Seit mehreren Monaten wird die deutsche Öffentlichkeit durch die Wendung beunruhigt, die in den Zahlen des deutschen Außenhandels seit dem vorigen Herbst zu bemerken ist. Die fünf Monate Januar bis Mai zeigen einen Einfuhrüberschuß von rund 1½ Milliarden RM, ebenso wie die sechs Monate November 1926 bis April 1927. Auf das Jahr umgerechnet ergibt sich bei Andauer dieser Verhältnisse ein Einfuhrüberschuß von mindestens rund 3½ Milliarden RM, der um rund 1½ Milliarden RM Dawes-Zahlungen vermehrt einen Devisenbedarf von 5 Milliarden RM anzeigen würde.
Was an Einnahmen aus Verkehrs- und anderen Dienstleistungen zur Verfügung steht, wird, nach den Aufstellungen des Statistischen Reichsamtes[1], schwerlich einen erheblichen Beitrag zur Lösung dieses Deckungsproblems liefern (1926 rund 300 Mill. RM). Der Hauptteil wird vermutlich durch den Zinsendienst bestehender Anleihen und anderer deutscher Wertpapiere im Besitz des Auslandes aufgewogen (nach den Schätzungen des Statistischen Reichsamtes 1926 netto 180 Mill. RM). Es bleiben zur Ausfüllung der Lücke: Sachleistungen im Reparationsverfahren, die aber kaum mehr als 600 Mill. RM ausmachen werden (1926: 574 Mill. RM), Erwerb deutscher Grundstücke und Unternehmungen durch das Ausland, Auslandskredite und Auslandsanleihen, endlich Verminderung der Reserven an Auslandsguthaben.
Daß die Reichsbank rund 1 Milliarde RM solcher Reserven in fünf Monaten verloren hat, ist bekannt; aber es ist noch nicht einmal sicher, ob diese Goldabflüsse nicht zum großen Teil zur Deckung eines Devisenbedarfs notwendig wurden, der in unserer Rechnung nicht eingeschlossen ist. Wenn in der Tat, wie die Reichsbank anzunehmen scheint, mehrere hundert Mill. RM als ausländischer Gewinn aus der Effektenspekulation an den deutschen Börsen in diesen Monaten abgezogen worden sind, so verringert sich in gleichem Maße der Beitrag, den die Reichsbank zur Deckung des Einfuhrüberschusses und des Dawes-Transfers leisten konnte.
Auf der anderen Seite ist es wahrscheinlich, daß die Handelsstatistik die Einfuhr zu hoch, die Ausfuhr zu niedrig erscheinen läßt. Das Statistische Reichsamt selber hat für das Jahr 1926 die wirkliche Einfuhr um 3% niedrigerr, die wirkliche Ausfuhr um 1½% höher geschätzt als die monatlich ausgewiesene. Legt man dieselbe Annahme für das Jahr 1927 zugrunde, so ergibt sich, bei Andauer des gegenwärtigen Verhältnisses, eine monatliche Mindereinfuhr von 33 Mill. RM, eine monatliche Mehrausfuhr von 12 Mill. RM. Der monatliche Einfuhrüberschuß vermindert sich also um 45 Mill. RM von 308 auf 263 Mill. RM, das heißt um rund 14%. Auf das Jahr umgerechnet ergibt sich auf dieser Grundlage eine Verminderung der Passivität um nicht weniger als 540 Mill. RM.
Da das Statistische Reichsamt nur den wahrscheinlichen, nicht den möglichen Fehler angibt, kann dieser Betrag sich leicht um ein paar hundert Millionen nach oben oder unten verändern. In jedem Fall, kann man annehmen, bleibt ein Devisenbedarf von rund 3½ Milliarden RM aus Waren- und Dienstleistungen an das Ausland ungedeckt. Einige hundert Millionen sind davon durch einen nicht beliebig oft wiederholbaren Prozeß bereits aus Devisenreserven zur Verfügung gestellt. Der Rest wird in der Hauptsache durch Zunahme der Auslandsverschuldung über den gegenwärtigen Stand von rund 5 Milliarden RM gedeckt werden müssen — vorausgesetzt daß die Passivität des Außenhandels auf der Höhe der ersten fünf Monate bleibt.
Angesichts dieser Lage haben sich in Politik und Publizistik zwei Lager widerstreitender Meinungen gebildet. Die einen sehen in einem Einfuhrüberschuß von rund 3 Milliarden RM, abgesehen von allen Dawes-Zahlungen, ein Zeichen schlechter Wirtschaft. Deutschland, so argumentiert auch Gustav Stolper in seinem „Deutschen Volkswirt“[2], verbraucht zu viel und produziert zu wenig. „Das Defizit der Handelsbilanz, das mit laufenden Schulden bezahlt wird, bedeutet nichts anderes, als daß wir alle, Reich, Länder, Gemeinden und Bürger, über unsere Verhältnisse leben, daß wir durch ein bedenkliches Borggeschäft künstlich den gemeinsamen Nahrungsspielraum erweitern.“ Die andere Schule, deren Wortführer der Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius (in seiner letzten Hamburger Rede), und der Handelsteil der „Frankfurter Zeitung“[3] sind, sieht keine Gefahr.
Für sie ist der Einfuhrüberschuß der natürliche und notwendige Ausdruck der Tatsache, daß Deutschland ein Schuldnerland geworden ist. Kapitaleinfuhr aber bedingt nach ihnen ein Mehr an Wareneinfuhr. Im Notfall bleibt die stets wirksame Waffe der Diskontpolitik.
Es ist leicht zu sehen, daß die zweite Meinung auf einem Trugschluß beruht. Sie setzt voraus, was sie beweisen sollte: daß nämlich Deutschland ein Kapitaleinfuhrland sein muß, und daß es sich bei der deutschen Mehreinfuhr um die Mehreinfuhr an Kapitalgütern handelt. Daß die Behauptung nicht zutrifft, ein Kapitaleinfuhrland habe notwendig eine passive, ein Kapitalausfuhrland ebenso notwendig eine aktive Handelsbilanz, ist bereits von Gustav Stolper bemerkt worden. Doch verfällt er in den entgegengesetzten Fehler, wenn er die Umkehrung der These der „Frankfurter Zeitung“ für richtig hält. In Wirklichkeit gibt es Fälle aller vier Möglichkeiten. Ein amerikanischer Schriftsteller, Boggs, hat sie auf einleuchtende Art folgendermaßen gegliedert:[4]
- Werdendes Schuldnerland: Kapitaleinfuhr, Passivität der Handelsbilanz;
- gesättigtes Schuldnerland: Kapitaleinfuhr, Aktivität der Handelsbilanz;
- werdendes Gläubigerland: Kapitalausfuhr, Aktivität der Handelsbilanz;
- gesättigtes Gläubigerland: Kapitalausfuhr, Passivität der Handelsbilanz.
Der Übergang vom ersten zum zweiten Stadium besteht in dem Überwiegen der Zinszahlungen über die Neuaufnahme ausländischen Kapitals. Es fragt sich, wann Deutschland fähig sein wird diesen Schritt zu tun. Es fragt sich aber vor allem, ob Deutschland ein Schuldnerland sein muß.
Soweit Dawes-Zahlungen zu machen sind, ist die Frage einigermaßen leicht beantwortet. Internationale Tribute, das wird die Erfahrung der letzten Jahre wohl auch denen deutlich gemacht haben, die auf Grund ihrer Lehrmeinungen zu anderen Schlüssen geneigt waren, können von einem Land von der Struktur und in der Lage Deutschlands dauernd nur in dem Maße geleistet werden, wie Kapitalüberschüsse zur Anlage im Ausland bestehen. Hält sich die Lebenshaltung der Masse eines tributfähigen Landes auf einem sehr hohen Stande, so werden sich hier Abstriche erzielen lassen, die auf irgendeinem Wege die Tributfähigkeit vergrößern. Im Falle Deutschlands würden die Tributzahlungen aus dem Masseneinkommen erstens dem Sinn des Dawes-Plans widersprechen, der dem deutschen Arbeiter eine angemessene Lebenshaltung sichern will; sie würden zweitens die dauernde Aufbringung der Lasten gefährden; denn nur auf der Grundlage eines breiten tragfähigen Inlandsverbrauches können exportkräftige Industrien sich behaupten.
Daß aber die Kapitalbildung, wie groß sie auch immer gegenwärtig veranschlagt werden mag, nicht ausreicht, um neben demjenigen inneren Bedarf, der zur Beschäftigung aller Arbeiter und zur Erhaltung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit erforderlich ist, auch Auslandsanlagen größeren Umfangs möglich zu machen, liegt auf der Hand. Schon vor dem Kriege war der Spielraum der deutschen Kapitalausfuhr sehr gering: mit 300 bis 400 Mill. RM rechnet ein zuversichtlich gestimmter Autor wie Sartorius Freiherr von Waltershausen[5] und mir selber ist zweifelhaft, ob nicht diese langbefristete Kapitalausfuhr oft ihren Gegenposten in einer Zunahme der kurzfristigen Verschuldung an das Ausland gefunden hat.[6] Daß die deutsche Kapitalausfuhr im Jahresdurchschnitt des Jahrzehnts vor dem Kriege nicht erheblich größer als 400 Mill. M gewesen sein kann, zu heutigen Preisen rund 560 Mill. RM, kann als richtig angenommen werden. Es braucht nicht dargelegt zu werden, welche Umstände diesen Posten heute auf Null reduziert haben.
Daß gelegentlich auch in der jüngsten Vergangenheit deutsche Kapitalausfuhr zu bemerken war[7], spricht nicht dagegen: es handelt sich um die zeitweilige oder dauernde Rückübertragung eines Teils der deutschen Kapitaleinfuhr, die durch die besonderen Konjunkturverhältnisse des Vorjahres und ihre Nachwirkungen möglich wurde. Auch in naher Zukunft wird, vielleicht, in Stockungszeiten, ebenso wie in der ersten Hälfte 1926, die Einfuhr bei wachsender Ausfuhr so zurückgehen, daß die Passivität der Handelsbilanz sich vermindert, vielleicht sogar wieder in Aktivität übergeht. Stockungszeiten pflegt eben Kapitalausfuhr eigentümlich zu sein. Sie allein werden, wenn nicht der deutschen Wirtschaft aus irgendeinem Grunde ein ungeheuerliches Übergewicht im internationalen Wettbewerb erwächst,[8] Transferüberschüsse aus eigener Wirtschaft möglich machen. In einer Aufschwungsphase wird für absehbare Zeit ein Transfer nur aus Kapitaleinfuhr möglich sein.
Hiermit ist indessen noch nicht die Frage beantwortet ob, abgesehen von diesen Dawes-Zahlungen, die internationale Kapitalbilanz für Deutschland mit einem Einfuhrüberschuß abschließen muß. Warum soll es nicht möglich sein, den deutschen Kapitalbedarf ganz oder fast ganz im Inland zu decken?
In den acht Jahren vor dem Kriege pflegten an Obligationen in Deutschland jährlich 2 Milliarden M aufgelegt zu werden, an Aktien im Durchschnitt 500 Mill. M (nominal). Von diesen 2½ Milliarden M entfallen etwa 200 Mill. M auf ausländische Staatspapiere. Hierzu kommen etwa 100 Mill. M andere Auslandseffekten. Im Jahre 1926 aber sind nach einer Statistik der Reichs-Kredit-Gesellschaft 4,6 Milliarden RM Wertpapiere an inländischen Kapitalmärkten untergebracht worden, darunter 1,3 Milliarden RM Aktien. Rechnet man die Vorkriegsemissionen zum gegenwärtigen Preisstand um, so ergeben sich, einschließlich der Auslandsinvestitionen, 3,5 Milliarden RM. Es ist nicht bekannt, welcher mögliche Teil jener 4,6 Milliarden RM durch ausländische Erwerber gezeichnet worden ist.
Auch muß bedacht werden, daß ein sehr wesentlicher Teil der Aktien mit Hilfe von Bankkrediten (vielfach ausländischen Ursprungs), statt aus Sparmitteln übernommen worden ist. Jenen 1,3 Milliarden RM Aktien steht eine Vermehrung der Reportgelder um 600 Mill. RM allein bei sechs Berliner Großbanken gegenüber. Vergegenwärtigt man sich, daß auch unter den Debitoren Effektenspekulationskredite ausgewiesen (richtiger wäre zu sagen: versteckt) werden, und setzt man die entsprechenden Kredite der übrigen deutschen Staats- und Privatbanken auch nur mit einem sehr bescheidenen Betrag an, so wird man finden, daß nur ein kleiner Teil der Aktienemissionen dieses Jahres aus Sparmitteln aufgenommen worden sein kann. Auch vor dem Kriege ist ein erheblicher Teil der Emissionen zunächst von der Börse mit Hilfe von Bankkrediten aufgefangen worden. Aber es ist schwerlich mehr als ein Drittel der Aktienbegebungen auf solche Weise bewerkstelligt worden.
Immerhin stehen, auch wenn man diese Wandlungen berücksichtigt, jenen 3,6 Milliarden M jährlicher Vorkriegsemissionen gegenwärtigen Preisstandes fast ebensoviel Wertpapiere gegenüber, die im Jahre 1926 von inländischen Kapitalisten gekauft worden sind. Es scheint demnach, daß die Beschaffung industriellen Anlage-Kapitals aus inländischen Mitteln — bei ganz ungenügender Effektivverzinsung! — im allgemeinen nicht viel schlechter gestellt ist als vor dem Kriege, und dies Argument verstärkt sich noch, wenn beachtet wird, daß die Kapitalbildung im eigenen Unternehmen, aus Erträgen statt aus Einkommen, also unter Umgehung des Aktienmarktes, nach dem Kriege relativ sehr viel stärker ist als früher.
Es steht mit der Betriebskapitalversorgung nicht viel schlechter, wenn man die gesamten Kreditoren der Banken als Maßstab wählt: Ende April 1927 betrugen sie bei den sechs Berliner Großbanken 6,55 Milliarden RM gegen 5 Milliarden M Ende April 1913, zum heutigen Preisstand rund 7 Milliarden RM. Von dem heutigen Betrag sind allerdings sehr erhebliche Summen ausländischer Mittel abzuziehen,[9] — wie große, wird wenigstens die Reichsbank erfahren, sobald die Zusatzfragebogen zum Schema der Zweimonatsbilanzen beantwortet worden sind. Ein sehr erheblicher Teil dieser Auslandsmittel ist zur Finanzierung der Effektenspekulation verwendet worden und scheidet also als Beitrag zur Versorgung von Handel und Gewerbe mit Betriebs- und Umsatzkredit ganz oder teilweise aus.
Die Kapitalbasis der deutschen Volkswirtschaft, mindestens der deutschen Industrie, erscheint im Lichte dieser Zahlen weniger geschwächt als es gemeinhin angenommen wird. Einfuhrüberschüsse aus Anlaß unzulänglicher Kapitalversorgung scheinen also nicht angezeigt. Es stimmt mit dieser These gut zusammen, daß die vielbeklagte neuerliche Passivität der Handelsbilanz sich zahlenmäßig nicht erheblich von der Vorkriegspassivität entfernt, die für ein Kapitalexportland ausgewiesen wurde. Einer jährlichen Passivität von 3 Milliarden RM (gerechnet auf der Basis der letzten fünf Monate; legt man das Jahr Juni 1926 bis Mai 1927 zugrunde, so ermäßigt sich der Betrag auf etwa 2 Milliarden RM) steht, auf Gegenwartspreise umgerechnet, ein Vorkriegseinfuhrüberschuß von 2,7 Milliarden im Jahre 1909, von 2,0 Milliarden im Jahre 1910, von 2,2 Milliarden im Jahre 1911, von 2,4 Milliarden im Jahre 1912 gegenüber, vorausgesetzt, daß man die Vorkriegszahlen als verläßlich betrachten kann. Vergleicht man beispielsweise das Jahr 1910 in Einfuhr und Ausfuhr, so erhält man, zum heutigen Preisstand umgerechnet, eine Einfuhr von 12,5 Milliarden gegen 12,9 Milliarden 1927 (auf Grundlage der ersten fünf Monate), und eine Ausfuhr von 10,5 Milliarden gegen 9,6 Milliarden im Jahre 1927.
Das Größenspiel dieser volkswirtschaftlichen Vorgänge ist also in erstaunlichem Maße konstant geblieben. Von einer bedrohlichen Zunahme des Verbrauchs kann keine Rede sein, abgesehen von einigen Exzessen im Gefolge der phantasmagorischen Effektenhausse. Verändert aber hat sich von Grund auf die Stellung der Handelsbilanz im Gefüge der Zahlungsbilanz: war vor dem Kriege der Einfuhrüberschuß durch die Einnahmen aus Zinsen und Dividenden ausländischer Kapitalanlagen zu decken, so fressen heute eigene Zinsverpflichtungen mehr als die Hälfte unserer Transporteinnahmen, des wichtigsten Aktivpostens unserer weltwirtschaftlichen Leistungsbilanz. Der Aufbau der Volkswirtschaft und ihre Anpassung an die weltwirtschaftlichen Verhältnisse haben sich gewandelt, aber dank dem ungeheuren Beharrungsvermögen sozialer Gebilde auch in höchst labilen Verhältnissen nicht von Grund auf geändert. Wohl aber ist ein höchst wichtiges Einzelorgan der Volkswirtschaft zu einer völlig anderen Art der Leistung gezwungen: die Besitztitel Deutschlands an ausländischem Eigentum sind durch politische Gewaltakte zerstört und können also zur Finanzierung des Einfuhrüberschusses nichts mehr beitragen. Hieraus folgt, unter anderem, daß dem Instrument der Diskontpolitik heute ganz andere Wirkungsweisen und Grenzen vorgeschrieben sind als vor dem Kriege. Damals konnte eine zeitweise übermäßige Passivität durch Anlocken schwebender Kapitalien gefahrlos ausgeglichen werden. Heute handelt es sich um einen langdauernden, wahrscheinlich chronischen Zustand, der die Anwendung langfristig wirkender Mittel verlangt.
Deutschland steht also vor der Wahl, ob es seine Volkswirtschaft auf einer ganz neuen Grundlage in der Weise aufbauen will, daß es aus eigenen Mitteln leben kann, oder ob es seine überlieferte Struktur so lange mit Hilfe einer riesenhaften Kapitaleinfuhr behaupten will, bis eine andere Art der Deckung seines Deviseneigenbedarfs gefunden ist. Wer sich mit der Mehrheit der Staats- und Wirtschaftsführer für den zweiten Weg entscheidet, weil das erste Mittel entweder planwirtschaftlichen Neubau oder beständige Kontraktionskrisen erfordert und weil nur auf diesem zweiten Wege die totale Beschäftigung der deutschen Arbeitskräfte in absehbarer Zeit möglich scheint, wird sich darüber nicht im unklaren bleiben dürfen, daß hiermit die Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft von ausländischen Staats- und Wirtschaftsmächten von Jahr zu Jahr gesteigert wird; und daß es gegen die Gefahren dieser Lage nur die Schutzmittel gibt, über die ein seiner Lage bewußter Schuldner großen Stils gegenüber der Schar seiner Gläubiger eben infolge der Stärke ihrer Gläubigerinteressen in der Regel verfügen kann.
- [1] Vgl. Wirtschaft und Statistik 1927, Seite 423.
- [2] Vgl. Nr. 41 vom 8. Juli 1927.
- [3] Vgl. Abendblatt vom 2. Juli 1927. Das Blatt hat versucht, seinen Standpunkt dadurch haltbarer zu machen, daß es seine Aussage nicht auf die Handelsbilanz im engeren Sinn bezieht (Abendblatt vom 15. Juli), sondern auf die „unsichtbaren Exporte“ (aus Verkehr, Versicherung, Kommissionshandel) erweiterte — ohne Glück, denn auch hier ergibt sich z. B. für England, ein Kapitalausfuhrland, eine Passivität von 29 Mill. £ in 1913, 207 Mill. £ in 1925[4].
- [4] In der Anordnung von Hermberg („Volkswirtschaftliche Bilanzen“, Leipzig 1927, Seite 52 ff.).
- [5] Vgl. Volkswirtschaftliches System der Kapitalanlage im Ausland, Berlin 1907, Seite 104.
- [6] Vgl. Singer: Die deutsche Auslandsverschuldung, „Wirtschaftsdienst“ 1922, Seite 660 ff.; dazu, zustimmend, Moulton and Guire, Germany's Capacity to Pay, New York 1923.
- [7] Vgl. darüber den letzten Teilbericht des Reparationsagenten, Seite 66 ff.
- [8] Vgl. dazu Keynes' Aufsatz im vorigen Heft des „Wirtschaftsdienst“, Seite 1041 ff.
- [9] Die Banken repräsentieren jetzt freilich infolge von Angliederungen einen relativ größeren Kundenkreis.