man ihn „im Fall des Mißlingens der Stabilisierung verantwortlich machen und in die Wüste schicken konnte“ (S. 65), schlägt er einen ebenso unkonventionellen wie erfolgreichen Weg ein: er läßt sich auf keine Diskussion ein, meidet die Ressortsitzungen, sondern beobachtet und entscheidet. Seine währungspolitischen Vorstellungen sind überaus einfach: da der Markkurs infolge der Inflation sinkt, hilft nichts anderes als Kontraktion der Geldmenge. Als er sein Amt übernimmt, steht der Dollar in Berlin auf 630 Milld. M, im Ausland auf rund 4000 Milld. M. Er läßt den Berliner Kurs im Lauf einer Woche auf die Höhe der Auslandsparität steigen, nagelt ihn auf dieser Höhe fest und treibt die Baissiers des Westens in eine entscheidende Klemme hinein, indem er die Reichsbankanstalten anweist, Notgeld nicht mehr in Zahlung zu nehmen und um Einlösung des in den Kassen der Reichsbank befindlichen Notgeldes zu ersuchen, das besonders im besetzten Gebiet in ungeheuerlichem Umfang, unter Duldung und passiver Mitwirkung der Reichsbank, die Inflation vermehrt und die Devisenspekulanten mit Material versorgt hatte. Die „Aufschwänzung“ der Mark-Baissiers gelang: der Kölner Dollarkurs ging von 11 Billionen am 26. November auf 4,2 Billionen am 10. Dezember zurück.
Hiermit war dreierlei erreicht. Das von Dr. Helfferich gewollte Verhältnis von Staat und Wirtschaft war umgekehrt: das als krank und unvernünftig erklärte Reich zeigte, daß es keiner Vormundschaft bedürfe und daß es imstande sei, die Einhaltung der Regeln gesunder Geldschöpfung auch den mächtigsten Schichten „der Wirtschaft“ aufzuzwingen. Die Devisenspekulation erkannte zum erstenmal die Hand ihres Herrn und Meisters. Die Rentenmark aber, die jetzt in ein festes Verhältnis zur stabilisierten Papiermark gesetzt wurde, erhielt endlich das währungspolitische, tragfähige Fundament, das die Ausbildung eines mit dem Weltmarkt paritätischen Preisniveaus im Inneren rechtfertigte – ebenfalls nicht gerade im Einklang mit den Gedanken, die für die Schaffung der Rentenmark maßgebend gewesen waren. Als der Kurs der Mark im ersten Vierteljahr 1924 noch einmal ins Schwanken geriet, aus Ursachen, die auch heute nicht bis zur Durchsichtigkeit aufgehellt sind, hat Schacht mit ähnlichen Mitteln durchgegriffen, mit dem Erfolg, daß seitdem kein Angriff mehr gegen die Stabilität der Mark gerichtet worden ist. Durch allgemeine Kreditrestriktion war es gelungen, nicht nur den Markkurs auf die Parität zu heben, sondern auch einen großen Teil der privaten Devisenreserven in die Reichsbank zu zwingen.
Die Währung, die auf diese Weise entstanden ist und die auch durch die Annahme des Dawes-Plans nicht grundlegend geändert wurde, verwirklicht einen Zustand, dessen Analyse den Hauptinhalt der nominalistischen Theorie des Geldes gebildet hat: im Inland Umlauf notaler Geldzeichen, deren Menge nach den Regeln richtiger Geldschöpfung bestimmt wird, nicht nach dem halb zufälligen, halb beeinflußten Vorhandensein von Gold in den Kellern der Bank; gegen das Ausland feste intervalutarische Kurse, verteidigt mit allen Mitteln der Devisenpolitik und Geldmarktbeherrschung. Dr. Schacht erklärt, sich niemals mit den Nominalisten auseinandergesetzt zu haben; der Nominalist darf erwidern, daß eine solche Auseinandersetzung nicht sehr dringlich sei, da Dr. Schacht unter den schwierigsten Umständen eben das getan hat, dessen Möglichkeit der Nominalismus aufgewiesen hatte.
Den Mitlebenden, und vor allem dem Ausland, ist die Stabilisierung der Mark, Monate vor der Unterzeichnung des Londoner Reparationspaktes, als eine Art von Wunder erschienen. Die Ordnung einer bis auf ein Billionstel entwerteten Währung im Verlauf von drei Wochen, ohne freie Währungsreserven, auf Grund einer gewagten Devisen- und einer erst schwankenden, dann überstrengen Kreditpolitik bei gänzlich ungeklärten Reparationsleistungen und in politisch noch immer höchst gespannter Atmosphäre: ein solcher Vorgang mochte den Hütern der überlieferten Geld- und Währungsvorstellungen wohl seltsam scheinen. In Wirklichkeit war die Möglichkeit und Rationalität einer solchen Geldverfassung und Währungspolitik längst von einem wachsenden Teil der Forscher erkannt. Das eine freilich konnte nicht als notwendig aus irgendwelchen Vordersätzen deduziert werden: daß in der grauenhaften Schwäche und Zersetzung, in die sich Deutschland am Ende des Ruhrkrieges gestürzt sah, sich eine Handvoll Männer aus den verschiedensten Parteilagern fand, die sich weder um Doktrinen noch um Interessen, auch die mächtigsten nicht, bekümmerten, sondern mit dem Einsatz ihres Lebens um des Staates willen taten, was die Stunde forderte und damit das Reich vor neuem Bürgerkrieg und gänzlicher Auflösung noch einmal bewahrten. Will man durchaus an ein Wunder der Rentenmark glauben, so suche man es hier.