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Wer zu Beginn des Jahres 1929 vorausgesagt hätte, daß noch vor Ablauf von elf Monaten die Statuten einer Abrechnungs- und Rediskontbank der Zentralbanken vorliegen würden, wäre ohne Zweifel als ein Phantast der bemitleidenswürdigsten Art verlacht worden. Nachdem das Unwahrscheinliche sich ereignet hat, wird es nicht an Stimmen fehlen, die ihm jede ernstliche Bedeutung absprechen. Es gehört zu den Wesenszügen dieser Zeit, daß beständig das Unerhörte gefordert wird: ist es aber Wirklichkeit geworden, so gilt es im selben Augenblick als selbstverständlich oder unbeträchtlich. Denn das räsonierende Zeitalter hat für Wirklichkeiten nur Interesse, insofern sie Anlaß zur Kritik geben oder früher geäußerte Kritik in ihrem Recht zu bestätigen scheinen.

So allgemeine Beobachtungen entheben uns freilich nicht der Pflicht zu prüfen, ob die Erwartungen wohlbegründet waren, die seit dem ersten Bekanntwerden der Pläne des Young-Ausschusses an die Errichtung einer solchen „Bank für internationale Zahlungen“ geknüpft worden waren. Bemerken wir zunächst, daß die Sachverständigen des Ausschusses selber sich in ihrem Bericht mit größter Vorsicht ausgesprochen haben: sie erwarten von der Gründung der Bank durchaus keine epochale Änderung der internationalen Kredit- und Währungspolitik; sie glauben aber darauf rechnen zu können, daß sie im Laufe der Zeit fähig sein werde, dem Welthandel und der Weltfinanz „important facilities hitherto lacking“ zu verschaffen. Diese „Fazilitäten“, ein kaum übersetzbares Wort des Bank-Vokabulars, sollen in der Hauptsache bestehen: in kurzfristigen Hilfskrediten an Deutschland zur Überbrückung von Transfer-Schwierigkeiten, in der Gewährung von Rediskontkrediten an Zentralbanken überhaupt, in der Verwandlung nicht-transferierbarer Reparationssummen in exportfähige Wertpapiere, und in der Finanzierung und finanziellen Förderung von Sachlieferungsprogrammen und Warenexporten schlechthin. Kein auch nur andeutendes Wort über irgendwelche Weltgeldpläne, selbst kein Gedanke an die Schaffung von zusätzlicher Kaufkraft über die Geldschöpfung der Zentralbanken hinaus. Es ist nicht verständlich, was einen Kritiker des Young-Plans veranlassen kann, von den Jules-Verne-Träumen von Paris zu reden[1] — wenn nicht Erinnerungen an gewisse, uns unbekannte Pariser Projekte, die nicht in den Young-Plan aufgenommen worden sind.

Kennzeichnend für den Stand der internationalen Finanzprobleme ist die Tatsache, daß die lebhafteste Kritik an dem Projekt der Pariser Sachverständigen in Deutschland durchaus nicht von solchen politischen Gegnern vorgebracht wird, die in der Errichtung einer neuen internationalen Machtstellung finanzieller Art ein großes Übel sehen und die eine Erweiterung der deutschen Tributfähigkeit mit der Hilfe eines solchen Instruments befürchten. Die Warnung kommt von Männern, die wachsende Verflechtung der Volkswirtschaften in das Netz weltwirtschaftlicher Beziehungen als das wirtschaftliche Heil und als politische Notwendigkeit betrachten; die eine Politik der vorbehaltlosen Erfüllung der Reparationsverpflichtungen betreiben und die von der Möglichkeit ihrer Erfüllung innerhalb sehr weitgezogener Grenzen überzeugt sind. Sie behaupten nur, daß die neue Bank zu diesem Erfolg nichts Nennenswertes beitragen könne.

Allen diesen Argumenten liegt der folgende Gedankengang in größerer oder geringerer Strenge zugrunde: die internationale Bank kann den Geldvorrat der Weltwirtschaft nicht vermehren, denn sie kann keine Banknoten ausgeben; sie muß sich folglich darauf beschränken, die zur Verfügung stehende Kreditmenge umzuleiten; die Verteilung des Kredits aber geschieht durch den Automatismus des Geld- und Kreditmarktes schon heute auf die zweckmäßigste Weise. Jeder Kreditwürdige erhält danach den ihm wirtschaftlicherweise zustehenden Anteil an der kurzfristig verfügbaren Kreditsumme; die langfristig hingegebenen Kapitalien finden durch die Kanäle des heutigen Emissionswesens den Weg zur wirtschaftlich erwünschten Verwendung. Weder wird die Aufschließung der Überseeländer durch die Errichtung einer neuen Bank gefördert, noch kann die Stabilität der Währungen und der Ausgleich der Geldmärkte dadurch erleichtert werden. Selbst dem bedrohten deutschen Markt habe es in den letzten Jahren niemals an kurzfristigen Krediten gefehlt — vorausgesetzt, daß man sich entschloß, den „richtigen“ Zins zu bezahlen.

Die klassische Wirtschaftsordnung der sich selbst steuernden Verkehrswirtschaft kann sich keine rechtgläubigeren Verfechter wünschen. Bemerkenswert aber ist, daß die Mitglieder des Young-Ausschusses sehr viel skeptischer über die Rationalität der heutigen Kreditverteilung denken, darunter nicht nur führende Männer der Zentralbanken, sondern auch Teilhaber der Bankhäuser Morgan und Warburg, und Männer von der weitreichenden Erfahrung eines Owen Young und Sir Josiah Stamp. Es ist richtig, daß auch die fähigsten Praktiker nicht immer als sachverständige Wirtschaftskenner zu erachten sind: nämlich überall dort nicht notwendig, wo es sich um die Aufhellung von solchen volkswirtschaftlichen Beziehungen handelt, die in der Berufsarbeit dieser Männer nicht in Betracht gezogen werden, zu Recht oder zu Unrecht. Hier aber steht ein anderes in Frage: ein Urteil über die technische Ergänzungsbedürftigkeit der bestehenden finanziellen Organisation, zu deren wichtigsten Werkführern eben diese Persönlichkeiten gehören. Ihr Urteil hat auf diesem Felde den Wert nicht einer bloßen Meinung, sondern eines Zeugnisses. Es ist auch nicht die Theorie selber, die sich ihnen gegenüberstellt, sondern die Eigenart einer bestimmten Schule von Theoretikern, die bei der Anwendung ihrer Theoreme auf einen konkreten Fall zu vergessen geneigt sind, daß die Vorbedingungen, unter denen ihre Sätze gelten, in eben dieser Wirklichkeit nicht vorzuliegen pflegen.

Daß innerhalb der einzelnen Volkswirtschaften die Verteilung der Kredite nicht immer in der Richtung der höchsten Wirtschaftlichkeit erfolgt, ist öfters ausgesprochen und zureichend begründet worden: Eigentümlichkeiten der Organisation unserer Kreditbanken und unserer Industrien bewirken, daß einige Wirtschaftsgruppen in der Regel stärker mit Krediten versorgt werden als jener Norm entsprechen würde. Wenden wir uns aber dem Felde zu, um das es sich bei diesen Erörterungen vorzugsweise handelt, dem Markt der Auslandsanlagen, so finden wir hier den Rest an Irrationalität der langfristigen Kapitalbewegung eher größer als kleiner: Banktraditionen, politische Abhängigkeiten, industrielle und kommerzielle Verbindungen lenken die knappen verfügbaren Mittel oft in Kanäle, die keineswegs nach den Gesetzen der klassischen Marktmechanik vorgezeichnet sind. Noch fragwürdiger erscheint in weltwirtschaftlicher Betrachtung die Rationalität der Verteilung zwischen Inlands- und Auslandskapitalanlage überhaupt. Es war ein glänzender Gedanke Stamps, daß die deutschen Reparationszahlungen der kapitalistischen Aufschließung unentwickelter Länder dienstbar gemacht werden müßten. Die Zahlungen haben in jedem Fall die Wirkung einer unentgeltlichen Kapitalausfuhr des tributpflichtigen Landes. Da diese Ausfuhr nicht nur keinem Zinsgefälle folgt, sondern entgegen dem Zinsgefälle erzwungen werden soll, stellt sie, auch weltwirtschaftlich gesehen, eine schwere Störung dar; ihre wirtschaftshemmenden Folgen aber werden wenigstens in dem einen Falle gemindert, wenn auch nicht aufgehoben, daß diese Summen an anderer Stelle der Erde zu dauernder Erhöhung des Versorgungsgrades verwendet werden[2].

Durch diese Erwägungen wird indessen nur eine weltwirtschaftliche Aufgabe bezeichnet, die sich der neuen Bank stellen wird: ob sie sie besser zu lösen fähig sein wird als die heutigen Organe des internationalen Finanzgeschäfts, diese Frage bedarf anderer Überlegungen. Als gemeinnütziges Institut hat sie einen Freiheitsgrad mehr als die stärker an das Dividendeninteresse gebundenen Kreditbanken; als Bank der Zentralbanken wird sie vorsichtiger noch operieren müssen als irgendeine andere Bank von ähnlicher Bedeutung. Welches Moment den Ausschlag geben wird, ist von vornherein nicht zu entscheiden. Eigentümlich ist ihr die Möglichkeit, ihren Einfluß dahin wirken zu lassen, daß die mit ihrer Hilfe finanzierten Unternehmungen ihre Maschinen und Anlagen aus den Ländern beziehen, die sie valutarisch stützen will. Ob eine solche Politik gegen widerstreitende Interessen der einzelnen Länder durchgehalten werden kann, ist eine Sache der Machtverhältnisse, des Willens und der Folgerichtigkeit. Es gibt aber in der heutigen Wirtschaftsgesellschaft kaum eine Macht von ähnlicher Unumschränktheit wie die Gruppe der großen Zentralbanken. So wäre es durchaus möglich, daß die neue Bank durch Ausgabe von Schuldverschreibungen oder durch andere Mittel der Finanzierung Kapitalien in den Dienst der Reparations-Transferierung stellt, die sonst überhaupt nicht der Außenhandelsfinanzierung zugute gekommen wären.

Andere Möglichkeiten verschiedener Art aber ähnliche Wirkungen eröffnen sich auf den Märkten des kurzfristigen Kredits. Nicht wenig Mittel, über die der Besitzer jederzeit verfügen zu können wünscht, wirken gegenwärtig als Dauerkredit an die Effektenspekulation der größten Märkte (und sind in Wirklichkeit als ganzes sehr weit vom Zustand der Liquidität entfernt, denn eine Massenkündigung würde nur dann die Forderungen nicht notleidend machen, wenn von anderer Seite die dem Markt entzogenen Mittel wieder zur Verfügung gestellt werden). Es wird eines der interessantesten Probleme der nächsten Zukunft sein, ob die neue Bank den Versuch machen wird, einen Teil dieser Mittel, in erster Linie der Devisen und Auslandsguthaben der Zentralbanken, von der Effektenspekulation abzulenken und anderen Anlagen zuzuführen. Kommt es zu einer engeren Zusammenarbeit der Notenbanken mit dem neuen Institut, so könnten Operationen der Internationalen Bank in erheblichem Umfang zur Verstärkung der Diskont- oder der Offenen-Markt-Politik der Notenbanken angewendet werden.

Soviel über die Fähigkeit zum Umlenken von verfügbaren Kreditmitteln überhaupt. Ob es der Bank gelingen wird, ob es ihr überhaupt daran liegen wird, Depositen von anderen als Notenbanken heranzuziehen (das Statut gibt ihr dazu das Recht, stellt es aber in ihr eigenes Ermessen, für wen sie Konten eröffnen will), kann heute nicht beurteilt werden. Im Anfang wird die Leihkraft der Bank kaum eine Milliarde Reichsmark erreichen, ein winziger Betrag, verglichen mit dem Umfang des Welthandels, und doch nicht unbeträchtlich, da auch auf diesem Felde geringe Summen, an der richtigen Stelle eingesetzt, einen mehr als proportionalen Effekt erzielen können. Durchaus entscheidend wird die Haltung der Zentralbanken, in zweiter Linie die der großen Kreditbanken sein[3]. Werden sie Guthaben bei der Internationalen Bank als Deckungsmittel erster Ordnung für ihre Noten und Zahlguthaben betrachten? Werden sie, wo dem Gesetze im Wege stehen, wenigstens den konventionell bestimmten Spielraum zwischen vorgeschriebener und faktischer Deckung verkleinern, um es der Internationalen Bank zu ermöglichen, bestimmten Notenbanken Valutakredite zu erteilen oder ganz allgemein eine bessere Anpassung der faktischen Deckungsverhältnisse an die Gegebenheiten der internationalen Goldversorgung zu befördern? Wer das zweite für möglich hält, wie die meisten Kritiker des Bankplans, wird auch die erste Möglichkeit nicht leugnen können.

Wird aber eingewendet, daß die hier in Frage stehenden „Fazilitäten“ ohnehin vorhanden wären, so sei daran erinnert, daß zwischen dem heutigen und dem künftigen Zustand in morphologischer Hinsicht grundlegende Unterschiede bestehen, die das Spiel auch mengenmäßig beeinflussen werden. Richtig ist, daß seit Jahrzehnten in kritischen Lagen der verschiedensten Art gelegentlich auch Kredite von Notenbanken an Notenbanken gegeben worden sind. Es liegt aber in der Natur der Sachen und Menschen, daß solche Schritte nur in außerordentlichen Zeiten getan werden. Erwägt man, wie ungern sich Notenbanken, mindestens vor dem Kriege, zu Rediskontierungen selbst im eigenen Lande zu entschließen pflegten (in England rediskontieren die Großbanken selbst nicht bei der eigenen Zentralbank aus Prestigegründen), so ermißt man leicht, wie groß die Hemmungen gegen solche Geschäfte im internationalen Raum sein werden. Diese Hemmungen werden im Verkehr mit einer internationalen Bank, an deren Leitung man selber beteiligt ist, geringer sein als im Verkehr von Notenbank zu Notenbank. Im übrigen scheint mir, daß überhaupt die Vorstellungen von einem reibungslosen Ausgleich der Zinssätze auch im Bereich einer Volkswirtschaft der Wirklichkeit vorauseilen[4].

Auch wenn sich aber die Geldmarktarbitrage in leidlich normalen Zeitläuften als ausreichend erwiese, kurzwellige Bewegungen der intervalutarischen Kurse auszugleichen, falls eine dahin zielende Diskontpolitik der Notenbank ihr zu Hilfe kommt: so ist gerade dies die Frage, ob nicht ein Zustand vorzuziehen sei, in dem man von der Anwendung dieses schwerfälligen und zweischneidigen Mittels mehr als bisher sich unabhängig machen könne — eines Mittels, das eigentlich nur in England ohne Bedenken anzuwenden war, und auch dort nur in der Vorkriegszeit, wie die Bemerkungen von Keynes an dieser Stelle bei Gelegenheit einer der letzten englischen Diskonterhöhungen gezeigt haben. Hier mögen sich zwei Schulen der Bankpolitik scheiden: eine die leugnet und eine die zugibt, daß es Fälle gibt, wo der Diskontsatz dem Verhältnis von Kapitalangebot und Kapitalnachfrage im Innern gemäß ist und wo dennoch der Stand der intervalutarischen Kurse die Heranziehung oder das Festhalten von Auslandskrediten durch organwirtschaftliche Maßnahmen wünschenswert macht. Aber auch wer diese Fälle leugnet oder für geringfügig hält, wird zugeben, daß eine diskontpolitische Maßnahme nicht sofort wirksam zu werden pflegt, und daß es wünschenswert sein muß, ein Instrument zu erhalten, das es ermöglicht, diesen Zeit- und Unsicherheitsspielraum einzuschränken. Kein Markt ist leichter zu verstimmen, keiner bedarf mehr der festen leitenden Hand, zumal in erregten Zeiten, als der Devisenmarkt.

Verfolgt man die Einwendungen gegen die mögliche Wirksamkeit der Internationalen Bank auf ihre letzten gedanklichen Motive zurück, so endet man bei einer allgemeinen manchesterlichen Abneigung gegen jede Beschränkung des freien Spiels der Kräfte, wenigstens auf den Geld- und Kreditmärkten. Der Instinkt, der sich hier zur Wehr setzt, reagiert richtig. Es ist in der Tat so, daß der Apparat der Bank, wenn es im Willen der beteiligten Länder und ihrer Notenbanken läge, das Mittel darböte zur Verwirklichung einer intervalutarischen Politik, die den anderen Pol der wirtschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten bezeichnet: die Verteidigung eines bestimmten Standes der intervalutarischen Kurse auf Grund von „Pariverträgen“. Jede der Notenbanken würde sich hiernach verpflichten, Währungsgeld der anderen Länder zu festen Kursen (oder zu Kursen, die nur in einem kleinen Intervall sich um den Paripunkt bewegen) zu kaufen und zu verkaufen. Gleichen sich Angebot und Nachfrage bei einer Bank nicht aus, so müßte der Saldo durch Gold- oder Wertpapierverkäufe oder durch Kreditaufnahme, zum Beispiel bei einer Internationalen Bank, bewirkt werden. Die private Wertpapier- und Geldmarkts-Arbitrage brauchte nicht notwendig ausgeschaltet zu werden, wenn man den Kurs etwa in den Grenzen, die heute durch die sogenannten Goldpunkte gegeben sind, sich frei bewegen läßt. Auch wenn es nur zu einem Goldclearing kommt, wie es den Verfassern des Young-Plans vorschwebt, würde die gleiche Erwägung anzustellen sein. Es würde durchaus nicht nötig sein, wie Lansburgh anzunehmen scheint, auf die Vorteile eines auf das bekannte Intervall beschränkten Arbitrage-Mechanismus zu verzichten; die Kosten der effektiven Goldversendung aber blieben erspart — freilich um den Preis des politischen Risikos, daß die Goldbestände der Notenbanken sich zum Teil außerhalb der Landesgrenzen befinden und in Kriegs- und Revolutionszeit der Verfügung der Notenbank- und der Staatslenker entrissen werden können.

Es kann nicht Aufgabe einer wissenschaftlichen Abhandlung sein, zu entscheiden, ob ein solches Risiko in Kauf genommen werden soll; ebensowenig kann in diesem Rahmen ein Urteil darüber gewagt werden, in welchem Maße erwerbswirtschaftliche und organwirtschaftliche Faktoren an der Kursbildung der intervalutarischen Zahlungsmittel beteiligt werden sollten: an dieser Stelle war lediglich das eine zu untersuchen, welche wirtschaftsorganisatorischen Aufgaben und Möglichkeiten für die zu errichtende Bank vorliegen. Ob sie jemals verwirklicht werden sollen? — die Beantwortung dieser Frage wird mehr von politischen als von wirtschaftlichen Axiomen abhängig sein. Aber auch die Entscheidung darüber, in welchem Maße man faktisch in absehbarer Zeit von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen wird, erfordert in erster Linie eine Abschätzung der politischen Bedingungen. Sie scheinen im Augenblick durchaus ungünstiger Art zu sein. Von dem Elan, der das Bankprojekt hervorgetrieben hat, ist sehr wenig übrig, vorausgesetzt, daß es erlaubt ist, nach dem Wortlaut des Bankstatuts, nach Pressestimmen und anderen atmosphärischen Symptomen zu schließen. Bemerkenswert aber ist, daß dieser Stimmungswandel eingetreten ist, weil man den Spielraum der Bank nach den ursprünglichen Plänen nicht für zu gering, sondern für zu groß hält. Frankreich fürchtet die Besiegelung der amerikanischen Finanzhegemonie, Amerika die Verewigung seiner Verstrickung in europäische Zwergenfehden... Bisweilen scheint die gegenseitige Furcht der großen Helden an jenes denkwürdige Duell zu erinnern, das Sir Tobias in „Was ihr wollt“ verschlagen angezettelt hat. Hinter den eingebildeten oder vorgeschobenen Gefahren aber steht die durchaus wirkliche Zweideutigkeit des staatlich-wirtschaftlichen Gesamtzustandes dieser Zeit: die Verwebung der Volkswirtschaften in ein immer allumgreifenderes und immer undurchsichtigeres Netz gegenseitiger Abhängigkeiten — ohne daß eine dauerhafte und widerspruchslose politische Grundlage einer echten Weltwirtschaft gegeben wäre. Als Surrogat einer solchen Grundlage zimmert man unterdessen ein Gefüge von Verträgen, Instituten und Konferenzen, dem keine gestaltende Kraft innewohnen kann, weil es derjenigen Substanzen entbehrt, aus denen allein wahrhafte Entscheidungen hervorgehen können: ein bestimmtes Maß des Rechten und Unrechten, ein sicheres Einverständnis über das Förderliche und Verderbliche, das Verbindende und Trennende.

Indem die Statuten der Internationalen Bank den Rahmen für eine weltwirtschaftliche Kredit- und Währungspolitik schaffen, gleichzeitig aber (und nach dem heutigen Stande der Dinge durchaus mit Recht) jeder einzelnen Notenbank das Recht des absoluten Veto gegen jede Maßnahme geben, die ihre eigene Währung berührt, verbreiten sie über die heutigen weltwirtschaftlichen Zustände ein starkes Licht, das ihren paradoxen Grundzug grell und scharf hervortreten läßt: der Versuch, eine wirtschaftliche Einheit der Völker zu schaffen, die weit über die im Bau des Imperium Romanum verwirklichte hinausgeht — gestützt auf eine Verfassung, die in ihren kennzeichnendsten Bestimmungen an nichts mehr erinnert als den alten polnischen Reichstag.

  • [1] Erich Welter in der von ihm herausgegebenen Aufsatzsammlung: Die Reparationsbank, kritische Betrachtungen, von L. Albert Hahn u. a., Frankfurt a. M., 1929, S. 61.
  • [2] Bedenklich ist freilich die Bemerkung Colms („Magazin der Wirtschaft“ vom 26. Sept. 1929, S. 1486), daß aus solchen Investitionen bei irgendeiner Form der Finanzierung ein eigenes Risiko der Bank nicht zu erwachsen brauche. Weitaus die wichtigste Vorbedingung für solche Geschäfte ist der Emissionskredit, und der würde auch dann gefährdet sein, wenn die Bank „nur“ Trustzertifikate ausgegeben hat.
  • [3] Vgl. T. E. Gregory, The Bank for International Settlements.
  • [4] „Manchester Guardian Commercial“, 25. Juli 1929; ferner Carl Krämer: Um die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, „Wirtschaftsdienst“ 1929, Heft 49, S. 2123 ff., sowie Palyi’s Beitrag in der von Welter herausgegebenen Aufsatzsammlung. In einem der letzten Jahre, um nur ein Beispiel zu nennen, fiel auf, daß die Geldmarktsätze des Hamburger Platzes wochenlang erheblich unter den Berliner Sätzen standen. Es scheint, daß für „den Markt“ die Tatsache nicht existiert hat, bis man darauf kam, nach einer Ursache für die sonst befremdliche Tatsache zu suchen, daß ein erstes Privatbankhaus in Hamburg sich unter die Nehmer für tägliches Geld einreihte, um von dieser Disparität Nutzen zu ziehen.

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