Es kennzeichnet die Verfassung der Geister und der Nerven in den Nachkriegsjahren, daß eine große Sorglosigkeit im Gebrauch großer Worte auch dort zu beobachten ist, wo bisher alles Pathos verpönt und die Nüchternheit schlechthin zur Tugend erhoben war. Unter den am meisten mißbrauchten Worten befindet sich die Bezeichnung Krisis. Hiermit war ursprünglich der Zustand eines Lebewesens gemeint, das durch innere oder äußere Gefahren vor die Entscheidung des Seins oder Nichtseins gestellt wurde. Heute aber wird von Krisis überall dort gesprochen, wo irgendein empfindlicher Notstand zu beklagen ist, wo irgendeine Lage als drückend empfunden wird und wo die Zeitgenossen irgendeinen viel begangenen Weg versperrt finden. Mit dem Verlust aller allgemeingültigen Richtmaße und mit der Aufzehrung aller seelischen und materiellen Reserven hat die Leidensempfindlichkeit in allen Schichten überhand genommen, und die Erschütterung der Lebensgrundlagen ist so stark geworden, daß die Beobachtung jedes Übels sofort den Verdacht wachruft, daß hier wiederum ein Anzeichen eines in sich unhaltbaren Weltzustandes zu sehen sei.
Im engeren Bereich der Nationalökonomie hatte bisher der Begriff der Krisis einen leidlich wohlumschriebenen Sinn bewahrt. Es wurde darunter der Zustand einer Volkswirtschaft am Ende eines lebhaften Aufschwungs verstanden, in dem sich herausstellt, daß die Ausdehnung des Produktionsapparats die Sparkräfte des Wirtschaftskörpers überstiegen hat, und der durch Häufung von Zusammenbrüchen lebensunfähiger Unternehmungen gekennzeichnet war. Diese Zusammenbrüche bedrohen das engmaschige Netz der Kreditabhängigkeiten mit Zerreißung und werden damit zur Gefahr für den geordneten Fortgang der volkswirtschaftlichen Prozesse; ist diese Gefahr durch verständige Bankpolitik gebannt, so geht die Krisis in den Zustand der Stockung über. Es schien, daß in den Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Weltkriegs die eigentlichen Krisen an Heftigkeit verloren, so daß ein krisenloser Übergang vom Aufschwung zur Stockung als das wichtigste unter den Anzeichen einer neuen Phase des Kapitalismus betrachtet wurde.
Man wird die Wirtschaftsgeschichte der zwölf Nachkriegsjahre nur dann verstehen können, wenn man sich vergegenwärtigt, daß hier von Krisen im alten Sinne so wenig wie von wirtschaftlichen Wechsellagen vom Typus der in den letzten drei Menschenaltern beobachteten die Rede sein kann. Das Wirtschaftsleben sowohl der Vereinigten Staaten wie der führenden Länder Europas bewegt sich nicht in dem langsam schwingenden Rhythmus kräftig durchgehaltener Aufschwünge und ruhig durchduldeter Stockungen, sondern in unruhigen Stößen, im Wechsel kurzatmiger Belebungen und hastiger Sammlungen. Das Bewegungsbild ist dagegen genau das gleiche wie nach den napoleonischen Kriegen in England, der damals einzigen hochkapitalistischen Volkswirtschaft, so verschieden die Formen und Umstände des damaligen Wirtschaftslebens von den heutigen waren.
Es scheint sich hierin das historische Gesetz zu äußern, daß die eigentlichen Konjunkturbewegungen der hochkapitalistischen Epoche, so sehr sie auf stoßweisen Veränderungen beruhen und die Einführung neuer Elemente in den Ablauf des Wirtschaftsvollzugs bedeuten, doch ein hohes Maß von Stetigkeit, Ausgeglichenheit und Übersehbarkeit dieses Vollzugs voraussetzen; in der Sprache der Weberei gesprochen: ist die Kette nicht stark genug, so kann der Einschlag kein geordnetes Muster erzeugen. Jede echte, das heißt dauerhafte dynamische Gestaltung der Wirtschaft setzt ein kräftiges Wirken der Faktoren des Bereichs der Statik voraus. Einem gewissen Maß störender Unvoraussehbarkeiten, undisziplinierter Tendenzen, mangelnder Anpassungen steht auch die tüchtigste und kühnste Unternehmerschaft machtlos gegenüber. Die kapitalistische Wirtschaft hat gezeigt, daß sie auch in politisch und wirtschaftlich heillos verwirrten Zuständen einen hohen Grad von Ordnung der Bedarfsdeckung aufrechterhalten kann; es gibt wenig Erstaunlicheres als die Beharrungswucht der von ihr geschaffenen Versorgungslagen. Sie hat eine auch von den Besonnereren unter ihren Verteidigern kaum geahnte Fähigkeit erwiesen, sich an neue Lagen ihrer Umwelt anzupassen. Aber sie bedarf zur Aufrechterhaltung des gewonnenen, noch mehr zur Anbahnung eines höheren Standes der Bedarfsdeckung einer hinreichenden Spanne Zeit: dauerhafte Gestaltungen des wirtschaftlichen Bereiches setzen ein hohes Maß von Konstanz der wirtschaftlichen, politischen und volkshaften Ordnungen und Zustände voraus: ist diese Bedingung nicht erfüllt, so bleibt es bei einem nervenzermürbenden flackernden Auf und Ab, in dem die Stockungskräfte endlich jeden Unternehmerwillen lähmen müssen.
Vielleicht ist es aus diesen Formgesetzen unseres Wirtschaftslebens zu erklären, daß die Jahrzehnte nach den großen Kriegen, auch des 19. Jahrhunderts, im wesentlichen den Charakter von Stockungen tragen: eine lange Welle depressiven Grundcharakters überlagert anfänglich kurzatmige, langsam an Dauerkraft zunehmende Wechsellagen, in denen die Aufschwungsjahre auch an Zahl kürzer sind als die eigentlichen Stockungsjahre. Der Übergang zu großen Zyklen von überwiegendem Aufschwungscharakter vollzieht sich erst, wenn eine neue Normalität geschaffen worden ist, auf deren Boden sich die allmählich versammelten Bedingungen für den Durchbruch neuer Wirtschaftskräfte mit Aussicht auf Dauer und Stetigkeit auswirken können. Bis dahin sind an allem, was geschieht, mehr die Schatten- als die Lichtseiten bemerkbar. Was später die Blüte mit heraufführen hilft, wird jetzt noch als Störung, Erschwerung, Gefahr empfunden. Auch die wirtschaftlichen Vorgänge tragen in hohem Grade den Charakter der Ambivalenz.
Es ist ein solcher Zustand der Spannung, der Unausgeglichenheit und Unüberschaubarkeit, also der Gefahr, der heute empfunden wird, wenn von einer „Krisis der Weltwirtschaft“ geredet wird. Hiermit ist zunächst nichts anderes gemeint als das Vorhandensein schwerer sich verstärkender Stockungen und das Vorwalten des Depressionscharakters in allen Wechsellagen. Von eigentlichen Krisen konnte in den Vereinigten Staaten und in England nur im Jahre 1920 gesprochen werden, in Deutschland nach der Währungsneuordnung nur im Jahre 1925. Daß in jenem gewaltsamen Umbruch von 1920 nicht eine Krisis des bekannten Typus zu sehen sei, sondern eine typische Nachkriegserscheinung, ist oft bemerkt worden. Nicht eine jener quasiperiodischen Ausdehnungsphasen wurde durch den Zusammenbruch verfehlter Unternehmungen in ihr Gegenteil übergeführt: es war die Liquidation einer Periode inflatorischer Geldvermehrung, unsinniger Hoffnungen, unbedachten von-Tag-zu-Tag-Lebens. Das Massensterben deutscher Unternehmungen nach der Stinnes-Krisis von 1925 war von ähnlicher Art. Nur insofern die meisten Aufschwungszeiten in ihren letzten Stadien einen inflatorischen Einschlag aufweisen, kann irgendeine Ähnlichkeit bemerkt werden. Wer freilich alle Konjunkturbewegungen aus Anomalien der Geldschöpfung herleiten will, wird nicht imstande sein, diese von jenen Zuständen zu unterscheiden.
Und die „Krisis“, die gegenwärtig die Gemüter beschäftigt? Sie ist zunächst eine Verschärfung der seit Jahren über den meisten Volkswirtschaften lagernden Stockung, gekennzeichnet in erster Linie durch rascher fallende Rohstoffpreise und zunehmende Arbeitslosigkeit. Ihre Ursachen sind außerordentlich mannigfach, und noch lange wird der Streit darüber gehen, in welchem Grade agrar- und industrietechnische, währungs- und handelspolitische, soziale und politische Ursachen verantwortlich zu machen sind. Daß die überlieferten Schemata der Konjunkturtheorie nicht zur Erklärung ausreichen können, ist für denjenigen nicht mehr fraglich, der die Unvergleichbarkeit des Vorgangs mit dem Ablauf einzelner Wechsellagen gesehen hat. In einzelnen Ländern mag das Ende von Aufschwungsbewegungen hier wie immer auf das Zurückbleiben des Kapitalangebots hinter der Produktion von Waren zurückzuführen sein, die auf den Kauf durch Kapital angewiesen sind. Daß aber diese Aufschwungszeiten überall sehr kurz sind und daß die Stockungen sich eher zu verschärfen als abzuschwächen scheinen, dies muß andere Ursachen haben. Das Fallen der Preise, vor allem für Nahrungsmittel und Rohstoffe, kann diesen Grund nicht abgeben: es könnte unter anderen Verhältnissen der Anstoß zu einer starken Belebung der industriellen Produktion sein; denn es liegt eine Senkung der realen Produktionskosten vor, die die Vorbedingung einer dauerkräftigen Ausweitung der Nachfrage sein könnte. Wenn diese Wirkung nicht eintritt, so muß die Ursache wohl sein, daß die Rentabilität der Industrien durch die Höhe fester oder fast fester Lasten so stark beschnitten wird, daß der in den Rohstoffpreisen liegende Anreiz unwirksam wird. Sie schützen sich, wo immer die Bedingungen zu totaler oder teilweiser Monopolisierung gegeben sind, durch Hochhalten der Preise, bringen dadurch die Landwirtschaft in eine noch bedrängtere Lage und verhindern die Auswirkung der niedrigen Rohstoffpreise in erweitertem Absatz. Alle solche Störungen haben, wie die Konjunkturtheorie darzulegen hat, die Tendenz, sich kumulativ zu verstärken, bis in der Gesamtlage eine entschiedene Änderung eingetreten ist: dann wirken die Auftriebsmomente ebenfalls kumulativ.
Die relativ festen Lasten des Unternehmers bestehen in der Hauptsache aus Löhnen, Steuern und Zinsen. Von allen dreien läßt sich, wenigstens in den meisten europäischen Ländern, eine gegen die Gewinnchancen unverhältnismäßig große Steigerung in der Nachkriegszeit aussagen. Die zunehmende Verwandlung des Arbeits- in ein Quasibeamtenverhältnis, verbunden mit einer Steigerung der politischen Macht der Arbeiter und einer Abnahme des guten Gewissens gegenüber Not und Elend bei den Nichtarbeitern, hat die Bezüge der Arbeiterschaft relativ unempfindlich gegen den Wechsel der Konjunktur gemacht. Die finanziellen Folgen des Krieges, die Verwandlung des Parlaments in einen Interessentenausschuß und die Tendenz zur Ausdehnung des Machtbereichs der Bureaukratie haben die Staatsausgaben auf einen gefährlich hohen Stand gebracht. Die Kapitalbildung ist angesichts der Investierungsausgaben der Nachkriegszeit und der Größe der Fehlinvestitionen unzureichend; der hohe Zins, der sich daraus ergeben muß, wird wahrscheinlich durch die stationäre Goldproduktion noch über die Höhe des durch Kapitalangebot und Kapitalnachfrage gegebenen „Realzinses“ hinaus gesteigert: denn der Kampf um die Edelmetallbestände scheint von den Notenbanken eine Diskontpolitik zu fordern, die den Bedarf an Kapital noch weiter zurückdrängt als es die ohnehin schwierige Lage der Kapitalmärkte in den letzten Jahren erzwingen mußte.
Ob die beiden ersten Momente ausgeschaltet oder abgemildert werden können, das hängt in erster Linie von der Gestaltung der politischen Verhältnisse ab. Die Massendemokratien sehen sich vor die Frage gestellt, ob sie es vorziehen, einen Teil der stillen Sozialisierung des Wirtschaftslebens rückgängig machen zu wollen, um die Grundlagen des hochkapitalistischen Wirtschaftssystems zu erhalten, das eben nicht ein beliebiges Maß frühsozialistischer Einschläge verträgt, ohne in der ihm innewohnenden Logik gestört und zu geordnetem Vollzug seiner Leistungen unfähig zu werden; oder ob sie den Sprung in ein folgerichtiges planwirtschaftliches System vorziehen, in dem die Steuerung der Wirtschaft nicht mehr dem Automatismus des Marktes übertragen bleibt und wo die Rentabilität der Unternehmungen nicht mehr das entscheidende Kriterium der Wirtschaftsführung abgibt, sondern durch bewußte Planung gemäß den Einsichten einer Rätearistokratie, einer Gildendemokratie oder einer diktatorisch geführten Beamtenschaft ersetzt wird. Der heutige Zustand ist durch das Unvermögen gekennzeichnet, sich für die eine oder für die andere Möglichkeit zu entscheiden.
Der dritte Faktor, die knappe und irrationale Goldversorgung der Weltwirtschaft, wäre durch wirtschaftliche Maßnahmen unschädlich zu machen: indem die Notenbanken allgemein zu einer Herabsetzung ihrer Metalldeckungsnormen autorisiert werden, während sie heute sich noch über die zu Unrecht tabuierten Bindungen hinaus in ihrer Geldschöpfungspolitik so eng an die Bewegungen des Goldes ketten, wie es von keinem kompetenten Nationalökonomen noch für richtig befunden wird. Es liegt auf der Hand, daß die erwünschte Neuverteilung der Goldbestände in hohem Maße gleichbedeutend ist mit einer Neuverteilung der Kapitalien. Denn es ist die mangelnde Bereitwilligkeit zum Kapitalexport, die das Abströmen der überschüssigen Goldmengen von den überversorgten Gläubigerländern in den Rest der Weltwirtschaft hemmt.
Nun ist freilich Unverhältnismäßigkeit der Kapitalversorgung der einzelnen Glieder der Weltwirtschaft so wenig eine Depressions- oder gar Krisenursache wie ungleiche Kapitalausstattung unter den Gliedern einer Volkswirtschaft. Sonst müßte sich die Volkswirtschaft im ricardianischen System, das heißt bei Ausschaltung aller Kapital- und Arbeitswanderungen, ständig in schweren Stockungen befinden. Nur die Unstetigkeit der Kapitalströme von Land zu Land könnte als stockungserzeugender Faktor angesehen werden, denn sie hemmt ruckweise jede sich anbahnende Expansion in unvorhersehbaren Zeitpunkten und entfesselt ebenfalls ruckweise Aufschwungsbewegungen, deren Andauer auch nur für eine bescheiden angesetzte Zeitspanne nicht gesichert ist. Es macht sich hier, ebenso wie in der Zoll- und Währungspolitik, der Umstand geltend, daß die führenden Volkswirtschaften zwar von ihren Partnern fordern, sie sollten sich in ihren Maßnahmen so verhalten, als ob sie Glieder eines weltwirtschaftlichen Gesamtkörpers seien, während sie sich selber vorbehalten, von Fall zu Fall ihre Interessen gemäß den Lebensbedingungen ihrer eigenen Volkswirtschaft zu wahren. Auch hier also ein Ausweichen vor wirklichen Entscheidungen: zwischen einem resoluten weltwirtschaftlichen Universalismus und einem dezidierten volkswirtschaftlichen Individualismus. Wenn man fortfahren will, von einer Krisis der Weltwirtschaft zu sprechen, so möge man sie hier sehen: allerdings nicht im Sinne der Krisis eines bestehenden Wirtschaftskörpers, sondern der Krisis eines Gedankens, eben der Idee der Weltwirtschaft, die ebensoviel Kräfte entstehen zu lassen wie an der Entstehung zu hindern am Werk sind. Es wären demnach die Krisen der kapitalistischen und der weltwirtschaftlichen Organisationsideen selber, denen die gegenwärtige Stockungswelle ihren undurchdringlichen Aspekt und ihre lähmende Schwere verdankt, und die paradoxe Andauer wachsenden Elends aus Arbeitslosigkeit und nicht zu bändigender Überproduktion aus Absatzmangel wäre der Preis, den unsere Zeit dafür zahlt, daß sie im Zwielicht leben für Weisheit hält und das laue Ausweichen vor klaren Entscheidungen für Huldigungen an die Schicksalsmächte und an das menschliche Maß.