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„Es ist lange Sitte gewesen, der Sparsamkeit uneingeschränktes Lob zu spenden, hauptsächlich wegen persönlicher Zucht und gebührender Anerkennung von Verantwortungen. Wie großen Segen aber die Sparsamkeit dem Individuum bringen mag, so gibt es doch Zeiten, wo sie, vom Standpunkt des allgemeinen Besten aus beurteilt, im Übermaß wirksam sein kann. Der Gegenstand verdient hier Erwähnung, weil Anzeichen dahin deuten, daß die Ausgabe des amerikanischen Volkes für den laufenden Verbrauch nicht ausreicht, um die bestehende Wirtschaftsorganisation in Gang zu halten, und hinter dem zurückbleibt, was die Einkommenshöhe rechtfertigen würde.“

Diese Worte, jüngst von McKenna als Präsident der Midland Bank gesprochen, sind in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Man war gewöhnt, die Gefahren des „Unterverbrauchs“ von Gewerkschaftsführern angeführt zu sehen, wenn die Höhe der Löhne verteidigt oder die Erhöhung der Arbeitereinkommen gefordert werden sollte. Es war dann üblich, daß die nichtsozialistischen Kritiker erwiderten, erhöhte Löhne hinderten die Kapitalbildung, weil der Arbeiter erfahrungsgemäß nicht hinreichend spare. Und mit Recht, so pflegte dann ein besonders draufgängerischer Anwalt der Arbeiterinteressen zu entgegnen: es wird in der bestehenden Wirtschaftsordnung nicht zu wenig, sondern zu viel Kapital gebildet; die Erzeugung von Produktionsmitteln wächst, aber ihre Produkte können vom Markt nicht aufgenommen werden, denn es fehlt an hinreichender Kaufkraft der Lohnarbeiterschaft.

Das Argument stammt von Sismondi, dem ersten Kritiker des Kapitalismus, und wird außer von Marx auch von dem konservativen Sozialisten Rodbertus vertreten. In Deutschland scheint es in den letzten Jahren auch in nichtproletarischen Kreisen an Boden gewonnen zu haben. Die Erfahrungen der Inflation, die den Sparer bestrafte, der Wille zum Abbau der transzendenten Religiosität und die bekannte Vorliebe nördlicher Völker für reichlichen Verbrauch haben zu diesem Erfolg zusammengewirkt. Auch in den Ver. Staaten scheint neuerdings eine theoretische Rechtfertigung der Neigung zu verschwenderischer Ausgabe nicht unerwünscht. Nun aber mehren sich auch in England die Stimmen der Warner. Die Furcht vor dem Unterverbrauch hat also auch dies klassische Land des Sparens ergriffen, und damit wird deutlich, wie schwach die geistig-seelischen Stützen des Hochkapitalismus in seinem Ursprungsbezirk geworden sind. Kommen die Tage Falstaffs wieder? Das englische Schrifttum dieser Jahre läßt den Schluß zu, daß die Nation sich ihrer puritanischen Hemmungen zu entwinden und in die höchst natürlichen Paradiese des Merry Old England zurückzufinden versucht. Gleichviel wie man die Aussichten und die Wünschbarkeiten einer solchen Gegenbewegung beurteile – das ökonomische Argument, dessen man sich in diesem Falle bedient, ist grundfalsch und leicht zu widerlegen.

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Denn es ist nicht wahr, daß erhöhtes Sparen im Haushalt verminderte Kaufkraft am Markte bedeute. Der einzelne spart, das heißt er verzichtet für kurze oder lange Zeit auf die Ausdehnung seines Verbrauchs bis zum vollen Betrag seines Einkommens. Wenn er aber das ersparte Geld nicht einsperrt, in Strumpf oder Tresor, sondern es zinsbringend anlegt, durch Kauf von Aktien oder Obligationen, durch Einzahlung in Sparkassen oder durch Ausleihung an Kreditbedürftige, so wird die Kaufkraft an einen Unternehmer oder einen öffentlichen Haushalt und von diesem weiter an Arbeiter und Lieferanten und andere Mitwirkende an der Versorgung der Volkswirtschaft übertragen. Im wichtigsten Fall entsteht auf diese Weise verstärkte Ausstattung der Wirtschaft mit Häusern und Maschinen, Verkehrsmitteln und anderen Anlagen langdauernder Art, man nenne sie nun Realkapital oder Rüstgut. Tritt dieser Fall ein, so wird nicht ein Pfennig weniger Kaufkraft wirksam als vordem. Nur daß sie nicht vom Sparer, sondern von den Kapitalbedürftigen und Kreditnehmern ausgeübt wird.

Dieser Satz erleidet eine wichtige Ausnahme in einigen Fällen, wo die Unternehmungslust darniederliegt. In solchen Lagen ereignet es sich unter bestimmten Umständen, daß zwar ein Einkommensteil gespart, aber kein Rüstgut (Realkapital) gebildet wird. Die Tage des Hortbildens kehren wieder, nur daß nicht Geld im Garten vergraben oder in Truhen oder Strickstrümpfe gelegt wird, sondern es wachsen die Bankguthaben an – sei es, daß der einzelne einen dauernd höheren Kassenbestand hält als früher, verglichen mit seinem jeweiligen Einkommen, oder daß er sein Zahlguthaben (Scheck oder Giro) in ein Sparguthaben umwandelt, statt damit Einkäufe zu machen oder Effekten zu kaufen. Wenn dann die Bank ihre Kreditgewährung nicht ausdehnt, sondern die Summe ihrer Aktiven unverändert läßt, so ist in der Tat Kaufkraft dem Markte vorenthalten und eine Tendenz zum Preisfall wird wirksam. Das aber bedeutet in der Regel eine Tendenz zur Verstärkung eines schon vor sich gehenden Preisfalls. Denn die Zurückhaltung des Käufers, die Anlaß gibt zu jener Erhöhung der durchschnittlichen Kassenbestände, ebenso wie die Zurückhaltung der Unternehmer, die geringen Kapitalbedarf bedeutet, sie beide entspringen in der Regel der Abneigung, in einem fallenden Markt zu kaufen, solange das Ende der Abwärtsbewegung nicht abzusehen ist.

Wie aber ist der Preisfall selber entstanden? Ist schon er die Folge einer unzureichenden Betätigung von Verbraucherkaufkraft? Daß während der Stockung ein Unterverbrauch stattfindet, im Sinn eines Zurückbleibens der Investitionen hinter den Ersparungen, werden viele zuzugeben geneigt sein; daß aber der Aufschwung selber infolge von Unterverbrauch gebrochen wird, dies erst macht die eigentliche Behauptung der Unterverbrauchstheoretiker aus. Und diese These ist unhaltbar. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß der Aufschwung beendet wird nicht durch mangelnde Nachfrage auf den Märkten der Haushaltsgüter, sondern durch mangelnde Nachfrage auf den Märkten der Unternehmungsgüter. Nicht Arbeitseinkommen fehlt, das Nahrungsmittel und Kleider, Massenluxus und Verkehrsleistungen kaufen sollte und res sub stantibus nicht hinreichend viel davon kaufen kann; sondern es fehlt anlagesuchendes Kapital, das sich in Stahl und Eisen, in Maschinen und Häusern, Eisenbahnwagen und Elektrizitätswerken investieren läßt. Wollte man in den letzten Phasen des Aufschwungs die Löhne erhöhen, so würde man die Krisis durch eben das beschleunigen, womit man sie abwenden wollte.

Der Aufschwung kann nicht durchgehalten werden, weil der Anteil der Unternehmungsgüter an der Gesamtproduktion größer geworden ist als der Anteil des ersparten Einkommens am Gesamteinkommen: dies ist ein wuchtiger Tatbestand der geschichtlichen Erfahrung, den man nicht wegdiskutieren kann und der auch dann nicht an Härte verliert, wenn man ihn mit einem kunstvollen Gefüge von analytischen Hilfskonstruktionen und axiomatisierten Fiktionen umstellt.

Die Unterverbrauchslehre wäre nur zu retten, wenn sie die Entstehung einer kritischen Lage aus dem Fehlen von Haushalts-Kaufkraft ableiten könnte. Diese Ableitung ist bisher nicht gelungen, und sie wird kaum gelingen. Von verstärkter Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Kleidern, Schuhen und anderen Gegenständen des täglichen Verbrauchs ist – von den ganz untypischen Scheinkonjunkturen zwecks „Rétablissement“ unmittelbar nach Beendigung eines Krieges abgesehen – wohl niemals ein erheblicher Aufschwung ausgegangen: ebensowenig ist wegen allgemein verringerter Nachfrage auf diesen Märkten der Verbrauchsgüter kaum je eine wirkliche Stockung, geschweige denn eine Krisis entstanden. Der Absatz der Gesamtheit solcher Gegenstände schwankt in den wirtschaftlichen Wechsellagen im Durchschnitt um 5 bis 10 % nach oben und nach unten; zu erheblichen Ausdehnungen oder Einschränkungen ist hier kein Anlaß vorhanden, wenigstens zu plötzlichen und sprunghaften, denn diese Märkte sind leidlich gut übersehbar. Es steht anders um die Güter, die mit Kapital gekauft werden: die Breite ihrer Schwingungen pflegt doppelt und dreifach so groß zu sein wie bei den Verbrauchsgütern. Dies ist leicht zu verstehen, wenn man bedenkt, daß eine 10%ige Steigerung der Nachfrage nach Verbrauchsgütern bei richtiger Beurteilung des Marktes höchstens zu einer 10%igen Vermehrung ihrer Anlagen führen muß: dies aber bedeutet schon eine 100%ige Steigerung der jährlichen Nachfrage nach Produktionsanlagen, wenn diese sonst in einem Zeitraum von zehn Jahren amortisiert werden. Wird die künftige Nachfrage nach Verbrauchsgütern überschätzt, so kann die Steigerung nach Produktionsmitteln noch größer sein; unterliegt diese wiederum der Überschätzung, so ist eine noch stärkere Ausweitung derjenigen Industrien zu erwarten, die für die Hersteller der Maschinen und Anlagen tätig sind, und so fort. Je ferner sich aber eine Industrie vom letzten Verbraucher befindet – je höher also, nach Menger, die „Ordnung“ der von ihr hergestellten Güter ist –, desto undurchsichtiger wird die künftige Marktlage. Hier also sind die stärksten Pendelausschläge und die sprunghaftesten Veränderungen zu erwarten, und diese Erwartung wird durch die Erfahrung bestätigt.

Es liegt tief in dem Wesen unserer Wirtschaftsweise begründet, daß das Gewicht dieser Industrien der Güter höherer Ordnung keineswegs geringer ist als das der Industrien der eigentlichen Verbrauchsgüter. Von 12,6 Millionen deutschen Industriearbeitern im Jahre 1925 entfielen auf die Verbrauchsgüterindustrien, die doch viel arbeitsintensiver betrieben werden als die Produktivgüterindustrien, nur 5,9 Millionen; Baugewerbe, Maschinenindustrie und verwandte Zweige beschäftigten dagegen 3,9 Millionen, die eigentlichen Rohstoffindustrien (Eisen, Baumaterialien, Chemie, Papier u. ä.) 1,9 Millionen, die Antriebsindustrien (Kohle, Elektrizität u. ä.) 0,8 Millionen. Hält man diese Zahlen mit den oben gegebenen Darlegungen zusammen, so versteht man leicht, welche Bedeutung es haben muß, daß in diesen Industrien erfahrungsgemäß Produktionsumfang und Arbeitslosigkeit doppelt so stark schwankten wie in den Verbrauchsindustrien.

Selbst wenn ein Rückgang einmal von den Gütern des Massenverbrauchs, infolge absolut oder relativ fallender Nachfrage, ausgehen sollte, so würde dadurch nur eine sehr flache Wellenbewegung ausgelöst werden, die für die Gesamtbeschäftigung nicht viel bedeutet. Erst die Rückwirkungen auf die Produktionsmittelindustrien geben der Arbeitslosigkeit kritische Bedeutung. Sind andererseits hinreichende Kapitalien verfügbar, der Unternehmungswille lebendig und die übrigen Bedingungen erhöhter Kapitalanlage gegeben (politische Stabilität, unbeschäftigte Hände, reichliche Nahrungsmittel, Roh-, Hilfs- und Kraftstoffe), so kann die absolut oder relativ verringerte Nachfrage auf den Gütern des unmittelbaren Verbrauchs leicht ausgeglichen werden. Fehlt andererseits das zum Absatz der Produktionsgüter nötige Kapital, so kann keine Lohnerhöhung und kein Konsumkredit den Abstieg abwenden. Keine mögliche Erhöhung der Arbeitslöhne am Ende eines Aufschwungs könnte unter den gegebenen Verhältnissen die Nachfrage nach Verbrauchsgütern so steigern, daß das dann bestehende Mißverhältnis zwischen Produktionskapazität und Absatzmöglichkeit der Industrie der Güter höherer Ordnung dadurch ausgeglichen werden könnte. Die letzten Jahre haben in Deutschland ein gutes Gegenbeispiel geliefert: der Rückgang im Absatz der Verbrauchsgüterindustrien, der 1927 einsetzt, hat damals durchaus keine Krisis herbeigeführt: eine heftige allgemeine Abwärtsbewegung setzt erst zwei Jahre später ein, als die Produktivgüterindustrie in Schwierigkeiten gerät, die durchaus nicht auf jene 1927 einsetzende Not der Industrien erster Ordnung als auf ihre einzige oder auch nur wichtigste Ursache zurückzuführen sind.

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In jüngster Zeit pflegt an dieser Stelle des Gedankengangs von einigen Sozialisten ein in abstracto richtiger Einwand erhoben zu werden. Aber auch dieser Einwand ist unter den gegebenen Verhältnissen hinfällig. Er besagt, daß auch die Arbeiter begrifflich nicht unfähig seien, Kapital zu bilden, wenn man ihre Löhne erhöhte. Wenn ein Arbeiter statt 2000 RM im Jahr 3000 RM erhalten kann, so wird er in der Tat bei strenger persönlicher Zucht einen erheblichen Teil zurücklegen können; ob einen ebenso großen wie derjenige Unternehmer oder Kapitalist, dessen Einkommensquote um diesen Betrag gekürzt wird, steht auch hier dahin. Ganz unmöglich aber werden die Proportionen, wenn man sich die wirklichen Größenordnungen vergegenwärtigt, die heute, wenigstens in Europa, allein im Spiel sind.

Berechnungen von Volkseinkommen und Volkseinkommensquoten sind in jedem Falle problematisch. Wir halten uns daher an den Ausschnitt aus dem Einkommensgefüge, der in der deutschen Einkommenssteuerstatistik faßbar wird. Mit welcher Vorsicht diese Zahlen zu benutzen sind, wird der Laie erraten, der Fachmann beurteilen. Die möglichen Fehler wiegen hier nicht schwer, denn es ist uns an dieser Stelle nur darum zu tun, ein paar Anhaltspunkte für die zahlenmäßige Schätzung der Größenordnungen zu erhalten, in denen sich die möglichen Änderungen bewegen können. Sie sind für unsere Argumentation wahrscheinlich eher zu ungünstig als zu günstig gewählt.

Diese Statistik zählt im Jahre 1926 in Deutschland 12,9 Millionen Lohnsteuerpflichtige, mit einem Gesamteinkommen von 21 Milliarden RM, von denen nur 0,3 Millionen ein Einkommen über 5000 RM haben, 1 Million ein Einkommen zwischen 3000 und 5000 RM. Das Gesamteinkommen proletarischer und quasiproletarischer Schichten betrug, wenn man alle Lohneinkommen unter 5000 RM liberalerweise dazu rechnet, 8,5 Milliarden + 6,4 Milliarden = rund 15 Milliarden RM, je Kopf 1300 RM. Von den 38 Millionen zur Einkommensteuer veranlagten Steuerpflichtigen, deren Gesamteinkommen 12,6 Milliarden RM betrug, hatten dagegen ein Einkommen über 10 000 RM rund 200 000 Pflichtige, mit einem Gesamteinkommen von rund 5 Milliarden RM, je Kopf also 25 000 RM. Denkt man sich die Hälfte dieser Summe auf die Bezieher von Lohneinkommen unter 5000 RM gleichmäßig verteilt, so entfällt auf den einzelnen rund 220 RM. Man müßte die diesseits-hungrigen Proletarier zu glühend-asketischen Bettelmönchen umschmelzen, ehe man erwarten dürfte, daß sie von diesem Betrag auch nur ein Viertel dessen zurückzulegen bereit wären, was die früheren Bezieher aus der Hälfte ihres Einkommens zu sparen geneigt waren, auch wenn man die extravaganten Ausgabeneigungen wichtiger Teile auch der Nachkriegs-Bourgeoisie in Rechnung stellt. Auch die Einbeziehung der nichtdeklarierten Einkommen wird an diesen Proportionen heute nichts Entscheidendes ändern. Vielleicht, daß nach einigen Menschenaltern technischer Fortschritt, Beschränkung der Geburten und Quadratur des europäischen politischen Zirkels zu einer Höhe des Sozialprodukts geführt haben, die mit anderen Größenordnungen zu rechnen erlaubt.

Dann hat in der Tat das private Kapital das Menschenmögliche geleistet und kann von der Weltbühne abtreten. Inzwischen leben wir im Zeichen einer schwer zu bändigenden Not. Die Unterverbrauchstheorie irrt, wenn sie annimmt, daß am Ende jedes Aufschwungs eine unheimliche Fülle von Gütern des Massenverbrauchs sich aus den aufgestapelten Maschinen über den Markt ergießt – der diese Flut nicht fassen kann, weil es an Massen-Kaufkraft fehlt. Der Irrtum nährt sich aus einer Reihe von Denkfehlern, verbunden mit einigen wirklichkeitsfremden Annahmen. Erstens kommt nicht die Wertsumme der investierten Kapitalien in Form von Fertigwaren auf den Markt, sondern nur ein Teil, der ungefähr der Amortisationsquote entspricht. Zweitens tritt ein großer Teil der Maschinen und Anlagen nicht neben die alten, sondern ersetzt sie durch bessere und wird also nur mit dem Erzeugungsüberschuß in dieser Richtung wirksam. Drittens dient weitaus der größte Teil der Investierungen gar nicht der Herstellung von Maschinen und verwandten Produktionsmitteln, denn der überwiegende Teil des Kapitals der Welt wird in anderen Formen langdauernder Nutzungsgüter gebraucht: Häuser und Straßenanlagen, Verkehrsmittel jeder Art. Von den deutschen Emissionen im Durchschnitt der Jahre 1906 bis 1913 im Gesamtwert von jährlich 2,7 Milliarden M entfiel auf Industrieaktien der Betrag von nicht ganz 0,4 Milliarden M, auf Aktien insgesamt 0,6 Milliarden M. Von den 2 Milliarden M Obligationen kann nur ein kleiner Teil (nicht über 0,4 Milliarden M) der Vermehrung von Industrieanlagen gedient haben. Endlich ist zu bedenken, daß ein erheblicher Teil der Investition der Deckung von Konsumkreditbedarf zu dienen hat, sei es von öffentlichen Körperschaften, sei es von landwirtschaftlichen Betrieben, insbesondere in der Nachkriegszeit. Wenn der Kritiker des Kapitalismus schließlich auf die zahllosen Fehlinvestitionen hinweist, die zumal aus Monopolgewinn oder in der Hoffnung auf Monopolgewinn gemacht werden, so erweisen diese sich in unserem Zusammenhange als durchaus gefahrlos, eher noch als günstig. Sie führen zur Beschäftigung von Arbeitskräften an einer später einmal brauchbaren Leistung, ohne daß sie gegenwärtig den Markt überfluten helfen. Vielmehr dienen sie dazu, das Angebot an Verbrauchsgütern knapp zu halten; denn ihre Herstellung bedeutet eine verstärkte Herstellung von Gütern höherer Ordnung auf Kosten der Herstellung von Gütern des unmittelbaren Verbrauchs. Hiermit soll die Fehlinvestition nicht entschuldigt werden. Nur daß sie die Gefahr einer Krisis aus Mangel an Arbeitseinkommen eher mindert als stärkt, dies allerdings wird hier behauptet. In keinem Falle kann der Gefahr der Fehlinvestition durch Verringerung der Kapitalbildung abgeholfen werden – so wenig wie dem Talentmangel eines Malers durch Verkleinerung seiner Palette.

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Auch von den beiden Spielarten der Unterverbrauchstheorie, die in jüngster Zeit von angesehenen Theoretikern des sozialistischen Lagers vorgebracht worden sind, kann nicht erwartet werden, daß sie die unrettbare Lehre retten. Die erste geht von der richtigen Beobachtung aus, daß während des Aufschwungs die Profite anfangs relativ stärker wachsen als die Löhne; sie schließt zu unrecht, daß diese Tendenz bis zum Ende des Aufschwungs wirksam bleibt und den Abbruch verschuldet: denn die Empirie zeigt deutlich, daß gegen Ende des Aufschwungs die Profite abnehmen und die Löhne (und Zinsen) erheblich steigen. Die zweite rechnet damit, daß der Aufschwung erhebliche Mengen von Arbeitern infolge des Ersatzes von Handarbeit durch Maschinenarbeit freisetzt. Die Erfahrung zeigt dagegen, daß, von einigen untypischen Fällen (vielleicht in der englischen Industrie vor 100 Jahren, sicher in der amerikanischen Landwirtschaft der letzten Jahre) abgesehen, jeder Aufschwung bis zuletzt steigende Beschäftigungszahlen aufweist … außer wenn die Löhne zu hoch angesetzt sind und zu starr bleiben, worauf dann allerdings der circulus vitiosus der „Rationalisierung“ einsetzt.

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Lassen wir die Unterverbrauchs-Lehre als Krisentheorie dort, wo sie hingehört: in einer Geschichte der Nationalökonomie vor der Betrachtung empirischer Größenordnungen … so bleibt doch das folgende Problem: Kann nicht die Stockung, nachdem sie einmal eingetreten ist und sich zu verfestigen droht, dadurch abgekürzt werden, daß in ihr weniger Kapital gebildet wird? Sollte man nicht der preissenkenden, genauer: der preissenkungsverstärkenden Wirkung der Erhöhung der Kassenbestände und Verstärkung der Spardepositen dadurch entgegenwirken, daß weniger Sparsamkeit geübt, das heißt weniger Verzicht auf unmittelbaren Verbrauch getan wird? Wenn die Unternehmer nicht willig sind, mehr Sparkapital aufzunehmen und in Rüstgut (Realkapital) zu verwandeln, so ist es angezeigt, die Kapitalbildung vorübergehend zu verringern. Wenn jeder Engländer sofort 5 sh mehr ausgibt, die er sonst gespart hätte, und die jetzt keinen ausdehnungswilligen Unternehmer finden, so wird ein erheblicher Teil der Arbeitslosen wieder in den Fabriken eingestellt werden können; so oder ähnlich soll neulich ein bedeutender englischer Nationalökonom im Rundfunk sich geäußert haben.

Kein Zweifel, daß diese Wirkung eintreten muß, soweit die Kapitalbildung die Kapitalanlage übersteigt. Doch bleibt es fraglich, ob die günstige Augenblickswirkung auf längere Sicht nicht zu teuer erkauft ist. Jeder Aufschwung hat sich bisher aus Kapitalreserven genährt, die in der Stockung unbeschäftigt geblieben oder ins Ausland ausgeliehen waren. Wird jetzt die Kapitalbildung auf das Maß eingeschränkt, das die Unternehmer im Augenblick zu verwenden gewillt sind, so wird ein lebhafterer künftiger Aufschwung entweder unmöglich gemacht oder er wird auf den bedenklichen Weg der Kreditinflation, das heißt der Versorgung mit Anlagekapital durch Geldschöpfung, gewiesen, von dem einige Nationalökonomen zu unrecht behaupten, daß alle früheren Aufschwünge ihm ihr Dasein verdanken. Ist die Bankpolitik zu einer solchen Inflation nicht bereit, so besteht die Gefahr, daß die Kapitalanlage zwar stabilisiert wird, aber in der Nähe ihres tiefsten Standes, und zwar unter dauernden Verlusten der Produktionsmittelindustrien, die überhaupt nicht mehr auf volle Beschäftigung in absehbarer Zeit rechnen können. Dabei ist es sehr zweifelhaft, ob man die Arbeiterheere, die in ihr beschäftigt worden sind, auch nur in ein paar Jahren in die jetzt reichlicher beschäftigten Verbraucherindustrien überführen kann: die Reibungswiderstände sind, wie das englische Beispiel zeigt, auf diesen Arbeitsmärkten besonders stark.

Daß die Anregung des Konsums in dem Maße, das durch die Unterinvestition der Stockung bestimmt ist, den Zinsfuß erhöhen muß, würde ich nicht als entscheidendes Argument ansehen. Der Wirtschaft ist niemals mit einem niedrigen Zinsniveau gedient, das nicht längere Zeit durchgehalten werden kann. Es kommt hinzu, daß die Mehrbeschäftigung einiger Industrien die Arbeitslosigkeit vermindert und dadurch die Ansprüche an die Arbeitslosenunterstützung verringert – damit aber ist auch eine Entlastung des Kapitalmarktes gegeben. Diese günstigen Wirkungen aber werden nur eintreten, wenn die erhöhte Nachfrage nach Arbeitskräften nicht zu einer Versteifung der Lohnsätze führt. Allgemeine Lohnsenkungen sind an sich ein zweischneidiges Mittel der Konjunkturbelebung, denn sie vermindern mit den Kosten zugleich die Erlöse. Wenn aber eine Senkung des Lohnniveaus aus besonderen Gründen (Förderung der Kapitalbildung überhaupt und Erzielung eines Ausfuhrüberschusses) dringend ist, so kann die Verbrauchsverstärkung eine darauf gerichtete Politik durchkreuzen. Ob diese besonderen Gründe in England vorliegen, wage ich nicht zu entscheiden. In Deutschland scheinen sie gegenwärtig in Kraft zu stehen.

In keinem Fall kann die Verbrauchsverstärkung auf Kosten der Kapitalbildung angeraten werden, solange Tendenzen zur Senkung des Preisniveaus wirksam sind. Soweit Verstärkungen der durchschnittlichen Kassenhaltung aus unbegründeter Furcht vor Preissenkung entstehen und damit den Preisfall erst schaffen, gegen den man sich schützen wollte, und soweit dieser Tendenz nicht durch Erweiterung der Kreditgewährung der Banken entgegengewirkt wird, soweit ist jene Konsumparole berechtigt. Wenn aber die Wirtschaftspolitik aus irgendwelchen Gründen einen Preisfall wünscht und befördert, kann sie keinem vernünftigen Verbraucher anraten, einen Kauf vorzunehmen, den er nach einiger Zeit viel vorteilhafter vollziehen kann. Das gleiche gilt, wenn aus Gründen der Marktverfassung und der Produktionsgestaltung vernünftigerweise ein weiterer Preisfall zu erwarten ist – und wenn die politische Atmosphäre so drückend ist, daß jeder Aufschwungswille leicht zu brechen ist, und dies scheint gegenwärtig sich so zu verhalten. In solchen Fällen wird von Verbrauchsausdehnung nicht viel mehr zu erwarten sein als Vergeudung von Kapitalreserven und dauernde Hebung des Zinsniveaus.

Es ist ein richtiger Gedanke, den Aufschwung auf das Maß zu begrenzen, das durch den Umfang der echten Kapitalien bestimmt ist – seien sie nun im Haushalt oder in der Unternehmung oder aus Staatseinnahmen gebildet, aus aktuellem oder virtuellem oder transferiertem Einkommen. Die Lehre von der klassischen Geldschöpfung hat diesen Fundamentalsatz der Konjunkturpolitik mit aller wünschenswerten Bestimmtheit herausgearbeitet, und es scheint, daß die Konjunkturtheorie nach quasi-inflationistischen Verstrickungen sich wieder zu dieser klaren und heilsamen These zurückfindet.

Es ist auch zu billigen, wenn man in England neuerdings lebhaft auf die Binsenwahrheit verweist, daß die Hauptschäden der übersteigerten Konjunkturbewegungen durch die Stockung, nicht durch den Aufschwung entstehen. Gerade deshalb aber muß eine Stabilisierungspolitik, die durch Einwirkung auf die Spartätigkeit das Ziel erreichen will, im Aufschwung einsetzen, indem sie ihn vor Ausschreitungen bewahrt – nicht in der Stockung, wo die Gefahr besteht, daß der Produktionsumfang in der Nähe des niedrigsten Standes festgehalten wird. Denn die Neigung zur Einschränkung der Spartätigkeit wird leichter erworben als der Wille zu ihrer Verstärkung.

Vielleicht erleidet dieser Satz in überalterten und Rentnerländern bemerkenswerte Ausnahmen: in den Ländern hochkapitalistischen Wirtschaftsstils besteht seit je die Schwierigkeit, den steigenden Kapitalbedarf mit dem wachsenden Verbrauchswillen in Einklang zu setzen, und dieser Wille ist durch Krieg, Revolution, Inflation und Wegfall aller politischen Sekurität außerordentlich gesteigert, während gleichzeitig technischer Fortschritt, Komfort-Bedürfnis der Massen, politische Tributzahlung und Subventionsbedarf der Landwirtschaft und des Hausbaus die Ansprüche an den Kapitalmarkt dauernd erhöhen. Alles, was diese Spannung vergrößert, erscheint bedenklich, solange in den Grundkräften und Richtungen keine Änderung sichtbar wird.

Wer heute zum „in den Tag leben“ ermuntert, wird bald finden, daß dieser Wink als Ermunterung zum „für die Minute leben“ aufgefaßt worden ist. Wer aber das maximale Sparen als eine bürgerlich-puritanische Form der Askese menschlich bedenklich findet, der mag sich die Frage vorlegen, ob er bereit ist, die Folgen aus dieser Einsicht zu ziehen: nämlich auf die maximale Investition zu verzichten. Adlige Lebensführung, die sich von dem Götzen der Zinseszinsrechnung verachtend abwendet, bedingt Verzicht auf die meisten „Errungenschaften der Neuzeit“. Man mag in griechischen Wirtschaftsgeschichten der klassischen Zeit nachlesen, wie gering die Ausstattung der Polis-Wirtschaft mit Rüstgut aller Sorten war, wie klein die zahlenmäßige Ergiebigkeit der Arbeit und wie spärlich der Komfort selbst der kleinen Schicht, der es erlaubt war, im Licht zu leben. Ist die Annahme erlaubt, eine sozialisierte Wirtschaft werde sich diesem Bilde annähern, sobald sie die Verfügung über die Produktionsmittel erhält? Wird sie nicht eher, dem ihr innewohnenden Drang zur Oberschätzung des Technischen folgend, der Oberinvestition verfallen, unter Aufopferung des bescheidensten Verbrauchs? Einstweilen scheint Rußland unter Stalin eben diesen zweiten Weg zu gehen, von den puritanischen Vätern der hochkapitalistisch-bourgeoisen Welt nur unterschieden durch ein skythisches Maß von Gewaltsamkeit, Diesseitigkeit und Hemmungslosigkeit.

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