In einer Zeit, die zwischen den Mühlsteinen des Nichtmehr und des Nochnicht zu wesenlosem Staub zerrieben wird, die aus vielspältiger Geschäftigkeit in zielflüchtige Verspieltheit und zurück in sinnlosen Tagesdienst getrieben wird, und der nichts verdächtiger ist als ein entschiedenes Ja und Nein – in einer solchen Zeit kann weniges erfreulicher sein, als die Begegnung mit einem Mann, der ein Menschenalter hindurch mit allen Kräften des Seins und Habens einen geraden, einwilligen und unbarmherzigen Kampf für eine bedeutende Sache führt, die zur Verwirklichung reif ist und die nichts anderes verlangt als daß sie klar erkannt, vorbehaltlos gewählt und in unbestechlichen Händen gehalten wird.
Die vorliegenden zwei monumentalen Bände Erinnerungen und Streitschriften Paul Warburgs1 legen über ein solches Leben Rechenschaft ab. Ein junger Deutscher, Mitglied einer bekannten Hamburger Bankierfamilie, siedelt Anfang des Jahrhunderts nach den Vereinigten Staaten über, die seit dem schmählichen Scheitern ihrer ersten Zentralbankpläne sich mit einem phantastisch schlecht organisierten Bankwesen von Krisis zu Krisis behelfen. Die Schäden des Systems werden von vielen erkannt, von kaum irgendeinem als behebbar erachtet: die Herübernahme der europäischen Bankverfassung, mit zentralisierter Währungsreserve und einheitlicher Kreditpolitik gilt aus politischen Gründen als ebenso unmöglich, wie sie aus wirtschaftlichen erforderlich ist. Man mag sich erinnern, daß die Notenbanken im Zeitalter des mehr oder weniger aufgeklärten Despotismus entstanden sind: sie haben monarchische oder aristokratische Sicherungen zur ersten Voraussetzung. Die amerikanische Demokratie mißtraut sich in diesem Punkt. Sie glaubt nicht an die Kraft der von ihr Gewählten, die Interessen der Gesamtheit richtig zu erkennen und gegen alle parteipolitischen und geschäftlichen Sonderinteressen durchzusetzen. So erwächst die Notwendigkeit, den einfachen Grundgedanken des europäischen Zentralbankwesens den Verhältnissen der Neuen Welt durch eine komplizierte Umbildung anzupassen ohne ihm das Beste seiner ordnenden Kraft zu nehmen und das tief einwurzelnde Mißtrauen der amerikanischen Öffentlichkeit zu besiegen ohne es seiner heilsamen Gegenkraft zu berauben.
In dem Kampf um diese Ziele ist Paul Warburg nicht der einzige Streiter gewesen. Aber es kann heute nicht bezweifelt werden, daß er durch drei Jahrzehnte hindurch der wirkliche Führer auf diesem Felde war. Professor Seligman von der Columbia-Universität, der seine Worte höchst bedächtig abzuwägen pflegt, hat ihn dem eigentlichen Urheber der englischen Notenbankverfassung, dem späteren Lord Overstone, verglichen (ohne zu bemerken, daß er allerdings dessen währungstheoretischer Widerpart ist). Mit einer seltenen Verbindung von Zähigkeit des Wollens und Gewandtheit des Handelns begabt, dazu mit einem durch alle Verwicklungen der Sache leicht zum Einfachen und Wesentlichen durchdringenden Blick ausgerüstet, gelingt es ihm, in unermüdlichem Schreiben, Reden und Organisieren immer weitere Schichten von Praktikern und Politikern zu überzeugen, darunter endlich auch den mächtigen Führer der Republikanischen Partei, Senator Aldrich. Ganz nahe am Ziel wird die Bewegung durch den Wahlsieg der Demokraten aufs schwerste gefährdet. Aber die Lehren der Krisis von 1907 waren so mächtig gewesen, daß die zur Herrschaft gelangte Partei sich die währungspolitischen Grundgedanken der Unterlegenen zu eigen machen muß, wenn auch die Logik des innerpolitischen Kampfes gebietet, diesen Ursprung durch eine möglichst große Zahl von Änderungen zu verbergen. Warburg selbst wird zur Mitarbeit herangezogen und gehört zu den intimen Ratgebern des Präsidenten in dieser Angelegenheit. Als nach höchst lehrreichen Kämpfen das Gesetz über die Errichtung des Bundes-Reserve-Banksystems ein paar Monate vor Ausbruch des Weltkrieges gegen alle fraktionellen Widerstände innerhalb der herrschenden Partei zustandekommt (es bedurfte dazu der sentimentalen Parole: Das Gesetz als Weihnachtsgeschenk für den Präsidenten...), wird Warburg von Wilson in den Federal Reserve Board berufen; er hat dort die amerikanische Währungs- und Kreditpolitik in ihrem status nascendi bis zum Sommer 1918 entscheidend bestimmt. Wenn irgendein Mann dafür verantwortlich zu machen ist, daß die Vereinigten Staaten sich instandsetzten, den Krieg zu finanzieren, ohne die Grundlagen ihrer Währungsgesetze aufzugeben, so ist es Warburg gewesen, denn er hat die Konzentration der ungeheuren Goldbestände entgegen dem Willen der demokratischen Redaktoren der Bankverfassung durchgesetzt.
Ein von so vielen Vorurteilen freier Mann muß eine enorme Zahl von Gegnern haben. Sie fanden nichts, was ihm persönlich vorzuwerfen wäre als seine deutsche Herkunft. Kurz vor Abschluß des Waffenstillstandes ist er aus dem Amt geschieden, um das Reservesystem nicht durch diese Angriffe in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Nachkriegszeit sieht ihn als Vorsitzenden des American Acceptance Council in der ersten Reihe derer, die das Wrack der Weltwirtschaft wieder seetüchtig zu machen suchen, in enger Zusammenarbeit mit dem ersten Gouverneur der New Yorker Bundes-Reserve-Bank, Benjamin Strong, dem er in einem Nachruf von klassischer Gehaltenheit nachsagt, daß er mit seinen Kollegen von den übrigen großen Notenbanken der Welt dort erfolgreich war, wo die Staatsmänner versagt hatten.
Wir verstehen den hohen Stolz, der sich in der Sprache und in der Anlage dieses Werkes ausdrückt, wenn auch die Breite des Berichtes und manche einzelne Wendung uns zu einem Teil nur aus dem individuellen Geschmack der Neuen Welt erklärlich scheint, zum anderen aus der polemischen Aufgabe der Erzählung und der Sammlung. Denn auch diese „Gedanken und Erinnerungen“, wie der Untertitel mit einer allzu kühnen Huldigung an einen Reichsgründer sagt, sind nicht ein Werk der auf Vergangenem und Getanem verweilenden Rückschau: sie entspringen dem Willen zur Abwehr parteiischer Ansprüche und zur Rettung des Werkes aus politischen Bedrohungen. Es ist eine Kampfschrift zunächst gegen den Senator Glass und seinen Helfer Dr. Willis, die der Demokratischen Partei und damit sich selbst den Ruhm für die Schaffung des Systems zuschreiben wollen. Das Buch weist in anschaulicher Gegenüberstellung und eindringlicher Kommentierung der Entwürfe und Gesetze nach, daß so gut wie alles Wesentliche im Warburg-Aldrich-Plan enthalten war. Es geht zum Gegenstoß vor, indem es dartut, daß die Glass-Owen-Bill verantwortlich ist für die lähmende Dezentralisation der Willensbildung des Systems, die auch durch die sich in der Praxis des Systems immer stärker durchsetzende Tendenz zu einheitlicher Gestaltung der Kreditpolitik bisher nicht beseitigt worden ist („es ist eine Zentralbank“, mußte Senator Glass bekennen...) und für die unwürdige Abhängigkeit des Bundesreserveamtes von politischen Instanzen.
Die Krisis vom Herbst 1929 hat gezeigt, wie bedenklich diese Gefahrenquellen sind. Sie werden nach Warburgs Meinung fortbestehen, solange nicht die Zusammensetzung des Amtes so geändert ist, daß erstens ein Anteil der zwölf Bundes-Reserve-Banken an der Unterrichtung und den Entscheidungen des Amtes gewährleistet ist und daß zweitens das Amt seinen Vorsitzenden selbst turnusmäßig aus seiner eigenen Mitte bestimmt, während heute der Sekretär des Schatzamtes ex officio „Vorsitzender“ des Amtes ist, neben einem gewählten Präsidenten, der durch diesen Dualismus der Leitung in seiner Autorität empfindlich beeinträchtigt ist. Als notwendig wird auch erachtet, daß Mitglieder des Amtes, die vom Präsidenten der Union vorgeschlagen und vom Senat bestätigt worden sind, wiederernennbar sein sollen, auch ohne daß der Senat zum zweitenmal befragt wird: als Sicherung gegen Vorfälle, die der trotz aller Lebhaftigkeit und Bestimmtheit der Polemik maßvolle Verfasser als den „gewissenlosen Mißbrauch senatorialer Vorrechte durch einige ihrer exzentrischen Kollegen“ bezeichnet. Die Furcht vor Racheakten solcher Persönlichkeiten und parteipolitischen Weiterungen werden von ihm dafür verantwortlich gemacht, daß das Amt in seiner Kreditpolitik stärker gehemmt worden ist als wirtschaftlich zu verantworten war. In einem parlamentarischen Staat wagt keine Partei, die Verantwortung für einen Abbruch der Hochkonjunktur auf sich zu nehmen, auch wenn es wahrscheinlich ist, daß die kommende Stockung dadurch abgekürzt und gemildert werden kann.
Eine zweite Reihe von Vorschlägen bezieht sich auf die Schaffung eines breiteren Diskontmarkts. So wichtige Dienste das Bundes-Reserve-System geleistet hat: in einem wesentlichen Punkt ist die Primitivität und Schwäche des amerikanischen Bankwesens nicht behoben worden – die Banken leihen ihre flüssigen Mittel zweiter Ordnung noch immer an den Wertpapierbörsen aus, statt sie zum größten Teil in rediskontierbaren Handelswechseln und Bankakzepten anzulegen. Hieran ist nach Warburg nicht zum wenigsten die Steuerfreiheit für staatliche Wertpapiere schuld, die heute in den amerikanischen Bankbilanzen eine ähnliche Rolle spielen wie die Wechselbestände in den europäischen. Warburg empfiehlt die Ausdehnung der Steuerfreiheit auch auf Bankakzepte und, der europäischen Lombardpraxis entsprechend, die Normierung eines höheren Satzes für Reservebankkredite, die durch Staatspapiere gedeckt sind. Er geht so weit, eine Vorschrift für gerechtfertigt zu halten, die den Banken, die kurzfristige Wertpapierkredite zwecks Finanzierung der Effektenspekulation gewähren, die Verpflichtung zum Ankauf von rediskontierbaren Wechseln im gleichen Betrag vorschreiben würde. Solange der Finanzminister den Vorsitz bei den Beratungen des Amtes führt, besteht freilich wenig Aussicht, daß die Reste fiskalisch bestimmter Notenbankpolitik völlig beseitigt werden.
Alle diese Forderungen werden für den europäischen Leser den Aspekt des Selbstverständlichen tragen. Sie können aber in einem Lande nur schwer verwirklicht werden, das sich aus Furcht vor den übermächtigen Interessen Wallstreets in Abhängigkeit von einer parteimäßig nicht unbeeinflußten Bureaukratie begibt, die der Rücksicht auf Wählermassen Beachtung schenkt, die Kraft zur Verwirklichung eines überparteilichen Staatswesens aus eben diesem Grunde nicht aufbringt und schließlich in der ungeheuerlichsten Förderung der großen Kapitalmächte und -märkte endet, die zu vermeiden so viel red tape aufgewendet war. Es ist das Problem der Führung gemeinwirtschaftlicher Ämter im parlamentarischen Parteienstaat überhaupt, das sich hier in seiner ganzen Breite öffnet. So wichtig das Bundes-Reserve-System für die amerikanische wie für die europäische Wirtschaft geworden ist, das Warburgsche Buch zieht den größten Teil seiner Bedeutung daraus, daß es in seltener Eindringlichkeit und Offenheit dieses und andere politische Grundprobleme aller gegenwärtigen Wirtschaftsführung deutlich macht. Wie ein Gesetz heute entsteht, wie sachverständige und interessenmäßige, parteipolitische und staatsmännische Kräfte und Tendenzen gegen- und miteinander wirken, und wie das fertige Gesetz in seiner Anwendung kraft der ihm innewohnenden Logik entgegen dem Willen seiner letzten Redaktoren sich verändern muß: dies kann man hier wie an einem Laboratoriumsvorgang studieren, beschrieben nicht von einem Parteigänger, sondern von einem Mann, dessen Gerechtigkeitsmaß an seiner Abschätzung der Anteile der widerstreitenden Prätendenten Aldrich und Glass an dem Zustandekommen der Bankreform abgelesen werden kann, vor allem aber an der Würdigung der Leistung des Präsidenten Wilson, der sich in dieser Angelegenheit als überparteilicher Staatsmann erwiesen hat.
Gegenüber dieser staatssoziologischen Bedeutung des Werkes tritt die banktheoretische und kreditpolitische durchaus zurück. Ganz mit dem Aufbau der Notenbankverfassung und mit den Bedingungen ihrer politischen Verwirklichung beschäftigt, scheint der Verfasser nur selten Gelegenheit genommen zu haben, sich mit den neueren Gedanken über Ziele und Mittel der Bankpolitik eingehender auseinanderzusetzen. Er empfindet sich nach seinen eigenen Worten als eine Art von erfahrungssicherem Landarzt, nicht als gelehrten Spezialisten, überzeugt, daß Bankpolitik mehr eine Kunst als eine Wissenschaft ist, daß das Wohlergehen der Volkswirtschaft nicht auf eine einfache verstandesmäßige Formel gebracht werden kann und daß schlechthin alles von dem taktmäßigen Sinn für das Organische abhängt, mit dem das gestörte Gleichgewicht des ungeheuren Wirtschaftskörpers geschaut und behandelt wird. Preisstabilisierung um jeden Preis lehnt er ebenso entschieden ab wie den weitverbreiteten Glauben an die preissenkende Wirkung von Diskonterhöhungen. Aber von der Konjunkturforschung verspricht er sich nicht nur diagnostische, sondern auch prognostische Hilfsleistungen. Wenn eine Anmerkung des ersten Bandes die Rolle der Notenbank auf die eines Hüters des Goldschatzes zu beschränken scheint (wobei die Erhöhung der Mindestgoldreserve von 40% auf 60% vorgeschlagen wird...), so zeigt der im zweiten Band abgedruckte Vortrag vor der New Yorker Academy of Political Science, daß hiermit kein letztes Kriterium gemeint ist. „Die Furcht vor dem Gold ist schwächer, der Appell an die Vernunft ist stärker geworden“ – eben infolge der Verbreitung der neuen statistischen Einsichten auch in der Geschäftswelt.
Es bleibt einer neuen Generation von Bankführern vorbehalten, aus diesen neuen Erkenntnissen grundsätzliche Schlüsse auf die Gestaltung der Kreditpolitik zu ziehen – ohne die Instinktsicherheit der früheren Praktiker zu verlieren. Sie wird aus den Warburgschen Erinnerungen nicht lernen können, mit welchen Mitteln sie die Aufgaben ihres eigenen Tages lösen kann, wohl aber, in welchem staatsbildenden Geiste sie allein gelöst werden können.
- [1] The Federal Reserve System, its Origin and Growth, New York: The McMillan Company, 1930; 853 und 899 Seiten.