Seit einem halben Menschenalter wird das äußere Leben dieses Erdteils durch Bewegungen erschüttert, die an blinder Wucht geologischen Vorgängen gleichen. Ihr Zeitmaß scheint seit der bescheidenen Festigung der europäischen Mitte sich verlangsamt zu haben, doch ist auch heute nicht abzusehen, wann die Ausbrüche und Einstürze, die Pressungen und Verwerfungen zur Ruhe kommen werden. Die tektonischen Spannungen haben sich verlagert, nicht gemindert, und sehr dünn ist hier und dort die Felskruste geworden, die den bürgerlichen wie den proletarischen Wohnbereich vor den glutflüssigen Massen unterirdischer Räume schützt.
Dennoch kann der Versuch nicht verfrüht sein, das Maß der bisher bewirkten Veränderungen auf dem engeren Felde wirtschaftlicher Gestaltung festzustellen; einer durchaus neuen Lage der Dinge zu Begriff und Bewußtsein zu verhelfen; die wahrscheinliche Richtung abzuschätzen, in der sich das Geschehen der nächsten Zukunft bewegen wird. Ein solcher Versuch ist seines Erfolges um so sicherer, je näher die Dinge ihrem neuen Beharrungszustand sind: er wird um so nötiger, je größere Wandlungen noch bevorstehen, denn gerade diese werden die äußerste Anspannung des vorausschauenden Gedankens von jedem Manne fordern, gleichviel ob er für, ob er gegen das Neue zu kämpfen sich berufen fühlt.
Der Grundbedingungen unseres Wissens von Gegenwart überhaupt muß sich erinnern, wer die vielstündige Debatte über „Die Wandlungen des Kapitalismus“ beurteilen will, mit der der Verein für Sozialpolitik seine Züricher Tagung im September 1928 eröffnet hat.[1] Zum Alleinreferenten hatte der Verein Werner Sombart bestellt, mit unbestreitbarem Recht, denn wir verdanken seiner historisch-theoretischen Arbeit nicht nur mehr an Erkenntnis des modernen Kapitalismus als irgendeinem anderen lebenden Forscher, sondern das dank seiner Eigenart und seinen Grenzen schlechthin vertretende Werk der heutigen deutschen Nationalökonomie.
Sein Referat war mit straffem Willen und überlegener Resignation bemüht, den Bereich der Betrachtung auf das wissenschaftlich Umgrenzbare, Nachprüfbare, Begründbare einzuschränken. So redete er lieber von sachlich feststellbaren Symptomen als von geistigen Kräften, leugnete jede intuitive Fähigkeit ab und drängte alle wertende Charakterisierung an den Horizont, um das Feld der Beobachtungen freizuhalten von dem Streit verschiedener geistiger Tendenzen und Sehweisen. Auch die Debatte-Redner waren mit wenigen Ausnahmen bemüht, das als künftig Erkannte und das als wertvoll Erwünschte peinlich zu scheiden. Ihre Äußerungen boten ein gutes Bild der heute wirksamen Tendenzen und Maßstäbe unserer vielgespaltenen Wissenschaft. Dem Gedankengehalt und der geistigen Absicht des Referats aber sind sie, wie der greise Ferdinand Toennies mit richterlicher Autorität feststellte, keineswegs gerecht geworden.
Wenn die Debatte im entscheidenden Punkt versagte, so mag der tiefste Grund davon in der Natur der Sache selbst liegen: über einen Grundsatz läßt sich lange und mit einigem Recht streiten; einem Bild aber kann nur ein Bild entgegengestellt werden; und dies kann nicht das Ergebnis einer Diskussion sein. So sahen sich die Redner im allgemeinen darauf angewiesen, im Einzelnen Zustimmung und Zweifel anzumelden, bestätigende oder berichtigende Tatbestände mitzuteilen, ihr Für und Wider in der Art eines persönlichen Bekenntnisses vorzutragen: der Gesamtbau der Sombartschen Gedanken ging unerschüttert aus dieser Debatte hervor,[2] und auch der eigentliche Opponent, Christian Eckert, der mit einer dem Referat an Länge gleichen Darlegung die Unterhaltung eröffnete, mußte bekennen, daß er nur eine Verlagerung der Gewichte vorzuschlagen habe: die Sombartschen Deutungen und Voraussagen seien zwar nicht für die Gegenwart, aber für eine absehbare Zukunft gültig. Seine vorgebrachten Abweichungen betreffen also mehr die zeitliche Perspektive als die dauernde Lagerung der Kräfte.
Es ist nötig, den Gedankengang Sombarts in seinen wichtigsten Motiven und Funden wie in einem verkleinernden Spiegel wiederzugeben, um die Art und die Vielfältigkeit der einzelnen Argumente, die Tragweite und die Grenzen des Ganzen dem Leser deutlich zu machen.
Die europäische Wirtschaftsverfassung, dies ist der entscheidende Gedanke, vor dem Kriege im Zeichen des Hochkapitalismus stehend, ist in eine Übergangsepoche eingetreten, die den Bereich dieses Wirtschaftssystems in dreifacher Weise einschränkt: nach außen durch Schwächung seines Anteils an der Entfaltung der Weltwirtschaft, im Innern durch Umbildung seines Gefüges und durch Raumgewinn neuer Gestaltungsformen. Behauptet wird also mit dem ersten Punkt nicht die Einengung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung schlechthin: dieses Wirtschaftssystem wird seinen Herrschaftsbereich vielmehr über See an Flächenausdehnung vergrößern, aber der Neu-Kapitalismus wird zum größten Teil anders gearteter Kapitalismus von Farbigen sein. An seinem Aufbau wird der europäische Kapitalismus keinen ähnlich großen Anteil nehmen können wie am Aufbau etwa des nordamerikanischen im 19. Jahrhundert.
Der Hauptgrund dafür ist, daß die europäische Kapitalbildung sich nicht im gleichen Zeitmaß vermehren wird; denn das Wachstum der Bevölkerung verlangsamt sich, die Arbeitszeit wird eingeschränkt und die Ergiebigkeit der Arbeit in den entscheidenden Urproduktionen läßt sich nicht mehr im gleichen Maße wie im vergangenen Jahrhundert steigern. Bei den anorganischen Stoffen werden die Abbauverhältnisse dauernd ungünstiger; neue Lager lassen sich nur zu hohen Kosten aufschließen und abtransportieren. In der organischen Produktion ist die Lage von Grund auf verändert. Es gibt keine frischen Böden mehr, die mit geringem Aufwand in Kultur genommen werden können wie die Prärieböden des 19. Jahrhunderts. Es gibt keine Raubwirtschaft mehr, überall ist man genötigt, zur kostspieligen Ersatzwirtschaft überzugehen, und selbst diese scheint nach neueren Erfahrungen hier und dort auf absolute Schranken zu stoßen. Vor allem aber ist die Ausbeutung der Agrarländer zu Ende; sie wollen nicht mehr auf Kosten des hungrigen Bauern exportieren und beginnen den Aufbau einer eigenen Industrie. Hierdurch aber werden die alten Industrieländer genötigt, ihre eigene landwirtschaftliche Grundlage zu verbreitern, denn derselbe Boden trägt nicht auf die Dauer zwei Industriesysteme.
Im Innern der altkapitalistischen Länder aber vollzieht sich eine Abkehr von den Ideen, die den Kapitalismus reinen Stils geformt haben: war dieser gegründet auf die Initiative und die grundsätzlich schrankenlose Bewegungsfreiheit einzelner, in freiem Wettbewerb miteinander stehender, einander gleichgeordneter Unternehmer, so vollzieht sich jetzt die Wirtschaft in einem immer dichter schließenden Gefüge von Kartellen, Trustbildungen, Konzernen, Organisationen, und diese Gebilde stehen in einem so fest gefügten System von Abhängigkeitsverhältnissen, daß es erlaubt ist, von dem Entstehen einer neuen Feudalität zu sprechen.
Gleichzeitig wandelt sich die Geistesart des Unternehmers: die spekulative Tendenz seines Doppelwesens tritt zurück hinter der rechnerischen. Der Bereich des Wißbaren wird größer, mit ihm der Wille zum Planen auf längere Zeiträume und zur Unabhängigkeit von vorübergehenden Marktlagen, während die Fähigkeit instinktiven Erkennens und wagenden Handelns seltener wird. Es wird aber auch das Gewicht des persönlichen Gewinnstrebens bei den Leitern der großen Unternehmungen schwächer. Der Erwerbstrieb tritt zurück hinter die Sorge für die Erstarkung des Wirtschaftsgebildes. Deutlicher noch sind die Wandlungen im Bereich der eigentlichen Organisation: die Selbstbindung der Unternehmer durch Kartell, Syndikat und Verband, oft in stark bureaukratischen Formen; die staatliche Einwirkung auf Arbeitsverhältnis, Preisbildung und Standort; die Verwandlung des Lohnarbeiters in eine Art von Beamten, mit gesichertem Mindesteinkommen, geregelter Arbeitszeit, Pensionsansprüchen und Schutz vor den Folgen zeitweiliger Arbeitslosigkeit bei mangelnder Verwendungsmöglichkeit. So tritt an die Stelle des in Reden vielgepriesenen, in Wirklichkeit kaum mehr anzutreffenden „freien Spiels der Kräfte“ ein starreres System von öffentlichen, privaten und gemischten Bindungen, die den Charakter des Marktes und damit der Preisbildung für Lohn und Ware, Zins und Rente von Grund auf ändern.
Mit der wachsenden Erhebung dieser Marktvorgänge aus dem Stande naturhafter Abläufe in den Stand von Gestaltungen nach geistigen Normen, wandelt sich auch der Lauf der Konjunkturen in entscheidender Weise: die ruckweisen Ausweitungen der Erzeugung von Produktionsmitteln verringern ihre Stärke unter der Einwirkung bewußten Strebens nach Stetigkeit der wirtschaftlichen Prozesse, rationeller Geld- und Bankpolitik, wachsender Sättigung mit Produktionsmitteln und Konzentration der Betriebe, verringerten Bevölkerungsüberschusses und planmäßiger Auftragspolitik der öffentlichen Körperschaften. Auf der ganzen Linie waltet die Tendenz zur Stabilisierung vor, gefördert durch nachlassende Stärke der Kapitalbildung, des technischen Fortschrittes und der Bevölkerungsvermehrung.
Alle diese Wandlungen werden lediglich von den altkapitalistischen Ländern, in der Hauptsache den europäischen, ausgesagt. Die Gestaltungsform und die Bewegungsrichtung des Kapitalismus in den Neu-Ländern bleiben in dem Referat außer Betracht. Innerhalb der altkapitalistischen Länder aber ist noch eine zweite Reihe von Veränderungen zu bemerken: neben den Gestaltungswandlungen die nicht weniger einschneidenden Bereichsänderungen. War schon bisher der Kapitalismus eingeengt durch die aus früheren Epochen übernommenen Reste von Eigenwirtschaft, Bauerntum und Handwerk, so wird in Zukunft neben einem Sichbehaupten dieser Elemente mit Ansätzen planwirtschaftlicher Wirtschaftsgestaltung zu rechnen sein. Sie kündigen sich an in dem Wachstum genossenschaftlicher Bildungen und in dem Hervortreten öffentlicher und gemischter Unternehmungen anstaltsähnlichen Gepräges und gemeinwirtschaftlicher Tendenz, getragen durch den Willen der zur Macht gelangten Massen und ermöglicht durch die wachsende Stabilisierung der Verhältnisse. So trägt unsere Wirtschaftsverfassung das Gepräge des Übergangs; sie wird daher als spätkapitalistische bezeichnet. Gleich der hochkapitalistischen steht sie in absehbarer Zeit weiter im Zeichen des ökonomischen Rationalismus, der im einzelnen Unternehmen sich auswirkt als Forderung der Rentabilität, im Gesamtleben als Primat der Wirtschaft. Eine Änderung könnte nur dann eintreten, wenn der geistige Widerstand gegen die Überwertung des „Materiellen“ und das Nachlassen der Bevölkerungsvermehrung das Leben von dem Druck entlasten, der heute der Wirtschaft ihr Übergewicht verleiht und die Entseelung der Erde zum Ende führt.
Nicht alle Glieder dieser kunstvoll gefügten Gedankenkette sind von gleicher Stärke. Als schwächsten Punkt seiner Position hat Sombart selbst den Satz vom Wandel der Wirtschaftsgesinnung bezeichnet; denn eine solche Behauptung müsse die Stütze „objektiver Merkmale“ entbehren. Es scheint mir, daß die eigentliche Begründung in tieferen Lagen gesucht werden muß: sie liegt in der grundsätzlichen Doppeldeutigkeit des kapitalistischen Wirtschaftsgeistes selber. Niemand hat, neben Max Weber, mit größerem Nachdruck als Sombart in seinen Hauptschriften dargelegt, daß der Unternehmer nicht durch die Stärke seines Erwerbswillens vor anderen Wirtschaftssubjekten der Gegenwart und der Vergangenheit ausgezeichnet sei. Nicht das Vorwalten des Gewinninteresses, sondern seine Objektivierung ist das Entscheidende: die Sucht nach persönlicher Bereicherung des Unternehmers geht über in die Sorge für das Gedeihen der Unternehmung, ohne daß in den meisten Fällen deutlich zwischen Personal- und Unternehmungsinteressen geschieden werden kann. Dieser Übergang aber ist durchaus schon für die Periode des Hochkapitalismus bezeichnend. In einem „Nachlassen des Erwerbstriebs“ kann also die Besonderheit der Wirtschaftsgesinnung des Spätkapitalismus nicht bestehen, höchstens in einer kaum ins Gewicht fallenden Verstärkung des Vorgangs. Es scheint mir, daß die eigentliche Wandlung vielmehr in der Veränderung des Charakters der großen und größten Unternehmungen besteht: und hier allerdings mag auch ein beginnender Wandel der bewußten Führergesinnung und des ihnen unbewußten, aber an ihren Taten ablesbaren Geistes zu bemerken sein: die von Keynes („Das Ende des Laissez-Faire“) bemerkte Umwandlung dieser Gebilde in bewußte Träger öffentlicher Verantwortungen, die volkswirtschaftliche Dämpfung des Dranges zur unbedingt höchsten Rentabilität der angelegten Kapitalien.
Die „List der Vernunft“ hat es gefügt, daß der entschiedenste Bestreiter der Sombartschen Thesen, der rheinische Industrieführer Dr. Silverberg, als Zeuge gerade dieses Umbildungsvorganges aufzutreten genötigt war — in dem Glauben, die feindliche Position dadurch zu erschüttern. Er bekannte, und er verdient Glauben damit, daß die Leiter der großen Unternehmungen sich heute nicht durch persönliche Erwerbsinteressen leiten lassen, sondern in der Hauptsache „nach wirtschafts- und volkspolitischen Zielen handeln“. Da dies von den eigentlichen Schöpfern des Hochkapitalismus nicht behauptet werden darf, ohne ihr Bild zu fälschen und ihrem Tun die stärkste Rechtfertigung zu nehmen (denn die ganze Argumentation der kapitalistischen Hochblüte beruht auf dem Glauben an das segensreiche Spiel der ungehemmten Erwerbsinteressen), so ist auch hier der Wandel der Wirtschaftsgesinnung von einem der maßgebenden Männer durch ein objektives Zeugnis erhärtet; mit einem ähnlichen Gewicht wie das des Fuggerschen Selbstbekenntnisses, das den Anfang des Frühkapitalismus bezeichnet.
Wenn aber Dr. Silverberg das Werk, an dessen Aufbau er und seine Freunde begriffen sind, als Renaissance-Kapitalismus bezeichnet, während ein ihm geistig nahestehender Nationalökonom immerhin den Eintritt des Kapitalismus in eine Barock-Periode zuzugestehen bereit war, so wird auch der Kenner der Kunst-Geschichte und Kunst-Theorie eine solche Analogie höchst aufschlußreich finden; denn die Künstler des Barock haben durchaus geglaubt, die reinsten Traditionen der Hochrenaissance fortzusetzen und zu erneuern, und ihre Kunstlehre trennt sich in keiner Weise von der der Klassizisten, so verschieden ihre Bildwerke in Wirklichkeit geartet sind.
Ein Vorgang von hoher psychologischer und zeitgeschichtlicher Merkwürdigkeit bleibt es, daß einer der klügsten Wirtschaftsführer zwischen einem Zustand organisierter und einem Zustand amorpher Marktwirtschaft keinen wesentlichen Unterschied beobachtet oder diesen Unterschied für unwesentlich hält. Dieser Übergang aber erscheint auch Sombart als das weitaus wichtigste aller von ihm gesehenen Anzeichen, und die Richtigkeit der von ihm gemachten Beobachtungen ist von keinem Diskussionsredner bestritten worden. Die entscheidende Frage ist, ob an diesem Punkt Rückbildungen wahrscheinlich sind, und diese Frage muß verneint werden. In der gegenwärtigen Lage der Dinge ist keine Kraft wirksam, die das freie Spiel von Angebot und Nachfrage mittlerer, einander gleichgeordneter Unternehmungen wieder einzusetzen imstande wäre. Nicht einmal für den außereuropäischen Kapitalismus sind solche, dem Individualismus günstige Zeichen zu sehen: die wenigen neuen Tatsachen, die in der Diskussion mitgeteilt wurden, sprechen eher für den Beginn einer gebundeneren Wirtschaft auch in den neukapitalistischen Ländern. Dr. Ludwig verwies darauf, daß man als Industrieller in Nordamerika nach nichts anderem dringlicher gefragt werde als nach dem deutschen Kartellwesen und der deutschen Sozialpolitik; Emil Lederer bemerkte, daß in Ostasien der Kapitalismus gerade infolge des raschen Aufwachsens aus Zuständen starker Sippen- und Stammesbindung als Konzernkapitalismus beginnt, mit Typisierungsmöglichkeiten, die in den überkommenen Gebundenheiten des asiatischen Menschen begründet liegen.
Die entscheidenden Vorgänge aber vollziehen sich einstweilen noch immer in Europa, und auch hier wäre es gefährliche Romantik, an die Wiedergeburt des Hochkapitalismus zu glauben. Daß technische Neuerungen den Charakter der Wirtschaftsverfassung in diesem Sinne ändern werden, ist in hohem Grade unwahrscheinlich. Die systematische Erfindung, Anwendung und Fortbildung der erwarteten Synthesen und Aufspaltungen setzt so große Mittel voraus, daß man von dieser Seite eher eine verstärkte Machtstellung konzentrierter Kapitalien und eine erhöhte Abhängigkeit der Wirtschaft von monopolistischen Bildungen erwarten darf. Brechen aber die von Schulze-Gävernitz in ernsten Betracht gezogenen Weltkriege und Weltrevolutionen aus (seine Mitteilungen über die Enttäuschungen propagandistischer Friedensfreunde über ihre Erfahrungen mit China und Indien waren von ganz ungewöhnlichem Interesse), so ist auch hier das Wieder- und Weiter-Vordringen genossenschaftlicher und gemeinwirtschaftlicher Formen und Ordnungen mit größerem Recht glaubhaft zu machen als das Gegenteil. Der korporative Wirtschaftsaufbau und die staatliche Wirtschaftspolitik des Faschismus scheint mir ein wichtigeres Anzeichen der neuen Kräftelagerung als das ziemlich anachronistische Experiment von Moskau.
Die dritte Möglichkeit einer radikalen Unterbrechung der stetigen Auswirkung sichtbarer Kräfte, von Sombart selber am Schluß seines Referates deutlich bezeichnet, besteht in einer geistigen Erneuerung Europas, die den Primat der Wirtschaft bricht und eine neue Gemeinschaft auf neuen Glauben gründet. Es folgt aus der Definition dieses neuen Geistes, daß er unverträglich ist mit einer Wirtschaftsverfassung des sozialen Atomismus, der Herrschaft der Erwerbsunternehmung und der liberalistischen Marktmechanik. Auch hier führt kein Weg in eine Vergangenheit zurück, die auf andere geistige Voraussetzungen gegründet war: eben die Grundlagen, gegen die sich die neue Haltung wendet. Es ist nicht sinnvoll, vorauszusagen, welche wirtschaftlichen Gestaltungen nach einer völligen Umwendung des europäischen Gesamtgeistes möglich wären. Je nach dem Grad der inneren und äußeren Zerrüttung, die ihr vorangehen muß, wird die Gestaltung der Dinge ihr Gesetz von Ort und Stunde nehmen müssen. Je stetiger aber der Übergang sich vollzieht, desto größere Ähnlichkeiten darf die Formenwelt der neuen Wirtschaft mit der spätkapitalistischen Epoche tragen, so verschieden der Geist sein muß, der sich ihrer hier und dort bedient. In der Geschichte der antiken und mittelalterlichen Verbände gibt es mehr als ein Beispiel für organisatorische Neubildungen, die erst durch eine anderen Kräften entstammende geistige Bewegung ihre eigentliche Erfüllung finden.
Die Möglichkeit solcher konvergierender Entwicklungen von Form und Stoff kann von Sombart nicht unbemerkt geblieben sein. Wenn er dennoch erklärt, er sähe in der von ihm gesichteten Zukunft nichts, was seinen eigenen Idealen entspräche, so mag darin zutiefst die Abwehr der land- und zeitläufigen Meinung sich aussprechen, die das neue Heil aus stetigem Weiterwirken und Sichwandeln der gegenwärtig sichtbaren Staats- und Wirtschaftskräfte erwartet, statt aus völliger Umwendung. Ist dieser Aberglaube von der Wurzel an verdorrt, so wird der Blick frei für die Erkenntnis Nietzsches, daß gerade die Ausbildung der „unvermeidlich bevorstehenden Wirtschafts-Gesamtverwaltung der Erde“, die Aus- und Angleichung aller Stände und Völker, die Begünstigung der anpassungsfähigen Mittelmäßigkeit, die Gefährdung der adligen Naturen, die Ökonomisierung und Maschinalisierung von Staat und Geist: daß gerade diese äußerste Bedrohung des höheren Menschtums zugleich die Vorbedingung bildet für die Heraufkunft eines neuen Standes herrschwürdiger Männer, die sich dieses ungeheuren Gefüges und Getriebes mit schöpferischer Überlegenheit zu bedienen wissen und die den unabwendbaren Opfern allererst den rechtfertigenden Sinn zu geben imstande sind.
- [1] Schriften des Vereins für Sozialpolitik, 175. Band: Wandlungen des Kapitalismus. Auslandsanleihen, Kredit und Konjunktur. Auf Grund der stenographischen Niederschrift herausgegeben von Dr. Franz Boese, Verlag von Duncker & Humblot, München und Leipzig 1929.
- [2] Es verdient bemerkt zu werden, daß Joseph Schumpeter, durch geistige Herkunft, Methode und Leistung der Antipode Sombarts im Bereich der führenden Nationalökonomen Deutschlands, gleichzeitig zu einem ähnlichen Endergebnis geführt worden ist. Er bemerkt am Schluß eines im September 1928 im Londoner „Economic Journal“ veröffentlichten Aufsatzes: „Der Kapitalismus ist in einem so offenkundigen Prozeß der Umbildung in etwas anderes begriffen, daß nicht diese Tatsache selbst, sondern nur die Deutung dieser Tatsache Gegenstand einer Meinungsverschiedenheit sein kann.“ Es sei Sache des Geschmacks und der Terminologie, ob man das Neue Sozialismus nennen wolle oder nicht.