Nach viermonatigen Mühen ist das den Meisten Unwahrscheinliche zum Ereignis geworden: die Mitglieder der Pariser Reparationskonferenz haben sich auf einen gemeinsamen Bericht geeinigt, der zu klaren, bestimmten und ausgeglichenen Feststellungen und Empfehlungen kommt. Das Schriftstück redet viel von gutem Willen und gegenseitigem Vertrauen, von Aufhören des Kriegsgeistes und gemeinsamer Arbeit an der Nutzung der Erde. Es ist nicht zu verkennen, daß mit diesem Dokument, wie mit dem Dawes-Plan, ein Stück verantwortlicher Weltwirtschaftspolitik geschaffen ist, von Männern, die sich ehrlich als Sachwalter einer die Landesgrenzen überfliegenden Weltrepublik der Wirtschaft empfinden. Aber niemand wird es dem Deutschen verdenken, wenn er diese freundlich lautenden Seiten mit Sorge, mit Bitterkeit, ja mit Zorn liest und durchdenkt, denn in die Weltwirtschaft, von der hier die Rede geht, tritt sein Land schwer vorbelastet durch eine seinen Traditionen unangemessene Bürde des Besiegten ein. Es soll zwar nicht länger durch politische und halbpolitische Kontrollen und Agenten des Auslandes, nicht mehr durch den entehrenden Stempel der Reparationsgläubiger auf jeder seiner Banknoten an das Fehlen seiner militär- und wirtschaftspolitischen Unabhängigkeit erinnert werden. Aber es muß durch eine über zwei Menschenalter erstreckte Fronarbeit im Dienste der Sieger an jedem Tage das Bewußtsein seiner schauerlichen Niederlage sich erneuern lassen; und es muß sich überdies fragen, ob die in aller Geschichte unerhörte Schwere dieser Bürde nicht zum großen Teil den Fehlern der eigenen politischen Führung in und nach dem Kriege mitverdankt wird.
Die Lage ist in wesentlichen Zügen ähnlich der nach dem Zustandekommen des Dawes-Berichts. Als im Spätsommer 1924 das Londoner Abkommen im Reichstag zur Beratung stand, schrieb ein bekannter Gelehrter an dieser Stelle: „Die Partie ist verloren, und daraus gilt es die Konsequenzen zu ziehen ... Nichts kann die verpaßten Gelegenheiten zurückbringen und die Fehler der Vergangenheit unwirksam machen. Groll und Ingrimm mögen das ‚Ja‘ begleiten, dennoch muß es ein ‚Ja‘ sein. Die Vernunft läßt es nicht anders zu, obwohl die Folgen furchtbar sein werden[1].“ Dieses Urteil ist von allen denen für irrig gehalten worden, die von Anfang an den experimentellen Charakter des Planes erkannt hatten. Das Urteil scheint mit größerem Recht von dem Young-Plan zu gelten, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger nach der Meinung seiner Urheber als Definitivum gelten soll. Er entbehrt zwar nicht aller Möglichkeiten der Korrektur und Revision, und er schafft für die Fälle einer vorübergehenden und dauernden Störung der deutschen Wirtschaft einen deutlicher artikulierten Modus und einen geschäftsmäßiger arbeitenden Apparat. Aber er spricht es in unmißverständlicher Deutlichkeit aus, er hege keinen Zweifel daran, daß die im Bericht festgesetzten Zahlungen von Deutschland geleistet werden können, und daß sich die deutsche Wirtschaft auf dieses Maß von Belastung auf die Dauer einzustellen habe – während der Dawes-Plan es dem Versuch überlassen wollte, wieviel transferiert werden könne, ohne die Lebenshaltung des deutschen Arbeiters unter das in den Wettbewerbsländern geltende Maß herabzudrücken, wobei nach der Meinung seiner deutschen Interpreten als echter Transfer nur der aus eigenen Überschüssen der Leistungsbilanz im Verkehr mit dem Ausland gelten durfte. Unter den Mitteln zur Erzielung eines solchen Überschusses war auch nach der Meinung von J. M. Keynes ein eigentlicher Deflationsdruck nicht in Betracht gezogen worden[2]. Nur die absichtliche Verhinderung des Transfers durch Manipulationen des Devisenmarktes oder durch künstliches Niedrighalten des Diskonts konnte dem Schuldner vorgerückt werden.
Es scheint heute festzustehen, daß es der Generalagent für die Reparationszahlungen selber gewesen ist, der die Revision des Dawes-Planes am kräftigsten betrieben hat, weil er es dadurch verhindern wollte, daß der Apparat des Dawes-Planes durch das Wirksamwerden der Transfer-Klausel auf eine für die Alliierten ungünstige Probe gestellt wurde. Seine Politik lag sicherlich, welches auch seine persönlichen Haupt- oder Nebengründe gewesen sein mögen, in der Richtung des Interesses seiner Auftraggeber, so wie er schon in diesem Interesse den Schein-Transfer, mit Hilfe des Erlöses von Auslandsanleihen, entgegen dem Dawes-Bericht als echten Transfer behandelt hatte. Kam aber eine Lage in Sicht, in der der Zustrom der Auslandsanleihen nach Deutschland versiegte oder auch nur stockte, so mußte er sich der Unzulänglichkeit seiner Mittel zur Aufrechterhaltung der scheinbaren Transferfähigkeit auf das schmerzlichste bewußt werden. Sein Amt sicherte ihm das Recht, über die deutsche Wirtschaftsführung Berichte zu schreiben, aber es verlieh ihm keine Befugnis zu wirksamen Eingriffen. Kein Wunder, daß er sich in wachsender Stärke als unnütz empfand und die Liquidation seiner Stelle anstrebte, bevor ihr Versagen – im Sinne der Gläubiger – auch vor der breiteren Öffentlichkeit sichtbar geworden war.
Das Drängen Parker Gilberts nach einer Lösung des Reparationsproblems noch vor anhaltender Erprobung des Transfers der Normallasten konnte auf die Unterstützung Frankreichs rechnen, das vor der Aufgabe einer endlichen Regelung seiner Kriegsschulden an die Vereinigten Staaten stand; es konnte auch den Beistand Englands finden, dessen konservative Regierung es für passend halten mochte, die Bereinigung dieses Problemgebiets noch vor den Neuwahlen vorzunehmen, die es leicht den Händen der außenpolitisch unerfahrenen Arbeiterpartei überantworten konnten. Dagegen lag Deutschlands Stärke darin, daß es, gekräftigt durch die Auslandsgelder und gestützt durch das Interesse der Auslandsgläubiger an der Stabilität der deutschen Wirtschaftsverhältnisse, einen geeigneteren Zeitpunkt für die Aufrollung des Transferproblems abwarten konnte – und abwarten mußte, wenn es der eigentlichen Vorteile des Dawes-Planes teilhaftig werden wollte. Die Erhebung des Einwands der Transfer-Unfähigkeit setzte allerdings voraus, daß Deutschland eine gesunde und starke Finanzpolitik im Innern betrieb, daß es sich in politisch aktionsfähiger Verfassung befand und daß es genug Voraussicht und Nerven aufbringen konnte, um eine kritische Lage ohne Wanken durchzuhalten. Bis diese große Probe gemacht war, gab es, wie der scharfsichtigste der europäischen Beurteiler an dieser Stelle dargelegt hat, überhaupt keine Verhandlungsbasis. „Sie hat nie bestanden und wird nie bestehen, bevor man nicht den Dawes-Plan sich eine längere Zeit auswirken läßt ... Ich bin geneigt anzunehmen, daß der Transferschutz sehr bald wirksam werden wird, und daß Deutschland dann aufhören wird, überhaupt irgendwelche Reparationen zu leisten[3].“
Es hat sich herausgestellt, daß die seelischen und sachlichen Vorbedingungen einer solchen Politik angelsächsischen Stils in dem politisch seit je zur Spannungslosigkeit neigenden Deutschland nicht gegeben waren. Hier lag eine Chance für die Pläne des Generalagenten. Es muß ihm zugestanden werden, daß er nichts unterlassen hat, um Deutschland zu warnen. Seine Kritik an der übersichtslosen Finanzgebarung des Reichs mag in seiner Kompetenz gelegen haben oder nicht: wäre sie rechtzeitig und nachhaltig befolgt worden, so wäre die deutsche Delegation in stärkerer Position in die Verhandlungen nach Paris gegangen und die Reichsregierung verfügte über einige Freiheitsgrade mehr, wenn sie jetzt in diplomatische Verhandlungen eintritt, die über die Annahme der Empfehlungen zu entscheiden haben und in deren Mittelpunkt das unumgängliche Korrelat einer Umwandlung der politischen Reparationsschuld in eine geschäftsmäßige: die völlige Räumung des besetzten Gebietes und die Regelung der Saarfragen stehen muß. Indem man aber jahrelang eine Ausgabenwirtschaft weiterführte, deren leitendes Prinzip das Bei-Laune-Halten des letzten noch zu gewinnenden Wählers zu sein schien, geriet man in eine überaus beengte Stellung, in der die Ermäßigung der Steuerlast um ein paar hundert Millionen Mark zu einer Angelegenheit von höchster politischer Dringlichkeit wurde. Wollte man den Gegnern des parlamentarischen Systems in die Hände arbeiten, man hätte nicht anders handeln können. Daß aber ein solches Verhalten nicht vom Charakter einer einzelnen Parteigruppe abhängt, sondern auf einem tiefgegründeten Fehler des gegenwärtigen Deutschen beruht, zeigt die Erinnerung an den Ruhrkampf, dessen Ausgang durch eine noch größere Verworrenheit der Finanzpolitik des Reiches unter einer anderen Parteikonstellation sein Gepräge erhalten hat.
Nachdem die Verhandlungen zur Unzeit begonnen waren, blieb der Spielraum der für Deutschland erzielbaren Vorteile eng begrenzt; da das wirtschaftliche Experiment ausgeschlossen blieb, gewannen politische Überlegungen ein stärkeres Gewicht als in dem Dawes-Bericht. Erwägt man diese Umstände, so erscheint es erstaunlich, wie viel den deutschen Sachverständigen dennoch durchzusetzen gelungen ist: die Begrenzung der Gesamtschuld auf eine nicht-utopische Summe; das Einsetzen bei einer Annuität, die dreiviertel Milliarden unter der Normalannuität des Dawes-Planes liegt; das langsame Ansteigen auf einen Höchststand (1965), der immer noch unter diesem Normalstand bleibt (von dem bedenklichsten Fehler des Dawes-Planes, dem Wohlstandsindex, zu schweigen); die mäßige Bemessung der ungeschützten Annuität; die dringliche Empfehlung der Einstellung der Liquidationen und der Hinweis auf die zu knappe Rohstoffbasis der deutschen Wirtschaft[4]. Die deutschen Delegierten haben mit Zähigkeit und Schmiegsamkeit, wenn auch vielleicht nicht immer mit Glück und Witterung, ihren langen schweren Kampf so durchgekämpft, daß sie den Dank des Vaterlandes verdienen. Wenn das Ergebnis erschreckend bleibt, so mag die Ursache nicht in gelegentlich gemachten taktischen Fehlern der Delegation gesucht werden, sondern in dem strategischen Versagen der obersten politischen Leitung, das die große Kraft dieser Männer im schlechten Augenblick und unter den ungünstigsten Bedingungen eingesetzt hat. Es ist nötig, dieses schuldhaften Versagens eingedenk zu bleiben. Nur durch entschiedene Abkehr von den Methoden einer fahrlässigen Staats- und Wirtschaftsführung wird den schlimmsten Folgen der durch sie geschaffenen schlimmen Lage begegnet werden können. Es ist nichts dringlicher zu fordern, als daß Deutschland seine Kräfte aus dem zerstreuenden Bereich seiner tausend und ein Individualitäten, Interessen und Partikularitäten zurückzieht, in einen Mittelpunkt versammelt und aus ihnen einen politischen Körper bildet, der durch Aufbau, Spannung und Kühnheit seiner neuen Aufgabe gewachsen ist.
Diese Aufgabe kann mit wenig Worten eindeutig charakterisiert werden: Deutschland wird durch den Zwang der Dinge zur Genialität in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht verpflichtet. Erfüllt es diese Bedingung nicht, so verurteilt es sich selbst zu dem zweideutigen Leben eines in immer tiefere Abhängigkeit Verstrickten, der würdelos von seiner Schwäche lebt, weil er sich schließlich allein auf das Interesse seiner Gläubiger an dem Fortvegetieren ihres Schuldners stützen kann. Ein bestimmtes Maß von Auslandsverschuldung mag sich als ein nützliches Instrument der Politik eines militärisch unbeträchtlichen Landes erweisen. Es wird aber selbst in dem meinungszersplitterten Deutschland Einhelligkeit darüber zu erzielen sein, daß die jetzt zu übernehmenden Lasten aus politischen Gründen nicht durch ein im gleichen Maße fortgehendes Borgen getragen werden dürfen – obwohl eine sofortige Re-Investierung der zugunsten der Westmächte und insbesondere der Vereinigten Staaten aus der deutschen Volkswirtschaft gezogenen Summen in eben diese deutsche Volkswirtschaft vom Standpunkt der Weltwirtschaft die ökonomisch günstigste Lösung wäre. Denn es ist ein Widersinn und also eine Quelle schwerer wirtschaftlicher Störungen, daß ein äußerst kapitalschwaches Land einseitige Übertragungen an ein äußerst kapitalreiches Land macht, um dessen Steuerdruck zu mindern. Entschließt man sich aber zu der Aufgabe, die Reparationsleistungen aus Reinerträgen der eigenen Wirtschaft zu bewirken – und ein anderer Weg steht nicht offen, wenn nicht die Reallöhne der Arbeiter auf das empfindlichste gedrückt werden sollen, was nicht ohne schwere Gefährdung der Stetigkeit des Wirtschaftsganges geschehen kann –, so bedeutet diese Aufgabe nichts anderes, als daß die Überlegenheit der deutschen Wirtschaftsführung über die des unter sehr viel günstigeren Bedingungen arbeitende des Auslandes bis auf einen Grad gesteigert werden muß, für den die Sprache nur das Wort Genialität zur Verfügung stellt.
Um welche Größenordnung der Leistung es sich handelt, zeigt die eine Angabe, daß nach den Zahlungsbilanz-Aufstellungen des Statistischen Reichsamts der Passivsaldo Deutschlands aus Waren, Diensten, Zinsen und Wanderungen sich im Durchschnitt der letzten drei Jahre auf rund 1,5 Milliarden belaufen hat – vor allen Reparationszahlungen, die jetzt in Höhe von anfänglich rund 1,7 Milliarden RM dazutreten. Soll die bisher geübte Borgwirtschaft nicht fortgesetzt werden, so wird ein erheblicher und rasch ansteigender Teil dieser 3 bis 3,5 Milliarden durch Steigerung der deutschen Ausfuhr finanziert werden müssen. Hierfür kommt aber im wesentlichen nur die Ausfuhr an Fertigfabrikaten in Frage, die im Jahre 1928 rund 8 ½ Milliarden betragen hat, einschließlich der Sachlieferungen auf Reparationskonto. Es ist möglich, daß die Schwierigkeiten einer Umstellung der Wirtschaft auf eine Vermehrung dieses Exportes um rund 40 % durch die kurzfristigen Kreditoperationen der Bank für Internationale Zahlungen erheblich gemildert werden können. Es ist wahrscheinlich, daß eine folgerichtige Weltwirtschafts-Investitionspolitik, wie sie durch ein solches Institut gefördert werden soll, den Spielraum der Entfaltung des Welthandels und also auch der deutschen Ausfuhr erheblich erweitern kann. Aber die Führer der deutschen Wirtschaft werden sich darüber nicht täuschen, daß der schwerste Teil der Arbeit auf ihren eigenen Schultern ruht und das höchste Maß von Führerschaft verlangt. Es eröffnet sich eine Epoche, in der Mangel an schöpferischen Gedanken und gutmütige Rücksicht auf die Wünsche der eigenen Gefolgschaft nicht Entschuldigung, sondern Vergehen gegen das Wohl des Volksganzen bedeuten müssen.
Dies gilt mit besonderem Nachdruck von den Führern der Arbeiterschaft. Wenn die durch den Young-Plan geforderte Umkonstruktion der deutschen Wirtschaft gelingen soll, so ist es zweifelhaft, ob die in Form von sichtbaren und unsichtbaren Löhnen (den sogenannten sozialen Lasten) an die Arbeiterschaft gezahlten Summen in der bisherigen Höhe fortgezahlt werden können; unzweifelhaft, daß sie auf absehbare Zeit keiner Erhöhung fähig sind, wie groß auch die organisatorischen und technischen Fortschritte der Industrie sein mögen, denn diese werden restlos für Tributzahlung und Kapitalbildung beansprucht werden. Man kann nicht den kostspieligsten und grausamsten Krieg der Weltgeschichte verlieren und auf den Trümmern des zerschlagenen Staates die allsorgende Wohlfahrtsrepublik errichten. Aber man wird freilich auch nicht erwarten dürfen, daß die Arbeiter sich mit diesen elementaren Folgerungen aus einer allzulange verhehlten Binsenwahrheit abfinden werden, wenn nicht die anderen Klassen ihnen durch bedingungslose Eingliederung ihrer Sonderinteressen in die der Nation, und durch tathafte Überordnung des geistigen Lebens über das stoffhafte in Staat und Einzeldasein vorangehen. Nur wenn dies geleistet ist, und es erfordert ein ungeheures Maß von Wandlungskraft und Überlegenheit, wird das schöne Wort von der Bildung einer Volksgemeinschaft dem Bereich wohl- oder übelgemeinter Phrasen enthoben sein.
Daß die politische Führung und der politische Aufbau des Reiches nicht minder großen Ansprüchen der ungewöhnlichsten Art ausgesetzt sein werden, wird kaum noch eines Wortes bedürfen. Wenn die Erfordernisse der nächsten Zeit, seelische und organisatorische Umstellung von Wirtschaft und Gesellschaft, das Dasein eines starken und weisen Staates voraussetzen, wie er in Deutschland seit dem Sturze des Reichsgründers nicht mehr zu finden war, so werden die unabwendbaren außenpolitischen Krisen einer nicht fernen Zukunft das höchste Maß von Aktionsfähigkeit und Einsicht bedingen, dessen ein Staatswesen überhaupt fähig ist. Das Reich wird an die Ausführung eines Planes, dem die von ihm berufenen Sachverständigen zugestimmt haben (vorausgesetzt, daß seine politischen Voraussetzungen gegeben sind ...), mit zähem Eifer und geradem Willen gehen. Wenn es sich aber herausstellen sollte, was heute nur eine Wahrscheinlichkeit ist: daß die Lasten auch dieses Planes nicht ohne tiefe Gefährdung der deutschen Wirtschaft und damit auch der Weltwirtschaft getragen werden können, so wird das Reich sich der in dem Plane gebotenen Revisionsmöglichkeiten mit Entschlossenheit und Spannkraft bedienen müssen. Dabei aber muß es sich darüber klar sein, daß solche Verhandlungen notwendigerweise in Zeiten geführt werden müssen, da die Widerstandskraft der deutschen Wirtschaft einem Minimum zustrebt. Grund genug, nur diejenige Führung zu dulden, die ein Äußerstes an Begabung und Blick verbürgt. Es ist seit jeher eine Eigentümlichkeit Deutschlands, daß es unter mittelmäßigen Führern nicht in Mittelmäßigkeit geraten muß, sondern in den Abgrund.
Die Blätter berichten, daß im Beratungszimmer der Pariser Konferenz, als eben der Bericht unterzeichnet werden sollte, aus irgendeinem Anlaß ein Brand ausbrach ... eine von jenen bedeutungtragenden Fügungen, von denen die Geschichten des Plutarch in jedem Kapitel berichten. Der wirkliche Sinn des Ereignisses wird erst von den Späteren erkannt werden können. Zukunftsverkündend oder nicht – die Flamme bleibt ein Zeichen, daß in alle unsere Erwägungen und Errechnungen jäh und lebendig ein Elementares hineinwirkt, das der Voraussage spottet, aber das höchste Wachsein fordert und nährt. „Das Weltall aber steuert der Blitz.“
- 1 Bernhard Harms, Rentenmark, deutsche Wirtschaft und Sachverständigengutachten. „Wirtschaftsdienst“ v. 22. Aug. 1924, S. 1102.
- 2 J. M. Keynes, The German Transfer Problem. Economic Journal, March 1929, S. 7.
- 3 John Maynard Keynes, Snowdens Vorstoß in der Kriegsschuldenfrage und der Stillstand der Reparationsverhandlungen, „Wirtschaftsdienst“ vom 26. April 1929, S. 740 f.
- 4 Sie haben dafür das Prinzip des allgemeinen Transferschutzes opfern müssen. Der Bericht erweckt den Anschein, als ob die von ihm vorgesehenen Korrektur- und Revisionsmöglichkeiten einen höheren Schutz darstellen als die Transfer-Klausel. Dem steht die Tatsache entgegen, daß die Vertreter der Gläubigermächte es gewesen sind, die das Prinzip des generellen Transferschutzes nicht zugestehen wollten ... aus politischen Gründen.