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Immer wieder flackern Krisenherde auf. Besonders häufig in der Eurozone. Fünf Jahre nach der Lehman Brothers Pleite hat sich die Situation auf den Finanzmärkten keineswegs entschärft. Darüber können auch nicht die aktuellen Diskussionen und die zögerlichen Debatten etwa um die Einführung einer Finanztransaktionssteuer oder aber um die Durchsetzung des Trennbankensystems hinwegtäuschen. In den letzten Jahren ist auf der internationalen, europäischen und nationalen Ebene kostbare Zeit für eine nachhaltige Reorganisation des Finanzsektors weitgehend ungenutzt verstrichen. Die immer noch anhaltende Krisenbewältigungsphase ist stark durch Schuldzuweisungen geprägt. Diese Schuldzuweisungen verstellen in einem erheblichen Maße den Blick für eine tabulose Ursachenanalyse. Vielmehr wird die Verantwortung für die Entstehung der Krise oft dort gesehen, wo die Krisenkosten anfallen – beim Staat. „Die Situation der deutschen Banken ist im Moment recht komfortabel“1, so formulierte es Sabine Lautenschläger als Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank Anfang Mai 2013. Das könnte beruhigen – wären da nicht die Daten und Fakten.

Bankenkrisen und Staatsverschuldung

Bislang gibt es wenig Konsens darüber, was denn nun die eigentliche Ursache der internationalen Finanzkrise war. Waren es die unübersichtlich komplexen Finanzmarktprodukte, die zur Risikoverschleierung beitrugen? War es der Glaube an die Marktkräfte im Finanzsektor, der schon aufgrund der vorhandenen asymmetrischen Informationsverteilung für das Vorhandensein von Marktversagen bekannt war? Oder waren es Politikversagen, die Liberalisierung der Finanzmärkte, zunehmende Umverteilung von unten nach oben in Kombination mit Renditegier? Wahrscheinlich war es eine Mischung von alledem.

Klar ist inzwischen, dass die im Zuge der Krise erfolgte Stabilisierung der Finanzmärkte in den wichtigen Industrieländern mit einem erheblichen Anstieg der Staatsverschuldung erkauft werden musste und immer noch erkauft wird. Damit ist unmissverständlich deutlich geworden: In der größten Not können nur staatliche Eingriffe retten. Liberalisierung kann also Regulierung nicht ersetzen. Fehlgeleitete Liberalisierung kostet; diese Kosten fallen bislang vor allem in den öffentlichen Haushalten an. Klar ist auch, dass die endgültigen Kosten dieser modernen Stabilisierungspolitik bislang nicht überblickt werden können. Eine weitere Finanzkrise in diesem Ausmaß – dies scheint auch klar – können sich die Volkswirtschaften nicht leisten. In Europa ist inzwischen der Fiskalpakt installiert; in Deutschland steht die Schuldenbremse in der Verfassung. Die Politik hat damit gezeigt, dass sie zu harten regulatorischen und disziplinierenden Maßnahmen greifen und rasch rechtliche Rahmenbedingungen verändern kann. Sie hat sich damit den ureigensten Gestaltungsspielraum beschnitten – wohl auch um nicht länger zum beliebigen Spielball vermeintlicher Marktkräfte zu werden, die eigentlich der Spekulation entspringen. Bei dem Regulierungsgeschäft des Staates fällt allerdings das unterschiedliche Tempo auf, mit dem Finanzpolitik und Finanzmärkte gezähmt werden sollen. Bei der Finanzpolitik gelten ein enges Korsett und ein enger Zeitrahmen. Deutlich gemütlicher geht es zu, wenn es um die Durchsetzung harter Regulierung gegenüber Banken und anderen Finanzmarktakteuren geht.

Abbildung 1
Aggregierte Bilanzsumme und Zahl der Kreditinstitute in Deutschland
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Quelle: Deutsche Bundesbank, Bankenstatistik April 2013.

Paradox: Banken werden immer größer – Kreditfinanzierung stagniert

Grundsätzlich hat sich der auch schon vor der internationalen Finanzkrise feststellbare Trend von Bankenschließungen und Fusionen in den letzten Jahren fortgesetzt; die Zahl der Banken in Deutschland sinkt, ebenso wie die Beschäftigtenzahl.2 Dennoch verliert der Sektor keineswegs an wirtschaftlicher Bedeutung. Lag die aggregierte Bilanzsumme der Kreditinstitute 2006 noch bei 7187,7 Mrd. Euro, so wies die Deutsche Bundesbank im Mai 2012 einen Spitzenwert von 8932,2 Mrd. Euro aus (+24% gegenüber 2006) (vgl. Abbildung 1). Das ist mehr als das Dreifache des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

Nach der Finanzkrise ist der Bankensektor in Deutschland – gemessen in seiner Bilanzsumme – größer und nicht kleiner geworden. In Kombination mit der sinkenden Zahl der Kreditinstitute in Deutschland folgt daraus, dass die Banken im Durchschnitt in den letzten Jahren nicht kleiner, sondern eher größer geworden sind. Die Größe einer Bank wird vielfach als Indikator für ihre systemische Relevanz und damit ihr Gefährdungspotenzial im Krisenfall angesehen. Fünf Jahre nach der internationalen Finanzkrise wird klar, dass die so gefasste systemische Relevanz einzelner Institute eher gestiegen ist. Diese Krisenpotentiale wurden also nicht auf dem Regulierungsweg entschärft; vielmehr trägt die geltende Regulierung diese Entwicklung mit.3

Hinter der nur schleppenden Durchsetzung von einschneidenden Bankenreformen steht vielfach der Gedanke, dass restriktive Eingriffe in das komplexe Finanzmarktgefüge negative Auswirkungen auf die Kreditvergabe an Nichtbanken (Unternehmen und Privatpersonen) haben könnten. Die wiederum könnten zu gesamtwirtschaftlichen Verwerfungen führen und den Nerv der Volkswirtschaft treffen. Tatsache ist jedoch, dass das Kreditgeschäft schon längst nur noch eine mäßige Rolle für die Geschäftsbanken in Deutschland spielt. Es liegt seit 2010 nahezu konstant in einer Größenordnung von 3300 Mrd. Euro und damit 2012 bei gut 38% der Gesamtbilanzsumme des Bankensektors. Zum Vergleich 2005 betrug der Anteil noch 43%.

Damit kann festgestellt werden: Auch in der Nachkrisenzeit haben sich die Banken in der Summe nicht um eine stärkere Konzentration auf ihr eigentliches Kerngeschäft – die Kreditvergabe – bemüht. Vielmehr wurden die Aktivitäten in anderen Bereichen erheblich ausgebaut. Die im Zuge der Finanzmarktkrise vielfach geforderte Fokussierung auf traditionelle Bankgeschäfte lässt sich anhand der Zahlen nicht erkennen. Zur Abwicklung des eigentlichen Kerngeschäfts – Kreditvergabe – würde eine wesentlich geringere Bilanzsumme des Bankensektors ausreichen.

Abbildung 2
Eigenkapitalrendite im deutschen Bankensektor
vor Steuern
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Quelle: Deutsche Bundesbank.

Überliquidität im Bankensektor

Die deutliche Zunahme der Bilanzsumme des deutschen Bankensektors geht zu einem erheblichen Teil auf den Aufbau von Guthaben gegenüber Zentralbanken zurück. Tatsächlich gelten starke Veränderungen dieser Liquiditätsreserven als ein Krisenindikator. Der Aufbau massiver Liquiditätsüberschüsse signalisiert, dass den Banken alternative Verwendungsmöglichkeiten – etwa das Interbankengeschäft oder aber die klassische Kreditvergabe – weniger attraktiv erscheinen als das Halten von Guthaben gegenüber der Zentralbank. Solche Überliquidität wird vor allem dann häufig aufgebaut, wenn Extremsituationen erwartet werden und zu bewältigen sind. Entsprechend waren diese Guthaben auch im Krisenjahr 2008 – nicht zuletzt als Reflex auf den zusammenbrechenden Interbankenmarkt – kräftig gestiegen4 (zum Vergleich: 2007: 65 Mrd Euro; 2008: 102,6 Mrd. Euro). Mit der einsetzenden Stabilisierung der Folgejahre wurden sie teilweise wieder zurückgeführt, um bei Zuspitzungen auf den Finanzmärkten wieder aufgebläht zu werden. Tatsächlich wurde der bisherige Höchstwert von 203,5 Mrd. Euro im Sommer 2012 mitten in der sogenannten Eurokrise erreicht.5

Abbildung 3
Eigenkapitalrendite ausgewählter Bankengruppen
vor Steuern
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Quelle: Deutsche Bundesbank, Monatsberichte verschiedene Ausgaben.

Eigenkapitaldecke bleibt Achillesferse

Banken leben davon, sich fremd zu finanzieren. Eine wichtige Quelle zur Finanzierung von Bankgeschäften sind die Einlagen von Kunden und Unternehmen. Angesichts der geringen gebotenen Verzinsung ist es beachtlich, dass die Bankeinlagen (von Nichtbanken) auch weiterhin, wenngleich moderat, zunehmen. Ende 2012 erreichten diese einen Wert von etwa 3200 Mrd. Euro – dieser Wert entspricht nahezu dem der an private Haushalte und Unternehmen ausgereichten Kredite, liegt aber weit unter der aggregierten Bilanzsumme. Verbriefte Verbindlichkeiten und Verbindlichkeiten gegenüber Banken stellen weitere wichtige Finanzierungstöpfe dar.

Die Eigenkapitalausstattung von Banken ist zwar eine regulatorische Kerngröße; das eigentliche Geschäft wird jedoch zu erheblichen Teilen über eingegangene Verbindlichkeiten finanziert. Tatsächlich stemmen die deutschen Banken die aggregierte Bilanzsumme von mehr als 8 Billionen Euro mit einer Eigenkapitaldecke von etwa 360 Mrd. Euro, die sich zu etwa einem Drittel aus gezeichnetem Kapital und zwei Dritteln Rücklagen zusammensetzt. In den vergangenen Jahren hat die Eigenkapitalausstattung zugelegt. Das geht einerseits mit der Ausweitung der Bilanzsumme einher; andererseits sind Aufstockungen zur Erfüllung der Basel-III-Kriterien notwendig geworden. Inzwischen ergibt sich rechnerisch unter Vernachlässigung des Risikogewichts eine Eigenkapitalquote der deutschen Banken an der aggregierten Bilanzsumme von etwa 4% bis 5%. Im Ernstfall einer neuerlichen Bankenkrise dürfte diese Quote kaum ausreichen.

Während der internationalen Finanzkrise musste der deutsche Bankensektor deutliche Verluste hinnehmen. Diese Verluste waren letztlich der Grund für die staatlichen Interventionen zur Rettung einzelner Kreditinstitute; die Eigenkapitalrendite des gesamten Bankensektors lag 2008 bei -7,7% (vgl. Abbildung 2).6 Tatsächlich ließ sich bereits kurz nach dem Krisenjahr eine weitgehende Stabilisierung erreichen. Für 2011 berechnet die Deutsche Bundesbank bezogen auf den gesamten Bankensektor eine Eigenkapitalrendite von mehr als 8%; 2010 wurde immerhin eine Eigenkapitalrendite von mehr als 5% realisiert. Renditetechnisch scheint damit der deutsche Bankensektor „back on track“. Vordergründig kann es so erscheinen, dass die sinkenden Zinsen die Renditeentwicklung der deutschen Geschäftsbanken kaum getrübt haben. Zu beachten ist indes, dass die Resultate der einzelnen Institutsgruppen des deutschen Bankensystems stark voneinander abweichen. Bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken führten Sonderentwicklungen zu teilweise extrem hohen Werten; schwach stellten sich dagegen die Großbanken dar (vgl. Abbildung 3). Hier scheinen – ebenso wie im Landesbankensektor – weiterhin erhebliche Probleme zu schlummern.

Und genau da setzt die Problematik an. Denn eine erneute Finanzkrise können sich weder die Banken noch die öffentlichen Haushalte leisten. Hier ist wertvolle Zeit verstrichen. Es geht darum, krisensichere Regulierung durchzusetzen. Dies erfordert europäische und internationale Koordination. Aber auch auf der nationalen Ebene kann einiges getan werden. Dringend geboten erscheint die Fokussierung der Geschäftsbanken auf ihr Kerngeschäft. Die aktuelle Debatte um Trennbanken hilft, Trennungslinien zwischen klassischen Bankenaufgaben und etwa Spekulationsgeschäften zu ziehen.

  • 1 Pressemitteilung vom 2.5.2013, www.bundesbank.de (5.5.2013).
  • 2 Nach Angaben der Deutschen Bundesbank waren 2011 im Bankensektor 637 700 Menschen beschäftigt. Das entspricht einer Reduktion der Beschäftigtenzahl um 30 000 gegenüber 2007. Deutsche Bundesbank: Monatsbericht, September 2012. Im Finanzsektor sind mehr als die Hälfte der Beschäftigten Frauen (2011: 57%). Dennoch sind sie in Vorständen und Aufsichtsräten kaum vertreten. E. Holst, J. Schmita: Finanzsektor: Männliche Dominanz in Top-Entscheidungsgremien bleibt erdrückend, 2013, http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.414308.de/13-3.pdf.
  • 3 Inzwischen lässt sich bei der Entwicklung der Bilanzsumme des deutschen Bankensektors eine Trendwende festmachen. Im Februar 2013 erreichte die Bilanzsumme einen Wert von 8179,7 Mrd. Euro; das ist ein Minus von etwa 5% gegenüber dem Vorjahresmonat. Allerdings liegt auch diese Zahl weit über dem Vorkrisenwert von 7187,7 Mrd. Euro (2006).
  • 4 Die in den letzten Monaten feststellbare Trendwende bei der Entwicklung der aggregierten Bilanzsumme des deutschen Bankensektors geht auch auf den Abbau dieser Guthaben zurück.
  • 5 Dieser Bestand wurde bis Februar 2013 nahezu halbiert.
  • 6 Vor Steuern.


DOI: 10.1007/s10273-013-1532-2