Als der Rat des Völkerbundes am 14. Dezember 1928 seine erste Entschließung faßte, das Problem der Goldknappheit durch eine Sondergruppe des Finanzausschusses prüfen zu lassen, wird den meisten Zeitgenossen die Behandlung dieses Themas als eine höchst akademische Angelegenheit erschienen sein. Der englische Großhandelsindex des „Economist“ war zwar im Verlauf von drei Jahren von 153 auf 136,5, also um 16,5 Punkte und also um etwas mehr als jährlich 3 % gefallen. Daß in den nächsten 1½ Jahren sich ein Sturz von 20 Punkten, also um jährlich 10 % vollziehen würde, diese Verdreifachung der Fallwucht zwar nicht des „allgemeinen Preisspiegels“, wohl aber des durchschnittlichen Preisstandes der Rohstoffe und Nahrungsmittel im Großhandel, ist damals schwerlich von den verantwortlichen Führern der Wirtschaft für möglich, geschweige denn für wahrscheinlich gehalten worden. Das ungeheuerliche Ereignis eines Einsturzes des Preisgebäudes, kaum zehn Jahre nach der ersten gewaltsamen Anpassung des Nachkriegspreisstandes an die neuen Nachfrageverhältnisse, mag die Sondergruppe des Finanzausschusses bewogen haben, schon vor Beendigung ihrer weitschichtigen Arbeiten einen Teilbericht zu erstatten, der die dringlichsten Anliegen der weltwirtschaftlichen Währungspolitik des Tages zum Gegenstande hat.
Die Veröffentlichung beschäftigt sich indessen nicht mit den besonderen Vorgängen der letzten Jahre und Monate. Sie enthält keinen Versuch einer Analyse der Preisbewegung in der jüngsten Vergangenheit und sagt nichts aus über die Zusammenhänge von Geldverfassung, Kreditpolitik und Konjunkturbewegung. Diese Themen bleiben künftigen Berichten vorbehalten. Zunächst soll nicht mehr und nicht weniger versucht werden als eine Abschätzung der Goldproduktion und des Goldbedarfs der Welt in den nächsten zehn Jahren. Das Problem ist also weder konjunkturell noch, wie die gedankenlose Antithese nahelegt, strukturell, das heißt Änderungen im Aufbau der Wirtschaftsgebilde betreffend, sondern die Untersuchung gilt quantitativen Beziehungen zwischen Angebot und Nachfrage, die voraussichtlich für längere Zeiträume in Kraft stehen werden – wenn ihnen nicht durch planwirtschaftliche Eingriffe entgegengewirkt wird.
Die gegenwärtige Goldproduktion der Erde beträgt ungefähr 400 Mill. $ im Jahr. Der Ausschuß glaubt auf Grund eingehender Gutachten amtlichen, halbamtlichen und privaten Charakters, die im Anhang abgedruckt sind, mit leidlicher Sicherheit annehmen zu können, daß nach einer vorübergehenden Steigerung im Jahre 1932 die Goldgewinnung, statt mit der Ausdehnung von Handel und Wandel zu wachsen, merklich zurückgehen wird, nach den offiziellen Schätzungen bis um 90 Mill. $ im Jahre 1940, nach den Schätzungen Joseph Kitchins, der gegenwärtig als der beste Kenner der Goldstatistik gilt, um 34 Mill. $ im selben Jahr. Die beträchtliche Differenz ergibt sich im wesentlichen aus der sehr pessimistischen Vorausschätzung des südafrikanischen Goldbergbaus durch den Amtlichen Mineningenieur Dr. Pirow, der eine Verminderung der Goldgewinnung des Witwatersrandes von 43,5 Mill. £ im Jahr 1930 auf 25 Mill. £ im Jahr 1940 und auf 10 Mill. £ im Jahr 1949 voraussagt. Der Bericht übernimmt diese Angaben, ohne auf die sehr wichtigen Einschränkungen hinzuweisen, die Dr. Pirow in seinem Gutachten deutlich bezeichnet: daß nämlich eine Herabsetzung der Produktionskosten um 2 s je t oder die Möglichkeit der ausreichenden Beschaffung eingeborener Arbeitskräfte erlauben würde, die Produktion auf der heutigen Höhe zu halten. – Alle Schätzungen sind vor dem gegenwärtigen Preisrückgang gemacht. Der Ausschuß scheint zu glauben, daß hieraus keine erheblichen Fehler entstehen werden. „Alle vorliegenden Zeugnisse scheinen zu zeigen, daß die Goldproduktion in bemerkenswert geringem Umfang auf mäßige Änderungen des Preisniveaus reagiert“. Sind dies aber noch mäßige Änderungen, die sich vor unseren Augen vollziehen? Der Ausschuß scheint sie für vorübergehend zu halten.
Die Nachfrage nach Gold ist entweder non-monetärer oder monetärer Art; die non-monetäre rührt von Schmuck- und Hortbedarf oder von industriellem Bedarf her. Indien hat in den letzten Jahren durchschnittlich 80 Mill. bis 90 Mill. $ aufgenommen; eine erhebliche Verminderung dieser Größe, die etwas hinter den Verhältnissen der letzten Vorkriegsjahre zurückbleibt, wird trotz der Forderung europäischen Bank- und Anlagesitten nicht für wahrscheinlich gehalten. Für den Hortbedarf der übrigen Länder und für die gewerbliche Produktion werden 100 Mill. bis 110 Mill. $ angesetzt; für monetäre Zwecke stünde demnach in der Regel nur etwa die Hälfte der jährlichen Produktion: rund 200 Mill. $ zur Verfügung. Der gesamte monetäre Goldbestand der Erde wird für Ende 1929 auf 11 175 Mill. $ geschätzt; davon entfallen 10 425 Mill. $ auf sichtbare Reserven der Notenbanken und Schatzämter. An Gold im Umlauf und in europäischen Horten werden für Ende 1928 915 Mill. $ angenommen, von denen im Laufe des Jahres 1929 etwa 150 Mill. $ in die öffentlichen Reserven übergewandert sind. Da von dem Rest 395 Mill. $ auf die Vereinigten Staaten entfallen, ist festzustellen, daß die Zurückziehung des Goldes aus dem Zirkulationsdienst in Europa bis auf ganz verschwindende Reste vollendet ist.
Den Goldbeständen der Notenbanken in Höhe von 9992 Mill. $ stehen Ende 1928 an Noten und Giralguthaben 24 500 Mill. $ gegenüber, die somit faktisch zu 40 % durch Gold gedeckt sind. Nach den bestehenden Gesetzen wäre eine Minimaldeckung von 29 bis 34 % hinreichend. Die genaue Bestimmung ist unmöglich, da es einigen Notenbanken erlaubt ist, in bestimmten Grenzen Auslandswechsel an Stelle von Gold als Notendeckung zu halten. Legt man das heutige Mischungsverhältnis beider zugrunde, so ist mit einer gesetzlichen Minimaldeckung von rund 32 % zu rechnen und die freien Goldreserven betragen demnach etwa 8 % im Durchschnitt sämtlicher Länder.
Der künftige monetäre Goldbedarf richtet sich, wenn die heutigen Deckungsverhältnisse aufrechterhalten werden sollen, nach der durchschnittlichen Wachstumsrate der Wirtschaft überhaupt, die von Cassel für das halbe Jahrhundert vor dem Kriege auf 3 % angesetzt wurde, eine Schätzung, die durch neuere Untersuchungen von Kitchin und Snyder nach Ansicht des Ausschusses bestätigt worden ist. Immerhin legt er zwei Berechnungen vor: eine auf einem Durchschnittszuwachs von 2 %, eine andere von 3 % beruhend. Bei einer 40 % igen Deckung der Noten und Giralguthaben der Notenbanken ergibt sich im ersten Falle vom Jahre 1933 an ein Defizit der zu monetären Zwecken verfügbaren Goldproduktion, das bis zum Jahre 1940 auf jährlich 74 Mill. $ wächst; im zweiten Fall erreicht das Defizit schon jetzt diese Höhe und wächst in zehn Jahren auf jährlich 238 Mill. $ an. Selbst bei einer nur 33 % igen Deckung und einem nur 2 % igen Wachstum würde in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre ein Defizit entstehen, wenn auch ein nur geringes. Der Bericht gibt zu, daß der industrielle Verbrauch vielleicht überschätzt ist. In der weltwirtschaftlichen Stockung sieht er nur eine vorübergehende Verminderung des Goldbedarfs begründet. Er hält also den Preissturz der Rohstoffe für eine vorübergehende Erscheinung. Neue Gefahren scheinen ihm in der Neigung der Notenbanken zu liegen, ihren Devisenbestand durch Gold zu ersetzen, in dem möglichen Übergang Chinas zur Goldwährung, und in etwaigen Versuchen, die Goldmünzen wieder in Zirkulation zu setzen.
Kann der bevorstehenden Unterversorgung der Weltwirtschaft mit ihrem Währungsmetall durch andere Verteilung der sichtbaren Goldvorräte entgegengewirkt werden? Zwölf Länder weisen einen freien Goldbestand von 1000 Mill. $ aus, nach Abzug von 38 % als obligatorischer Deckung ihrer Verbindlichkeiten und von 7 % als Operationsreserven der Notenbank. Durch seine rationellere Verteilung könnte fünf Jahre lang der zur Verstärkung der Goldreserven verfügbare Teil der Goldproduktion verdoppelt werden; genauer: es könnte das Golddefizit, das bei 3 % igem Wachstum und 40 % iger Durchschnittsdeckung nach der Rechnung des Ausschusses entstehen würde, in den Jahren 1930 bis 1940 zu zwei Dritteln zu decken sein.
In der Tat haben die letzten Jahre die Ungleichmäßigkeit der Goldverteilung aber nicht gemildert, sondern verschärft. Im Jahre 1929 haben Frankreich und die Vereinigten Staaten ihre Goldreserven um 540 Mill. $ verstärkt; davon entfallen etwa 140 Mill. $ auf Gold, das bis dahin in den Kassen privater Banken und in Horten unsichtbar gewesen war. Der Rest entspricht noch immer dem doppelten Betrag der für monetäre Zwecke verfügbaren Goldproduktion eines Jahres. Während England, den Gedanken der weltwirtschaftlichen Funktion der Goldwährung folgerichtig durchführend, sich auch in den Zeiten seiner größten wirtschaftlichen Stärke mit einem Mindestmaß an Goldreserven begnügt hat, benutzen die beiden heute stärksten Mächte des politischen Systems die Goldwährung als ein Mittel finanzieller Autarkie und politischer Überlegenheit. Eine rationellere Verteilung der angesammelten Goldbestände ist also durch währungspolitische Maßnahmen allein unmöglich; sie setzt voraus, daß die relativ überversorgten Staaten bereit sind, den Überschuß ihrer erweiterten Handelsbilanz (einschließlich Reparations- und Zinsbilanz) dem Ausland im Wege des Kapitalexports zur Verfügung zu stellen. Dies wird in dem Genfer Bericht nicht mit hinreichender Deutlichkeit ausgesprochen. Er redet nur von einer „collaboration intelligente, de répartir l'or dans le monde aux mieux des intérêts de tous les pays“, und verspricht in einem künftigen Bericht auf dieses Thema zurückzukommen. Heute entwickelt er nur die wichtigsten währungspolitischen Folgerungen aus der Eigenart der Situation, wie er sie für die nächsten zehn Jahre glaubt voraussehen zu können.
Diese Folgerungen sind ebenso einfach wie verständig. Wir fassen sie in sieben Programmpunkten zusammen:
Erstens: Das Gold muß vollständig aus dem inneren Umlauf gezogen werden; es gehört allein in die Reserven der Notenbanken. Auch die Goldzertifikate sollen verschwinden, die einen Teil der Goldbestände ihrer echten valutarischen Verwendung entziehen. Die Konzentration des Goldes wird nicht nur empfohlen, weil sie die Goldversorgung der Welt erleichtert und weil sie für das einzelne Land billiger ist, sondern auch weil sie einen besseren Überblick über die Veränderungen der umlaufenden Geldmenge und über die Stärke der valutarischen Verteidigungsmittel erlaubt.
Zweitens: Eine allgemeine Verminderung der obligatorischen Goldreserven ist möglich, denn die gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve ist zur Verteidigung der Valuta ohnehin nicht verfügbar, sondern dient lediglich dem Bedürfnis massenpsychologischer Beruhigung. Da ihre Höhe nicht durch rationelle Erwägungen, sondern durch Konventionen und Gewohnheiten bestimmt worden ist, kann sie ohne Schaden für die Wirtschaft verändert werden.
Drittens: Diese Herabsetzung der Deckungsvorschriften kann nicht von einem einzelnen Land vorgenommen werden, wenn das Vertrauen zu seiner Währung nicht bedroht werden soll. Sie ist aber unschwer bei internationaler Verständigung durchzuführen. Es genügt, wenn etwa die zwölf Hauptländer eine Übereinkunft schließen. Wo eine absolute Höchstgrenze für den Notenumlauf besteht, ist diese entsprechend in die Höhe zu setzen.
Viertens: Diese Reform darf nicht dazu führen, daß die faktischen Deckungsverhältnisse die gleichen bleiben, sondern die Herabsetzung der Mindestdeckung muß die der wirklichen Deckung nach sich ziehen.
Fünftens: die girale Zahlungsweise ist durch Aufhebung von Scheckstempeln und ähnlichen fiskalischen Lasten zu fördern.
Sechstens: die kleinen Notenabschnitte sind durch Scheidemünzen zu ersetzen, um weniger Gold für Notendeckungszwecke zu binden und um die Kosten dieser Geldart zu vermindern – wobei auf ein verständiges Verhältnis zwischen dem Scheidegeld und anderen Zahlungsmitteln zu achten wäre.
Siebtens: Diejenigen Länder, die ihre Währung noch nicht stabilisiert haben, sollten zur Golddevisenwährung, nicht zur reinen Goldwährung übergehen. Diejenigen Länder, die bereits Golddevisenwährung besitzen, bittet der Ausschuß inständig, die Umwechslung von gegenwärtig in Goldwechseln gehaltenen Währungsreserven in Goldreserven mit der allergrößten Behutsamkeit zu vollziehen. Der Bericht verschließt sich nicht den inflatorischen Gefahren, denen schlecht geleitete Goldwechselwährungen ausgesetzt sein können; er glaubt aber, daß diese Gefahren in hohem Maße ausgeschaltet werden können, wenn die Auslandswechselbestände bei der Notenbank zentralisiert werden. „Überdies sind wir überzeugt, daß der Abschluß einer internationalen Verständigung dahingehend, daß die von den verschiedenen Ländern zwecks Stabilisierung ihrer Währung im Ausland gehaltenen Reserven im Kriegsfalle weder der Beschlagnahme noch der Enteignung verfallen dürfen, stark dazu beitragen würde, diesem Währungssystem vollständiges Vertrauen zu gewinnen.“
Der Finanzausschuß des Völkerbundes hält alle diese Vorschläge für sachdienlich und wichtig. Er lenkt die Aufmerksamkeit der Mitglieder wie der Nichtmitglieder des Völkerbundes auf sie und spricht die Erwartung aus, daß eine internationale Aktion der betreffenden Regierungen zweifellos von den maßgebenden Stellen des Völkerbundes durch Organisation der nötigen Beratungen gefördert werden würde.
Es hieße den Arbeiten des Ausschusses unrecht tun, erwartete man von dem Bericht neue Gedanken und überraschende Pläne. Seine Vorschläge sind auf Gedanken aufgebaut, die wahrscheinlich von allen kompetenten Forschern heute für richtig erachtet werden. Sie ziehen die Folgerungen aus der Einsicht in die chartale Natur des Geldes; aus der Erkenntnis, daß andere Prinzipien der Geldschöpfung gefunden werden müssen und gefunden werden können als die schematische Bindung an die Verhältnisse der Goldproduktion; aus der Erfahrung, daß die automatische Anpassung der Goldproduktion an die Bewegungen des „allgemeinen Preisniveaus“ versagt, und aus der Anerkennung der Gleichwertigkeit von Gold und von Devisen als Währungsreserven. Diese Gedanken mögen vor Ausbruch des Krieges vielen Forschern und fast allen Praktikern als Ketzereien erschienen sein: sie sind die Rechtgläubigkeit von heute und tragen jetzt die gewichtigen Unterschriften von Albert Janssen, M. J. Bonn, Gustav Cassel, Comte du Chalendar, Sir Reginald Mant, Felix Mynarski, Vilem Pospisil, O. M. W. Sprague, Sir Henry Strakosch, L. J. A. Trip und George E. Roberts: Männer der Wissenschaft, der Notenbankleitung und der hohen Finanz in erfreulichem Verein.
Was dem Bericht seine geschichtliche Bedeutung gibt, ist aber nicht nur die Bekundung dieser Einigkeit über die Mindesteinsichten, die jeder künftigen Währungspolitik zugrunde liegen müssen. Es ist der Vorschlag einer internationalen planwirtschaftlichen Lösung der Goldfrage. Dieser Vorschlag macht Ernst mit dem Gedanken der Weltwirtschaft: einer einheitlichen Gestaltung des Wirtschaftslebens aller wichtigen Staaten an einem entscheidend wichtigen Punkte. Die Größe dieses Gedankens läßt zugleich die Stärke der Widerstände erkennen, die sich seiner Verwirklichung, heute mehr als je, entgegenstellen müssen: er rechnet mit einer durchaus befriedeten Welt. Der Kampf um das Gold, Gewährung und Ablehnung von Auslandsanleihen sind Reflexe der politischen Spannungen der Hegemonialstaaten der Gegenwart und diesen gelten politische Vormacht und wirtschaftliche Unabhängigkeit als Vorbedingung politischer Handlungsfreiheit mehr als weltwirtschaftliches Gedeihen. Wenn die Goldknappheit zur Verschärfung der allgemeinen Wirtschaftsstockung beiträgt, so wirkt sie als Exponent dieser tieferen Antagonismen. Der vorliegende Bericht spricht nicht von ihnen; er redet in der Sprache und innerhalb der Grenzen der wirtschaftlichen Vernunft. Was diese Vernunft in der aufgewühlten Erde des zweiten Nachkriegsjahrzehnts gilt, werden die nächsten Schritte lehren.