Im Juni 1928 hat der Finanzausschuß des Völkerbundes, einer Anregung des Beratenden Wirtschaftsausschusses folgend, das Studium der Abhängigkeit der Wirtschaftslage von Veränderungen der Goldproduktion und Goldverteilung aufgenommen. Sein Vorschlag, einen Sonderausschuß einzusetzen, „um die Ursachen der Schwankungen in der Kaufkraft des Goldes und ihre Wirkungen auf das Wirtschaftsleben der Völker zu untersuchen und darüber zu berichten“, ist vom Völkerbunds-Rat auf seiner Dezembertagung gebilligt worden. Vorschläge über die Zusammensetzung des Sonderausschusses sollen dem Rat im Juni vorgelegt werden. Eine Zahl von acht bis neun Mitgliedern ist in Aussicht genommen, die entweder dem Finanzausschuß angehören oder Träger „internationaler Autorität“ in Währungsfragen sein sollen. Es ist zu bedauern, daß der vor neun Jahren verstorbene Dr. Friedrich Bendixen, Direktor der Hypothekenbank in Hamburg, Verfasser des „Wesens des Geldes“ (1909) und mehrerer anderer einschlägiger Schriften, nicht mehr zu den Mitgliedern oder Mitarbeitern des Ausschusses gehören kann. Er hat die dort zur Beratung stehenden Probleme als einer der ersten klar gesehen, glänzend formuliert und mit Leidenschaft zu seiner eigenen Sache gemacht. Die Einberufung des Ausschusses erscheint als eine verspätete Rechtfertigung seines Wirkens, das lange nur dem stumpfesten Widerstand begegnet ist, durch das berufene Organ der öffentlichen Meinung dieser Zeit.
Ein Gutachten aus der Feder Sir Henry Strakoschs, die Grundlage der Beratungen vom vorigen Juni, macht Umfang und Gewicht der Probleme deutlich, deren Klärung jetzt in internationaler Zusammenarbeit in Angriff genommen werden soll. Es vergleicht den heutigen Zustand der Währungspolitik einem System von Schiffen, die sich vertrauensvoll an einer Boje festgemacht haben, ohne viel darauf zu achten, daß diese Boje nicht verankert ist. Das Gold stellt nichts anderes dar als eine solche Boje. Daß sie sich in dem halben Jahrhundert vor Kriegsausbruch nur wenig bewegt hat, ist kein Grund, sich mit der grundlosen Hoffnung zu beruhigen, daß eine vorherbestimmte Harmonie auch in Zukunft Goldangebot und Goldbedarf in dauerndem Einklang halten wird, wenn man nur fernerhin den Regeln einer überkommenen Bank-Routine vorsichtig folgt, ohne wirkliche Einsicht in die inneren Zusammenhänge von Geldschöpfung und Wirtschaftsgestaltung. Sir Henry verweist darauf, daß die großen währungspolitischen Veränderungen der letzten Jahre, so starke Annäherungen sie an einen Zustand stabiler Währungs- und Wirtschaftsverhältnisse gebracht haben, doch von neuem die Frage nahelegen, ob nicht der wiedererwachte Kampf um die Verteilung der Goldbestände am Ende zu einem dauernden Druck auf Preisstand und Wohlstandssteigerung führen muß. Sein Memorandum ist im Frühjahr 1928 abgeschlossen. Daß die bald darauf einsetzenden Ereignisse mit noch größerer Schärfe die Dringlichkeit einer ins Grundsätzliche vordringenden Überprüfung der herkömmlichen Vorstellungen von Goldpolitik und Währungsgestaltung hervortreten lassen, mag ein knapper Bericht über diese Bewegungen deutlich machen.
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Man wird die Vorgänge des Jahres 1928 nicht in ihrer rechten Perspektive sehen können, wenn man sich nicht erinnert, daß der Goldbestand der Vereinigten Staaten, der schon Ende 1913 mit 7,9 Milliarden M fast 20 % des monetären Zwecken dienenden Weltgoldbestandes ausgemacht hatte, Ende 1925 mit 18,5 Milliarden RM fast 43 % erreicht hatte. Während dieser Zeit sollen sich die gesamten europäischen Goldbestände (Bankreserven und Umlauf zusammen) von 24,3 auf 13,6 Milliarden RM, also um 10,7 Milliarden RM vermindert haben[1]. Da die monetären Goldbestände der übrigen Überseeländer sich inzwischen nur um 2 Milliarden RM erhöht haben, hat es nach dieser Statistik den Anschein, als ob fast die gesamte Goldproduktion jener Jahre in der Höhe von 19,2 Milliarden RM durch den industriellen Goldverbrauch und durch Hortungen beansprucht worden wäre. Da die Gold-Nettoeinfuhr Britisch-Indiens in jener Zeitspanne 4 Milliarden nicht erreicht hat und der industrielle Goldverbrauch auf höchstens 0,75 Milliarden RM jährlich zu schätzen ist, wovon etwa ein Drittel auf Altgold entfallen mag, so daß in jenen zwölf Jahren schwerlich mehr als sechs Milliarden von der laufenden Produktion für gewerbliche und zahnärztliche Zwecke beansprucht sein können, bleiben etwa sieben Milliarden ohne Nachweis ihres Verbleibs — wenn man sich nicht erinnert, daß in der Aufstellung des Statistischen Reichsamts zwar für 1913 ein Goldmünzenumlauf Ägyptens von 760,7 Mill. M, der Türkei von 2,4 Milliarden M, Britisch-Indiens von 1 Milliarde figuriert, von denen aber nur der letzte, um fast 200 Mill. M verringert, in der Statistik von 1925 wiederkehrt. Einem ähnlichen Geschick scheint auch ein erheblicher Teil des russischen Goldes verfallen zu sein, das 1913 mit insgesamt 4,7 Milliarden M ausgewiesen wird, 1925 mit 394 Mill. RM. Es liegt auf der Hand, daß in all diesen Ländern zwischen monetären und nichtmonetären Goldbeständen keine scharfe Grenzziehung möglich ist.
Die amerikanischen Goldbestände erreichten im Frühjahr 1927 ihren Gipfel bei 19,7 Milliarden RM. Dann setzt eine etwas mehr als einjährige Abwärtsbewegung ein, die in erst langsamem, dann verschnellertem Lauf den amerikanischen Goldbestand auf 18,37 Milliarden Ende 1927 und 17,25 Milliarden RM Ende Juni 1928 senkt. Es ist lehrreich, zu bemerken, daß sich diese Bewegung vollzieht, obwohl die amerikanische Bilanz der Waren und Dienste i. J. 1927 erheblich günstiger ist als 1926 und die langfristige Kreditgewährung an das Ausland nur wenig stärker ist als im Vorjahr. Die Bewegung der kurzfristigen Kredite kann leider für das Jahr 1927 nicht festgestellt werden, da sich der amerikanische Bank-Fragebogen als unzureichend herausgestellt hat.
Die Verminderung der amerikanischen Goldbestände um 2,5 Milliarden RM war, von den Vereinigten Staaten aus gesehen, unbeträchtlich. Sie verringerte den amerikanischen Bestand um nicht ganz 13 % und senkte den amerikanischen Anteil an den monetären Goldbeständen der Erde von 43 % Ende 1925 auf 36 % Mitte 1927, aber das Deckungsverhältnis des Bundes-Reserve-Banksystems ging nur von 76 % auf 67 % zurück, so daß die freie Goldreserve sich als nur angeritzt erwies.
Da aber gleichzeitig die Weltgoldproduktion sich langsam wieder zu heben begonnen hatte, da der Hortbedarf Britisch-Indiens abzunehmen schien und die Neuordnung verschiedener Währungs-Systeme versteckte Goldbestände ans Licht kommen ließ, schien die laufende Goldversorgung leidlich gesichert. Aber auch die Ausstattung der neuen Goldwährungen schien keine Schwierigkeiten zu machen, falls die nötigen amerikanischen Kredite zu erhalten waren. Eine stürmische Entfaltung der Weltwirtschaft kann unter den noch immer höchst unsicheren politischen Verhältnissen nicht eben wahrscheinlich genannt werden, und die wachsende Verbreitung der Goldkernwährung an Stelle der Goldumlaufswährung, sowie die in großem Umfang vollzogene Ersetzung der Goldreserven durch Devisen und Auslandsguthaben schien eine dauernde Einschränkung des monetären Goldbedarfs anzukündigen.
Diesem leidlich zu nennenden Zustand wurde Mitte 1928 ein Ende gemacht, dank dem zufälligen Zusammentreffen von drei bis vier wirkungsmächtigen Zustandsänderungen — wie denn überhaupt Goldbewegungen in der Regel das Produkt höchst verschiedenartiger und unzusammenhängender Faktoren zu sein pflegen, die erst im Hirn des findigen Chronisten fälschlich und eindrucksvoll als Auswirkungen derselben „Entwicklungstendenz“ erscheinen mögen.
Das wichtigste Ereignis war Frankreichs Übergang zu einer Goldkernwährung strengsten Stils, mit 35%iger Golddeckung nicht nur der Noten, sondern auch der Depositen. Es drückt sich darin die französische Neigung aus, die bürgerliche Existenzruhe durch die materiellsten, greifbaren Sicherheiten gewährleisten zu wollen, verbunden mit der aus dem Bereich politisch-militärischer Instinkte genährten Abneigung gegen eine Währungsform, die nur in ununterbrochener friedlicher Zusammenarbeit der Welthandelsstaaten Gewähr und Gedeihen finden kann. So ist es zu einer Entscheidung gekommen, die infolge ihrer unmittelbaren und mittelbaren Wirkungen die fast vergessenen Genueser Forderungen nach Zurückdrängung des monetären Goldbedarfs und nach gemeinsamer Ordnung der Goldbeschaffung durch die Zentralnotenbanken der verschiedenen Länder zu einer dringlichen Angelegenheit der Weltwirtschaftspolitik gemacht hat.
Die Goldbeschaffungen der Bank von Frankreich sind lange Zeit undurchsichtig geblieben. Nach der Statistik des Statistischen Reichsamts hätte sich der monetäre Goldbestand Frankreichs im Laufe des Jahres 1928 von 3356,1 auf 5260,2 Mill. RM gehoben, also um rund 1,9 Milliarden. Eine Anmerkung besagt, daß der Bestand Ende 1927 um schätzungsweise 500 Mill. RM zu erhöhen sei, die damals in der Bilanz unter verschiedenen Posten versteckt gewesen seien. Nachdem der Jahresbericht der Bank von Frankreich vorliegt, sind wir in der Lage, diese Schätzungen durch authentische Angaben zu ersetzen und abzuändern. Das Interesse an diesen bisher nicht verwendeten Zahlen ist um so größer, als sie erlauben, das Widerspruchsvolle der Goldstatistiken für das Jahr 1928 zu mindern. Es steht nämlich hier einer Goldproduktion von rund 1,6 Milliarden RM, die noch um mindestens 300 bis 400 Mill. RM für industrielle Verwendung und orientalische Hortung zu vermindern wäre, eine Erhöhung der monetären Goldbestände um 2331 Mill. RM, nämlich von 45 697 auf 48 028 gegenüber, davon 1,9 Milliarden für Rechnung Frankreichs. Es bleibt also ein durch die Produktion ungedeckter Betrag von rund 1 Milliarde RM. Nun aber betrug nach den Angaben der Bank der Goldbestand Mitte Juni, unmittelbar nach der Umstellung, 28 987,9 Mill. fr, gleich rund 4832,3 Mill. RM. Vom 24. Dezember 1927 bis zum 25. Juni 1928 sind von ihr auf dem amerikanischen Markt gegen Devisen, die sich in ihrem Besitz befunden hatten, für 168 Mill. $, gleich 705 Mill. RM Gold gekauft und nach Frankreich verschifft worden. Es müssen also Ende 1927 Goldbestände in Höhe von 4128 Mill. RM vorhanden gewesen sein. Somit betrug die versteckte Goldreserve der Bank nicht 500 Mill., sondern 775 Mill. RM.
Es ergibt sich aber aus dem Bericht der Bank noch eine zweite Tatsache von Belang für unsere Untersuchung. Seit der Stabilisierung hat der Goldbestand der Bank bis Ende 1928 von 28 987,9 auf 31 838,4 Mill. fr, also um 2850 Mill. fr zugenommen. Hiervon sind indessen, wie man jetzt erfährt, 2200 Mill. fr durch Umtausch von Goldmünzen aus Inlandsbesitz in Noten während der zweiten Hälfte 1928 gewonnen worden, also rund 366,7 Mill. RM. Nach diesen Mitteilungen reduziert sich die Beanspruchung des Weltgoldmarktes durch Frankreich im Jahre 1928 auf 760 Mill. RM. Der Rest wurde bereits in den Vorjahren erworben oder inländischen Beständen entnommen. Die Richtigstellung dieser Zahl erlaubt auch, ein vernünftiges Verhältnis zwischen der Weltgoldproduktion des Jahres und der Vermehrung der monetären Goldbestände herzustellen. Jenen 1,6 Milliarden RM Goldproduktion, nach Abzug des nötigsten industriellen Bedarfs usw. ungefähr 1,2 bis 1,3 Milliarden RM, steht eine wirkliche Vermehrung der monetären Goldbestände um 1556 Mill. RM gegenüber, von denen 337 Mill. RM aus inländischen Reserven Frankreichs stammen. Es ergibt sich also ein weltwirtschaftlicher Bedarf von 1219 Mill RM, der mit aller wünschbaren Genauigkeit unserer obigen Schätzung der Deckungsmöglichkeiten entspricht.
Mit unverhohlener Befriedigung verweist der Jahresbericht der Bank darauf, daß ihr Goldvorrat Ende 1928 mit 31,8 Milliarden fr an Größe nur von dem des Bundes-Reserve-Banksystems übertroffen wird. Die Machtstellung Frankreichs auch auf diesem Felde der Strategie wird aber erst deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß sie Ende des vorigen Jahres über folgende Devisen-Reserven verfügte: 13 632 Mill. fr täglich fällige Forderungen an das Ausland, 25 Mill. fr ausgeliehene Devisen, 84 Mill. fr diskontierte Auslandswechsel, 19 129 Mill. Fr im Ausland angekaufte Wertpapiere, über deren Betrag jederzeit verfügt werden kann (Bericht S. 31), insgesamt 32 870 Mill. fr, gleich rund 5,5 Milliarden RM. Die Bank von Frankreich hat es also in der Hand, jederzeit eine internationale Geldmarktkrisis von beliebiger Schwere heraufzurufen, wenn sie das im Interesse ihres Landes und zur Unterstützung seiner Politik für wünschenswert halten sollte. Im ersten Vierteljahr 1929 hat die Bank ihre Goldkäufe fortgesetzt. Den Erwerbungen in Höhe von 2,4 Milliarden fr steht aber ein Verlust von 3,9 Milliarden fr an Devisen und Auslandsguthaben gegenüber.
Parallel mit den Goldkäufen der Bank von Frankreich, die während des Jahres 1928 die Höhe des gesamten Goldbestandes der Bank von England im Jahre 1913 überstiegen, gehen Ankäufe der Reichsbank in noch etwas größerem Umfang. Ihr unbelasteter Goldbestand wächst von 1864,6 auf 2729,3 Mill. RM. Insgesamt aber betragen ihre Goldbezüge aus dem Ausland etwas mehr als die Differenz in Höhe von 864,7 Mill. RM, nämlich 868,2 Mill. RM. Außerdem sind 1,4 Mill. RM ausländischer und 2,1 Mill. RM inländischer Münzen im Inland angekauft worden. Dagegen hat die Bank 7 Mill. RM Gold an die Industrie abgegeben.
Die Operationen der Reichsbank, die ihren Goldbestand Ende 1928 fast bis auf die Höhe des englischen (3148,1 Mill. RM) gehoben hatten, sind zeitweilig von der westeuropäischen Fachpresse mit deutlicher Mißbilligung kommentiert worden, die gegenüber der Goldpolitik der Bank von Frankreich nur selten laut geworden ist. Es kann aber nicht bezweifelt werden, daß es gute Politik der Reichsbank war, sich auf die vor der Tür stehende Transferkrise mit allen legitimen Mitteln zu rüsten, und zu diesen Mitteln gehört eine rigorose Diskontpolitik, die während des größten Teils des Jahres die deutschen Zinssätze weit über dem Niveau der ausländischen sich bewegen ließ, so daß ein starker Strom kurzfristiger Kredite sich nach Deutschland ergoß; die liquideste Verwendung dieser Mittel war die Verstärkung der Währungsreserve und die Bevorzugung von Gold vor Devisen, da das Bankgesetz dem Gold als Deckungsmittel für die ausgegebenen Banknoten den dreifachen Wert der Devisen zuerteilt hat. (Mindestdeckung 40 % in Gold und Devisen, davon mindestens 30 % in Gold.)
Eine Minderung der Devisenbestände fand übrigens nicht statt. Sie vermehrten sich von 471,1 auf 527,0 Mill. RM, so daß die Reichsbank sich in ihrem Bericht mit Recht darauf berufen konnte, sie habe keine Konversionen von Devisen aus ihren Beständen vorgenommen, sondern nur das Gold angekauft, das ihr angeboten wurde, nachdem der Markkurs den Goldeinfuhrpunkt erreicht hatte, und sie sich dessen Ankauf nach dem Bankgesetz nicht widersetzen konnte. Nur innerhalb der Devisenbestände (im weiteren Sinne) ist eine interessante Umlagerung zu verzeichnen: gegen Ende 1927 ist der Posten Auslandsguthaben von 315,8 auf 155,8 Mill. RM zurückgegangen, der Posten Auslandswechsel und Schecks von 155,3 auf 371,2 Mill. RM gestiegen. Es ist wahrscheinlich, daß die empfindliche Steigerung der New Yorker Diskontsätze Ende des Jahres für diese Bevorzugung der stärker zinstragenden Anlage entscheidend war.
Daß Deutschland im letzten Jahre überhaupt sich in die Lage versetzt fand, seine Währungsreserven in so beträchtlichem Maße zu vergrößern, dankt es der leicht rückgängigen Inlandskonjunktur, die die Passivität der Bilanz der Waren und Dienste verringerte, in Verbindung mit der chronischen Unterversorgung mit Kapital, in der vor allem eine Folge der Störung des deutschen Wirtschaftslebens durch die Reparationszahlungen zu sehen ist, und mit der Bereitschaft des Auslands, Kapital nach Deutschland auszuführen.
Im Jahre 1929 haben sich diese Verhältnisse in wesentlichen Zügen verändert. Der leichten Herabsetzung des Reichsbank-Diskonts im Januar von 7 auf 6,5 % folgte rasch eine Londoner Diskonterhöhung von 4,5 auf 5,5 %, während der Diskontsatz der New Yorker Bundes-Reserve-Bank seit Mitte 1928 auf 5 % stand. Die Verminderung des Zinsgefälles hat zu einem höchst fühlbaren Abfluß ausländischer Mittel, in einem uns unbekannten Maße auch zu Ausleihungen deutscher Banken in New York (Berliner Tageblatt Nr. 163 vom 6. April 1929) und, wie es scheint, auch zu Angstkäufen von Devisen geführt. Da die Reichsbank Wert darauf legt, die Höhe ihrer gesamten Währungsreserven nur für das Jahresende, und zwar bei Gelegenheit ihrer Generalversammlung, also mit einiger Verzögerung, sonst aber nur dann sichtbar zu machen, wenn das Kind tief in den Brunnen gefallen ist, können wir die Größe ihrer Reservenverluste nicht genau angeben. Nach den Ausweisen hat sich von Ende 1928 bis Ende März 1929 der freie Goldbestand um 46,6 Mill. RM, der Bestand an deckungsfähigen Devisen um 119,3 Mill. RM verringert, zusammen um 166 Mill. RM. Andere Devisen verstecken sich in dem Posten Wechsel usw., der in diesem Zeitraum sich um 331,6 Mill. RM verringert hat. Nimmt man an, daß die inländische Beanspruchung der Reichsbank Ende März nicht weit hinter der des Jahresendes zurückgeblieben ist und erinnert man sich, daß am Jahresende unter dieser Rubrik 216 Mill. RM Auslandswechsel verbucht waren (371 Mill. minus 155 Mill. RM), so kommt man zu dem Schluß, daß Ende März überhaupt keine unsichtbaren Wechselbestände vorhanden waren. Die Auslandsguthaben, die Ende 1928 155,8 Mill. RM betrugen, sind unter Sonstigen Aktiven versteckt — ein Posten, der sich im ersten Vierteljahr 1929 um rund 75 Mill. RM vermindert hat. Da er aber nicht nur durch die Bewegungen der Auslandsguthaben bestimmt wird, ist ein Schluß etwa der Art, daß auf diesem Konto ein Verlust von 75 Mill. RM zu konstatieren sei, einigermaßen prekär. Man kann aber annehmen, daß ein Gesamtverlust von ungefähr 450 Mill. RM durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen liegt — über die Hälfte der Gold- und Devisengewinne des letzten Jahres. Die Deckung der Noten durch Gold und Devisen ist indessen nur ganz unwesentlich verringert, von 58,5 auf 56,4 Mill. RM, die Golddeckung der Noten ist noch um 0,2 % gestiegen, da der Notenumlauf Ende März um 108 Mill. RM unter dem des Jahresendes lag. Auch der Umlauf an Rentenbankscheinen hat sich um 26,6 Mill. RM vermindert.
In der ersten Aprilwoche haben die starken Verluste an Währungsreserven sich fortgesetzt. Außer 22 Mill. RM Devisen, davon 2 Mill. RM Deckungsdevisen, sind 103 Mill. RM Gold abgeflossen, so daß in Berlin die Möglichkeit einer Diskontänderung diskutiert worden ist. Es scheint, daß die Senkung Anfang Januar vorgenommen worden war, ohne daß man mit der Wahrscheinlichkeit einer nahe bevorstehenden Änderung des Londoner Bankdiskonts gerechnet hätte. In der Tat hatte die Bank von England ein halbes Jahr lang die Kraftprobe bestanden, ihren Diskont um ein halbes Prozent unter dem amerikanischen zu halten. Sie hatte dem Verlust von 440 Mill. RM Gold (bis Ende 1928), das sie im Laufe des ersten Halbjahres erworben hatte, ohne Nervosität zugesehen, und ging also in das neue Jahr mit einem Goldbestand von 153 Mill. £, ungefähr in der Höhe des Vorjahres. Als aber erneute Abflüsse von weiteren 60 Mill. RM Anfang Februar diesen Posten unter die 150 Mill. £-Grenze sinken ließen, entschloß sie sich unter dem Beifall aller Kenner zu einer einprozentigen Erhöhung, obgleich ein solcher Schritt konjunkturpolitisch weder nötig noch wünschbar war. Der Ausweis vom 3. April zeigt, daß sie gegen den 6. Februar rund 5 Mill. £ Gold gewonnen hat, daß aber eine Einschränkung der dem Markt zur Verfügung gestellten Mittel nicht eingetreten ist: 90 Mill. £ im April gegen 88,5 Mill. £ im Januar, aber 92 Mill. £ Anfang April 1928, bei einer damals um fast 3 Mill. £ höheren Goldreserve. Insgesamt hat England während des letzten Jahres 12,7 Mill. £ Gold mehr aus- als eingeführt, ähnlich wie auch im Vorjahr. Die Differenz ist aus inländischen Beständen außerhalb der Bank von England entnommen.
Rückblickend auf die Geschehnisse des Vierteljahres wird man zu der Frage geführt, ob nicht die Diskonterhöhung der Bank mehr präventiven als aktuellen Zwecken dienen sollte. Es stand damals zu befürchten, daß die amerikanischen Bundes-Reserve-Banken ihren bis dahin erfolglosen Feldzug gegen die Verwendung der von ihnen geschaffenen Mittel für die Finanzierung einer immer phantastischer aufwuchernden Effektenspekulation mit Hilfe einer neuen Diskonterhöhung weiterzutreiben beabsichtigten. Die Diskonterhöhung der Bank von England um den ungewöhnlichen Betrag eines ganzen Prozents konnte als Warnungszeichen gedacht sein, und es scheint auch, daß man in Washington keinen Zweifel darüber gelassen hat, daß jede weitere amerikanische Erhöhung eine englische nach sich ziehen würde. Diese Politik hat sich als wirksam erwiesen. Das Bundes-Reserve-System hat auf eine allgemeine Erhöhung des Zinsniveaus verzichtet; es hat nur den Ankaufsatz für Bankakzepte erhöht, den es im letzten Jahr in der Meinung niedrig gehalten zu haben scheint, daß man den Aufbau des amerikanischen Akzeptmarktes nicht stören dürfe und daß die so durch Akzeptkauf geschaffenen Mittel der Effektenspekulation nicht zufließen würden; und es hat durch Anwendung moralischer Einwirkung schließlich die Kreditgewährung der Mitgliedsbanken unter seine Führung gezwungen, wie es schon Gustav Cassel bei seiner Vernehmung vor dem Bank- und Währungsausschuß des amerikanischen Kongresses am 18. Mai 1928 geraten hatte. Seit Ende März scheint der hemmungslose Elan der New Yorker Börse in der Tat gebrochen und die Wiederkehr normaler, das heißt der allgemeinen Konjunkturlage angemessener Geldmarktverhältnisse scheint bevorzustehen.
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Überblickt man die vielverschlungenen Wege, die von den Notenbanken der Welt in dem betrachteten Zeitraum begangen worden sind, so ist das Ergebnis zugleich beunruhigend und versprechend, gleich den meisten Vorgängen dieser Zeit. Trotz aller Fortschritte in der Zusammenarbeit der Notenbanken, in der Klärung ihrer ureigensten Probleme und der Erprobung ihrer alten und neuen Mittel, unter Umständen ohne Präzedenz, ist der währungspolitische Zustand jenes Inbegriffes voneinander in verschiedenem und unbestimmtem Grade abhängiger Volkswirtschaften, den wir Weltwirtschaft zu nennen uns gewöhnt haben, sehr weit davon entfernt, ein wirtschaftlich durchdachtes und technisch ausgeglichenes System darzustellen — von den, wie es scheint, eher noch im Wachsen begriffenen politischen Spannungen des kontinentalen und vor allem des atlantischen Raumes zu schweigen, die keinen weltwirtschaftlichen Gedanken zu reiner Auswirkung gelangen lassen. Das Jahr des Kellogg-Paktes ist auf dem Felde der Währungspolitik ein Jahr des Anwachsens nationaler Egozentrizität gewesen. Aber es spricht für die zunehmende Aufklärung der Leiter gerade der weltwirtschaftlich führenden Notenbanken, daß sie die, nach Vorkriegsmaßstäben beurteilt, ungeheuren Goldbewegungen der jüngsten Vergangenheit sich haben vollziehen lassen, ohne daß es nötig gewesen wäre, den Ablauf der volkswirtschaftlichen Konjunkturen durch diese erratischen Zu- und Abflüsse empfindlicher zu stören. Die schematische Bindung der Geldschöpfungen an die Flutungen der nationalen Goldbestände scheint im Schwinden begriffen, wenn auch längst nicht mit hinreichender Stärke und Bestimmtheit. Es wird die Aufgabe der Völkerbunds-Untersuchung sein, den wichtigen Entwicklungen, die sich im instinktiven Vortasten der Notenbank-Praktiker langsam und unsicher anzubahnen beginnen, zu klarem Bewußtsein und zu sicherer Einsicht in Ziele und Bedingungen, Zwecke und Mittel zu verhelfen.
- [1] Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, 1927, S. 178.