Seit dem formellen Ende des Krieges sind zehn, seit der Befestigung der deutschen und englischen Währung fünf Jahre verflossen. Es ist an der Zeit, die dringlichsten Schlüsse aus der weltwirtschaftlichen Entwicklung in diesem kritischen Zeitraum zu ziehen. Das Ergebnis ist unzweideutig: es bestätigt die Anschauungsweise derer, die auch nach der raschen Überwindung der riesenmäßigen Krisis von 1920 eine saturnische Epoche heraufziehen sahen[1]. In der Sprache der Konjunkturforschung ausgedrückt: eine lange Welle depressiven Charakters kündigt sich an, unterbrochen durch kurzwellige Aufschwungsversuche überwiegend lokalen Charakters, als Ganzes aber im Zeichen fallender Preise, starker Überproduktion, unzureichender Beschäftigung und unbefriedigender Rentabilitäts-Verhältnisse stehend.
Eine solche Entwicklung kann keinem Kenner der neueren europäischen Wirtschaftsgeschichte überraschend sein: sie ist, dem Resultat nach, die gleiche wie nach dem Zeitalter der Revolutionskriege am Anfang und der Nationalstaatskriege im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. In den 24 Jahren von 1820 bis 1844 fällt der englische Preisindex von 172 auf 115; in den 13 Jahren von 1874 bis 1887 von 136 auf 91. In beiden Fällen ist als Ausgangspunkt nicht der Höchststand des ersten Nachkriegs-Scheinaufschwungs gewählt, sondern ein ausgesprochenes Stockungsjahr. Der Preisfall war in keiner der beiden Vergleichszeiten ohne Unterbrechung. Aber ihr Gesamtcharakter war der einer Stockungswelle: lange Depressionen, mit kurzen Aufschwüngen wechselnd. Dazwischen lagen die beiden Wellen von entgegengesetzter Charakteristik: von dem Ende der vierziger bis zum Anfang der siebziger, von der Mitte der neunziger Jahre bis zum Ausbruch des Weltkrieges Zeiten steigender Preise, mit längeren Aufschwungs-, kürzeren Stockungsphasen. Es scheint in der Tat, daß die europäische Wirtschaft im Zeitalter des Hochkapitalismus die Neigung hat, in diesem Rhythmus zu verlaufen: immer raschere Entfaltung der Kräfte, in kriegerischen Entladungen gipfelnd, darauf langdauernde Erschöpfung, in neue Ausdehnungsbewegung mündend und damit in eine neue Umdrehung des gleichen Rades.
Depressiver Gesamtzustand, das heißt nicht verringerte Produktion, sondern Überproduktion: Überfluß an Rohstoffen, an Arbeitskräften, an unausgenutzten Erzeugungs-Anlagen. In der Tat ist die Welterzeugung an Rohstoffen und Nahrungsmitteln nach den dankenswerten Arbeiten Mr. Lovedays, 1913 gleich 100 gesetzt, auf 121–4 im Jahre 1927 gestiegen; noch 1924 stand sie erst auf 108–10, etwa der durchschnittlichen Vermehrung der zählbaren Weltbevölkerung um 9 % entsprechend. Der Außenhandel Europas als des noch immer weitaus wichtigsten Abnehmers der überseeischen Produkte hat sich inzwischen auf 85 (1924) und 103 (1927) gestellt[2]. Die nächste Folge des Mißverhältnisses von überseeischer Mehrproduktion und stationärer europäischer Nachfrage war ein heftiger Preisfall, der am deutlichsten im englischen Großhandels-Preisindex sich ausdrückt. Setzt man den Stand des Jahres 1924 gleich 100, so ist der allgemeine Warenindex bis Ende 1927 auf 84,5 (87), bis Ende 1929 auf 79,5 (78,5) gefallen; der Index der Rohstoffpreise allein auf 81 (88) und endlich 77,1 (76)[3]. Ein solcher Rückgang um 20 % in fünf Jahren ist in der Tat, wie J. M. Keynes bemerkt, ohne Präzedenz in der jüngsten Wirtschaftsgeschichte.
Dagegen drückt sich die Stockung weder im Fertigwarenpreis- noch im Lohnniveau der Industriestaaten aus. Seit 1924 ist der englische Lebenskostenindex nur um 5 % gesunken, die englischen Löhne nur um 1 %. Die Kaufkraft der beschäftigten Arbeiter hat also um 4 % zugenommen; dieser Erfolg ist indessen erkauft mit einer Zunahme der Erwerbslosenziffern um rund 8 %. In den Vereinigten Staaten ist der Lebenskostenindex überhaupt unverändert. In Deutschland ist er von Anfang 1925 an um 10 % gestiegen, der Reallohn gelernter Arbeiter um 23 %, bei 2 ½ Mill. Erwerbslosen. Es gewinnt daher die Vermutung an Wahrscheinlichkeit, daß der Druck auf die Rohstoff- und Agrarpreise, vor allem die überseeischen, als Folge eines starr behaupteten Lohnsystems der Industriestaaten zu betrachten ist. Der Prozeß, den Sombart für den ganzen Verlauf des Hochkapitalismus aufzuzeigen versucht hat: Wohlstandssteigerung der industriellen Schichten, einschließlich der Arbeiterschaft, auf Kosten der Landwirtschaft und der überseeischen Rohstoffländer[4], setzt in verschärftem Maß wieder ein, nachdem Kriegs- und erste Nachkriegszeit eine Bewegung in der entgegengesetzten Richtung einzuleiten schienen. Das Pendel schwingt zurück. Aber es ist nicht nur europäisches Auslandskapital, das unter dieser Wendung empfindlich zu leiden hat: auch die Industrien beginnen, die fehlende Ausdehnung auf den agraren und Überseemärkten stärker zu empfinden als die Vorteile sinkender Rohstoff- und Lebensmittelpreise. Denn es kommt dem Unternehmen gegenwärtig weniger an auf die durch Monopole, Kartelle, Sozialpolitik und Gewerkschaften gehemmte Kostenkompression, denn auf Absatzexpansion im mindestkonkurrenzbedrängten Raum: das aber ist der agrarisch-überseeische.
Es ist kaum ein Zweifel möglich, daß durch Niederlegung der Schranken nicht nur für den Warenverkehr, sondern vor allem für die Arbeiterabwanderung die Stockung erheblich abgekürzt werden könnte, wenn auch um den Preis einer vorübergehenden Verschärfung der Krisis im Sinne eines „Erziehungs-Freihandels“. Die politischen Voraussetzungen zur Herstellung einer freihändlerischen Universalökonomie der Waren und Arbeitskräfte sind indessen nicht gegeben. Allen übrigen Maßnahmen, die Heilung oder auch nur Linderung versprechen, ist es eigentümlich, daß sie planwirtschaftlicher Natur sind. Die nächstliegende ist die kartellmäßige oder behördliche Einschränkung der übermäßigen Rohstoffproduktion. Sie kann, bei hinreichender Verständigung zwischen gleichbetroffenen Wirtschaftsgebieten, für kürzere oder längere Zeit erfolgreich sein. Aber sie heilt nur lokale Nöte und gibt der Gesamtwirtschaft keinen neuen Antrieb, denn sie führt zur Beschränkung, nicht zur Erweiterung der Versorgung. Daß dagegen die Wiederherstellung des marktrichtigen Lohnes, das heißt des Lohnes, zu dem die Beschäftigung der gesamten Arbeiterschaft rentabel wäre, den Industrien einen mächtigen Impuls geben würde, ist wahrscheinlich zu machen. Der Versuch einer Durchführung dieses wirtschaftlichen Gedankens aber würde so viele politische Widerstände gegen sich aufrufen, daß die möglichen günstigen Hauptwirkungen durch die sicher zu erwartenden ungünstigen Nebenwirkungen überkompensiert werden würden. Ohne mindestens vorübergehende Senkung des Lohnniveaus (einschließlich der Höhe der sozialen Aufwendungen) aber ist jeder Ruf nach durchgreifenden Preissenkungen für Fertigfabrikate eine rhetorische Übung ohne wirtschaftspolitisches Gewicht – es sei denn, man fordere gleichzeitig andere planwirtschaftliche Eingriffe von politisch durchaus unmöglicher und wirtschaftlich zweifelhafter Art, zum Beispiel: Umstellung der gesamten Industrie auf Serienproduktion einiger weniger Typen für einen außerordentlich weiten und gleichartigen Markt, wie ihn kein einziges Land Europas diesseits der russischen Grenze in absehbarer Zeit aufweisen wird.
Ist demnach keine Maßnahme sichtbar, die geeignet wäre, die Ursachen der weltwirtschaftlichen Stockung mit einem Schlag zu beheben, so wird wenigstens Linderung und Abkürzung von solchen Mitteln erwartet werden dürfen, die starke irrationale Hemmungen des Wirtschaftsverlaufs auszuschalten versprechen. Auf die wichtigste dieser Hemmungen hat J. M. Keynes in einer Rede als Vorsitzender des Verwaltungsrats der National Mutual Life Assurance Society hingewiesen[5]: der Kampf um die allzu knappen Goldbestände veranlaßt die Notenbanken, den Diskontsatz höher zu setzen als die Weltwirtschaft ohne dauernde Preissenkungen erlaubt. Ein gemeinsames Vorgehen aller Notenbanken würde es nach Keynes ermöglichen, den Diskontsatz der führenden Geldmärkte in der Nähe von beispielsweise 3 % anzusetzen (während sie im Jahre 1929 zwischen 5 und 5 ½ % standen). Sei die Andauer eines wirklich niedrigen Diskonts für einige Zeit gesichert, dann erst dürfe eine „Erholung des Unternehmungsgeistes und Vertrauens in der ganzen Welt“ erwartet werden.
Dieser Vorschlag wäre mit Recht der allgemeinen Ablehnung sicher, wenn er eine inflationistische Bewegung auslösen sollte; wenn ich ihn recht verstanden habe, so soll er, im Gegenteil, nur einer kontraktorischen Tendenz entgegenwirken[6], die durch die hastige Wiedereinführung der Goldwährung bei stagnierender Goldproduktion und politischer Verschärfung des Kampfes um das Währungsmetall ins Spiel gesetzt worden ist. Man wird sich nur darüber nicht täuschen dürfen, daß ein niedriger Zinssatz eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung eines dauerhaften Aufschwungs bedeutet. Echte Konjunkturen lassen sich durch die beste Kreditpolitik nicht hervorrufen; aber sie werden durch schlechte Kreditpolitik gedämpft, beendet oder im Keime erstickt. Es scheint aber in der Tat, daß der Mangel planmäßiger Führung der Kreditpolitik einer der Hauptgründe der gegenwärtigen Stockungswelle ist, ähnlich wie, vermutlich, auch in den Parallel-Erscheinungen des 19. Jahrhunderts. Das herrschende Staatssystem, auf der Schwelle des Hoch- und Spätkapitalismus, sieht sich also zum drittenmal vor die Probe gestellt, ob es imstande ist, jenen Mangel an Gestaltungskraft zu beheben, oder ob es darauf zu beharren vorzieht, durch Reste primitiver Dinggläubigkeit in seinem Wirtschaftsschicksal bestimmt zu werden.
- [1] Vgl. die Betrachtungen des Verfassers „Zur Lage“, „Wirtschaftsdienst“ vom 8. Januar 1926, S. 2.
- [2] Mémorandum sur la Production et le Commerce, Série des Publications de la Société des Nations. Questions économiques et financières, 1929, II. 13, S. 8.
- [3] Zahlen des Board of Trade und (in Klammern) des Statist.
- [4] Sombart, Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus, I. Halbband, S. 514.
- [5] Die Rede ist abgedruckt im Londoner „Economist“ vom 1. Februar 1930.
- [6] Durchaus im Einklang mit den grundlegenden Darlegungen Knut Wicksells in „Geld und Kredit“, Z. B., S. 254.