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Das Bureau of Foreign and Domestic Commerce, eine Abteilung des Wirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten, legte die sechste Jahresschätzung der amerikanischen Zahlungsbilanz vor[1] — ein Heft von 56 enggedruckten, mit Fakten und Zahlen beladenen Seiten, weitaus die gründlichste jährliche Veröffentlichung dieser Art, mit einem energischen Vorwort Herbert Hoovers und einem verdienstlichen Nachtrag begrifflicher Erläuterungen, der überalterte Vorurteile über den Sinn internationaler Bilanzen wegzuräumen bestimmt ist. Die Arbeit ist auch darin vorbildlich, daß sie jeden Schein erschlichener Bestimmtheit meidet. Sie gibt Schätzungen als Schätzungen, nennt in jedem Fall die Quelle der Unterrichtung oder die Grundlage der Urteilsbildung und zieht alle praktisch verfügbaren Daten heran, die der Ermittlung des wirklichen Sachverhalts dienen könnten. Es wäre unbillig, beim gegenwärtigen Stand der Dinge mehr zu verlangen. Zwar bestehen noch erhebliche Lücken, die Quellen fließen nicht gleichmäßig und der Spielraum statistischer Phantasie bleibt bedeutend. Was aber geleistet ist, wird nur der ermessen können, der selber ähnliche Untersuchungen vorzunehmen hatte. Wenn die amerikanische Statistik fehlerhaft ist, so liegt die Hauptursache heute im Fehlen ähnlich gründlicher Veröffentlichungen des Auslandes, die eine Gegenprobe auf die amerikanischen Behauptungen abgeben könnten.

Dieses Urteil steht in striktem Gegensatz zu Meinungen, die häufig in der publizistischen Debatte geäußert werden. Man behauptet, die Zahlungsbilanz des amerikanischen Wirtschaftsministeriums sei durch wirtschaftspolitische Absichten entstellt. Herr Hoover wolle beweisen lassen, daß kein Anlaß bestehe, die Abkommen über die Interalliierten Schulden zu ändern oder den Hochschutzzoll abzubauen. Daher die Überschätzung einiger Passivposten, zum Beispiel der Auslandsausgaben amerikanischer Touristen und der Heimatsendungen früherer Einwanderer, und einiger Aktivposten, wie der amerikanischen Kapitaleinfuhr, die in erstaunlicher Höhe neben der Kapitalausfuhr einhergehen soll. Dieses Argument hebt sich selbst auf. Da es sich um Posten auf beiden Seiten der Rechnung handelt, wäre der angebliche Täuschungsversuch mit den untauglichsten Mitteln angelegt. Es liegt aber überhaupt kein Grund vor, in diesem Fall an die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Tendenzen zu glauben, denn der strittige Posten: „Einnahmen aus den Interalliierten Schulden“ ist in der Tat zu unbeträchtlich, als daß man sich über die Möglichkeiten seines Empfangs im Rahmen der amerikanischen Zahlungsbilanz Gedanken zu machen hätte: gegenwärtig 206 Mill. $, im Höchstfall, nach etwa 60 Jahren, das Doppelte, sind ohne Belang angesichts einer Wareneinfuhr von 4489 Mill. $, von anderen Posten der Rechnung vorerst zu schweigen. Es wäre zweifellos für die Entfaltung der Weltwirtschaft besser, die Vereinigten Staaten entschlössen sich zur Streichung dieses Postens, der die Regierung der Reparationsfragen hemmt und also Anlaß zu ganz wirtschaftswidrigen Kapitalströmungen und Gegenströmungen gibt. Von der amerikanischen Zahlungsbilanz her aber läßt sich dieses Problem durchaus nicht aufrollen.

Daß trotzdem der Zweifel an der Richtigkeit der amerikanischen Aufstellungen nicht zur Ruhe kommen will, erklärt sich unschwer aus älteren Denkgewohnheiten. Von den Vorkriegszeiten her sind uns zwei Typen von Zahlungsbilanzen mit gleichsam kanonischem Ansehen gegenwärtig: die Bilanz des Agrarlandes mit großem Ausfuhrüberschuß und dauernder Kapitaleinfuhr, wie sie die Vereinigten Staaten trotz wachsender Industrialisierung ihrer Wirtschaft vor dem Kriege aufwiesen, und die Bilanz des Industrielandes mit erheblichen Einfuhrüberschüssen und wachsender Kapitalausfuhr, wie sie für England und Deutschland festzustellen war. Von diesen drei Volkswirtschaften hat nur England die Struktur seiner Vorkriegsbilanz im großen und ganzen bewahrt. Die Vereinigten Staaten aber weisen jetzt weiter große Ausfuhrüberschüsse, verbunden mit starker Kapitalausfuhr, auf, während Deutschland beträchtliche Einfuhrüberschüsse mit kräftiger Kapitaleinfuhr verbindet. Bei dem mächtigen Beharrungsstreben von Vorkriegsvorstellungen und -maßstäben gegenüber den neuen Wirklichkeiten des Heute ist es nicht verwunderlich, daß dieser Zustand von vielen als fragwürdig, als unhaltbar, schließlich als unwirklich empfunden wird. Man erwartet demnach in Deutschland eine Wendung der Handelsbilanz zur Aktivität, man glaubt vielfach, sie sei schon im Werden und werde nur durch irgendwelche Fehler der Handelsstatistik verschleiert; man erwartet, parallel dazu, von den Vereinigten Staaten die Wendung zur Passivität der Handelsbilanz und mißtraut den Zahlungsbilanzstatistiken, die kein Anzeichen eines solchen Umschlags erkennen lassen. Man täte besser daran, seine Vorstellungen von den Dingen zu korrigieren. Diese sind vielgestaltiger als die konventionellen Typen der Vorkriegserfahrung.

Die Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten ist durch zwei Faktoren bestimmt: einerseits durch den kolonialen Ursprung und den kontinentalen Charakter der amerikanischen Volkswirtschaft, anderseits durch den Ausgang des Weltkrieges, der nur einen Sieger kennt, wenigstens auf wirtschaftlichem Gebiet — eben die Vereinigten Staaten. Der erste Faktor bewirkt, daß Ausfuhrüberschüsse in beträchtlicher Höhe fortbestehen (Durchschnitt 1911 bis 1913: 586,2 Mill. $; 1927, bei um rund 50 % höheren Preisen, 714 Mill. $; beide einschließlich des Handels mit Edelmetallen), daß aber ein wichtiger Teil des amerikanischen Gesamteinkommens nicht innerhalb der amerikanischen Grenzen verzehrt wird, sondern auf dem Boden des Mutter-Erdteils, der einen Teil des Bedarfs an Möglichkeiten zur Erweiterung des Horizonts, zur Abwechslung im Amüsement, zur Erhöhung des sozialen Prestiges und zur Pflege von Familienerinnerungen reichlicher zu decken gestattet. Zu der amerikanischen Einfuhr an Waren in Höhe von 4489 Mill. $ gesellt sich daher ein Posten Touristenausgaben im Ausland (einschließlich 197 Mill. $ in Kanada und 6 Mill. $ in Mexiko) in Höhe von 770 Mill. $, Einwandererheimsendungen von 241 Mill. $ und Wohltätigkeits-, Missions- und ähnliche Ausgaben von 43 Mill. $. Ob diese enormen Posten nicht überschätzt sind, kann bis zum Vorliegen genauer Gegenposten der wichtigsten „Empfangsländer“ schwerlich entschieden werden. Vor dem Krieg wurden, auf Grund viel vagerer Schätzungen, an Touristenausgaben 200 Mill. $, an Heimsendungen 170 Mill. $ angegeben, ohne Widerspruch zu finden, zu heutigen Preisen etwa die Hälfte der jetzt genannten Summen. Daß diese Posten sich seit dem Kriege, nicht nur dem Nominalbetrag nach, stark erhöht haben müssen, unterliegt keinem Zweifel. Das amerikanische Ministerium glaubt nicht, daß der Fehler eines dieser Posten seiner Zahlungsbilanz 100 Mill. $ beträgt. In keinem Fall wird der Fehler dieser drei Posten 200 Mill. $ erheblich übersteigen.

Berechnet man den Überschuß aller Waren- und Dienstleistungen, einschließlich dieser Posten, sowie der Zinseinnahmen aus privaten und staatlichen Forderungen, aber ohne die Bilanz des Goldhandels, so erhält man, nach unserer Quelle, für das Jahr 1927 einen Saldo zugunsten der Vereinigten Staaten in Höhe von 499 Mill. $ (gegen 131 Mill. $ im Jahre 1926 nach neuer Schätzung; gegen 186 Mill. $ nach alter Schätzung), mehr als 2 Milliarden RM, aber keinen riesenhaften Posten, nämlich um 16% weniger als das Normaljahr der Dawes-Lasten dem besiegten Deutschland mit halber Bevölkerungszahl, überknappem Boden und unzulänglicher Kapitalversorgung aus „Wirtschaftsüberschüssen“ abziehen will. Das Bild wird noch ungünstiger, wenn man lediglich die Bilanz der Waren und Dienste berechnet und also die Einkünfte aus amerikanischen Kapitalanlagen im Ausland ausschließt: es ergibt sich dann für das Jahr 1927 überhaupt kein zur Anlage im Ausland verfügbarer Überschuß, sondern ein Passivsaldo von 221 Mill. $. Im Vorjahr war eine noch stärkere Passivität der Waren und Dienste, nämlich von 411 Mill. $ zu verzeichnen. Es ergibt sich daraus, daß die Ausdehnung der ausländischen Kapitalanlage nur durch die amerikanischen Zinsbezüge aus dem Ausland möglich war, und daß ein erheblicher Teil hiervon zur Deckung des Defizits der Auslandsbilanz der Waren und Dienste herangezogen werden mußte. Auch bei einer überaus skeptischen Beurteilung der Schätzungen der „unsichtbaren Einfuhr“ würde das Bild sich nicht entscheidend ändern: die amerikanische Zahlungsbilanz würde sich nur in einem Zuge dem Typus der Vorkriegs-Gläubigerländer nähern, die ungefähr ihren ganzen Zuwachs an Auslandszinsen wieder im Ausland zu investieren pflegten. Es scheint aber, daß die Vereinigten Staaten nicht einmal hierzu völlig imstande sind. Das heißt aber, daß das Ausland, als Ganzes betrachtet, nicht hoffen kann, von Amerika mehr Kapital zu erhalten, als es jährlich an Zinsen und Gewinnen an Amerika zu zahlen verpflichtet ist, wahrscheinlich sogar etwas weniger. Das ist sehr peinlich für diejenigen, die sich die Vereinigten Staaten als eine unausschöpfbare Kapitalquelle für borgfreudige Körperschaften und Unternehmungen zu denken pflegen, besonders peinlich für Frankreich, soweit es noch einen riesenhaften Erlös aus der Realisierung deutscher Reparationsobligationen in New York erwartet. Aber es bleibt der Stand der Dinge, solange die Vereinigten Staaten ihre Verbrauchsgewohnheiten nicht ändern.

Man darf sich durch die Höhe der in Amerika aufgelegten Anleihen nicht irre machen lassen. Es ist wahr, sie erreichten im Jahre 1927 den Rekordstand von 1558 Mill. $ (im Vorjahre 1305 Mill. $): 6,5 Milliarden RM und also 50% mehr als der Gesamtbetrag deutscher Inlands- und Auslandseffektenemissionen im Durchschnitt der Jahre 1906 bis 1910, auf heutigen Preisstand umgerechnet. Dazu kommen noch 257 Mill. $ Anlagen, die nicht den Weg über den Emissionsmarkt genommen haben und 161 Mill. $ Käufe an Auslandseffekten in kleinen Paketen, zusammen also fast 2 Milliarden $. Es scheint sehr schwer, diese Zahlen in Einklang mit dem Ergebnis der Waren-, Dienste- und Zinsbilanz zu setzen. Die vorliegende Veröffentlichung füllt den Spalt von rund 1,5 Milliarden folgendermaßen aus: Ausgaben in Amerika für Kommissionen, Disagio und Konversionen 328 Mill. $, Einkünfte aus Amortisationen und Tilgungen des Auslands 304 Mill. $, Rückkäufe von Auslandseffekten und anderen Anlagen seitens des Auslandes 463 Mill. $, Überschuß von ausländischen Käufen amerikanischer Effekten und anderer Anlagen, abzüglich amerikanischer Tilgungen und Rückzahlungen 210 Mill. $, endlich 161 Mill. $ Nettoausfuhr von Gold. Es ergibt sich also, daß in der Tat per Saldo im Jahre 1927 nicht mehr im Ausland investiert worden ist als 671 Mill. $ (gegen das Vorjahr immerhin ein Zuwachs von 67 Mill. $), erheblich mehr als die Nettokapitalausfuhr der drei vorangehenden Jahre; aber weniger als die Nettokapitalausfuhr der Jahre 1920 und 1921.

Wichtiger allerdings als der 10%ige Zuwachs gegen das Vorjahr (bei fallenden Großhandelspreisen) scheint die Tatsache zu sein, daß diese 671 Mill. $ im Ausland angelegt werden konnten, ohne die kurzfristige Verschuldung des Landes zu erhöhen. Dies war in den vorigen Jahren durchaus nicht möglich gewesen. Zählt man alle Aktivposten der Zahlungsbilanz zusammen und zieht die Summen der Passivposten ab, so ergeben sich für die Jahre 1922 bis 1926 Passivsalden (in Mill. $) von 508, 119, 212, 78 und 544. In diesen Posten, deren Deckung nicht in der Bilanz der Waren, Dienste, Zinsen und langfristigen Kapitalwanderungen nachgewiesen werden kann, stecken zunächst die Salden sämtlicher Fehler, die bei der Schätzung der einzelnen Bilanzposten unterlaufen sein mögen. Daß diese Irrtümer hinreichend groß waren, um einen Saldofehler im Jahresdurchschnitt von 292 Mill. $ zu begründen, ist nicht unmöglich, aber nicht wahrscheinlich: auch wenn die Summe der Fehler sehr groß ist, so wird doch, wegen der Verteilung auf beide Seiten der Rechnung, wenigstens ein Teil sich beim Ziehen des Saldos ausgleichen. Es gewinnt daher die Vermutung an Gewicht, daß ein erheblicher Teil des Saldos durch Bewegung eines Postens entstanden ist, der bisher in unseren Rechnungen außer Ansatz geblieben war: der Bewegung der kurzfristigen Kapitalien und Kredite. In der Tat zeigten die Antworten auf einen Fragebogen, der an eine große Anzahl amerikanischer Banken und Bankiers versandt worden war, für die Jahre 1922 bis 1926 mit der Ausnahme des Jahres 1925 einen Zuwachs ihrer kurzfristigen Auslandsverschuldung (per Saldo), nämlich (in Mill. $) 375, 3, 216 und 359. Da der Rückgang im Jahre 1925 nur 61 Mill. $ betrug, ergibt sich ein jährlicher Zuwachs von 178 Mill. $. Im Durchschnitt jener fünf Jahre sind an langfristigem Kapital jährlich 418 Mill. $ mehr aus- als eingeführt worden, woraus zu schließen ist, daß nicht weniger als 40% dieser Nettokapitalausfuhr durch kurzfristige Verschuldung der amerikanischen Banken an das Ausland finanziert worden sind. Anders ausgedrückt: mehr als ein Drittel der Kapitalausfuhr bleibt in diesen Jahren im Gläubigerlande stehen: als Währungsgrundlage für die Schuldnerstaaten, als Sicherheitsreserve für politisch unruhige Zeiten oder aus technischen Gründen der Liquiditätspolitik. Gestützt auf diese amerikanischen Guthaben werden in Europa Zahlungsmittel geschaffen, die hier die Nachfrage nach Waren erhöhen, während in den Vereinigten Staaten ein entsprechender Betrag an Kaufkraft von den Märkten abgesperrt bleibt.[2] Das Phänomen ist bedeutend genug, um divergierende Tendenzen des Preisdurchschnitts in Gläubiger- und Schuldnerländern zu erklären. Ende 1926 betragen die Auslandskreditoren amerikanischer Banken rund 1500 Mill. $, nach Abzug der Auslandsguthaben amerikanischer Banken 1150 Mill. $. Die gesamte Bruttoverschuldung amerikanischer Bankiers an das Ausland wird mit 2250 Mill. $ angegeben, die Nettoschuld mit 1253 Mill. $. Dies ist nicht weniger als der doppelte Jahresbetrag der langfristigen Kapitalausfuhr in den letzten Jahren.

Tabelle 1
Die Hauptposten der amerikanischen Zahlungsbilanz (in Mill. $)

1926

1927

Ausf., Kredit Einf., Debet Saldo Ausf., Kredit Einf., Debet Saldo
A. Warenhandel:
Warenausfuhr- und -einfuhr 4809 4431 + 378 4864 4184 + 680
Silber 92 70 + 22 76 55 + 21
Bunkerkohle und Öl 78 33 + 45 60 29 + 31
Verschiedene andere Posten 31 210 - 179 37 221 - 184
Zusammen 5010 4744 + 266 5037 4489 + 548
B. Verschiedenes:
Frachten 127 188 - 61 140 172 - 32
Touristenausgaben in Kanada 45 177 - 132 51 197 - 146
Touristenausgaben in Mexiko u. a. 5 6 - 1 5 6 - 1
Touristenausgaben in Übersee 92 526 - 434 97 567 - 470
Seereisen 69 - + 69 89 - + 89
Erträgn. a. langfrist. priv. Anlag. 3) 678 190 + 488 738 203 + 535
Erträgnis aus kurzfrist. Anlagen 3) 57 78 - 21 57 78 - 21
Heimsendungen v. Einwanderern 35 253 - 218 35 241 - 206
Kriegsschuld-Rückzahlungen 195 - + 195 206 - + 206
Andere staatliche Ein- u. Ausgänge 46 89 - 43 57 86 - 29
Ausgaben für wohltätige Zwecke - 46 - 46 - 43 - 43
Film-Abgaben 75 4 + 71 75 4 + 71
Versicherungen 80 70 + 10 80 70 + 10
Verschiedene andere Posten 44 56 - 12 44 56 - 12
Zusammen 1548 1683 - 135 1674 1723 - 49
C. Bewegung des langfrist. privaten Kapitals:
Neuinvestierungen:
1. Fremde öffentliche Emissionen - 1305 - 1305 - 1558 - 1558
2. Abzüglich Konversionen 182 - + 182 208 - + 208
3. " Kommissionen 81 - + 81 63 - + 63
4. " Disagio 40 - + 40 57 - + 57
5. Zuzüglich direkte Investition - 240 - 240 - 257 - 257
6. " kleine Käufe frmd. Wertpapiere - 115 - 115 - 161 - 161
Veränder. in alt. Anlagen:
1. Amortisationen 322 - + 322 304 - + 304
2. Verk. direkt. Anlag. an Ausländ. 51 - + 51 51 - + 51
3. Verkäufe frmd. Wertpap. an Ausl. 286 - + 286 412 - + 412
Fremde Neuanlagen in den Vereinigten Staaten:
1. Direkte Neuanlagen 32 - + 32 28 - + 28
2. Ausfuhr heimischer Wertpap. 636 - + 636 891 - + 891
Veränder. i. d. Fremdanlag.:
1. Amortisationen - 65 - 65 - 70 - 70
2. Rückk. heim. Wertpap. a. d. Ausl. - 509 - 509 - 639 - 639
Zusammen 1630 2234 - 604 1) 2014 2685 - 671 1)
D. Bilanzveränd. d. intern. Bankguth. 359 - + 359 - - -
E. Goldbewegung 166 238 - 72 390 224 + 166
Summe A bis E 8713 8899 - 186 2) 9115 9121 - 6 2)

1) Geschätzter Nettoexport an Kapital. 2) Unaufgeschlossener Saldo. 3) brutto.

Wenn die Schätzungen des Wirtschaftsministeriums für das Jahr 1927 einigermaßen richtig sind, so hat sich an diesen Zahlen während des Jahres nicht viel geändert: der Stand der kurzfristigen Auslandsverschuldung wäre der gleiche geblieben. Die Bewegung der Zinssätze in den Vereinigten Staaten und auf den europäischen Geldmärkten während des letzten Jahres läßt das Ergebnis verständlich erscheinen; auch die Expansion der deutschen Wirtschaft und die Beruhigung der politischen Atmosphäre können als Zeugen herangezogen werden. Der Funktionsdämon aber, der über der Statistik waltet, nicht immer ohne Bosheit oder Ironie, hat es gefügt, daß eines der vorzüglichsten Mittel der amerikanischen Statistik, der übliche Bankfragebogen, zu einem völlig anderen Ergebnis kommt: die Antworten ergeben für das Jahr 1927 einen Zuwachs der Auslandsverschuldung amerikanischer Banken und Bankiers von nicht weniger als 1000 Mill. $. Da diese Zahl, für sich betrachtet, ebenso schwer vertretbar scheint wie in ihren Beziehungen zu anderen Posten der Zahlungsbilanz, hat sich das Wirtschaftsministerium entschlossen, sie kurzerhand zu vernachlässigen. Es rechnet selber mit der Möglichkeit einer Überschätzung der ausländischen Kapitalanlagen in den Vereinigten Staaten, mit einer Unterschätzung der amerikanischen Käufe von ausländischen Effekten in kleinen Mengen und ist bereit, an eine Vermehrung der kurzfristigen Verschuldung von höchstens 200 Mill. $ zu glauben. Es gibt eine Reihe von Gründen, die für eine Erhöhung sprechen. Sie sind aber ziemlich unsicherer Art: die wichtigsten sind die Anhäufung von Auslandsguthaben seitens der Bank von Frankreich und der niedrige Stand des Dollarkurses Ende 1927. Das Amt erwägt daher die Möglichkeit, in künftigen Jahren auf die Beantwortung der Fragebogen zu verzichten.

Es scheint mir, daß zu einem solchen Verzicht auf eine der jüngsten, aber wertvollsten Methoden der Zahlungsbilanzstatistik keine Veranlassung besteht. Erstens ist, ohne Berücksichtigung eines Zuwachses der Verschuldung amerikanischer Banken im Rahmen der amerikanischen Zahlungsbilanzstatistik, überhaupt kein Raum für die wahrscheinlich eingetretene Steigerung der an Europa gewährten kurzfristigen Kredite, einschl. Bankeinlagen — wie überhaupt in der amerikanischen Statistik der kurzfristige Leihverkehr ohne Vermittlung amerikanischer Banken nicht berücksichtigt wird. Zweitens ist der Fragebogen, der an die 167 amerikanischen Banken und Bankiers versandt wird, wahrscheinlich nicht umfassend.

Der Fragebogen bezieht sich außer auf Depositen von Ausländern und Kredite an Ausländer (und die entsprechenden Gegenposten) lediglich auf „kurzfristige Anlagen, die für Rechnung der amerikanischen Bank oder ihrer Kunden von Ausländern bewirkt worden sind (einschließlich der Placierung von Wechseln seitens eines Ausländers für Rechnung der amerikanischen Bank)“ und „kurzfristige Anlagen, die durch eine amerikanische Bank für Rechnung von Ausländern bewirkt sind (einschließlich Käufe von Wechseln und Gewährung von Geldmarkt-Krediten durch die Bank für Rechnung eines Ausländers“. Wenn z. B. ein Ausländer einen Dollarwechsel kauft ohne Vermittlung einer jener 167 amerikanischen Banken, so erscheint dies Geschäft also nicht in den Antworten auf dem Fragebogen, ebensowenig wie ein ausländisches Bankakzept, das direkt von einem amerikanischen Investor erworben wird. Aber auch, wenn eine jener 167 amerikanischen Banken einen Auslandswechsel ohne Vermittlung eines ausländischen Korrespondenten erwirbt, scheint eine Berücksichtigung nach dem Wortlaut des Fragebogens nicht erforderlich. Warum hat man nicht den einfacheren Weg gewählt, alle im Ausland nach Jahresende zahlbaren Wechsel im Besitz der amerikanischen Banken und ihrer Kunden und alle von ihnen ins Ausland verkauften oder dort lombardierte Wechsel zu zählen und zur Ergänzung Angaben über alle Verbindlichkeiten der Banken gegen Ausländer aus akzeptierten Tratten und über alle Forderungen an Ausländer aus gleichem Anlaß zu erbitten? Das Modell - Schema der Zahlungsbilanz, das kürzlich von der Internationalen Handelskammer entworfen worden ist (abgedruckt im „Economic Journal“, September 1927, S. 472—476) führt unter der Überschrift „Wachstum kurzfristiger Verpflichtungen“ auf:

  • „41. Vermehrte ausländische Depositen in inländischen Banken.
  • 42. Vermehrte ausländische Bestände an Wechseln.
  • 43. Vermehrte ausstehende kaufmännische Schulden gegen Ausländer, soweit sie im obigen nicht eingeschlossen sind.“

Hierbei sind unter Wechseln zunächst zweifellos Wechsel mit inländischen Akzepten im Besitz von Ausländern zu verstehen. Es scheint mir aber, daß auch inländische Ziehungen auf ein ausländisches Akzepthaus einzubeziehen sind, sobald sie von einem Ausländer diskontiert werden. Alle solchen Wechselbestände in ausländischem Besitz gehören natürlich auf die Aktivseite, da durch eine solche Placierung einer Tratte ein Guthaben zugunsten des Inländers entstanden ist, das zur Begleichung einer Verpflichtung, z. B. aus Kauf von Wertpapieren oder Waren, gebraucht werden kann. Es scheint, daß in der amerikanischen Statistik das ganze Geschäft der Akzeptbanken unerfaßt bleibt. Zum mindestens ist die Formulierung des Fragebogens vieldeutig.

Er zählt Depositen, Kredite und kurzfristige Investierungen für ausländische Rechnung. Ob er aber damit den gesamten Devisenbestand und die Höhe der Akzeptverbindlichkeiten amerikanischer Banken ergreift, wird nur ein Kenner der amerikanischen Bankpraxis entscheiden können, der zugleich die begriffliche Struktur des Zahlungsbilanzschemas beherrscht. Es ist anzunehmen, daß dieses Problem, richtig gefaßt, nicht zu den unlösbaren gehört. Vorläufig zeigt das Schicksal des amerikanischen Fragebogens (das amerikanische Amt spricht sehr offen von einem „collapse of the questionnaire“, S. 46), wie undurchsichtig noch heute die Vorgänge unseres Wirtschaftslebens sind, die den Punkt seiner höchsten Rationalität bezeichnen: der internationale Verkehr zwischen den großen Kreditmärkten.

  • [1] Trade Information Bulletin 1928, Nr. 552.
  • [2] Keynes, The British Balance of Trade, „Economic Journal“, 1927, S. 555 ff., hat zuerst auf diesen Punkt aufmerksam gemacht.

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