Nichts scheint näher zu liegen als der Gedanke, die Wirtschaftslage der einzelnen Glieder der Weltwirtschaft Jahr für Jahr in knapper Charakteristik festzuhalten. Der Praktiker würde ein solches „Welttagebuch“ ebenso nützlich finden wie der Forscher und der Politiker, der auf seinem eigensten Gebiet bereits über ähnliche Instrumente verfügt. Wenn der Gedanke dennoch nicht früher verwirklicht worden ist, so mag die Ursache in zwei Umständen gesucht werden: erstens, daß ein solches Unternehmen die Kräfte eines einzelnen übersteigt, und zweitens, daß es auch dort beherzten Zugriff fordert, wo die Mehrzahl der Forscher noch nicht zu hinreichender Übereinstimmung gelangt ist.
Amerika hat auch hier die Mittel und den Mut gehabt, und so liegt, herausgegeben vom National Bureau of Economic Research, ein Band „Business Annals“[1] vor, der für 17 Länder Konjunkturübersichten gibt, zum Teil bis ins Ende des 18. Jahrhunderts hinaufreichend, aus der Feder Dr. W. L. Thorps, klar geschrieben und übersichtlich gedruckt und mit einer sehr lehrreichen Einführung Prof. Wesley C. Mitchells versehen, die eine Anleitung zum Gebrauch der Annalen gibt und einige Schlüsse aus den Ergebnissen zieht — mit der männlichen Unbefangenheit und der umständlichen Genauigkeit, die das Charakteristikum amerikanischer Forschung zu werden scheint. Ein zweiter Band statistischer Materialien soll folgen, sobald die beträchtlichen Summen gesichert sind, die zur Drucklegung sämtlicher verfügbaren Konjunkturdaten eines Jahrhunderts erfordert werden. Jeder Wirtschaftsforscher wird den Herausgebern dankbar sein, daß hiermit für die Konjunkturforschung etwas geleistet wird, was mit einiger Übertreibung den babylonischen Sternbeobachtungstafeln im Anfang der Astronomie verglichen werden könnte: man hat bisher argumentiert, jetzt kann man messen.
Bevor man aber zählt und mißt, ist es gut, einen Augenblick der Frage zu widmen, ob denn das feststeht, was hier gezählt und gemessen werden soll. Dr. Thorp hat alle ihm verfügbaren Berichte und Statistiken herangezogen; seine Bibliographie umfaßt 20 Seiten und ist ziemlich reichhaltig, vor allem im Fall Großbritanniens und der Vereinigten Staaten; bei Deutschland fehlen allerdings die Arbeiten von Spiethoff, Eßlen, Feiler.[2] Keine vorgefaßte Meinung scheint ihn bei der Auswahl der Daten zu leiten. Aber er sagt uns auch nicht, wie er Depression und Prosperität, Erholung und Rückgang definiert, die für ihn die vier typischen Hauptphasen der Konjunkturbewegung darstellen. Wir erfahren nur, daß er für jedes Land andere Maßstäbe anwendet, und daß er besonderen Wert auf das Bild legt, das sich die Zeitgenossen von der Wirtschaftslage der einzelnen Jahre selber gemacht haben. Das alles ist wohlbegründet, aber es schränkt die Möglichkeit exakter Zählungen und Messungen empfindlich ein.
Für die Vereinigten Staaten allerdings ergibt sich eine fast völlige Übereinstimmung der Thorpschen Charakteristiken mit den beiden Indizes der allgemeinen Wirtschaftslage, die im Jahre 1926 für den ganzen Zeitraum 1875 bis 1925 verfügbar waren: dem Index der American Telephone and Telegraph Company und dem Carl-Snyder-Index. (Sie scheinen diesen Indizes sogar überlegen, denn sie erlauben eine genauere Bestimmung der Konjunkturphase als das bloße Auf und Ab der Indexkurve.) Vergleicht man aber die Thorpsche Charakteristik des deutschen Wirtschaftsverlaufs 1860 bis 1914 mit der von Spiethoff im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften“, 4. Auflage, gegebenen, so ergeben sich in 55 Jahren immerhin nur zehn Abweichungen, zum Teil geringerer Art.
Bei diesem Vergleich ist folgende Gleichsetzung zugrunde gelegt:
|
Business Annals |
Spiethoff |
|---|---|
| Depression | Niedergang |
| Revival | 1. Anstieg2. Anstieg |
| Prosperity | Hochschwung |
| Recession | Kapitalspannung |
Ein Teil der Abweichungen erklärt sich daraus, daß die Business Annals auch vorübergehende Bewegungen im Verlauf eines Jahres registrieren, so im Jahre 1870 den Rückgang nach Kriegsausbruch, während Spiethoff Andauer des Hochschwungs feststellt. Andere Differenzen rühren daher, daß Spiethoff den Eisenverbrauch als Hauptmerkmal für das Maß der Wirtschaftsexpansion benutzt, und von Hochschwung dort redet, wo der Eisenverbrauch den Höchststand der letzten Konjunkturperiode übersteigt, während Dr. Thorp die Fertigindustrie und den Beschäftigungsgrad, aber auch die Preisbewegung stärker berücksichtigt. So stellt Spiethoff 1863/64 Hochschwung fest, während Thorp mäßige Prosperität sieht. Das Jahr 1877 aber erscheint Spiethoff als Zeit des Niedergangs, wie 1876 und 1879, während Thorp vorübergehende Erholung anzeigt; der Eisenverbrauch fällt aber in diesem Jahr noch immer, wenn auch die Senkung der Eisenproduktion zum Stillstand gekommen ist. Umgekehrt verzeichnet 1880 Spiethoff zweiten Anstieg, während Thorp „recession and mild depression“ feststellt, trotz der Preissteigerung von 94,5 auf 105,5 (Schmitz) und der kräftigen Produktionsbelebung. In ähnlicher Weise weichen die Deutungen für 1884 bis 1886 ab: bei Spiethoff erster Anstieg, bei Thorp Depression; erklärlich aus dem Nebeneinander stark fallender Preise und erheblich steigender Produktions- und Verbrauchszahlen. Überhaupt ist fast überall die Charakteristik der Business Annals schwächer, die ungünstigen Momente betonend, wie dies bei der starken Berücksichtigung der Stimmung der Zeitgenossen notwendig sein muß. Sie sehen 1896 mäßige Prosperität, 1903 revival, 1904 mild prosperity, recession, depression, während für Spiethoff in allen diesen Jahren die Bedingungen des „Hochschwungs“ erfüllt waren. So kommt es, daß die Business Annals von 1847 bis 1913 zwölf Rückgänge zählen, Spiethoff acht: die Konjunkturen erscheinen danach kurzwelliger als sie bisher gesehen wurden, dem amerikanischen Konjunkturrhythmus mehr angeähnelt; ich zweifle ob mit Recht. Es mag zutreffen, daß der größte Teil der Schriftsteller, angezogen durch das pathetische Schauspiel der Krisen, die weniger katastrophalen Rückgänge zu übersehen neigt. Aber es ist falsch, jedes Nachlassen der Aktivität als Abebben der Konjunktur zu deuten, auch wenn Erzeugung und Verbrauch auf einem sehr hohen Stand bleiben; Mitchell selbst gibt zu, daß die Basierung der Charakteristik auf die Urteile der Zeitgenossen das Begehen dieses Fehlers nahelegt.
Man muß, wie man sich auch entscheidet, sich dieser notwendigen Schwierigkeiten bei der Bestimmung der gewählten Einheiten erinnern, wenn man die Schlüsse würdigen will, die Mitchell aus den Feststellungen Dr. Thorps zieht. Die wichtigsten sind negativ: die Konjunkturbewegungen sind zyklischer Natur, das heißt sie zeigen regelmäßige Wiederkehr ähnlicher Zustände, aber sie sind nicht periodisch, denn die Wiederkehr ist nicht an feste Zeitabstände gebunden.
Für die Vereinigten Staaten stellt Mitchell von 1796 bis 1923, von Krise zu Krise gerechnet, 14 Zyklen von 2 bis 16 Jahren fest, mit einer Durchschnittslänge also von 8 6/7 Jahren. Schließt man dagegen von Rückgang zu Rückgang, auch wenn das Abebben nicht mit krisenhafter Heftigkeit erfolgt, so ergeben sich 32 Zyklen, mit einer Durchschnittsdauer von nicht ganz vier Jahren. Am häufigsten sind dreijährige Zyklen; es kommen ein- bis neunjährige vor; aber zwei Drittel aller beobachteten Fälle zeigen drei- bis fünfjährige Dauer. Für England ergibt sich im Zeitraum 1793 bis 1920 eine Zahl von 22 Zyklen, mit einer Durchschnittsdauer von 5 ¾ Jahren. In Deutschland zählt Mitchell von 1848 bis 1925 15 Zyklen, mit einer Durchschnittslänge von fünf Jahren, gegen 6 ½ Jahre in England und vier Jahre in den Vereinigten Staaten im selben Zeitraum. Teilt man ihn in zwei gleich große Teile, so ergibt sich für Deutschland eine Abnahme von 6 auf 4,38 Jahre, für England eine Verlängerung von 4,92 auf 7 Jahre, für Amerika Konstanz der Längen. Zieht man diejenigen „Rückgänge“ ab, die uns problematisch scheinen, so fallen von 1848 bis 1890 drei Zyklen fort, von 1890 bis 1913 ein Zyklus, und so ergibt sich in beiden Zeiträumen eine Durchschnittslänge von rund acht Jahren. Der Zeitraum 1914 bis 1925 scheint mir von den früheren so verschieden zu sein, daß dem Ziehen eines Durchschnitts wohl ein rechnerischer aber kein wirtschaftlicher Sinn beigelegt werden kann.
Die Unterscheidung von Aufschwungs- und Stockungsspannen ist Mitchell, wie es scheint, nicht bekannt. Um so wichtiger ist es, daß er, ganz unabhängig von Spiethoffs Einteilung[3] durch Auswertung der Thorpschen Ergebnisse dazu kommt, sowohl für England wie für die Vereinigten Staaten Perioden relativ längerer Aufschwungsdauer von solchen relativ längerer Stockungsdauer statistisch zu unterscheiden. Er setzt sie in Beziehung zum Steigen und Fallen des Preisstandes (säkular betrachtet), für dessen Funktion er sie zu halten scheint. Mir scheint das Verhältnis von Ursache und Wirkung nicht so leicht bestimmbar.
Tabelle 2
Verhältnis der Länge der Prosperitätsjahre zu denen der Depressionsjahre
| - |
England |
Ver. Staaten |
Preise |
|---|---|---|---|
| 1790—1815 | 1,0 | 2,6 | steigend |
| 1815—1849 | 0,9 | 0,8 | fallend |
| 1849—1873 | 3,3 | 2,9 | steigend |
| 1873—1896 | 0,4 | 0,9 | fallend |
| 1896—1920 | 2,7 | 3,1 | steigend |
Im Durchschnitt der ganzen Zeit ergibt sich ein leichtes Überwiegen der Prosperitätsjahre — aber längere Zyklendauer für die Zeiten überwiegender Depressionsjahre. „Revival“ und „Recession“ machen im Durchschnitt zusammen genau ein Viertel der Zyklenlänge aus. Daß es nicht immer leicht und zweifelsfrei ist, zu entscheiden, wann die Depression in Erholung übergeht, wird an dieser Stelle von Mitchell ausdrücklich bemerkt.
Diese und ähnliche Vorbehalte gelten auch von den Ergebnissen, zu denen er hinsichtlich der internationalen Gleichzeitigkeit der Wirtschaftszyklen gelangt. Das Hauptergebnis ist auch hier negativ. Von 1890 bis 1925 ist für die betrachteten 17 Länder kein einziges Jahr aufzeigbar, in dem für alle die gleiche Konjunkturphase besteht. Um nur ein Beispiel zu wählen: das Jahr 1910 zeigte Depression in Österreich, Italien und Argentinien, Erholung in Deutschland (erstes Halbjahr), Schweden, Indien und Japan (erstes Halbjahr), Prosperität in England, Frankreich, Deutschland (zweites Halbjahr), Rußland, Holland, Argentinien, Brasilien, Kanada, Südafrika, Australien, Japan (zweites Halbjahr), Rückgang in den Vereinigten Staaten und in China. Starke Ähnlichkeiten der Bewegung sind aber nicht zu verkennen: Von den 17 Staaten zeigen Rückgang: 1890: 10, 1900: 15, 1907: 15, 1912: 12, 1920: 14. Das letztgenannte Jahr bedeutet vielleicht den Fall der größten Übereinstimmung, denn die „abweichenden“ Volkswirtschaften sind hier die Revolutions- und Inflationsländer Deutschland, Österreich und Rußland. Von 1890 bis 1925 zählen an abgeschlossenen Zyklen: 6 Länder 5, 5 Länder 6, 5 Länder 7, 1 Land 10. Am stärksten zeigt sich, wie zu erwarten war, die Verbundenheit Englands mit der Konjunktur anderer Länder. Zwischen England und Deutschland besteht im Zeitraum 1867 bis 1925 völlige Übereinstimmung in 54%, teilweise Übereinstimmung in 34%, gegenläufige Bewegung in 12% der Jahre. Für Österreich und die Vereinigten Staaten dagegen ist das Verhältnis 3% : 39% : 31%. So wenig es einen Normalzyklus der Wirtschaft gibt, außer in den Köpfen der Betrachter, so wenig gibt es — bisher — eine einheitliche Weltkonjunktur. Fortschritte allerdings in dieser Richtung sind zu verzeichnen. Die Uniformisierung der Erde wächst. Schon das Vorhandensein und das Vorgehen dieses Buches ist ein Zeichen davon.