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Will man die künftigen Größenordnungen der weltwirtschaftlichen Entwicklung abschätzen, so bedarf man in erster Linie eines zahlenhaften Ansatzes der Kapitalausfuhr der Vereinigten Staaten. Will man aber diese Größe bestimmen, so sind die wichtigsten Aufschlüsse von den Zahlungsbilanzen der neuen weltwirtschaftlichen Vormacht zu erwarten. Es ist richtig, daß keine Zahlungsbilanz eines abgeschlossenen Zeitraums einen sicheren Schluß auf die künftige Bewegung irgendeines ihrer Posten erlaubt. Sie bleibt trotzdem der wichtigste Anhaltspunkt für alle solche Erwägungen, denn sie gibt ein Bild der Größenverhältnisse, wie sie sich unter bekannten Bedingungen herausgebildet haben. Damit aber macht sie erst ein Urteil darüber möglich, wie irgendwelche künftigen Änderungen dieser Bedingungen das Zahlenspiel umformen können.

Die Veröffentlichung des amerikanischen Wirtschaftsministeriums über die Zahlungsbilanz des Jahres 19281) verschafft uns zum ersten Mal die Möglichkeit einer solchen Untersuchung auf breiterer Basis. Sie führt, gemäß der guten Tradition des Amtes auf diesem Felde, eine große Zahl von Verbesserungen methodischer Art ein, von denen sie zwanzig selber aufzählt. Aber sie begnügt sich nicht mit diesem schönen Beweis von Urteilskraft und Zähigkeit, sondern errechnet mit Hilfe der neuen Erkenntnisse und Hilfsmittel auch die Bilanzen der sechs vorangehenden Jahre von neuem in gleichmäßiger Weise. Die Fehlerquellen, in vielen Fällen vom Amt selbst abgeschätzt, bleiben zum Teil beträchtlich groß. Bedenkt man aber, daß die Bilanz auf jeder ihrer Seiten mit rund 10 Milliarden $ abschließt, so würde ein Fehlersaldo selbst von 100 Mill. $ ein ernstes Problem stellen, aber nicht die Unbrauchbarkeit der Aufstellung erweisen.

In der Tat ergab sich im Durchschnitt der letzten Jahre, dem absoluten Betrag nach, ein durchschnittlicher Fehlersaldo ungefähr in dieser Höhe. Da diese unaufgeklärte Summe fast immer auf der Verpflichtungsseite auftauchte, und da eine weitere Heraufsetzung des Saldos der erweiterten Handels- und Leistungsbilanz nicht ratsam schien, ist der Bearbeiter der Bilanz, Mr. Ray Hall, gleichsam nach eigenem Ermessen verfahren, kühn, aber nicht ohne gute Gründe. Die Gründe sind diese: erstens ist es wahrscheinlich, daß die meisten Fehler nicht in den Posten der Handels- und Leistungsbilanz stecken, sondern in denen der Bilanz des Kapitalverkehrs; zweitens stellen unter den Posten der Kapitalbilanz die verfügbaren Zahlen für die handelsmäßigen Effektenbewegungen weitaus den fragwürdigsten Posten dar. Die Kühnheit liegt darin, daß Mr. Hall die Fehler der Kapitalbilanz kurz entschlossen auf 150 % der Fehler der erweiterten Handelsbilanz ansetzt, also 60 % des Fehlersaldos dem Passiv-Saldo der Effektenbewegung zuschlägt. Hierdurch verringert sich der durchschnittliche Fehlersaldo auf 40 Mill. $ im Jahre, ohne daß die übrigen Posten weniger plausibel erscheinen.

Die unsichtbaren Fehler aber sind gefährlicher als die sichtbaren. Bei der Schätzung der Heimsendungen von Eingewanderten gibt Mr. Hall selber an, daß die Zahl für 1928: 189 Mill. $, ihm mit einem möglichen Fehler von 50 Mill. $ behaftet scheint. Wird er widersprechen, wenn wir bei dem Posten Ausgaben amerikanischer Touristen im Ausland, der jetzt auf 780 Mill. $ angewachsen sein soll, die Möglichkeit einer Überschätzung in mindestens gleicher Höhe in Betracht ziehen? Ein möglicher Fehler gleicher Größenordnung ergibt sich, wenn die Ausfuhr oder die Einfuhr auch nur um 1 % fehlerhaft deklariert ist, denn der Gesamthandel ist auf rund 10 Milliarden $ gestiegen. Kein Wunder, daß Mr. Hall verwundert fragt, wie man angesichts der amerikanischen Zahlen soviel Zeit auf die Erörterung von Transferproblemen verwenden könne. Der Amerikaner darf über diese Dinge mit der liebenswürdigen Naivität eines sehr erfolgreichen Mannes reden, der nicht begreifen kann, daß es auch einem Verarmten bei gutem Willen schwer fallen könne, sein Vermögen in kurzer Zeit zu vervielfachen. Auf diesem Punkt verweilen wir indessen nicht, sondern fragen, der angedeuteten Vorbehalte eingedenk, nach dem Ergebnis seiner im Statistischen methodisch ausgezeichneten Arbeit.

Dieses Ergebnis ist überraschend für alle, die anzunehmen gewöhnt waren, daß die Vereinigten Staaten in die Rolle eingerückt seien, die England vor dem Kriege einnahm und die es seitdem nicht mehr zu spielen imstande scheint. Man rechnet damit, daß England vor dem Kriege im Jahresdurchschnitt rund drei (bis 3,5) Milliarden M im Ausland anlegen konnte, und damit etwa die Hälfte aller langfristigen Kapitalausfuhr in jenem Zeitraum stellte2). Es ist gut, sich zu erinnern, daß, zu heutigen Preisen umgerechnet, jene 3 Milliarden rund 4,2 bis 4,5 Milliarden RM bedeuten. In weitem Abstand folgte Frankreich mit 1–1,5 Milliarden fr3), in noch weiterem Deutschland mit höchstens 0,5—1 Milliarde M4). Heute hat Deutschland auf absehbare Zeit einen Kapitaleinfuhrbedarf von einigen Milliarden. Frankreich hat seine Kapitalausfuhrfähigkeit, nach französischer Ansicht, bewahrt. Englands Netto-Kapitalausfuhr kann in den letzten Jahren 840 Mill. RM nicht erheblich überschritten haben5). Die Lücke, die die Vereinigten Staaten, zusammen mit den kleineren kapitalausführenden Ländern auszufüllen haben, ist, wie man sieht, von sehr beträchtlicher Größe. Was haben die wirtschaftlichen Gewinner des Krieges getan, um sie zu schließen?

Es versteht sich, daß bei einer solchen Fragestellung als Kapitalausfuhr nur die Summen gezählt werden können, die in Form von Emissionen, Effekten- und Grundstückskäufen, Unternehmungsbeteiligungen und kurzfristigen Krediten dem Ausland zur Verfügung gestellt worden sind. Analog ist die Kapitaleinfuhr hier definiert. Die Gegenüberstellung der Forderungs- und Verpflichtungsposten aus solchen Geschäften zwischen Angehörigen verschiedener Volkswirtschaften, soweit daraus Zahlungsverpflichtungen mit Fälligkeit in der betrachteten Periode entstanden sind, nennen wir Kapitalrechnung; die Gegenüberstellung sämtlicher übrigen Transaktionen, aus denen so charakterisierte Forderungen und Verpflichtungen folgen, Einkommensrechnung. Wir vermeiden gern das völlig irreführende Wort Bilanz und hätten in beiden Fällen nur ein Wort hinzuzufügen, um anzugeben, daß es sich um Transaktionen zwischen verschiedenen Volkswirtschaften handelt, also um Wirtschaftsgebiete nicht notwendig mit verschiedener Währungsform, wohl aber notwendig unabhängiger Währungspolitik6). Will man genau sein, so könnte man demgemäß beide Arten von Rechnungen als „intervalutarische“ kennzeichnen — statt, wie es gewöhnlich geschieht als „internationale“, obwohl die Nationalität mit diesen Sachverhalten nicht das geringste zu tun hat.

Es ist neuerdings vorgeschlagen worden, die Zahlungsbilanz (die man genauer intervalutarische Jahresrechnung nennen sollte) in anderer Weise zu gliedern7). Der Kapitalrechnung nämlich sollten nicht nur die Zinszahlungen, sondern auch die Rücksendungen der Einwanderer zugeschlagen werden. Dies wäre unschädlich, solange durch diese Änderung nur ausgedrückt werden soll, daß diese Posten einen anderen wirtschaftlichen Hintergrund haben als Warenhandel und Seeschiffahrt. Ihre Bezeichnung als Kapitalausfuhr aber kann nur irreführend wirken. Die Wirkungen auf die Wirtschaft sowohl des Empfangs- wie des Geberlandes sind bei Zuwendungen an die zurückgebliebenen oder nachfolgenden Familienmitglieder völlig andere als bei Investionen von Vermögen im Ausland. Vielmehr scheint uns die zwangloseste Deutung jenes Postens die folgende zu sein: während die Einfuhr den Bedarf der im Inland Ansässigen zu decken hat, wird hier der Kreis der Inlandsangehörigen so weit gezogen, daß er auch solche Familienmitglieder umfaßt, die ständig oder vorübergehend jenseits der Grenze wohnen — so wie auch die Ausgaben von Touristen als Bedarfsdeckung von Inländern jenseits der Grenze betrachtet werden müssen. Alle drei Posten hängen vom Grad des Wohlstandes und dem Stand der Konjunkturen ab. Es ist auch nicht anzunehmen, daß der Posten Auswanderer-Rimessen sich gegenüber veränderten Verhältnissen als unelastischer erweist als erhebliche Teile der Einfuhr. Andererseits unterscheiden sich die Zinszahlungen nicht von anderen Gegenleistungen für die Beanspruchung von „Produktions-Faktoren“: Arbeit und Boden. Wir bleiben also bei der alten Einteilung in Einkommensrechnung und Kapitalrechnung8); aber auch wir sehen eines der Hauptprobleme in der Frage, ob die Kapitalausfuhr durch Zinseinnahmen aus dem Ausland gedeckt, überdeckt oder nicht gedeckt wird.

Hierauf gibt die amerikanische Zahlungsbilanz für den Durchschnitt der sieben Jahre 1922—28 folgende Antwort: Der langfristige Kapitalausfuhrüberschuß hat jährlich 560 Mill. $ betragen — nach Vorkriegspreisen also wenig mehr als die Hälfte der englischen Vorkriegs-Kapitalausfuhr. Dieser Summe aber steht eine durchschnittliche kurzfristige Kapitaleinfuhr von rund 100 Mill. $ gegenüber, so daß die gesamte Kapitalausfuhr sich auf 460 Mill. $ reduziert, gleich rund 2 Milliarden RM, nach Vorkriegspreisen 1,3 Milliarden RM. Es kennzeichnet die Veränderung der wirtschaftlichen Größenvorstellungen nach dem Kriege und die Schwere der Kapitalnot in Europa, daß ein goldenes Kalb von diesen Dimensionen einer solchen Verehrung für würdig erachtet worden ist. Auf der anderen Seite kennzeichnet es die Vorstellungen, die sich das Ausland von der deutschen Wirtschaftsbegabung macht, daß eine Reparationszahlung in der Höhe des gesamten amerikanischen Kapitalexports im Durchschnitt der letzten sieben Jahre als im Bereich des Möglichen liegend erachtet wird ... bei einem Lande, dessen Zinsbilanz schon jetzt mit einer Milliarde passiv ist, während die Vereinigten Staaten im Jahresdurchschnitt jener Periode 666 Mill. $, gleich 2,8 Milliarden RM, mehr an Zinsen vom Ausland empfangen als an das Ausland zu zahlen hatten.

Es ergäbe sich demnach, daß die Vereinigten Staaten in jenen sieben Jahren nicht mehr an Kapital exportiert haben, als sie in Form von Zinsen und Dividenden von dort empfangen haben, sondern um rund 30 % weniger. Die Differenz entspricht fast genau den Schätzungen des Amts für die Rücksendungen der Eingewanderten, aber es wird wohl von niemandem die eine Größe für die Ursache der anderen gehalten werden. In keinem Fall stellt die amerikanische Kapital-Nettoausfuhr in jenen Jahren einen Überschuß amerikanischer Waren- und Dienstausfuhr dar: es werden vielmehr lediglich die Zinsbezüge vom Ausland im Ausland zinstragend stehengelassen oder im Ausland zurückgelassenen Familienangehörigen abgetreten.

Wer die amerikanische Kapitalausfuhr höher ansetzen will, muß die Berechtigung nachweisen, die übrigen Ansätze der amerikanischen Zahlungsbilanz entsprechend zu ändern. Es fügt sich, daß in der Einnahmerechnung, abgesehen von den aus der Handelsstatistik übernommenen Zahlen für Einfuhr und Ausfuhr, nur die Posten Touristenverkehr und Einwanderer-Rücksendungen Fehler von beträchtlicher Höhe aufweisen können, und daß die sachverständige Kritik sich bisher in der Regel gegen die stupende Höhe dieser Posten gerichtet hat9). Wer den Betrag der amerikanischen Netto-Kapitalausfuhr erhöhen will, hat also die Möglichkeit, diese vielleicht überhöhten Zahlen um ein beträchtliches zu ermäßigen. Erheblich mehr als 100 Mill. $ wird aber auch der am meisten optimistische Beurteiler hierfür nicht zur Verfügung stellen können — eine Summe, durch die der Kapitalausfuhrüberschuß nur um eine halbe Milliarde $ vergrößert werden würde. Der depressive Zustand der Weltwirtschaft und die Höhe der Zinssätze in jenen Jahren scheinen die zahlungsbilanzmäßigen Überlegungen zu unterstützen.

Die Ergebnisse des Jahres 1928 allerdings unterscheiden sich wesentlich von denen der vorangegangenen sechs Jahre. Nach der Veröffentlichung des amerikanischen Amts hat die Einnahmerechnung rund eine Milliarde $ Überschuß ergeben (einschließlich einer Goldnettoausfuhr von 272 Mill. $ und unter Berücksichtigung von 189 Mill. $ Einwanderer-Rücksendungen). Verglichen mit dem Vorjahr ergibt sich eine Zunahme um 360 Mill. $. Die Zinseinnahmen haben im Jahr 1928 per saldo 733 Mill. $ betragen (gegen 725 Mill. $ im Vorjahr — eine außerordentlich geringe Zunahme, die durch das Anwachsen der ausländischen Investitionen in den Vereinigten Staaten erklärt wird). Zum ersten Mal scheint also die Kapitalausfuhr den Zinsempfang überstiegen zu haben; aber es bleibt ein interessantes Zeichen, daß die Differenz größenmäßig genau der amerikanischen Goldausfuhr entspricht.

Ob sich hier eine Wendung ankündigt oder ob es sich um eine vorübergehende Erscheinung, vielleicht nur um ein statistisches Phänomen handelt, hierüber Vermutungen anzustellen, überlassen wir gern den Zeichendeutern, die in Haufen den amerikanischen Wirtschaftskörper umringen. Genüge es, hier das Wenige anzufügen, was sich über die Komponenten der amerikanischen Kapitalbewegungen im letzten Jahre mit einiger Sicherheit zu ergeben scheint.

Die öffentlich zur Zeichnung aufgelegten ausländischen Wertpapiere werden mit 1483 Mill. $ angegeben, 54 Mill. $ niedriger als im Vorjahr. Hiervon sind zunächst 237 Mill. für Konversionen, 59 Mill. für Bankkommissionen, 63 Mill. für Disagio-Emissionen abzusetzen, so daß der ins Ausland gegangene Betrag sich auf 1124 Mill. $ vermindert. Ferner sind gegenzurechnen 260 Mill. Rückzahlungen, 101 Mill. Tilgungsraten des Auslandes, zusammen 361 Mill. $, denen 70 Mill. $ aus Tilgungen und Rückkäufen amerikanischer Papiere gegenüberstehen. Hierdurch tritt eine weitere Verminderung um 291 Mill. auf 833 Mill. $ ein — weitaus die zuverlässigste Zahl der ganzen Kapitalrechnung. Der Zugang an nicht in Effektenform gekleideten Auslandsanlagen von Amerikanern wird auf 378 Mill. $ geschätzt, der Wiederverkauf solcher Investitionen auf 51 Mill. $, während für die nicht in Effektenform gekleideten Investitionen des Auslands in den Vereinigten Staaten nur eine Nettozahl: 70 Mill. $ angegeben wird. Nach diesen Schätzungen, deren Fehlerquellen beträchtlich sein müssen, ergäbe sich eine weitere Vermehrung der langfristigen amerikanischen Kapitalanlagen im Ausland per Saldo um 257 Mill. $. Noch unzuverlässiger sind die zum größten Teil auf „gegriffenen“ Zahlen der befragten Banken und Bankiers beruhenden (und um 60 % des Fehlersaldos korrigierten) Angaben über die aus dem Wertpapierhandel sich ergebenden Verschiebungen: 568 Mill. $ Käufe ausländischer und 1153 Mill. $ amerikanischer Papiere, denen 1634 Mill. $ Verkäufe amerikanischer und 442 Mill. $ ausländischer Papiere an das Ausland gegenüberzustellen sind, so daß sich aus diesen Posten ein Kapitaleinfuhrüberschuß von 355 Mill. $ ergeben würde. Traut man diesen Zahlen, so hat die langfristige Netto-Kapitalausfuhr 1928 736 Mill. $ betragen — nur 41 Mill. $ mehr als im Vorjahr, und auch jetzt noch rund 40 % weniger als die englische Kapitalausfuhr der Vorkriegszeit, zu heutigem Preisstand gerechnet.

Man sieht, die erhebliche Zunahme der amerikanischen Kapitalausfuhr, die sich nach dem Ergebnis der Einnahmerechnung für 1928 ergibt, ist in der Hauptsache nicht den lang-, sondern den kurzfristigen Anlagen zugute gekommen. In der Tat hat sich nach den vorliegenden Zählungen die kurzfristige amerikanische Verschuldung im Jahre 1928 um 226 Mill. $ vermindert. Hierbei sind allerdings nur die Bewegungen der Konten amerikanischer Banken erfaßt: die Geschäfte von Amerikanern mit nichtamerikanischen Banken und die direkte Kreditgewährung im Im- und Exportgeschäft entziehen sich der Feststellung. Für den zweiten Posten ist in der amerikanischen Zahlungsbilanz für das Jahr 1928 zum ersten Mal ein Posten von 55,4 Mill. $ für verstärkte kommerzielle Kreditgewährung, im Einklang mit den außerordentlich erhöhten Außenhandelszahlen (Ausfuhrüberschuß 1038 Mill. $ gegen 681 Mill. $ im Vorjahr) in der Einnahmerechnung aus Warenhandel abgesetzt worden; folgerichtigerweise, denn es entspricht dem Prinzip der Zahlungsbilanzaufstellung, daß die Forderungen und Schulden im Jahr ihrer wirklichen Fälligkeit verbucht werden: wird eine Warenschuld in einem folgenden Jahr fällig, so muß ein Gegenposten zur Handelsstatistik in die Einnahmerechnung aufgenommen werden.

Daß die kurzfristige Verschuldung der Vereinigten Staaten sich gerade in einem Jahr nicht nur absolut, sondern auch relativ steigender amerikanischer Zinssätze vermindert hat, ist angesichts der starken Goldbezüge Frankreichs und Deutschlands in jenem Jahr nicht unwahrscheinlich. In der Tat entspricht jene Verminderung der Auslandsguthaben in den Vereinigten Staaten zahlenmäßig rund 80 % der amerikanischen Goldausfuhr. Im übrigen zeigt sowohl die Entwicklung der kurzfristigen wie der langfristigen Kapitalbewegungen, daß in den letzten Jahren ein sehr erheblicher Teil der Kapitalströme nicht dem Zinsgefälle gefolgt ist, sondern einem Kraftfeld, das durch Erwägungen steuerlicher, spekulativer und politischer Art bestimmt worden ist10).

Will man die formalen Überschüsse der Einnahmerechnung durch Abstriche von den Posten Touristenausgaben und Auswandererrücksendungen vergrößern, so wären die so für die Kapitalausfuhr freigemachten Summen vermutlich zum größten Teil der Ausfuhr im Wertpapierhandel zuzuschlagen11). Dagegen wird der Einfuhrüberschuß kurzfristiger Kredite, der in den Jahren 1922—28 sich auf insgesamt 666 Mill. $ stellt, nicht gut vermindert werden können. Denn es ist nicht anzunehmen, daß Ende 1921 Amerika kurzfristig mit mehr als einer Milliarde $ per Saldo an das Ausland verschuldet gewesen ist12). Da Ende 1928 die kurzfristige Nettoverschuldung der amerikanischen Banken 1,64 Milliarden $ betragen hat, müßte aber jene unwahrscheinliche Bedingung erfüllt gewesen sein, wenn im Durchschnitt der letzten sieben Jahre nicht jährlich rund 100 Mill. $ mehr kurzfristige Guthaben und Kredite an amerikanische Banken gegeben als von ihnen genommen worden waren, so wie es die Ergebnisse der an die in Betracht kommenden Banken versandten Fragebogen in der Tat lehren.

Tabelle 1
Zahlungsbilanz der Ver. Staaten 1922/28 (Mill. $)

1922

1923

1924

1925

1926

1927

19281)

Warenbewegung (berichtigt)
Ausfuhr 4021 4368 4834 5177 5044 5091 5334
Einfuhr 3432 4162 3952 4544 4766 4508 4497
Saldo + 589 + 206 + 882 + 633 + 278 + 583 + 837
Verschied. unsichtb. Posten
Netto-Frachten (Ozean, Große Seen, Eisenbahn) – 79 – 83 – 64 – 84 – 95 – 66 – 84
Ausgaben amerikanischer Touristen
Canada und Mexiko – 109 – 131 – 159 – 185 – 201 – 231 – 264
Übersee – 345 – 313 – 374 – 400 – 422 – 465 – 518
Ausg. ausl. Touristen in d. Ver. St. + 87 + 104 + 107 + 112 + 148 + 163 + 168
Passagierverkehr über den Ozean + 53 + 60 + 53 + 63 + 69 + 89 + 89
Zinsen auf priv. Kredite a. d. Ausl. + 555 + 594 + 635 + 689 + 740 + 800 + 882
Zinsen auf Kredite an die Ver. St. – 144 – 180 – 192 – 229 – 268 – 281 – 359
Kriegsschuldeinnahmen (Kapital) + 32 + 92 + 23 + 26 + 35 + 46 + 50
dgl. (Zinsen) + 126 + 167 + 160 + 160 + 160 + 160 + 160
Andere Regierungstransakt. (netto) – 46 – 66 – 53 – 61 – 49 – 29 – 57
Rücksendungen der Einwand. – 255 – 229 – 229 – 235 – 218 – 206 – 189
Beiträge für wohltätige Zwecke usw. – 75 – 70 – 55 – 50 – 46 – 49 – 52
Andere Posten (netto) + 46 + 57 + 68 + 74 + 74 + 74 + 67
Saldo d. Handels- u. unsichtb. Post. + 444 + 208 + 802 + 513 + 205 + 588 + 730
Neue private Darlehen, Anlagen und Depositen
Reinzugang langfristiger ameriken. Anlagen im Ausland (pari) – 823 – 258 – 869 – 872 – 888 – 972 – 1339
Abzügl. Disagio u. Kommissionen + 101 + 48 + 125 + 119 + 121 + 119 + 122
Netto – 722 – 210 – 744 – 753 – 687 – 853 – 1217
Reinzugang langfristiger Auslandsanlagen in den Ver. Staaten + 37 + 240 + 11 + 193 + 147 + 158 + 481
Veränderung der Reinverschuldung amerikan. Banken an das Ausland + 375 + 3 + 216 – 61 + 359 - – 226
Kapitalbewegung (lang- u kurzfr.) – 310 + 33 – 517 – 621 – 181 – 695 – 962
Andere Ausgleichsposten
Goldbewegung (netto) – 234 – 295 – 216 + 102 – 72 + 154 + 272
Amerikanisches Papiergeld + 40 + 50 – 20 – 30 - - -
Differenz, auf Fehlerquellen zurückzuführen + 60 + 4 – 49 – 36 + 48 – 47 – 40

1) Vorläufig.

Es ist bekannt, daß die Ergebnisse dieser Fragebogen für das Jahr 1927 als unwahrscheinlich betrachtet werden müssen. Man hat deshalb von der Einfügung der Zahlen für jenes Jahr ganz Abstand genommen, die Ergebnisse der früheren Jahre aber unverändert eingesetzt. Für das Jahr 1928 liegt ein ganz ausgezeichneter Fragebogen vor, der nach sorgfältigen Besprechungen und Korrespondenzen mit einer großen Zahl von New Yorker Bankbuchhaltern und Banknationalökonomen unter Mitwirkung von führenden Beamten des Bundes-Reserveamts ausgearbeitet worden ist. In unserer Besprechung der vorjährigen Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten13) hatten wir die Vermutung gewagt, daß an dem Versagen des früheren Fragebogens die Fassung des Textes schuld sein müsse, der es im unklaren lasse, ob Akzept-Transaktionen mit gemeint seien14). Die neue Veröffentlichung bestätigt unsere Annahme: der alte Fragebogen erfaßte solche Geschäfte überhaupt nicht: daher sein Versagen.

Es stellt sich aber auch heraus, daß die Keynes'sche Annahme, durch die Anhäufung von Anleiheerlösen in Form von Währungsreserven werde ein Preisdruck in den Vereinigten Staaten ausgeübt15), für die in New York gehaltenen Reserven der Zentralbanken nicht zutrifft. Denn diese Reserven werden in den Vereinigten Staaten wieder ausgeliehen. Hier aber liefern sie einen Beitrag zur Überversorgung der kurzfristigen Kreditmärkte und der Wertpapier-Spekulation in New York.

Kreditmärkte und der Wertpapier-Spekulation in New York.

Es ergeben sich hier folgende Größenverhältnisse: Ende 1928 waren 519 Mill. $ ausländischer Wechsel von amerikanischen Banken akzeptiert. Mr. Hall nimmt an, daß der ganze Betrag bis auf 123 Mill. $ von amerikanischen Banken diskontiert worden ist. Der Rest von 396 Mill. $, vermindert um 102 Mill. $ amerikanischer, im Ausland diskontierter Wechsel, aber vermehrt um 600 Mill. $ anderer amerikanischer Bankkredite an ausländische Kunden ergibt erst den halben Betrag der ausländischen Guthaben in amerikanischen Banken: 1751 Mill. $, denen nur 198 Mill. $ Guthaben amerikanischer in ausländischen Banken gegenüberstehen. Außer jenen Depositen aber hält das Ausland noch 960 Mill. $ Mittel am amerikanischen Geldmarkt, die durch Vermittlung amerikanischer Banken für Rechnung ihrer ausländischen Korrespondenten dort ausgeliehen werden: weitaus der größte Teil, 570 Mill. $, durch Ankauf von amerikanischen Akzepten, 207 Mill. durch Kredite an Maklerfirmen, 174 Mill. in Schatzwechseln, 8 Mill. in anderer Form. In jenen rund 4 Milliarden RM mag die Untergrenze der in New York gehaltenen Währungsreserven ausländischer Zentralbanken erblickt werden16). Man geht kaum fehl, wenn man die nach früheren Vorstellungen abnorme Gestaltung der amerikanischen Geldmarkts- und Effektenkonjunktur zu einem Teil mit der plötzlichen Verlegung des Vororts der Goldwährung in die spekulativste aller Volkswirtschaften des kapitalistischen Bereichs zu einem Zeitpunkt erklärt, wo die Goldwährung klassischen Stils durch kühnere Währungsformen verdrängt zu werden im Begriff ist.

  • 1) The Balance of International Payments of the United States in 1928, by Ray Hall, with a foreword by R. P. Lamont, Secretary of Commerce, Trade Information Bulletin Nr. 625, Washington 1929 66 pp.
  • 2) Grossmann, Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik in Zürich, Schriften des Vereins, Bd. 175, S. 194, macht sich die von Konrad Zweig errechnete Zahl von 160 Mill. £ für den Durchschnitt der Jahre 1907 bis 1913 zu eigen. Gutmann, Art. Internationale Kapitalbewegungen, Ergänzungsband zum Handwörterbuch der Staatswissenschaften, S. 628, spricht von 3 bis 3,2 Milliarden M. Nach Schätzungen des Board of Trade, abgedruckt z. B. in „Britain's Industrial Future“, 1928, S. 29, ergibt sich für 1913 ein Kapitalausfuhrüberschuß von 181 Mill. £.
  • 3) Pommery, La France et le Marché international des Capitaux, Schriften des Ver. für Sozialpolitik, Bd. 175, S. 404.
  • 4) Vgl. K. Singer, Die deutsche Auslandsverschuldung, „Wirtschaftsdienst“ 1922, S. 660.
  • 5) Keynes, The British Balance of Trade, „Economic Journal“, 1927 S. 562, rechnet im Durchschnitt der Jahre 1925 bis 1927 mit rund 33 Mill. £ jährlicher Kapitalnettoausfuhr, bei durchschnittlich 100 Mill. £ Auslandsemissionen. — Wenn Gerhard Colm: Von der Zwischenlösung zur Endlösung des Reparationsproblems, „Die Arbeit, Zeitschrift für Gewerkschaftspolitik und Wirtschaftskunde“, 1929, S. 354, die Auslandsemissionen der wichtigsten Kapitalexportländer mit 10 Milliarden RM angibt, so ist daran zu erinnern, daß ihre Kapital-Nettoausfuhr bisher wesentlich niedriger war: im Durchschnitt der letzten Jahre ergibt sich nach den vorliegenden Statistiken ein Betrag von nicht mehr als fünf Milliarden insgesamt. Erst das Jahr 1928 bringt eine Steigerung auf 8 bis 9 Milliarden RM, deren Andauer nicht gesichert erscheint.
  • 6) Gute Darlegungen über diesen Punkt bei Franz Eulenburg, Außenhandel und Außenhandelspolitik, 1929, S. 8 ff.
  • 7) Melchior Palyi, Die Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten als Gläubigerland, Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 174, 1928, insbesondere S. 232.
  • 8) Vgl. Cleona Lewis, The International Accounts, New York 1927, S. 56 ff.
  • 9) Den entgegengesetzten Standpunkt vertritt Palyi, a. a. O. S. 244: er hält 206 Mill. $ im Jahre 1927 für „eher zu niedrig“. Danach verringert sich, wenn keine anderen Korrekturen der Einnahmerechnung entgegenwirken, der zur Anlage im Auslande verfügbare Saldo. Andererseits bestreitet Palyi die Vermehrung der kurzfristigen Verschuldung in den Jahren 1924 und 1926 in Höhe von zusammen fast 600 Mill. $. Einer solchen Annahme widersprechen die Ergebnisse des Fragebogens für 1928, ebenso wie die Analyse der Wirtschaftsvorgänge jener Jahre.
  • 10) Sehr eindrucksvoll, wenn auch theoretisch unbefriedigend, Felix Somary, Probleme des internationalen Kapitalverkehrs, Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 175, S. 206 ff., S. 263 ff.
  • 11) Es versteht sich, daß hier nichts anderes vorliegt als eine Methode der statistischen Schätzung auf Grund von Zahlungsbilanzaufstellungen. Gegen die Vorstellung, als seien die Posten der Einnahmerechnung ursächlich primär gegenüber den Posten der Kapitalrechnung, mit Recht Palyi, a. a. O., S. 251. Die gleichen Argumente gelten aber auch von dem entgegengesetzten Mißverständnis.
  • 12) dies ist auch die Meinung Hall's: a. a. O, S. 47.
  • 1) Vorläufig.
  • 13) Vgl. K. Singer, Die amerikanische Zahlungsbilanz, „Wirtschaftsdienst“ 1928, S. 1144.
  • 14) Anders Palyi, a. a. O. S. 246.
  • 15) Keynes, a. a. O. S. 565. „We and the United States have been continually creating purchasing power for foreigners on a very generous scale in relation to our true surpluses, but they have not been using it. It has not translated itself, as it normally would, into a demand for goods and a stimulus to trade. Sooner or later this hoarding process must come to an end. When it does, a seriously depressing influence on international trade and general economic expansion will have been removed“.
  • 16) Das Bulletin des Federal Reserve Board, Juni 1927, schätzt die in den Vereinigten Staaten gehaltenen Währungsreserven der ausländischen Zentralbanken auf 1000 Mill. $. Keynes, a. a. O. vermutet, daß die Summe sämtlicher im Ausland gehaltenen Währungsguthaben von Zentral- und privaten Banken, sich in der Größenordnung von 12 Milliarden RM bewege.

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